Wertrevolutionen oder: Die Krise bei Marx

von Franz Schandl

Eine der zentralen Überlegungen marxscher Gesellschaftskritik ist die historische Einordnung des Kapitals und die Behauptung von dessen Endlichkeit. Vor allem im dritten Band des Hauptwerks versuchte Marx diese Endlichkeit theoretisch zu antizipieren, und sie als objektive Tendenz kapitalistischer Vergesellschaftung zu untermauern.

Auch wenn seine Erwartungen bezüglich der gesellschaftlichen Umwälzung sich als verfrüht herausstellten, so war ihm doch – und das durchzieht das ganze Werk – jede Ontologisierung kapitalistischer Herrschaft fremd. „Aber jede historische Form dieses Prozesses entwickelt weiter die materiellen Grundlagen und gesellschaftlichen Formen desselben. Auf einer gewissen Stufe der Reife angelangt, wird die bestimmte historische Form abgestreift und macht einer höheren Platz. Dass der Moment einer solchen Krise gekommen, zeigt sich, sobald der Widerspruch und Gegensatz zwischen den Verteilungsverhältnissen, daher auch der bestimmten historischen Gestalt der ihnen entsprechenden Produktionsverhältnisse einerseits und den Produktivkräften, der Produktionsfähigkeit und der Entwicklung ihrer Agentien andrerseits, Breite und Tiefe gewinnt. Es tritt dann ein Konflikt zwischen der materiellen Entwicklung der Produktion und ihrer gesellschaftlichen Form ein.“ (MEW 25, 891)

Krisen im Kapitalismus erscheinen unter dem Gesichtspunkt eines finalen Telos. Gegen David Ricardo gewandt, schreibt Marx: „Andrerseits hat Ricardo und seine ganze Schule die wirklichen modernen Krisen, in denen dieser Widerspruch des Kapitals [sich] in großen Ungewittern entladet, die mehr und mehr es selbst als Grundlage der Gesellschaft und Produktion selbst bedrohn, niemals begriffen.“ (MEW 42, 324) Auch die konjunkturellen Krisen sind nicht bloß als Wachstumskrisen dechiffrierbar, sondern Vorboten des eigenen Untergangs.

Der tendenzielle Fall

Für die kapitalistische Ware gilt: Je größer das konstante Kapital im Verhältnis zum variablen Kapital bei der Wertbildung, desto geringer die Profitrate. „Die Profitrate fällt, nicht weil die Arbeiter weniger exploitiert werden, sondern weil im Verhältnis zum angewandten Kapital überhaupt weniger Arbeit angewandt wird.“ (MEW 25 256) Marx nannte diese Entwicklung das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. Diesem Gesetz widmete er den dritten Abschnitt im dritten Band des Kapitals. „Diese fortschreitende relative Abnahme des variablen Kapitals im Verhältnis zum konstanten und daher zum Gesamtkapital ist identisch mit der fortschreitend höheren organischen Zusammensetzung des Kapitals in seinem Durchschnitt.“ (MEW 25, 222) Das heißt weiters: „Jedes individuelle Produkt für sich betrachtet, enthält eine geringre Summe von Arbeit als auf niedrigern Stufen der Produktion (…).“ (MEW 25, 222) „Die progressive Tendenz der allgemeinen Profitrate zum Sinken ist also nur ein der kapitalistischen Produktionsweise eigentümlicher Ausdruck für die fortschreitende Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit.“ (MEW 25, 223)

Die Profitrate (m:C) nimmt ab, je größer das Verhältnis des konstanten zum variablen Kapital (c:v) wird: „Ein stets geringrer aliquoter Teil des ausgelegten Gesamtkapitals setzt sich in lebendige Arbeit um, und dies Gesamtkapital saugt daher, im Verhältnis zu seiner Größe, immer weniger Mehrarbeit auf, obgleich das Verhältnis des unbezahlten Teils der angewandten Arbeit zum bezahlten Teil derselben gleichzeitig wachsen mag. Die verhältnismäßige Abnahme des variablen und Zunahme des konstanten Kapitals, obgleich beide Teile absolut wachsen, ist, wie gesagt, nur ein andrer Ausdruck für die vermehrte Produktivität der Arbeit.“ (MEW 25, 226) Dagegen sei kein Kraut gewachsen, selbst wenn verschiedenste Maßnahmen ergriffen werden, die Marx auch taxativ anführt. (MEW 25, 242-250)

Das Grunddilemma liegt hierbei im Maschinenbetrieb, der nichts anderes ist als konkretisierte Produktivkraft: „Er verwandelt einen Teil des Kapitals, der früher variabel war, d.h. sich in lebendige Arbeitskraft umsetzte, in Maschinerie, also in konstantes Kapital, das keinen Mehrwert produziert.“ (MEW 23, 429) „Im Fortschritt des Produktions- und Akkumulationsprozesses muss also die Masse der aneignungsfähigen und angeeigneten Mehrarbeit und daher die absolute Masse des vom Gesellschaftskapital angeeigneten Profits wachsen. Aber dieselben Gesetze der Produktion und Akkumulation steigern, mit der Masse, den Wert des konstanten Kapitals in zunehmender Progression rascher als den des variablen, gegen lebendige Arbeit umgesetzten Kapitalteils. Dieselben Gesetze produzieren also für das Gesellschaftskapital eine wachsende absolute Profitmasse und eine fallende Profitrate.“ (MEW 25, 229)

Durch die der allgemeinen Produktivkraftentwicklung folgende Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Gesamtkapitals untergräbt die Kapitalherrschaft – so die marxsche Theorie – sich selbst. Die Logik der kapitalistischen Produktion beseitigt ihre eigene Basis, da sie in der Tendenz fortwährend die Profitrate senkt. Wobei wachsende Profitmasse und fallende Profitrate sich nicht grundsätzlich entsprechen, diese Verknüpfung nicht zwingend ist, auch wenn sie zu Marxens Zeiten eine typische war. Die fallende Profitrate macht nur dann als objektive Grenze einen Sinn, wenn sie schlussendlich in eine fallende Profitmasse des Gesamtkapitals mündet. Die Kapitalakkumulation kennt so – im Gegensatz zum stofflichen Reichtum – objektive und absolute Grenzen. Ab einer bestimmten Stufe der Produktion wird das Wertgesetz nicht mehr greifen, seine Allmacht verlieren, statt Akkumulation wird Leerlauf eintreten. Der Wert verliert dann seine Bedeutung als gesellschaftliches Strukturprinzip.

Automatisches Wachstum

Produktivkraftentwicklung vorausgesetzt, ist Lohnarbeit unweigerlich an Kapitalwachstum geknüpft. Konstantes und variables Kapital ergänzen sich so in ihrem Interesse am Wachstum, was kapitalistisch nichts anderes als Kapitalakkumulation, Verwertung des Werts sein kann. Mit dieser Produktionssteigerung kann aber der Markt nicht mithalten. Die Zirkulationsmöglichkeiten sind geringer als die Produktionsmöglichkeiten. Markt und Produktion sind so im Kapitalismus nicht a priori synchronisiert, sondern bloß a posteriori. Friedrich Engels schreibt in seinen Ergänzungen zum Kapital: „Der täglich wachsenden Raschheit, womit auf allen großindustriellen Gebieten heute die Produktion gesteigert werden kann, steht gegenüber die stets zunehmende Langsamkeit der Ausdehnung des Markts für diese vermehrten Produkte. Was jene in Monaten herstellt, kann dieser kaum in Jahren absorbieren.“ (MEW 25, 453)

Hierin liegt auch ein prinzipieller Widerspruch zwischen Produktion einerseits und dem Markt andererseits. Erstgenannte greift über das Fassungsvermögen des Letztgenannten hinaus, obwohl – und das kommt als zusätzlicher Widerspruch noch hinzu – in der Sphäre der Konsumtion für diese Produkte durchaus Bedarf wäre. „Die Bedingungen der unmittelbaren Exploitation und ihre Realisation sind nicht identisch. Sie fallen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch begrifflich auseinander. Die einen sind nur beschränkt durch die Produktivkraft der Gesellschaft, die anderen durch die Proportionalität der verschiednen Produktionszweige und durch die Konsumtionskraft der Gesellschaft. Diese letztre ist aber bestimmt weder durch die absolute Produktionskraft noch durch die absolute Konsumtionskraft, sondern durch die Konsumtionskraft auf Basis antagonistischer Distributionsverhältnisse, welche die Konsumtion der großen Masse der Gesellschaft auf ein nur innerhalb mehr oder minder enger Grenzen veränderliches Minimum reduziert. Sie ist ferner beschränkt durch den Akkumulationsbetrieb, den Trieb nach Vergrößerung des Kapitals und nach Produktion von Mehrwert auf erweiterter Stufenleiter. Dies ist Gesetz für kapitalistische Produktion, gegeben durch die beständigen Revolutionen in den Produktionsmethoden selbst, die damit beständig verknüpfte Entwertung von vorhandnem Kapital, den allgemeinen Konkurrenzkampf und die Notwendigkeit, die Produktion zu verbessern und ihre Stufenleiter auszudehnen, bloß als Erhaltungsmittel und bei Strafe des Untergangs. Der Markt muss daher beständig ausgedehnt werden, so dass seine Zusammenhänge und die sie regelnden Bedingungen immer mehr die Gestalt eines von den Produzenten unabhängigen Naturgesetzes annehmen, immer unkontrollierbarer werden. Der innere Widerspruch sucht sich auszugleichen durch Ausdehnung des äußern Feldes der Produktion. Je mehr sich aber die Produktivkraft entwickelt, um so mehr gerät sie in Widerstreit mit der engen Basis, worauf die Konsumtionsverhältnisse beruhen.“ (MEW 25, 254-255)

So ist auch der unentwegte wie verzweifelte Versuch des Kapitals, noch unverwertete Felder zu erobern, verständlich. Darin ist etwa die Substanz der Flexibilisierung von Arbeitszeiten und Ladenschlusszeiten zu suchen, ebenso die Vermarktwirtschaftlichung der Natur, die den letzten freien Gütern wie Luft und Wasser einen Wert geben will. Eine der letzten Kapriolen etwa ist die globale via Handys bewerkstelligte In-Preis-Setzung von Gesprächen, indem man hörige Bürger nicht mehr selektiv, sondern dauerhaft ans Gerät anschließt. Nichts soll stattfinden ohne durch die fetischierten Formen (Tausch, Geld, Vertrag usw.) geschleust zu werden.

Das Kapital giert nach den letzten freien Räumen, Zeiten und Tätigkeiten, will, weil muss sich alles untertan machen, selbst wenn seine subjektiven Vertreter auf der konstanten wie auf der variablen Seite es individuell oft gar nicht mehr einsehen möchten. Hier kollidieren, wie so oft, unmittelbare Lebensinteressen mit der blinden Logik des Kapitals. Blind deshalb, weil es auf die gesellschaftlichen Folgen keine Rücksicht nehmen kann, insofern diese nicht verwertbar sind, „indem hier der Zusammenhang der gesamten Produktion als blindes Gesetz dem Produktionsagenten sich aufzwingt, nicht als von ihrem assoziierten Verstand begriffnes und damit beherrschtes Gesetz den Produktionsprozess ihrer gemeinsamen Kontrolle unterworfen hat“. (MEW 25, 267)

Was vordergründig als Profitgier der Kapitalisten und Manager erscheint, ist aber nichts anderes als die Umsetzung der objektiven Gesetze der Marktwirtschaft. Die Agenten des konstanten Kapitals verhalten sich bei Strafe des eigenen Untergangs ebenso wie ihre Gegner nur rational in der großen Irrationalität. Sie können nicht anders, wollen sie, dass ihr Kapital bestehen bleibt. Dieses Wollen können sie nicht nicht wollen! Es betreibt sie. Es ist sie.

Über das Subjekt des Unternehmers schreibt Marx: „Der objektive Inhalt jener Zirkulation – die Verwertung des Werts – ist sein subjektiver Zweck, und nur soweit wachsende Aneignung des abstrakten Reichtums das allein treibende Motiv seiner Operation, funktioniert er als Kapitalist oder personifiziertes, mit Willen und Bewusstsein begabtes Kapital.“ (MEW 23, 167-168) „Als Kapitalist ist er nur personifiziertes Kapital. Seine Seele ist die Kapitalistenseele. Das Kapital hat aber einen einzigen Lebenstrieb, den Trieb sich zu verwerten, Mehrwert zu schaffen, mit seinem konstanten Teil, den Produktionsmitteln die größtmögliche Masse Mehrarbeit einzusaugen.“ (MEW 23, 247) Der Kapitalist gilt ihm als „Fanatiker der Verwertung des Werts.“ (MEW 23, 618)

Kapital muss wachsen, will es es bleiben. Kapital ist kein Ding, sondern nur zu fassen als ein immer wiederkehrender Prozess des sich verwertenden Werts. Wird das Kapital dingfest, verliert es sofort seinen Kapitalcharakter, wird Schatz. Insofern ist auch der Wunsch nach einem Zustand „gleichbleibenden Kapital(s)“, wie er etwa vom Club of Rome (Die Grenzen des Wachstums, Reinbek bei Hamburg 1974, S. 154) geäußert wurde, blanker Illusionismus. Kapital hat nun mal nicht die Fähigkeit gleichbleibend zu bleiben, sich einfach zu reproduzieren, es muss sich verwerten, koste es, was es wolle.

Übererfüllung – Entwertung – Vernichtung

Es wird also produziert um der Produktion willen, unabhängig davon, ob Produkte gebraucht werden oder nicht. Der Kapitalismus erzeugt eine „notwendig fieberhafte Produktion und drauf folgende Überfüllung der Märkte“ (MEW 23, 476). Diese Überfüllung der Märkte, die nicht mit einer Überfülle der Konsumtionsmöglichkeiten gleichgesetzt werden kann, schon gar nicht global, ist heute sichtbare Tatsache und Problem, das nur mühsam durch staatliche und überstaatliche Kontingentierungen (z.B. im Rahmen der Europäischen Union oder in bilaterialen Abkommen) „gelöst“ werden kann. So bleibt das Kapital auf seinen Produkten sitzen, muss sie anderweitig loswerden, um die Produktion nicht zu blockieren.

„An und für sich sind solche Überschüsse kein Übel, sondern ein Vorteil; sind aber Übel in der kapitalistischen Produktion.“ (MEW 24, 464) Dieser Umstand führt unweigerlich zu der bisher nur dem Kapitalismus eigenen bewussten Produktzerstörung. Waren müssen vernichtet werden, um Wert zu sichern. Tauschwert vernichtet Gebrauchswert, denn: „Eine Entwertung des Kreditgeldes (gar nicht zu sprechen von einer übrigens nur imaginären Entgeldung desselben) würde alle bestehenden Verhältnisse erschüttern. Der Wert der Waren wird daher geopfert, um das phantastische und selbständige Dasein dieses Werts im Geld zu sichern. Für ein paar Millionen Geld müssen daher viele Millionen Waren zum Opfer gebracht werden. Dies ist unvermeidlich in der kapitalistischen Produktion und bildet eine ihrer Schönheiten.“ (MEW 25, 532f.)

Über den Kredit schreibt Marx: „Das Kreditwesen beschleunigt daher die materielle Entwicklung der Produktivkräfte und die Herstellung des Weltmarkts, die als materielle Grundlagen der neuen Produktionsform bis auf einen gewissen Höhegrad herzustellen, die historische Aufgabe der kapitalistischen Produktionsweise ist. Gleichzeitig beschleunigt der Kredit die gewaltsamen Ausbrüche dieses Widerspruchs, die Krisen, und damit die Elemente der Auflösung der alten Produktionsweise.“ (MEW 25, 454)

Das Kreditsystem habe einen „doppelseitigen Charakter: einerseits die Triebfeder der kapitalistischen Produktion, Bereicherung durch Ausbeutung fremder Arbeit, zum reinsten und kolossalsten Spiel- und Schwindelsystem zu entwickeln und die Zahl der den gesellschaftlichen Reichtum ausbeutenden Wenigen immer mehr zu beschränken; andrerseits aber die Übergangsform zu einer neuen Produktionsweise zu bilden“. (MEW 25, 454)
„Und weiter ist die Krise nichts als die gewaltsame Geltendmachung der Einheit von Phasen des Produktionsprozesses, die sich gegeneinander verselbständigt haben.“ (MEW 26.2, 510) „Die Krise in ihrer ersten Form ist die Metamorphose der Ware selbst, das Auseinanderfallen von Kauf und Verkauf.“(MEW 26.2, 511) Krise ist also so etwas wie die nicht glückende Metamorphose des Kapitals in seinem Gesamtprozess. Eine dauernde Dekorrespondenz von Produktion und Zirkulation. Der Kapitalismus stößt dann an seine Grenzen, wenn es nicht mehr gelingt, diese Krisen zeitlich und örtlich zu beschränken, sie also zum gesellschaftlichen „Normal“zustand werden.

Immanente Schranke

Der Kapitalismus ist davon abhängig, ob Kapital gebildet werden kann, ob der Wert sich verwerten lässt. Kann das nicht mehr garantiert werden, ist der Kapitalismus an seiner historischen Schranke angelangt. „Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst, ist dies: dass das Kapital und seine Selbstverwertung als Ausgangspunkt und Endpunkt, als Motiv und Zweck der Produktion erscheint, dass die Produktion nur Produktion für das Kapital ist und nicht umgekehrt die Produktionsmittel bloße Mittel für eine stets sich erweiternde Gestaltung des Lebensprozesses für die Gesellschaft der Produzenten sind. Die Schranken, in denen sich die Erhaltung und Verwertung des Kapitalwerts, die auf der Enteignung und Verarmung der großen Masse der Produzenten beruht, allein bewegen kann, diese Schranken treten daher beständig in Widerspruch mit den Produktionsmethoden, die das Kapital zu seinem Zweck anwenden muss und die auf unbeschränkte Vermehrung der Produktion als Selbstzweck, auf unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit lossteuern. Das Mittel – unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte – gerät in fortwährenden Konflikt mit dem beschränkten Zweck, der Verwertung des vorhandnen Kapitals. Wenn daher die kapitalistische Produktionsweise ein historisches Mittel ist, um die materielle Produktivkraft zu entwickeln und den ihr entsprechenden Weltmarkt zu schaffen, ist sie zugleich der beständige Widerspruch zwischen dieser ihrer historischen Aufgabe und den ihr entsprechenden gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen.“ (MEW 25, 260)

Ziel und Mittel der kapitalistischen Produktion fallen zusehends auseinander. Jede Neuerung in den Produktivkräften ist in Tendenz eine Attacke gegen das sie hervorbringende System. Die Mittel schreien nach einer neuen Form. Der zentrale Widerspruch ist nicht jener zwischen Lohnarbeit und Kapital, ja dieser verstellt den Blick auf die Basisprozesse des Kapitalverhältnisses. Die objektive Schranke des Kapitals ist nicht die Arbeiterklasse (oder ein anderweitiges revolutionäres Ersatzsubjekt), sondern das Kapitalverhältnis selbst. Dieser Widerspruch muss aber, will die Menschheit nicht in der Barbarei enden, bewusst überwunden werden. Wir verweisen deswegen auch hier auf die Notwendigkeit einer klassenlosen Bewegung, die eben nicht mehr partielle Interessen durchsetzen will, sondern gegen alle kapitalkonformen Interessen ein alternatives Grundanliegen formuliert und realisiert.

Zusammenbruch meint somit nicht, dass der Kommunismus ausbrechen wird. Eines gibt es keinesfalls: ein bewusstloses Hinübergleiten. Bewusstlos kann man nur in die Barbarei fallen, die da meint: sozialer Niedergang, rassistische Regression, abendländische Kreuzritter, marodierende Banden.

Deklassierung der Klasse

In der fortschreitenden Entwicklung der organischen Zusammensetzung des Kapitals ist auch die substantielle Degradation der Arbeiterklasse mitbegründet: Die Verminderung des variablen Kapitals bei der Wertbildung führt zu deren Zurückdrängung. Wenn der das Kapitalverhältnis mitkonstituierende Stellenwert des variablen Kapitals verfällt, verfällt mit ihm auch die Lohnarbeit und das Proletariat. Nicht die Lohnarbeit hebelt also das Kapital aus, sondern das konstante Kapital minimiert sukzessive das variable. Freilich untergräbt es damit auch seine eigene Akkumulation.

Die Arbeiterklasse muss auf eben diese ihre objektive Schranke projiziert werden: „Eine Entwicklung der Produktivkräfte, welche die absolute Anzahl der Arbeiter verminderte, d.h., in der Tat die ganze Nation befähigte, in einem geringern Zeitteil ihre Gesamtproduktion zu vollziehn, würde Revolution herbeiführen, weil sie die Mehrzahl der Bevölkerung außer Kurs setzen würde. Hierin erscheint wieder die spezifische Schranke der kapitalistischen Produktion, und dass sie keineswegs eine absolute Form für die Entwicklung der Produktivkräfte und Erzeugung des Reichtums ist, vielmehr mit dieser auf einem gewissen Punkt in Kollision tritt. (…) Die absolute Überschusszeit, die die Gesellschaft gewinnt, geht sie nichts an. Die Entwicklung der Produktivkraft ist ihr nur wichtig, sofern sie die Mehrarbeitszeit der Arbeiterklasse vermehrt, nicht die Arbeitszeit für die materielle Produktion überhaupt vermindert; sie bewegt sich also im Gegensatze.“ (MEW 25, 274)

Wertrevolution als Transvolution

Die qualitativen Revolutionen des Werts sind Voraussetzung einer möglichen Transformation: „Das Kapital als sich verwertender Wert umschließt nicht nur Klassenverhältnisse, einen bestimmten gesellschaftlichen Charakter, der auf dem Dasein der Arbeit als Lohnarbeit ruht. Es ist eine Bewegung, ein Kreislaufprozess durch verschiedne Stadien, der selbst wieder drei verschiedne Formen des Kreislaufprozesses einschließt. Es kann daher nur als Bewegung und nicht als ruhendes Ding begriffen werden. Diejenigen, die die Verselbständigung des Werts als bloße Abstraktionen betrachten, vergessen, dass die Bewegung des industriellen Kapitals diese Abstraktion in actu ist. Der Wert durchläuft hier verschiedne Formen, verschiedne Bewegungen, in denen er sich erhält und zugleich verwertet, vergrößert. Da wir es hier zunächst mit der bloßen Bewegungsform zu tun haben, werden die Revolutionen nicht berücksichtigt, die der Kapitalwert in seinem Kreislaufprozess erleiden kann; aber es ist klar, dass trotz aller Wertrevolutionen die kapitalistische Produktion nur solange existiert und fortexistieren kann, als der Kapitalwert verwertet wird, d.h. als verselbständigter Wert seinen Kreislaufprozess beschreibt, solange also die Wertrevolutionen in irgendeiner Art überwältigt und ausgeglichen werden. Die Bewegungen des Kapitals erscheinen als Aktionen des einzelnen industriellen Kapitalisten in der Weise, dass er als Waren- und Arbeitkäufer, Warenverkäufer und produktiver Kapitalist fungiert, durch seine Tätigkeit also den Kreislauf vermittelt. Erleidet der gesellschaftliche Kapitalwert eine Wertrevolution, so kann es vorkommen, dass sein individuelles Kapital ihr erliegt und untergeht, weil es die Bedingung dieser Wertbewegung nicht erfüllen kann. Je akuter und häufiger die Wertrevolutionen werden, desto mehr macht sich die automatische, mit der Gewalt eines elementaren Naturprozesses wirkende Bewegung des verselbständigten Werts geltend gegenüber der Voraussicht und Berechnung des einzelnen Kapitalisten, desto mehr wird der Lauf der normalen Produktion untertan der anormalen Spekulation, desto größer wird die Gefahr für die Existenz der Einzelkapitale. Diese periodischen Wertrevolutionen bestätigen also, was sie angeblich widerlegen sollen: die Verselbständigung, die der Wert als Kapital erfährt und durch seine Bewegung forterhält und verschärft.“ (MEW 24, 109)

Auch aus dieser Passage ist die Dialektik von konjunktureller und struktureller Krise zu begreifen. Weiters verdeutlicht Marx Dynamisierung und Beschleunigung der Produktivkraftentwicklung, die ja auf der stofflichen Seite sich komplementär zur Entwicklung des Werts verhalten. Ebenso antizipiert er hier die Flucht in die Spekulation und ins fiktive Kapital. Die Kapitalherrschaft gelangt dann an ihre Grenzen, wenn sich der Wert nicht mehr verwerten lässt, wenn die Revolutionen des Werts ihn tendenziell gegen Null drücken. Die Todeskrise des Kapitals ist so identisch mit der finalen Krise des Werts.

Krise? Niemals!

„Das Geschäft ist immer kerngesund und die Kampagne im gedeihlichen Fortgang, bis auf einmal der Zusammenbruch erfolgt.“ (MEW 25, 502) Hört man das Wort „Zusammenbruch“, meinen viele sich lustig machen zu müssen: Das sei schon so oft „prophezeit“ worden, und nie habe es gestimmt. So werden nicht wenige, die es subjektiv nicht sind, zu objektiven Apologeten der Marktwirtschaft. Von der Stabilität des Kapitals sind sie mehr überzeugt als etwa die Spekulanten selbst, man denke hier nur an die Warnungen eines George Soros. Jede Drangsalierung und jedes Unglück wird heutzutage zu einer Chance umdefiniert. Volkswirtschaftliche Erfolgsziffern, Werbesendungen und Lifestyle-Magazine fiktionalisieren eine andere Welt, als die, die ist.
Gesellschaftskritik betreibt der Großteil ohne Ökonomiekritik, und jener Teil, der die Ökonomie zum Gegenstand erkoren hat, veranstaltet das in betriebsblinder Manier der Experten. Gewöhnlich kommt diese Richtung über einen linken Abklatsch der Volkswirtschaft, meist einen etwas auffrisierten Keynesianismus nicht hinaus. Nicht die Kritik der politischen Ökonomie ist ihr Anliegen, sondern das Geschäft des politischen Ökonomen.

Dass wir gegenwärtig bereits in einer Desintegrationsphase leben, nicht mehr in einer Integrationsphase, wie es Kolonialismus, Imperialismus und Fordismus darstellten, aber woher denn? Während einerseits die Mehrheit der Menschheit unter katastrophalen Zuständen vegetiert, und andererseits das Kapital und seine Apologeten unablässig das Märchen der weltweiten Modernisierung hin zu freedom and democracy predigen, bemüht sich die Restlinke bis zur letzten Selbstdemütigung, das Schlimmste zu verhindern. Je öfter sie in ihren Abwehrkämpfen geschlagen werden, desto mehr steigt der Glauben an die Unendlichkeit des Kapitals. It’s a never ending story, die einzige große Erzählung, die geduldet wird, weil sie nichts neben sich duldet.

NACHBEMERKUNG

Der oben stehende Artikel ist bereits in der letzten Ausgabe des theoretischen Organs der KPÖ Weg und Ziel im Jahre 2000 erschienen und wandte sich primär an ein traditionslinkes Publikum. Für die Streifzüge wurde er gekürzt, aber nicht überarbeitet. Er hängt nicht nur deswegen auch sehr an der Exegese, versucht primär einen originären Marx zu entdecken und zu referieren. Der Essay ist zwar durchaus solide, aber wenig innovativ, weil er einerseits dem spezifischen marxistischen Krisendiskurs keinerlei Aufmerksamkeit widmet und andererseits (was uns viel gewichtiger erscheint) die Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten, z.B. die zunehmende Rolle des fiktiven Kapitals, weitgehend unberücksichtigt lässt. Diesbezüglich verweisen wir auf die Ausgaben 45, 52 und 55 der Streifzüge resp. auf den Band von Ernst Lohoff und Norbert Trenkle: Die große Entwertung (Unrast 2012).

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