von Hermann Engster
Es gibt Stunden, Tage, wo ich alles hingeben möchte, ein Mann zu sein. Alles, damit ich so auftreten könnte, wie’s die innere Stimme mich heischt und der Frauenrock mir verbietet.
Dies vertraut die 24-jährige Emma Siegmund ihrem Tagebuch an. Dabei hat sie alles, was eine junge Frau sich wünschen kann: in einem großbürgerlichen Elternhaus in Berlin im Jahr 1817 geboren; die Eltern reich durch einen florierenden Tuchhandel; wohnend in einer Villa gegenüber dem Charlottenburger Schloss; die Mutter eine kultivierte Dame; der Vater ein zum Christentum konvertierter Jude, trägt den Titel eines „königlich-preußischen Hoflieferanten“; der Hausarzt der Familie ist zugleich der Leibarzt des Königs. Emma genießt eine exzellente Erziehung, spricht Französisch, Polnisch, Italienisch, ist musisch begabt, komponiert, zeichnet, übersetzt, spielt Theater, schreibt Gedichte, verkehrt mit prominenten Gästen im Salon der Eltern – eine mit allen Vorzügen und Privilegien ausgestattete junge Frau. Und doch notiert Emma in den Jahren 1839 bis 1841 in ihrem Tagebuch:
Morgens Nichts, Mittag Nichts und Abends wenig. – Sonnabends Stunde bei Valentini (dem Italienischlehrer), langweilige Lecture einer Goldonischen Komödie. – Große Müdigkeit. – Abends Segelfahrt. – Whistpartie. – Unwohlsein. Kartoffelsalat.
Es genügt ihr nicht, widert sie an. Sie bricht aus, verhält sich nicht standesgemäß, tritt burschikos auf, raucht Zigarren, schwimmt in Flüssen und Seen, badet nachts bei Mondschein im Meer, reitet „wie der Teufel“, wie einer konsterniert bemerkt, schießt mit Pistolen, beteiligt sich an der Turnbewegung, was in der Metternich-Zeit ein Politikum ist, begibt sich in die Elendsviertel von Berlin, besucht die Gefangenen in Moabit, soll beim Bogenschießen im Park auf Bilder des Königs und des Zaren geschossen haben.
Es sind vor allem die revolutionären Bewegungen, die sie fesseln: die französische Juli-Revolution von 1830, das Hambacher Fest von 1832, wo 32.000 Menschen aus allen Volksschichten demokratische Grundrechte fordern. Dabei denkt sie nicht national, sondern europäisch. Sie solidarisiert sich, angeregt durch ihre Freundin Emilie Sczaniecka, mit dem unterdrückten polnischen Volk und dessen Freiheitskampf nach der Teilung Polens und dem Novemberaufstand 1830/31 gegen die preußische und russische Fremdherrschaft, hat Antipathien nicht nur gegen Russland, sondern ebenso gegen das eigne Vaterland Preußen. Ursprung für ihre Revolutions-Begeisterung ist die Große, die Französische Revolution, über die sie 1841 in ihrem Tagebuch schreibt:
Ich las französische Revolutionsgeschichte und war wie von einer vulkanischen Glut getrieben, bald glühend, bald halb erstarrt. – Wie aber, wenn eine Zeit käme, wo jeder Mensch königlich dächte, wo die Gesamtbildung eine so allgewaltige wäre, daß der Mensch im Andern nur den Bruder sähe, wo nur Verdienste anerkannt würden, wo der Geist des Göttlichen sich in jeder Brust offenbart hatte; bedürfte es dann jener Könige noch?
Sie ist attraktiv, gilt als eine „gute Partie“, ist aber, obwohl schon fünfundzwanzig, noch unverheiratet, sagt offen, was sie von den sie umschwärmenden Männern hält:
Beamtenseelen, Menschenware, niederträchtige Gesellschaft, Schufte, Philister, liberales Pack, Schöngeister, Windbeutel, Esel, entmarkte Gesellen, Höflinge, Speichellecker.
Das ändert sich dramatisch, geradezu schicksalhaft, als sie den jungen Georg Herwegh kennenlernt. Dieser, ebenso alt wie sie, ist eine der bedeutendsten Figuren des Vormärz, Mitarbeiter von Marx in der Neuen Rheinischen Zeitung, muss als politisch Verfolgter in die liberale Schweiz fliehen, schreibt feurige Gedichte unter dem Titel Gedichte eines Lebendigen, die ein Bestseller werden. Hier zwei Strophen:
Das Lied vom Hasse
Wohlauf, wohlauf, über Berg und Fluss dem Morgenrot entgegen,
Dem treuen Weib den letzten Kuss, und dann zum treuen Degen!
Bis unsre Hand in Asche stiebt, soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt, und wollen endlich hassen!
Die Liebe kann uns helfen nicht, die Liebe nicht erretten;
Halt du, o Hass, dein jüngst Gericht, brich du, o Hass, die Ketten!
Und wo es noch Tyrannen gibt, die lasst uns keck erfassen;
Wir haben lang genug geliebt, und wollen endlich hassen!
Heine nennt in seinem Gedicht An Georg Herwegh diesen mit der ihm eignen Ironie „die eiserne Lerche der Revolution“. Als Emma Herweghs Gedichte liest, ist sie überwältigt: „Das ist die Antwort auf meine Seele!“, ruft sie vor ihrer versammelten Familie aus, und in ihr Tagebuch schreibt sie: „Ich wünschte, ich kennte den Dichter!“ Fortan wird er darin zur Hauptfigur. Und sie dichtet einen Hymnus auf ihn, in dem es in einer Strophe heißt:
Dein Wort flieg durch die Luft gleich Schwerteshieben
So frei, so kühn, so blutig wie sein Stahl,
Daß die dich fürchten, welche dich nicht lieben,
Bei jedem Streich ein feiger Sklaven Fall.
Liebe und Freiheit sind, wie in einem Wagner’schen Musikdrama, die dominierenden Leitmotive ihres Lebens.
Laß durch nichts in der Welt dich binden als durch deine höchste innere Wahrheit!
(Emma Herwegh)
1842 darf Herwegh wieder nach Deutschland, wird hier umjubelt, am 6. November macht er einen Besuch im Hause Siegmund, lernt Emma kennen. Ein halbes Jahrhundert später schildert ihr Sohn Marcel in der Ausgabe der Brautbriefe, an der Emma noch mitgewirkt hat: „Die erste Begegnung war wie ein Wiedersehen von Menschen, die endlich, nach langer Wanderschaft in der Fremde, in ihre eigentliche Heimat zurückkehren.“
Sieben Tage darauf sind beide zur Irritation der Familie verlobt. Das ist eine Sensation, Zeitungen in ganz Europa berichten davon. Georg schreibt an Marx: „Ich zeige Ihnen meine Verlobung mit einer Republikanerin comme il faut an, einem Mädchen, das uns allen über das Kapitel der Freiheit tüchtige Lektionen halten könnte.“ Wie in Wagners Tristan und Isolde bedarf es dazu keines Liebestranks, es ist die spontane Erkenntnis der Seelenverwandtschaft, die beide einander verfallen sein lässt. 1843 schreibt Emma an Georg:
Es geht mir mit Deiner Prosa wie mit Deinen Versen, sie sind mir beide der Schlüssel zu meiner eigenen Natur, und tausend Dinge, die noch unbewusst in mir lagen. Wir bedürfen beide einander durch und durch. Schleud’re Deine Blitze, denke an nichts, als an das eine, Dein Mädchen liebt die Gewitter, wenn sie rechter Art sind, und wird mitten in dem Feuer nur noch gestählter werden. Bin ich nur erst mit Dir, mich dünkt, ich könnte die Welt dann erobern, unsere Liebe scheint mir alles möglich machen zu können. Sei auf nichts stolz, als auf Deines Mädchens Liebe, darauf aber kannst Du nicht stolz genug sein, und auf ihre Gesinnung, was Eins ist. Freiheit, Liebe, trenn’ es, wer es kann, bei mir ist’s Eins.
Metternichs Propaganda-Büro beutet das aus. Emma wird in der Presse als „ältliches Mädchen“ und als „Ladenhüter des Hauses Siegmund“ verächtlich gemacht, antisemitische Ressentiments werden mobilisiert, wonach eine „Orientalin“ und „Bankierstochter“ einen „deutschen Dichterjüngling“ auf den Diwan gelockt habe. Aber auch Georg wird von seinen Anhängern schief angesehen, weil der „Rebell“ nun zum „biederen Ehemann“ mutiert sei. Emma bekommt das mit und schreibt beschwörende Briefe an ihn:
Unfrei kannst Du nicht werden, Du bist mir das verkörperte Bild der Freiheit, nach der ich, solange ich lebe, mich gesehnt.
Und geht aufs Ganze:
Laß durch nichts in der Welt Dich binden, als durch Deine höchste innere Wahrheit – führt die Dich zu mir – dann bleib bei mir bis zur letzten Stunde; entferne ich Dich von Deinem Ziel und wär es nur um eines Zolles Länge – so schicke mich fort.
Der König Friedrich Wilhelm IV., auf den die Demokraten zunächst große Hoffnungen setzen, lädt Herwegh zu einer Audienz ein, und dieser tappt in die Falle. Der König speist ihn mit ein paar jovialen Phrasen ab, und Herwegh äußert sich verbittert darüber: „Das Königtum ist tot, mausetot … Wie klein, unendlich klein und ordinär ist mir dieser Mann erschienen!“ Obendrein muss sich er als „untertäniger Revolutionär“ verspotten lassen. Emma stärkt ihm den Rücken: „Tust recht, die Könige zu bemitleiden, es sind wandelnde Mumien, deren Kronen von den entmarkten Köpfen der Völkersturm schon treiben wird. – Ich muß auf mein Roß, adieu!“
Auf Drängen Metternichs verschärft der preußische König die Zensur und verfügt, dass Herwegh binnen 24 Stunden Preußen verlassen müsse, und damit es unverzüglich geschieht, muss Herwegh einen Güterzug benutzen. Kaum miteinander vereint, soll das Brautpaar sich trennen, doch Emma weigert sich; ihren Eltern erklärt sie, zu Georg zu gehören und begleitet ihn im Waggon ins Königreich Sachsen.
Als dann Georg Deutschland abermals verlassen muss, fährt er zusammen mit Bakunin, der, wie er gelobt, ihm „bis ans Ende der Welt gefolgt“ wäre, zurück ins Schweizer Exil. Er schreibt: „Bakunin und ich sprachen heute viel von dir, und mit jedem Worte wurde es mir selbst klarer, was ich an dir besitze, wie unendlich ich dich liebe, und wie unentbehrlich Du mir geworden.“ Für die nächsten Jahre bleibt Bakunin in der Nähe des jungen Paars.
Emma folgt Georg in die Schweiz. Sie heiraten im März 1843 in Zürich, anwesend ist die politisch-demokratische Prominenz.
Georgs Freund Ludwig Walesrode spricht beim Bankett zu Ehren des Brautpaars einen Toast aus:
Nicht nur der Männer bedarf unsere Zeit, sondern auch der Frauen. Frauen, welche dem Manne nachfühlen die ganze glühende Sehnsucht nach Freiheit; welche am Manne lieben den Trotz gegen alle Götzen des politischen wie religiösen Pfaffentums. Frauen, welche nicht Mägde mit den Knechten sein wollen und welche den Eunuchen der Gesinnung, an denen Deutschland leider noch so reich ist, ihre ganze herzliche Verachtung zeigen. Lassen Sie uns, zugleich mit der Braut unseres gefeierten Dichters, allen deutschen Frauen, die so hassen und so lieben können, mir diesem Glase ein donnerndes Lebehoch trinken!
Georg schreibt für die liberale Presse, ihr Haus wird Treffpunkt von Gottfried Semper, Franz Liszt und auch Richard Wagner, der selber 1848 in Dresden auf den Barrikaden stand, ins Exil flüchten musste und Georgs enger Freund wird. Ab September leben sie in Paris, wo ihr erstes Kind geboren wird; ihre Nachbarn sind Karl und Jenny Marx; sie verkehren mit Intellektuellen wie Moses Hess, George Sand, Victor Hugo, Alphonse de Lamartine.
Polen – abermals verloren
Im März 1846 kommt es im von Preußen und Russland unterdrückten Polen erneut zu Aufständen. Emma und Georg sehen darin ein Signal für die erhoffte Revolution der europäischen Völker. Der Hauptanführer Ludwik Mierosławski und zahlreiche andre Patrioten werden in Preußen eingekerkert und zum Tode verurteilt. Da Georg wegen drohender Verhaftung Preußen nicht betreten darf, reist Emma allein, aber mit beiden Kindern, nach Berlin, und ihr gelingt, was selbst Bettina von Arnim nicht erreichen konnte: Mit Chuzpe und Charme gelingt es ihr, den Staatsanwalt zu umgarnen, sie nutzt alte Kontakte zu Hofkreisen und bewirkt Hafterleichterungen für die Gefangenen, ja, kann sogar die Todesurteile abwenden und die Strafe in Festungshaft umwandeln – Georg preist sie im Brief als femme politique. Von der Berliner Salongesellschaft ist Emma angewidert: „Schreien möchte ich, bis die ganze Stadt zusammenliefe und dieser erbärmlichen Wirtschaft einmal ein Ende machte.“ Ihrem kleinen Sohn Horace bleibt Emmas Widerwille gegen alles Preußische nicht verborgen, und auf seine Frage erklärt sie ihm kindgerecht: „Die Preußen sehen zwar aus wie Menschen, aber sie sind keine.“
Wir wollen zeigen, was zwei Leute können, die zu derselben Fahne schwören,
und die Bewegung hat Riesenkraft, oder weckt Riesenkräfte, auch in den Frauen.
Doch hält es sie dort nicht lange. Als es im März 1848 in Deutschland zu revolutionären Erhebungen kommt, kommen in Paris viertausend deutsche Demokratinnen und Demokraten zusammen. Für Emma ist die Demokratie „ein großes, weltbefreundendes Ereignis“. Georg hält eine flammende Rede und wird einstimmig zum Anführer gewählt. Er stellt eine Deutsche Demokratische Legion zusammen, um Friedrich Hecker und dessen badischen Gefährten zu Hilfe zu eilen. Es ist allerdings eher eine romantische als militärische Freischar, und viele, darunter Marx, warnen und raten ab. Über den Freiheitszug der Legion berichtet Emma furios in ihrer Schrift Zur Geschichte der deutschen demokratischen Legion aus Paris, als Urheberschaft ist angegeben Von einer Hochverräterin, doch weiß jeder, dass sie dahintersteckt. Mit Mühe findet sich ein Verleger, doch kaum ist die Schrift gedruckt, wird sie verboten.
Emma – Herweghs verfluchtes Weib!
(Soldat, Emma verfolgend)
Unter den 650 Kämpfern der Deutschen Demokratischen Legion ist sie die einzige Frau. In zwanzig Tagen marschieren sie von Paris bis zum Rhein. In Deutschland erfahren sie großzügige Unterstützung von den Bauern, die erstaunt darüber sind, dass nicht eine, wie die hetzerische Presse verbreitet, „Räuberbande“ sie überfällt, sondern, wie Emma schreibt, „eine singende fröhliche Schar, die nichts begehrte als freien Durchzug“. Doch sie kommen zu spät; als sie ankommen, ist der Hecker-Zug schon geschlagen, und sie müssen fliehen. Die Herweghs werden steckbrieflich gesucht, Emma wird (durchaus nicht übelwollend) wie folgt beschrieben: „Haare, blond; Gesichtsform, oval; Gesichtsfarbe, blühend; Stirn, hoch; Augen, schwarzbraun; Nase, gebogen; Mund, klein; Zähne, ganz gut; Kinn, spitz. Sie spricht den Berliner Dialekt.“
Die Bewaffnung der Deutschen Demokratischen Legion ist armselig: 250 Flinten, die Hälfte nur brauchbar, pro Mann vier Patronen, die übrigen haben nur Pistolen, Säbel, Sensen, Piken. Die sie verfolgenden Soldaten haben moderne Gewehre mit ausreichend Munition. Emma, Pistolen am Gürtel, schlägt sich mit ihren Genossen in Gewaltmärschen durch, sie schleppen sich durch Schnee, Schlamm, Geröll, nächtigen versteckt in Wäldern und Scheunen. Emma schreibt:
Man denke sich zehn volle Stunden, bald über steile Felsspitzen, bald durch Bäche, bald bis an die Knöchel durch Schnee und Eis. Es war entsetzlich, und die Erschöpfung bei einigen so groß, dass sie mitten im Wasser oder auf Steinen liegen blieben, um nur auf Sekunden auszuruhen.
Bei Rheinfelden hilft ihnen ein Bauer:
Wir liefen während mehrerer Stunden bergauf, bergab, fortwährend verfolgt, bis wir endlich das kleine Dorf K. (Karsau) erreichten, das drei Stunden von Rheinfelden gelegen. – Viele der Unseren hatten dieselbe Richtung eingeschlagen wie wir, und kamen mit uns zugleich in K. an. Auf diejenigen, welche man nicht mit der Hand erreichen konnte, hatte man fortwährend abgefeuert, es war eben die vollständige Hetzjagd. Wir klopfen an die erste Bauernhütte, und flehen um ein Asyl, sei es auch noch so schlecht. Wenn Ihr ein Schälchen Café wollt, war die Antwort, das können wir Euch geben, denn Ihr seid gewiss durstig, aber beherbergen können wir Euch nicht, Ihr müsst halt ins Saatfeld gehen.
Der Bauer steckt sie in Arbeitskittel und schickt sie aufs Feld, wo Emma so leidenschaftlich Unkraut jätet, als gelte es, die Erde von Tyrannen zu befreien. Nach Sonnenuntergang verköstigt sie der Bauer mit Wein und Brot. Er erzählt entsetzt, wie die Soldaten das Haus bis in den kleinsten Winkel durchsucht und sogar die Fässer mit Bajonetten durchstoßen hätten. Abends versteckt er sie in einem Wagen und fährt sie in die nahe Schweiz. Die fürstenhörige Lakaienpresse bewirft sie mit Dreck: Georg habe sich unter einem Frauenrock verborgen und sie hätten sich in einem Mistwagen verkrochen. In diesem bürgerlich-reaktionären Mist haben die beiden ihr Leben verbringen müssen. Dazu Verse aus einem Gedicht von Heine: Du fragst mich, Kind, was Liebe ist? Ein Stern in einem Haufen Mist. Und in einem Gedicht auf das Paar:
Als Amazone ritt neben ihm
Die Gattin mit der langen Nase;
Sie trug auf dem Hut eine kecke Feder,
Im schönen Auge blitzte Ekstase.
Der Schriftsteller Otto von Corvin, Offizier und Verfasser des Pfaffenspiegel, mit dem er die katholische Kirche angriff, und Mitstreiter auf dem Zug, schreibt in seinen Lebenserinnerungen über Emma:
Sie war nicht so poetisch und träumerisch wie ihr Mann, sondern bei weitem praktischer als dieser. Dabei war sie energisch, entschlossen und unerschrocken; in den schwierigsten Lagen verlor sie den Mut nicht und die größte Gefahr mochte sie nicht zu erschrecken. Für sich fürchtete, für sich sorgte sie nie, nur für ihren Mann.
Italienisches Intermezzo
1851 bis 1866 leben sie in Zürich, dazwischen eine Zeitlang in Genua, wo, wie zuvor die polnischen, hier auch die italienischen Freiheitskämpfer zu Emmas Verehrern gehören: Giuseppe Garibaldi, Piero Cironi, Giuseppe Mazzini. Emma verhilft 1855 dem Revolutionär Felice Orsini zur Flucht aus dem Gefängnis in Mantua. Zunächst schickt sie ihm in Knöpfen verstecktes Opium, um die Wächter zu betäuben, was misslingt, dann Bücher, in denen Feilen verborgen sind. Damit sägt er in wochenlanger Arbeit die Gitterstäbe durch, seilt sich ab und entkommt. Dankbar schreibt er an Emma: „Carissima Emma, sono libero da dodici giorni, da due in luogo non austrico“ (Liebste Emma, seit zwölf Tagen bin ich frei, seit zwei nicht mehr an einem österreichischen Ort.) – 1862 scheitert Garibaldis Versuch der Eroberung von Rom, bei Aspromonte wird er verwundet und gefangengenommen. Seine Schrift La giornata dell’Aspromonte (Der Tag von Aspromonte) übersetzt Emma ins Deutsche, Georg schreibt das Vorwort dazu.
Freilich hat das deutsche Vaterland für seine besten Söhne selten mehr zu bieten als Elend,
Verfolgung oder freie Wohnung im Kerker.
(Emma in einem Bettelbrief)
Emma und Georg haben drei Söhne und eine Tochter. Doch die Ehe gerät aufgrund erotischer Verstrickungen Georgs in Krisen, unter denen Emma sehr leidet, zeitweilig leben sie getrennt, finden dann aber wieder zueinander. 1866 erlaubt eine Amnestie allen politisch Verbannten die Rückkehr nach Deutschland, worauf die Herweghs nach Baden-Baden umziehen. Sie leben hier in ärmlichen Verhältnissen. Emma, 1848, von ihrer Familie enterbt, schreibt Bettelbriefe, um die Familie zu ernähren. Um Schulden zu tilgen, verkauft sie Hausrat, Gemälde und Georgs „liebsten Besitz“, seine Bibliothek. Georg könnte als Schriftsteller mehr verdienen, würde er, dem Beispiel andrer folgend, seine politische Überzeugung mäßigen, doch er, bestärkt von Emma, weigert sich. Als einer der „Gemäßigten“ Georg eine Audienz beim Herzog von Weimar vermitteln will, lehnen Emma und er es brüsk ab – vor Fürsten wird nicht gebuckelt.
Aus unfreiem Land in freie Erde
1875 stirbt Georg, wird in Liestal in der Schweiz begraben, auf seinen Wunsch „in freier republikanischer Erde“. Emma überführt seinen Sarg dorthin, sie lebt noch fast dreißig Jahre. Die deutsche Reichseinigung unter preußischer Oberhoheit und mit Kaiser obenauf kommentiert sie so:
Es wird eine ewige Schmach in der Geschichte bleiben, daß sich in jenen Tagen, als das Heil der ganzen Menschheit an dem einen Wort „Republik“ hing, kein Mann gefunden, der genug Kopf und Herz besessen hätte, dieses eine Wort zu sagen.
Eine Rückkehr in das wilhelminische Deutschland ist für sie undenkbar. Ihre letzten Jahre verbringt sie in Paris, lebt nun passabel von Sprachunterricht und literarischen Übersetzungen sowie einer kleinen Rente. Gesellschaftlich ist sie noch sehr angesehen, wird befreundet mit dem jungen Frank Wedekind, dem sie Zugang zu höheren Kreisen verschafft. Wedekind seinerseits ist von der mittlerweile 76-jährigen Emma fasziniert, sorgt dafür, dass Georgs Werke noch einmal eine Renaissance erleben, und Emma dankt ihm gerührt. 87-jährig stirbt sie im Jahr 1904.
Sie will in der Schweiz an Georgs Seite bestattet werden – „in freier Erde“. Auf dem Grabstein steht eine Inschrift für Georg, die sie dreißig Jahre zuvor selbst verfasst hat und die auch für sie gilt:
Von den Mächtigen verfolgt,
Von den Knechten gehaßt,
Von den Meisten verkannt,
Von den Seinen geliebt.
Poetischer Epilog
Georg Herwegh, Einladung in die Berge (1843-45)
Komm, mein Mädchen, in die Berge,
Wo der Himmel tiefer blaut
Und das stille Volk der Zwerge
Uns kristallne Schlösser baut.
Wo der Liebe morgenhellen
Traum kein Schleicherohr belauscht
Und: Triumph! von tausend Quellen
Der vereinte Donner rauscht.
Komm, wo dir der Sturm die Locken
Aus der heißen Wange streicht,
Kaum der dumpfe Klang der Glocken
Und kein Glauben dich erreicht.
Während er im Tale zittert,
Losgebundner Knechte Schwarm,
Ruhen wir, wenn’s hochgewittert,
Freudetrunken Arm in Arm.
Komm, mein Mädchen, lass dich fassen,
Tragen zu des Adlers Nest;
Menschen lieben, Menschen hassen,
Und wer bliebe felsenfest?
Was sie beten, was sie fluchen,
Ach, ich konnt es nie verstehn –
Blumen lass uns, Blumen suchen!
Mädchen, willst du mit mir gehn?
Emma Herwegh, Antwort
Zu dem Meere, zu dem Meere
Folge mir, Geliebter, nach;
Über ihm steht noch der hehre,
Unentweihte Schöpfungstag.
Uns zum Haupt ein Meer von Sternen,
Unter uns die heil’ge Flut,
In uns eine Welt von Glut.
Dass ich dich im Arme hielte
Eine einz’ge kleine Stund,
Deinen warmen Herzschlag fühlte,
Einen Hauch von deinem Mund –
Fürchten wollt ich nicht die Wellen,
Wenn im Sturm manch Schiff zerschellt:
Sprich, sind wir nicht auch Rebellen
Gegen eine Sklavenwelt?
Voilà, une femme politique! (Georg)
Literatur:
Ich habe mich auf die Quellen der folgenden Bücher gestützt:
Herwegh, Emma: Es lebe die demokratische Republik. Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich. Köln 2023. Darin der Bericht über die Deutsche Demokratische Legion sowie Briefe
Herwegh, Marcel (Hrsg.): Brautbriefe. Herwegh-Archiv, Liestal
Krausnick, Michail: Emma Herwegh – Nicht Magd mit den Knechten! Eine biographische Skizze. Marbach 1998. Neuausgabe unter dem Titel: Emma – Herweghs verfluchtes Weib. Reihe Rhein-Neckar-Brücke 15, Neckargemünd 2015
Rettenmund, Barbara / Voirol, Jeannette: Emma Herwegh: die größte und beste Heldin der Liebe. Zürich 2000
Kurbjuweit, Dirk: Die Freiheit der Emma Herwegh. (Eine romanhafte Darstellung.) München 2017
