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The home of the Schnitzel

10 Aug 2018

Streifzüge durch den Hinterhalt einer Stadt von Welt

von Franz Schandl

Hier enden die Alpen und die Pusta beginnt. Oder umgekehrt. Auf jeden Fall verknotet die seit 1989 vom Rand in die Mitte gerückte Donaumetropole den Osten mit dem Westen des Kontinents. Und das so stark, dass behauptet wird, dass es neben Ost- und Westeuropa auch noch ein eigenes Mitteleuropa gäbe. Das freilich ist ein Chiffre für die untergegangene Monarchie. Damals war Wien noch eine Welthauptstadt, jetzt muss sie das simulieren. Indes die Österreicher halluzinieren gern. Das verlorene Weltreich hat sich genetisch verfangen und als Phantomschmerz konserviert. Vergangenheit wird groß geschrieben. A.E.I.O.U hieß einst der Wahlspruch der Habsburger: Alles Erdreich ist Österreich untertan. Im Lateinischen Original: Austria est imperare orbi universo.

Die Stadt ist für das Land zu groß und die Bewohner zu größenwahnsinnig für die Stadt. „Wie schön wäre Wien ohne Wiener“, sang Georg Kreisler. Der aktuelle Slogan hingegen lautet:„Wir sind wieder wer“. Das ist, wenn auch nicht unbedingt aggressiv, so doch revanchistisch gemeint. Derweil, wer unbedingt was sein will, gibt kund, dass er eigentlich nichts ist. Aber das fällt nicht auf. Die Portion Ignoranz war hierorts immer üppig. Fast so wie das Essen. Am Flughafen Wien-Schwechat angekommen, liest man schon in der Ankunftshalle, was einem als kulinarischer Anschlag bevorsteht. „The home of the Schnitzel“ steht da in dicken Lettern, während man auf seine Koffer wartet. Wien ist nicht, Wien isst.

Wirtshäuser verlagern sich zusehends in den öffentlichen Raum. Der mediterrane Touch der Stadt dokumentiert sich vor allem in der Zunahme der Schanigärten. Man liebt es draußen zu sitzen, und zwar nicht nur im Sommer, sondern zu allen Jahreszeiten. Am Naschmarkt, der je nach Standpunkt immer mehr zur schicken Gourmetzeile sich aufstylt oder zur teuren Fressmeile verkommt, wird den ganzen Winter mit Heizstrahlern durchgeheizt, damit die Gäste im Freien konsumieren können, ohne dass ihnen kalt wird.

Sichtbarkeiten. Wenn man genug Geld hat, kann man sich hier gut einrichten. Die Stadt ist attraktiv. Bei den internationalen Rankings liegt sie die Lebensqualität betreffend immer weit vorne. Wien ist nicht arm und die Wiener gehören nicht zu den Ärmsten. Das dürfte auf mehr als die Hälfte der Bewohner auch zutreffen. Die Anderen jedoch, die Abgehängten, die sieht man nicht oder man muss schon sehr genau schauen. Wien hat sich als Stadt nicht nur gut rausgeputzt, sie hat sich von den Spuren der Obdachlosen und Asylsuchenden, der Minderleister und Arbeitslosen gut gereinigt. Underdogs fallen im säuberlichen Stadtbild kaum auf. Die Drogenszene wurde bereits vor Jahren vom Karlsplatz verdrängt und seit kurzem versucht die Stadtverwaltung unter dem neuen Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) den Praterstern alkoholfrei zu machen.

Was man sieht, sind hingegen die vielen Autos, die zwar nicht unbedingt mehr, aber auf jeden Fall größer werden. Sie verstellen nicht bloß die Fläche sondern auch die Höhe. Sehe ich deinen Kübel, weiß ich was du hast und wer du bist. Das ist zwar in vielen Fällen unwahr, aber für die äußere Wahrnehmung zweckdienlich. Der Schein zählt. Das Automobil ist das Statussymbol motorisierter Bürger schlechthin. Wird solch Bürger gefragt, wo er steht, ist primär sein Auto gemeint.

Die Stadt schaut deswegen so verstellt aus, weil Wien anders als Berlin nicht weiträumig sondern engmaschig angelegt ist. Man kann viel zu Fuß erreichen und sollte das auch tun. Radfahren ist super, aber nicht ungefährlich. Der Vorrang privater Mobilität ist aber nach wie vor ungebrochen, auch wenn sich die Gemeinde, insbesondere die grüne Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou, redlich bemüht, den öffentlichen Verkehr zu forcieren. So ist die Jahreskarte, mit der man alle städtischen Verkehrsmittel benutzen darf um günstige 365 Euro zu haben. Auch die Erweiterung des U-Bahn-Netzes, insbesondere der bis tief in die transdanubische Donaustadt vordringenden Linie U2, kann sich sehen lassen. Wie schön wäre Wien ohne Autos.

Wasser. Gerade wenn es so heiß ist wie in den letzten Tagen, weiß man zu schätzen, was man hat. Es ist kühles, wohl schmeckendes Trinkwasser, das da aus den Hähnen der Stadt fließt. Eine Selbstverständlichkeit, die erst auffällt, wenn man sie extra erwähnt. Wasser ist wohl das größte Plus dieser Stadt. Es ist auch diversen Zapfsäulen zu entnehmen, steht allen Touristen auf all ihren Trampelpfaden zur Verfügung. Gratis. Die hohe Qualität überzeugt. Selten überschreitet das Trinkwasser eine Temperatur von 10 Grad.Das hat damit zu tun, dass in Wien Quellwasser sprudelt, das von weit her aus den niederösterreichischen und steirischen Alpen über Hochquellenwasserleitungen bis in die Hauptstadt transportiert wird. In London oder Paris erreicht das Leitungswasser dazu im Vergleich manchmal 20 Grad.

Wein wird in Wien natürlich nicht wenig getrunken. Nicht nur bei den Heurigen am Stadtrand, die von mondän-gespritzt (Grinzing) bis urig (Stammersdorf) eine breite Palette der Gastlichkeit aufweisen. Als typischen Wiener Rebensaft versucht man den Gemischen Satz zu etablieren. Der ist anders als der Cuvée kein nachträglicher Verschnitt verschiedener Weinsorten, sondern mehrere Rebsorten werden in einem Weingarten zusammen angebaut und nach der Lese auch gemeinsam gekeltert und vergoren. Warum vielen Menschen verwehrt wird, was dem Wein erlaubt ist, wäre eine spannende Frage….

Dachausbauten. Die sich seit zwanzig Jahren ausweitende Wiener Innenstadt wirkt als sei Boom forever. Inzwischen reicht sie bis hin zum neuen Hauptbahnhof. Vor allem die äußeren Innenbezirke (2. bis 9. Hieb) haben sich ökonomisch prächtig zu einem Bobohausen entwickelt. Die Infrastruktur ist gut. Es wird fleißig gebaut und renoviert, vor allem aufgestockt. Der Blick in den Himmel lässt viele Kräne sehen. Es geht um die Schaffung von teuren Immobilien. Der zügige Ausbau der Dachböden, bei denen es keine staatlich regulierten Mietzinsobergrenzen gibt, war der Hit der letzten Dekade.

Die Mieter betrachten das naturgemäß etwas anders. So ein Dachausbau bedeutet, dass die Bewohner mindestens ein Jahr auf einer Baustellen leben müssen. Selbst wenn es ihnen gelingt, für diesen Zeitraum die Miete geringfügig zu senken, werden sie doch für eine nicht unbeträchtliche Periode extrem belästigt: Dreck und Lärm, Wassereintritte und nicht zu unterschätzende Gefahren gehören dazu. Da kann es schon mal vorkommen, dass die Decke runterkommt. Passiert ist das meiner Lebensgefährtin, die erst einige Minuten vorher das dann deutlich ramponierte WC verlassen hatte.

Die teuren Dachwohnungen gingen einige Jahre weg wie die warmen Semmeln. Mittlerweile dürfte da das Angebot zu groß ist, der Markt gesättigt sein. Auch bei uns im Haus in Wien-Margareten (Gründerzeit Baujahr 1909) stagniert die Vergabe. Heute könnten wir uns hier in der Gegend sowieso keine Wohnung mehr leisten. 1996 war die Anmietung noch relativ günstig. Altmieter mit billigem Tarif sollen jedenfalls zur Abwanderung „motiviert“ werden. Übergriffe der Hausverwaltungen fallen da manchmal recht heftig aus.

Touris. Wiens liebste Ausländer sind sie. Der Fremdenverkehrsindustrie können es nicht genug sein, und sie führt sie gleich einem Kindergartenausflug durch die vorgesehen Zonen. Doch selbst in der Wiener Innenstadt, wo die Touristen mit ihren Handystangen übereinander zu stolpern drohen, ist es möglich, durch dezidiertes Verlassen der vorgegebenen Routen in kaum befahrene oder halbleere Gassen zu gelangen.

Das trifft auch auf Schönbrunn zu. Der von mir fast täglich durchjoggte Schlosspark kennt Ecken und Enden, die kein Besucher einer „Imperial Tour“ je erleben darf. Gelegentlich steht „Betreten verboten“, aber das ist nicht so ernst zu nehmen. Abweichung ist die größte Aufmerksamkeit, die man sich an einem Ort schenken kann. Dort hin gehen, wo es weder angeschrieben noch vorgeschrieben ist. Man muss es gar nicht wissen, man muss bloß genau schauen.

Läuft man oben rechts hinten (also am Nordosteck) raus, kann man noch Alban Berg am Hietzinger Friedhof grüßen. Der ist gerüchteweise verstorben, weil er Angst hatte bei einer Transfusion mit dem Blut eines Operettenkomponisten vergiftet zu werden. So blieb Lulu, eines der größten Musikdramen des Zwanzigsten Jahrhunderts, unvollendet. Die Visite beim toten Berg ist stets eine individuelle, kein Fanclub (wie etwa bei Jim Morrison am Père Lachaise) stört. Man braucht nicht einmal auf den Friedhof zu gehen, das Grab von Alban und Helene Berg ist vom angrenzenden Maxingpark aus gut sichtbar. Der ist ein ganz stiller Fleck, benannt nach Erzherzog Maximilian, einem Bruder Franz Josephs, der 1864-1867 kurz den Kaiser von Mexiko bespielte, bevor er dort hingerichtet wurde. Seine konservierte Leiche wurde nach Europa verschifft, um, wie es sich für einen toten Habsburger gehört, in der Kapuzinergruft bestattet zu werden. Max war übrigens der Onkel von Helene, die eine Tochter Franz Josephs gewesen sein soll.

Events. Los ist immer was. Wien ist eine vom Fieber der Veranstaltungen geschüttelte Stadt. Herrschaft setzt auf Spiele. Events haben ununterbrochen Saison. Meist sind es obligate Promiaufläufe, seriell produziert, um Einheimische wie Besucher in Beschlag zu nehmen und abzucashen. Die Fütterung der Kulturindustrie (von Klassik bis Pop) korrespondiert mit der Verfütterung der Kulturschaffenden. Künstler werden nicht verfolgt, sondern umgarnt und umarmt. Wien zelebriert das Kunststück staatlich garantierter Staatsabweichung. Kritik wird oft zu Tode alimentiert. Gut bestallte Seilschaften tummeln sich. Doch die Höfe sind Hinterhöfe und in den Hinterhöfen lauert der Hinterhalt. Der Mangel an Anonymität erzeugt eine falsche Intimität. Nicht alle zu kennen, das ist in Wien nicht drinnen. Man hat alle zu kennen, will man nicht draußen bleiben. Der Vorlasshandel blüht. Der Subventionsdschungel beherrscht die Szenen, auch wenn sich durch die neue Regierung diverse Abspeisungen nach rechts verschieben werden.

Ein Tipp sei trotz aller Skepsis erlaubt. Unbedingt zu empfehlen ist ein Besuch im Wiener Theatermuseum. Einmal, weil dort im ersten Stock Hieronymus Bosch zu sehen ist und der passt mit seinem Triptychon Weltgericht ganz ausgezeichnet hier her. Da strahlt der Weltuntergang in herrlichster Pracht. Jeder Blick ein Blick in die Mördergruben der Herzen. Und im Erdgeschoss wird eine absolut bemerkenswerte Ausstellung zu Ödön von Horváth gezeigt. Der war zwar kein Wiener, aber der durchreisende bayrischer Ungar hat eines der wichtigsten Volksstücke über Gemütlichkeit und Gemeinheit der Österreicher geschrieben. Gemeint sind die Geschichten aus dem Wiener Wald. Hervorragend verfilmt mit Helmut Qualtinger als Fleischhauer Oskar: „Du wirst meiner Liebe nicht entgehen“, sagt er zu seiner Marianne.

Untergänge. Das Wienerische zerbröselt, zumindest in seiner akzentuierten Form. Man hört das den Gesprächen auch an, insbesondere denen der Einheimischen. Nicht das Idiom wird verschwinden, aber doch die spezifischen Wendungen, das besondere Vokabular. Der Paradeiser (mein Thesaurus kennt ihn nicht!) heißt jetzt schon überall die Tomate. Welch Verfall! Je mehr die Heimat beschworen wird, desto mehr verfällt die Sprache. Was ausgesprochen schade ist, denn das Wiener Deutsch kann einiges, vor allem ist es reich an nuancierten Zwischentönen, an treffsicheren Begriffen und schrägen Pointen.

Karl Kraus hat die Monarchie im Juli 1914 als „Versuchsstation des Weltuntergangs“ bezeichnet, sie als „Fratze des gemütlichen Siechtums“ wahrgenommen. Nun streitet man, ob schwarz-blau der Auftakt einer Tragödie ist oder bloß die Potenzierung einer Farce. Oder beides? Oder keines und jenseits von alledem. Die Dämmerung ist auch in Wien spürbar. Michael Häupls Abgang als Bürgermeister im Mai dieses Jahres war so ein Zeichen, dass da eine Ära zu Ende geht. Mitgegangen sind wohl auch die Reste der inzwischen allseits verhöhnten Willkommenskultur. Nun ist er weg und die SPÖ-Wien schwankt, ob sie sich nicht doch auch mit den Freiheitlichen verhabern sollte, will sie weiter an der Schalthebeln bleiben. Tatsächlich ist es der Sozialdemokratie gelungen, seit Jakob Reumann im Frühjahr 1919 sein Amt als Stadtoberhaupt angetreten hat, ganze 99 Jahre (vom faschistischen Einschnitt 1933-1945 abgesehen) durchzuregieren.

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