Dasein als Fortsein

Über Nahes und Fernes. Über Reise, Distanz, Transparenz

von Franz Schandl

„Die Nähe schreckt nur, weil sie eine riesenhafte Ferne ist.“

(Arnolt Bronnen gibt zu Protokoll. Beiträge zur Geschichte des modernen Schriftstellers, Berlin und Weimar 1985, S. 454.)

Wir sollten das Nahe und die Nähe nicht einfach gleichsetzen. Als grobe Richtschnur mag gelten: Örtlich unterscheiden wir die Nähe und die Ferne, mental jedoch unterscheiden wir das Nahe und das Ferne. Wie das Nahe und die Nähe nicht identisch sind, so auch nicht das Ferne und die Ferne. Dass die Ferne das Ferne begünstigt, sei zugestanden, auch, dass die Nähe das Nahe fördert. Bedingen müssen sie sich deswegen aber nicht.

Doch könnte man nicht genauso umgekehrt argumentieren? Wäre das weniger plausibel? Die Nähe wäre demnach eine Größe sinnlichen Empfindens, das Nahe Kategorie örtlichen Daseins. Gegen beide Varianten fallen einem diverse Einwände ein. Wobei auch niemand so genau weiß, wo die Nähe aufhört und wo die Ferne beginnt. Dass die Ferne weiter weg ist, hilft auch nicht viel weiter. Was ist weit und was ist weg? Und was ist weit weg? Unterschiedliche Assoziationen überlappen sich auf gar vielfältige Weise, sind also nicht zwingend. An dieser Unschärfe werden wir im Essay nicht vorbeikommen. Vorab sei also bemerkt, dass wir die Widersprüche nicht auflösen, sondern bloß aufbereiten können.

Einige terminologische Probleme puncto Nahe und Nähe seien in Folge gelistet:

Ich bin dir nahe, sagt, dass ich deine Nähe spüre, aber nicht, dass ich deswegen in deinem Nahbereich sein müsste. Im Nahen ist derlei freilich leichter.

Ich komme dir näher, meint, dass meine Nähe intimer und intensiver wird. Aber man könnte den Satz auch auf das Räumliche beziehen.

Ich komme dir nahe, wäre hingegen eindeutiger, und das, obgleich der Komparativ in den Positiv zurückgestuft wird.

Ich bin in deiner Nähe, sagt primär etwas über das räumliche Verhältnis aus. Aber wiederum nicht nur.

Ich will mich dir nähern, kann sowohl mental als auch örtlich gemeint sein.

Etc. Etc.

Was die Bedeutung der Vokabel betrifft, haben wir es mit überlappenden Feldern zu tun. Sie sind zwar keine Synonyme, aber sie sind doch bedingt synonym verwendbar. Was die Angelegenheit nicht leichter macht. Hier sind jedenfalls keine strikten Lesarten oder gar Eindeutigkeiten vorgegeben. Assoziationen überschneiden sich. Jede Sortierung gliche einem heillosen Prozess. Nur im Kontext kann es gelingen, die angewandten und eng verwandten Wörter zu dechiffrieren. Präzise werden sie dadurch aber nicht.

Sehr nahe und zu nahe

Wenn einen das Nahe allerdings berührt, die Nähe näher kommt, wird sie sehr nahe. Es wird unheimlich dicht, ja intim. Nähe ist, wenn einen das Nahe emotional ergreift. Denn wirkliche, also wirkende und wirksame Nähe, so würden wir annehmen, kann es nur im Nahen geben. Nähe wäre demnach das Nahe, das in uns sitzt oder liegen bleibt. Wo die Differenz durch Identifikation (nicht: Identifizierung!) zwar nicht gelöscht, aber doch aufgehoben wird. Sie sind nicht gleich, aber auch nicht ungleich, sie sind ganz dialektisch zu denken und im Übergang, der auch stets ein Untergang ist. Das Nahe hingegen ist die unmittelbare Umgebung in ihrer Objektivität, egal auch, wie wir sie ranlassen oder spüren, resp. wie sie in uns eindringt, sie sich an uns ranmacht.

Nähe fördert Intimität, aber sie bedroht einen auch damit. Intimität, die man nicht haben möchte, aber unsereins doch übermächtigt, wird als Aufdringlichkeit, ja Belästigung empfunden. Aus Begegnung wird Beengung. Eine, der man schlecht entfliehen kann, aber doch entfleuchen möchte. Transparenz, die zur Pflicht wird, berührt unangenehm. Sie perlustriert einen regelrecht. Den Menschen geht also oft diese Nähe nicht nahe. Sich dem Nahen zu nähern, scheint gegebenenfalls anachronistisch, natürlich auch, weil man die Zwänge derselben nur zu gut kennt. Das Nahe berührt so auf eigenartige Weise kaum, kommt einem, gerade weil es in der Nähe ist, nicht nahe. Es bestimmt zwar das Leben, aber es bestimmt nicht Träume und Wünsche. Das tut vielmehr die Ferne, die reale, aber auch die visionäre, insbesondere die im Fernweh ersehnte. Der Reiz des Fremden überbordet den Reiz des Bekannten. Die Nähe ist zu real, zu krude, zu profan, sie sperrt sich gegen diverse Luftschlösser. In der Ferne vermag man sich durchaus vorzustellen, was man sich in der Nähe nicht vorstellen kann. Die Potenzen der Projektion sind diesbezüglich wesentlich höher.

Menschen geht diese Nähe oft zu nahe. Dem Nahen ist nicht zu entkommen. Eins ist andauernd in dieser seiner Nähe, wo auch sonst. Örtlich sind wir uns immer nahe, wir treiben uns stets in unserer Nähe herum. Zumindest im analogen Universum. Bloß in den galaktischen Weiten der Netze ist das Fortsein heute nur bedingt mehr ein Wegsein. Die virtuelle Welt verbindet das Da und das Dort auf ganz eigentümliche Weise. Man kann sich sehen und hören und wahrnehmen, obwohl man weit voneinander entfernt ist. Fernes wird ganz nah. Bedingung ist, dass man sich die entsprechenden Geräte leisten und sie bedienen kann. Was zur Folge hat, dass auch die gegenseitige Verständigung immer mehr äußere Energie verbraucht, das ganze Arsenal von Erdöl bis Lithium aufgeboten werden muss.

Wenn wir die Nähe als das bestimmen, was in der unmittelbaren Umgebung ist, was heißt das dann für das Individuum selbst? Denn ich bin zwar in meiner Umgebung, aber ich bin nicht meine Umgebung. Das Nahe braucht eine minimale Distanz zum Ich. Das Nahe ist jedenfalls nicht weit weg. Indes wäre es absurd zu sagen: Ich bin in meiner Nähe. Ebenso fraglich ist freilich die Aussage, dass man bei sich ist, nur weil man in sich ist. Aber das sei hier bloß angedeutet.

Nähe ist einem gegeben, mag sie uns auch nicht besonders nah sein. Die Furcht vor der Nähe rührt wohl auch daher, dass man sie einerseits besser kennt, aber auch, dass man andererseits in ihr besser bekannt ist und gekannt wird. All dies wird nicht nur als Bereicherung sondern auch als Bedrängung wahrgenommen. Ferne ist unbestimmt, während Nähe bestimmt. Sie gibt vor, steckt das Korsett der Konvention ab. Ferne kann man beliebig wechseln, Nähe nicht. Masche und Maschinerie regelnder Vorgaben sind liiert mit dem Nahen und der Nähe. Diese setzen Ordnung und Zuordnung, Gebundenheit und Abhängigkeit, nicht Freiheit. Das Unbekannte, das Unerschlossene, das Unerfüllte der weiten Welt fasziniert oft mehr als das Bekannte der Unmittelbarkeit. Ferne verspricht Weite und Offenheit, vor allem auch Unverbindlichkeit und Ungebundenheit. Ferne suggeriert auch: ich bin entkommen, zumindest davongekommen. Wenn meist auch nur kurz. Gerade das Unbestimmte der Ferne und des Fernen, also aller Fernen versetzt einen jedoch in Sphären des Möglichen, die Bestimmungen des Alltags können als überwindbar veranschlagt werden. Das mag Fiktion sein, aber sie wirkt.

In der Sehnsucht nach der Ferne und dem Fernen steckt so auch die Beklemmung der Nähe. Eine Flucht vor den Vertraulichkeiten und Zudringlichkeiten des unmittelbaren Daseins ist naheliegend. Es eine Flucht aus der Intimität in die Anonymität. Zu nahe kommen soll man sich ja nicht. In Zeiten des allgegenwärtigen Übergriffs, und sei es der halluzinierte, wirken das Nahe und die Nähe schon per se als Bedrohung. Da wird es schnell eng, zu eng. Besser Distanz halten. Aus der Ferne kann man ja meistens wieder zurückkehren, doch die Nähe verlässt einen nie, man mag sich ihr ab und zu entziehen, man kann jedoch nicht aus ihr einfach abhauen, ohne dass sie uns wieder einfängt, oder dass uns anderswo eine andere einfängt. Das ist nämlich der Fall, sobald man in der Ferne bleibt und deren ursprüngliche Charaktere sich auflösen. Ist man zu lange in der Ferne, verliert sie sich, kurzum sie verwandelt sich in Nähe. Ferne wäre keine Ferne mehr. Im Normalfall, der Rückkehr, verlässt man die Ferne also immer wieder. In der Nähe jedoch hinterlässt man sich immer wieder. Man ist in ihr gefangen und somit fast immer zugegen, sonst wäre sie keine Nähe mehr. In der Ferne ist man nur sporadisch, und auch nicht in einer bestimmten, sondern mal da, mal dort. Wie immer, ist alles Einfache stets diffizil. Das Einfache ist das Komplexe, dem man das Komplexe nicht mehr ansieht. Räumlichen Gebundenheiten entgehen wir nie.

Den Terminus Fernweh gibt es übrigens erst seit der Romantik, er ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Besagtes Fernweh ist wohl nichts anderes als transformiertes oder besser noch: transportiertes Heimweh. Gerade weil man dem Nahen in der Nähe nicht und nicht traut, projiziert man Sehnsüchte in die Ferne. Fernweh wie Heimweh gleichen einer der Versagung entsprungen suchenden Sucht nach einem geglückten Leben. Der Nenner von Heimweh und Fernweh ist das Weh, bezogen auf diese Welt als auch auf das individuelle Schicksal. Sie beschreibt eine Entsagung, die nicht gewollt ist und schon gar nicht geliebt wird, die jedoch Sehnsüchte auslöst.

Von Passanten zu Passagieren

Natürliche Bewegungsfreiheit hat ihre Grenzen. Nur in der unmittelbaren Nähe kann man auf die Ausschließlichkeit körperlicher Bewegung, die Selbstbewegung, setzen. Je größer die Entfernung, desto mehr muss man auf das Bewegt-Werden, auf den Transport, umsteigen. Man verkehrt dann in und mit einem Verkehrsmittel. Man muss zusteigen, d. h. ein- oder aufsteigen. Zumindest wenn es darum geht, schnellstens von A nach B zu kommen. „Das Wort ‚steigen‘ zeigt es deutlich: wir steigen aufs Pferd, steigen ins Auto – wir erheben uns, um fortgetragen zu werden, hingerissen von der Prothese, die unsere Beweglichkeit erhöht (…), die der Gewalt der Geschwindigkeit ausgesetzten Reisenden sind ‚Zwangsverschleppte‘, buchstäblich Deportierte …“, schreibt Paul Virilio. (Fahren, fahren, fahren …, Berlin (West) 1978, S. 80–82.) Heutzutage übernimmt man diese Deportation selbst. Der Tourist ist der Sich-Selbst-Deportierende. Regelmäßig lässt er sich an andere Orte versetzen. Er wird dabei aber nicht vertrieben, den Trieb sich zu versetzen, den hat er als bürgerliches Subjekt längst verinnerlicht. Reklame wirkt da nur noch als Überdetermination. Sie ist nicht allgemeiner Anlass, sondern spezifischer Anreiz im Wettbewerb der Destinationen.

Ferne ist nur zu haben, wenn wir sie erreichen können. Sie bedarf des professionellen Transports, einer ungeheuren Mobilisierung äußerer Energien. Wer überall sein will, kann die entsprechenden Bewegungsmittel (Kutsche, Eisenbahn, Auto, Schiff, Flugzeug) nur affirmieren. Zumindest praktisch. Sie sind unbedingt notwendig, will man aus dem engen Kreis der angestammten Umgebung heraustreten. So werden wir von Passanten zu Passagieren. Zu Passagieren der Mobilisierung. Die Proportionen zwischen Zuhause und Unterwegs, zwischen Da-Sein und Dort-Sein haben sich verschoben und sie verschieben sich weiterhin. Das Wohin und das Woher werden wichtiger als das Wo. Der Modus der Bewegung obsiegt über den Status der Sesshaftigkeit.

Wegfahren und wegfliegen steht auf der Tagesordnung. Nur keine Ruhe, nur keine Rast. Rasten heißt Rosten. Hasten statt Rasten ist angesagt. Nicht da zu bleiben, sondern sich fortwährend fortzubewegen, gehört zu den ultimativen Aufforderungen der Zeit, Aufforderungen, die freilich als subjektive Herausforderungen funktionieren. Aus Außen wird Innen. Die es sich leisten können, haben es (sich) zu leisten. Gegenwärtig meint Reisen den industriell vorprogrammierten Ortswechsel in Serie. Nichts wie weg! Sein heißt fortan Unterwegs sein. Aus Dasein wird Fortsein. Was wir einstens in der Masse nicht gewesen sind, das sind wir inzwischen geworden: fähig zur Entfernung. Indes waren die Leute früher leichter anzutreffen, man wusste meistens, wo sie ungefähr stecken, heute muss man sich immer wieder etwas ausmachen, um sich überhaupt begegnen zu können. Moderne Menschen benötigen Termine und Koordinaten.

Mobilität ist nur noch in Form der Mobilisierung zu haben. Sie ist, sich stets steigernd, ihr ständiger Komparativ: schneller, weiter, mehr. Das Nahe hingegen bedarf keiner Mobilisierung und schon gar keiner Motorisierung, gute Schuhe oder ein Fahrrad reichen. Aber gerade auch aus diesen Gründen ist die Nähe wirtschaftlich ziemlich uninteressant. Sie rechnet sich zu wenig, daher sind ihre Insassen aufzustacheln, ihre angestammten Distrikte regelmäßig zu verlassen. Nicht bloß Waren gehen auf Reisen, auch die Warenbesitzer haben sich anzuschließen und brechen auf, wo immer sie hingelockt werden. Globalisierung ist überall. Wirtschaft drängt zur ständigen Deportation, die die Deportierten selbständig zu übernehmen haben. Man hat sich zu exportieren. Das Geschäft mit der Ferne rechnet sich eindeutig besser.

Je weiter wir weg wollen, desto weniger können wir auf unsere eigenen Kräfte vertrauen, wir benötigen Fortbewegungsmittel. Wir brauchen technisch-strukturierte Geräte, die uns durch Motorisierung Mobilität verschaffen. Strom auf jeden Fall. Wir brauchen viel zugekaufte und in der Herstellung arbeitsaufwendige Energie, externe Energie aus fossilen Quellen. Und auch wenn der fossile Anteil prozentuell sinkt, stoppt das nicht den galoppierenden Verbrauch. Relationen bremsen auch nicht das weiter wachsende Quantum an Fortbewegungen.

Die Bewegungsmittel, die man in der Nähe braucht, sind andere als die, die man für die Ferne haben muss. Auch das Tempo ist zu unterscheiden. Wege in die Ferne können nicht durchschritten oder erwandert werden. Beim Gehen werden die Wege mitgenommen, beim Fahren und Fliegen werden sie nur gestreift. Der Reiz des Fahrrades liegt übrigens auch darin, dass es in beiden Welten zu Hause ist. Im motorisierten Transportwesen geht es auch vornehmlich um die Reduzierung von Zeit. Wir huschen nur so durch und über die Landschaften. Diverse Wege sind zu überfahren oder zu überfliegen. Flugscham war gestern.

Fürderhin steigen wir nicht nur in ein motorisiertes Vehikel ein, wir steigen auch aus der Landschaft aus. Einsteigen bedingt Aussteigen. Wege sind Strecken, die sich zoomen. Wir nehmen von den Zwischenräumen nichts mit, sie sind als separierte kaum mehr lokalisierbar. Je höher die Geschwindigkeit, desto weniger kann man wahrnehmen. Schon gar nicht im Detail. Man tastet sich nicht vor, man fährt oder fliegt, anders sind diese Entfernungen gar nicht zu überwinden und bestimmte Destinationen zu erreichen. Sind große Distanzen zu bewältigen, dann sind Räume zwischen Start und Ziel zu entsorgen. Man muss so tun, als gäbe es sie nicht. Sie sind sukzessive zu komprimieren. Wenn wir nur schon beamen könnten.

Der kosmopolitische Weltbürger, war der nicht immer unser Ziel? Überall sein zu können, wo es hindrängt. Es gilt die Menschen von ihren Herkunftsorten zu lösen, sie als Nomaden wie Monaden zu formatieren. Den Stürmen, Schüben, Moden, ist zu folgen. „Freizügigkeit“ nennt sich mitunter diese neuzeitliche Erscheinung. Menschen, nunmehr von ihrer Scholle befreit, haben fortan die ständige Mobilisierung der Märkte zu vollziehen. Ihr Mobilisierungsbedürfnis gehorcht dem Mobilisierungsbedarf des Kapitals. Alles soll Teil und Moment des kommerziellen Universums werden. Durch Mobilmachung werden wir abgerichtet. Zurückgebliebenheit wird in Losgelöstheit umgetauscht, ganz den aktuellen ökonomischen Erfordernissen entsprechend. Die strukturell gewordenen Völkerwanderungen erfordern ein globales Transportsystem. Von der Reise bis zur Migration.

Wir haben sowieso zu wollen, was uns geschieht. Da gibt es nichts zu entscheiden. Deshalb entscheiden wir auch so. Waren wie Menschen sind disponibel zu halten und flexibel zu gestalten, jederzeit transferierbar. Aber Menschen müssen das selbst erledigen. Ihnen kann man nicht einfach befehlen. Sie sollen wollen, was sie müssen. Der Zwang muss sich in einen Willen übersetzen. Erst dann wird Willigkeit als Akt der Freiheit erscheinen und freier Wille genannt werden.

Verkehrssklaverei

Ist nicht jeder Weg eine Reise? Eine Reise muss ein besonderes Ziel haben, will sie als solche gelten, es muss sich um eine Route außerhalb der täglichen Routine handeln. Die Fahrt zum Arbeitsplatz, zur Schule, ins Krankenhaus oder zum Einkauf fällt normalerweise nicht darunter. Einst waren die Menschen, von einigen Ausnahmen abgesehen, Gefangene ihrer Scholle, nunmehr werden sie, von immer weniger Ausnahmen abgesehen, zu Getriebenen des Tourismus. Aus Eingeborenen der Einfalt, werden Ausgeburten des Ausflugs. Wobei Ausflug, bei aller Fragwürdigkeit des Begriffs, immerhin noch das Gelegentliche im Ausdruck betont, von einem kurzfristigen Intermezzo spricht, nicht von einer regelmäßigen Schaltung. Reisen eröffnen da einen anderen Horizont. Aus dem Ausflug ist ein Urlaub geworden, die Verweildauer im Anderswo hat sich erhöht. Reisen beschreiben heute Phasen des gegenwärtigen bürgerlichen Lebens, die keine bloßen Unterbrechungen mehr sind.

Reisen kann man auch ohne Urlaub, aber aktuell setzen viele Reisen einen Urlaub, und sei es einen Kurzurlaub, voraus. Der Urlaub ist weniger eine Sistierung des Alltags (wenngleich er das suggeriert), als eine spezifische Fortsetzung des geschäftlichen Gebarens in anderer Umgebung. Es geht um die Bedienung eines bestimmten Industriezweigs durch die dafür ausgesandten Warensubjekte. Urlaub ist ein gar seltsamer Zustand. Es gilt nicht mehr gleich brutalen Kolonialisten die Weltgegenden für sich zu erobern, zu unterwerfen und zu berauben, es ermächtigt aber ungehobelte Touristen, die sich alles leisten dürfen, weil können, dort als Herren aufzutreten. Die überlegene finanzielle Potenz macht’s möglich. Sie unterscheidet auch, wer zu dienen hat und wer bedient wird. Der Urlaub ist ein fester Bestandteil internationaler Verwertungsketten.

Zu Hause urlauben ist äußerst schwierig. Als Urlaubende zieht es Menschen stets anderswo hin. Das Anderswo ist heute anders als in der traditionellen Sommerfrische weniger konkretes Ziel als chronische Ambition, überall zugegen sein zu können. Unsere Aufgabe besteht darin, vorgegebene Routen und Orte per Flugzeug, Schiff oder Auto abzuklappern und entsprechend, also: maßlos zu frequentieren. Das Reisen steht unter der Herrschaft des Verkehrs, also der Mobilisierungsindustrie. Ivan Illich bezeichnete sie als „Verkehrssklaverei“. (Fortschrittsmythen, Reinbek bei Hamburg 1983, S. 83)

Wenn Vertreter der Fremdenverkehrswirtschaft meinen, diese sei keine Industrie sondern eine Dienstleistung, irren sie. Geradezu fließbandmäßig produziert der Tourismus Touren und Touristen. Der serielle Charakter ist offensichtlich und die Fabrikation von Häusern und Hütten, Chalets und Hotels, von Strand- und Liftanlagen, fällt unter seine Produktenpalette. Unsere disponible Zeit ist gefälligst der Freizeitindustrie zu opfern, d. h. Meilen abzuspulen, bei Events zugegen sein und vor allem für das Shopping zur Verfügung zu stehen; im Ergebnis also möglichst große ökologische Fußabdrücke zu hinterlassen. Die werden merklich größer, insbesondere auch, weil die Touristen in Summe mehr werden. Jedenfalls hinterlässt man die Urlaubsdomizile meist etwas ramponierter als vordem. Auch als genügsamer Tramper.

„Warst Du auch schon …?“, ist eine oft gestellte Frage aller Touristen an ihresgleichen. Es geht darum, Orte abzuhaken und Beweismaterial zu sichern. Fotografieren und Filmen gehört dazu, ebenso die Requisiten und Souvenirs, die es zu erstehen und als Beute heimzubringen gilt. Reisen in Permanenz ist angesagt. Vor allem die frischen Pensionisten, oft noch mit guter Rente, guter Gesundheit und guter Laune ausgestattet, reisen und rasen rund um die Uhr um den Erdball. Als Lemminge der Tourismusbranche werden sie durch die Welten gelotst und trappeln hinter den Fähnchenträgern her. Fremdenverkehr nennt sich dieser Verkehr, wo die Fremden dann einmal weder fremd noch verkehrt sind, solange sie Geld ablassen. In Zeiten des sogenannten Overtourismus wird dieses Treiben jedoch zusehends zu einer Plage für die an den Orten lebende Bevölkerung.

Lernt man nicht die Welt kennen, wenn man verreist? Auf jeden Fall lernt man das Reisen kennen, die Reisebüros und Transportmittel, die Hotels und Restaurants, die Läden, die Strände, die Flaniermeilen. Nicht die Lebenswelt lernt man kennen, sondern die Geschäftswelt, die dafür aber nachhaltig. Die jeweilige Entfernung sagt wenig über den Grad der Differenz aus. Das Ziel der Reise mag nicht die Reise sein, aber das Ziel ist nur durch die Reise erreichbar. Die Reise führt zum Ziel, doch das Reisen bedient ökonomische Vorgaben. Die Reise ist Voraussetzung für die Ferne. Sie bestimmt das aufwendige Hin und Her.

„Der zur Fracht gewordene Mensch“ (Ivan Illich, Fortschrittsmythen, S. 88) ist ein Kind der Industrialisierung des Verkehrs. Wie viel Zeit verbringen wir eigentlich in den Vehikeln des beständigen Ortswechsels? Stau inbegriffen. Sind wir nur oft, oder schon zumeist auf Achse? Momente, wo wir weder in der Nähe noch in der Ferne sind, werden mehr. Benötigen wir eine zusätzliche Kategorie? – Kaum. Anders als Nähe und Ferne ist das Unterwegs nur Mittel zum Zweck. Doch dieses Mittel hat sich verselbständigt, ist eben als Reisen zum Ziel einer ganzen Branche geworden, d. h. zum Verkaufsobjekt, zur Ware. Die Bewegung an sich ergreift immer mehr Zeit und Raum. Die disponible Zeit nimmt letztlich ab, weil die disponierte Zeit zunimmt.

Wenn wir fahren und fliegen, wo sind wir da? Unterwegs, zweifellos, aber was sagt das aus? Auf jeden Fall, dass die zu durchstreifenden Wege in unserem Leben immer länger werden. Die Momente, wo wir Ruhe haben und Ruhe geben, hingegen weniger. Wir haben keine Ruhe zu haben und wir haben keine Ruhe zu geben, wir haben geschäftig zu sein, auch in der sogenannten Freizeit, die bloß eine Verlängerung der Arbeitszeit darstellt. Freizeit ist eine durch und durch moderne industrielle und kapitalistische Größe.

Serieller Tourismus

Die aktuelle Entwicklung ist durch zwei nur oberflächlich widersprechende Tendenzen geprägt: Das Reisen insgesamt wird länger, aber die Reisen im Einzelnen werden kürzer. Reisen wird oft zum Trip. Städtetrips sind in den letzten Jahrzehnten zum Hit geworden. Ein Wochenende dort, ein paar Tage da, kurz mal zum Marathon nach New York. Wer noch nirgends gewesen ist, ist nicht. „Du, warst du schon in …; „Du, wir waren kürzlich …“; „Du, wir fliegen jetzt …“. Wer noch nie wo gewesen ist, mag arm und bedürftig sein, wer aber andauernd irgendwo sein muss, ist nicht reich, sondern lediglich süchtig.

Das Grundbedürfnis auch anderswo zu sein, wird im Tourismus pervertiert. Das Anderswo wird von einer Möglichkeit zur Pflicht. Ferne wird kommerziell bespielt, vor allem durch die penetrante Reklame der Fremdenverkehrsindustrie. Schließlich geht es um die Massenproduktion postmodernisierter Kreuzritter, die im Namen und Auftrag von Ware und Geld den Planeten mit ihren Werten überziehen. Keine bedeutende Stadt, kein Land, kein Strand, keine Destination soll uns entgangen und entkommen sein. Nicht einmal vor regelmäßigen Fernreisen wird zurückgeschreckt oder gar gewarnt, vielmehr wird dafür eifrig geworben. Wo man nicht überall gewesen sein soll, als Weltbürger. Der Weltbürger wird zum Weltenbummler.

Die Flaniermeilen der Städte gleichen sich indes immer mehr an. Man achte auf Geschäfte und Plakate, auf Einschaltungen und Beschallungen, auf Logos und Marken. Wo bin ich, wo? Ich könnte überall sein. Anderswo ist es genauso. Irgendwo gleich Nirgendwo. Auf dem bereits 2004 erschienenen Tonträger „Zombi“ der Hamburger Band Kante hört sich das so an:

Vor meinen Augen

beginnt es zu flimmern

ich hab keinen Schimmer

wo ich hier bin

ist das die Stadt

aus der ich kam

ist das der Ort

an den ich will

oder nichts von alledem.

Hamburg, Toulouse

Odessa, Katar,

Sao Paulo, New York,

El Paso, Dakar

London, Nairobi,

Jakarta, Peking,

(…)

Etc. Etc.

Das Bedürfnis immerzu fortzufahren, bedeutet, dass so fortgefahren wird wie bisher. Man kann nicht salopp davon sprechen, dass es gilt, den Globus zu bereisen und kennenzulernen. Zweifellos, man kann in der Ferne anderes kennen lernen. Aber kann man in der Ferne mehr kennen lernen als man auch in der Nähe kennen lernen kann? Die Summe der Impressionen ist nicht unendlich, sondern begrenzt wie unser Aufnahmevermögen. Erkenntnis und Erlebnis laufen keineswegs synchron. Sie korrespondieren nicht mit abgespulten Kilometern.

Das Nahe dagegen ist verpönt. Das Nahe riecht nach Provinzialismus, nach Rückständigkeit, nach Borniertheit, möglicherweise gar nach Heimat. Man hat vielmehr mobil zu sein. Der Tourismus hat zu boomen. Was wären wir ohne Fremdenverkehr? Eben. Die Älpler wissen das, auch wenn sie es gar nicht mehr aushalten. Wenn etwa der Tourismus in Österreich eine der wenigen Wachstumsbranchen ist, was sollen sie noch gegen ihn sagen? Wer möchte Arbeitsplätze und Wachstum gefährden? Das müssen wir hinnehmen, da hilft nichts. Fremdenverkehr, das ist, wenn der Besuch zur Heimsuchung wird. Aus weltoffen wird arschoffen. Das ständige Verreisen ist vergleichbar der Gier nach seltenen Erden oder der nach billigen Arbeitskräften. Es macht das Kapital und seine angestammte Belegschaft, die süchtigen Bürger regelrecht geil und toll. Wir können uns alles leisten. Wir dürfen uns so aufführen. Tatsächlich, wir tun es ja.

Abschied vom Weltbürger heißt Abschied vom marodierenden Mob dieser Kosmopoliten. Man will sich gar nicht vorstellen, was es bedeuten würde, könnten alle Weltbürger werden. Wenn alle Menschen so bürgern wie die Weltbürger heute schon bürgern, kann das nur im Tollhaus enden. Ökologisch tragisch und mental fatal. Insofern ist dieser Beitrag ein entschiedenes Plädoyer sich zuvorderst auf die riesenhafte Ferne der Nähe einzulassen und die Weite des Planeten nicht nur ob des ökologischen Fußabdrucks selektiv zu erkunden und nicht seriell zu bespielen.

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