Dramaturgie der Demokratie

Anmerkungen zur Misere der Vokabulatur (IV)

von Franz Schandl

Demokratie! Unser gemeinsames Bekenntnis gib uns heute und in ewigen Zeiten. In einem x-beliebigen Käseblatt lesen wir: „Dramatisch: Die Zufriedenheit mit der Demokratie ist seit 2020 von 70 auf nur mehr 42 % gesunken. Nur 38 % der befragten Jugendlichen haben Vertrauen in die Parteien, 52 % ins Parlament“. Indes: Warum den Parteien trauen? Warum dem Parlament? Warum der Politik überhaupt? Warum sollte man sich zur Demokratie, gar zur liberalen bekennen? Ja, warum denn und wozu?

Vorabfragen sind keine Fragen solcher Befragung. Fetischisten bedienen ihren Fetisch durch entsprechendes Wording. Die Textbausteine sind gespeichert, die Vokabulatur abrufbar. Notfalls erledigt das bereits die KI. Demokratie, da haben sowieso alle dafür zu sein. Zweifel sind zweifellos und zweifelsfrei und zweifelsohne nicht gestattet und dementsprechend zu sanktionieren. Statt Denken herrscht Andacht, statt Reflexion Verdacht. Ist jemand nicht auf Linie, drohen Dämonisierung und Exorzismus. Wer sich nicht in den Echoraum sperren lässt, ist verdächtig und fällig. Entweder antwortet man richtig (braver Demokrat!) oder unrichtig (böser Populist!).

Solche Fragen sind Fangfragen primitivster Natur. Nichts ist präzis, alles divers und konfus, aber das stört diese Wissenschaft und insbesondere ihre Auftraggeber in keiner Weise. Derweil können für eine Verneinung die unterschiedlichsten Motive und Gründe ausschlaggebend sein. Dass sie allesamt in eine Schublade passen, ist additiver Unsinn. Umfragen sind Unfragen. Sage ich ja, dann gehöre ich zu den affirmativen Staatstrotteln. Zu den vielen, die aufgrund ihrer Formatierung dergleichen einfach abnicken. Unterstehe ich mich aber, nein zu sagen, dann gehöre ich zu den autoritären Demokratiefeinden, zu den Rändern, zu den Extremisten. Diese Frage ist eine Zumutung sondergleichen, ein Anschlag, nicht nur auf meinen Geist. Man ist angewidert. Ich möchte mich, wenn es denn noch erlaubt ist, weder den demokratischen Deppen noch den autoritären Idioten zurechnen und auch nicht zurechnen lassen.

Kein seriöser Mensch kann diese Entscheidungsfrage akzeptieren, sie ist eherner Bestandteil des Verblendungszusammenhangs, in dem wir leben, bloß dazu da, Geständnisse abzulegen und den Mangel ebensolcher zu tadeln. Sozialforschung, die derlei betreibt, ist nichts anderes als die Anwendung akademischer Beschränkungen. Sie liefert Legitimation, nicht Analyse oder gar Kritik. Kommt dann noch was in Prozenten daher, ist die Wissenschaft nicht weit. Themen und Fragen der Zeit werden mit solchen Studien regelrecht verstellt, sie leiten in Sackgassen.

Demokratie unser! Wir sind und werden geradezu fixiert auf diese Projektion. In unserer Matrix ist unsere Demokratie unser aller Hutschpferd. Wir können uns in ihr und auf sie alles Erdenkliche einbilden. Das tun wir auch. Herrschaft verteidigt sie gegen jedwede Opposition und jedwede Opposition fordert sie ein. Das demokratische Gezeter ist das weltanschauliche Schmiermittel einer immer mehr stotternden Kapitalmaschine und ihrer willigen wie widerwilligen Akteure. Demokratie ist das perfideste, aber entwickeltste Modell zur Verschleierung von Herrschaft und Unterdrückung. Real wie mental. Die, die noch immer daran glauben, werden jedoch sukzessive weniger. Die, die nur noch angewidert sind, wenden sich ab, werden politikverdrossen oder blau. Wohlgemerkt: ODER, nicht UND. Anders als die Demokratie birgt die Verdrossenheit zumindest einen Keim der Hoffnung.

Demokratie gehört zum genuin bürgerlichen Betriebssystem des Werts. Sie ist die Übersetzung von Kommerz und Konkurrenz in die politische Sphäre, eine Marktmaschine zur Erregung und Erzeugung von Stimmungen und Stimmen. Wir sollen sie nicht kennen, wir sollen sie bloß bekennen. Umgekehrt wäre besser. Demokratie führt nur noch ins Gehabte.

P.S.: Manch (neue) Leser werden ob der herben Attacke auf den demokratischen Konsens vielleicht erstaunt oder gar verstört sein. Interessierte verweisen wir gerne auf die Ausgabe 62 der Streifzüge aus dem Herbst 2014. Da geht es die ganze Nummer um den besagten Gegenstand. Wir senden auch gerne und ausnahmsweise kostenfrei zu.

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