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Emergenz und Blockchain

17 Mai 2018

Streifzüge 72/2018
Kolumne Immaterial World
von Stefan Meretz

Den Begriff Emergenz betrachte ich seit jeher mit Skepsis. Ist nicht erklärbar, warum und wie aus einem Prozess etwas hervorgeht, so wird die Erklärungslücke mit dem Hinweis auf „Emergenz“ zugedeckt. Dabei gibt es tatsächlich systemische Ganzheiten, bei denen nicht kausal bestimmt werden kann, wie diese aus ihren Elementen entstehen. Die Gesellschaft ist so ein Beispiel. Das Handeln der Einzelnen ist möglichkeitsoffen, und trotzdem ergibt es ein stabiles, kohärentes Ganzes. Irgendwie emergent halt. Alles, was gebraucht wird, wird gemacht – und überfordert langfristig auch die planetaren Grenzen nicht. Letzteres würde zumindest für eine commonistische Gesellschaft gelten, die Geld, Tausch, Markt, Staat und Herrschaft nicht mehr kennt.

Emergenz bedeutet auch im Commonismus, dass sich – vergleichbar der „unsichtbaren Hand“ (Adam Smith) bei der Marktvermittlung – gesellschaftliche Kohärenz „hinter dem Rücken“ (Karl Marx) der Akteure herstellt, dies allerdings nicht blind und unverstehbar, sondern in bewusstem Handeln und voller Transparenz. Emergenz ist verstehbar. Der gesellschaftliche Prozess der verteilten Selbstplanung kann dirigiert werden, ohne jedoch der Illusion zu unterliegen, eine komplette Gestaltung und Steuerung der gesellschaftlichen Verhältnisse sei möglich.

Jeder Versuch einer Vollplanung des gesellschaftlichen Ganzen, gar von einer zentralen Position aus, mündete zwangsläufig in totalitären Herrschaftsformen. Jede Zentralinstanz bräuchte Herrschaftsmittel, um den Plan durchzusetzen – unvereinbar mit einer freien Gesellschaft. Wie aber die gesellschaftliche Transparenz herstellen, um adaptive Momente in die verteilte Selbstplanung einbringen zu können? Traditionell ist das Aufgabe der Politik, doch für den Commonismus nehme ich an, dass die politischen Funktionen der systemischen Ausrichtung und Adaption keiner gesonderten Sphäre angehören, sondern in den gesellschaftlichen Vermittlungsprozess eingebettet sind. Da es kein vermittelndes Abstraktum (Geld) außerhalb der Bedürfnisvermittlung gibt, hat eine selbstständige Instanz (Politik) der Umverteilung und Prioritätensetzung keine eigene Funktion. Adaption und Priorisierung sind dagegen über das gesellschaftliche Netzwerk verteilte Aufgaben.

An dieser Stelle kommt eine Technologie ins Spiel, die derzeit einen rasanten Aufstieg erlebt: die Blockchain. Blockchain wurde durch die Kryptowährung Bitcoin bekannt. Es ist im Kern ein lineares Register, das Transaktionen von Akteuren in einem Journal transparent erfasst. Jeweils nachfolgend angefügte Blöcke bestätigen über ein kryptografisches Verfahren die Richtigkeit der vorausgehenden Blöcke. Das Journal kennt keinen singulären Ort und auch keine zentrale Verwaltung, sondern ist über das Internet verteilt gespeichert. Es gehört allen und wird von allen verwaltet.

Durch die kryptografische Verkettung von Blöcken in einem Journal, das die Transaktionen speichert, werden nachträgliche Änderungen verhindert und zeitliche Reihenfolgen von Transaktionen sicher und nachvollziehbar abgebildet. Blockchain ist eine Art globales verteiltes Betriebssystem für Vereinbarungen zwischen Peers. Diese können ihre Verabredungen selbst gestalten und benötigen keine Intermediäre (Banken, Anwälte etc.) mehr. Spezielle Anwendungen, die auf dem verteilten Blockchain-Journal laufen, bieten allen einen transparenten Zugriff auf die Vereinbarungen. Blockchain-Systeme könnten Verträge ablösen, ohne dass Vereinbarungen an Verbindlichkeit einbüßen, die heute noch über Recht und Staat hergestellt werden muss.

Diese Verbindlichkeit kann durch Transparenz, soziale Beeinflussung und durch Abstimmungen mit den Füßen erreicht werden: Wer für alle einsehbar Vereinbarungen häufig nicht einhält oder nur zu Lasten einer Seite umsetzt, wird seltener Kooperationspartner*innen finden, die neue Vereinbarungen eingehen wollen. Auf diese Weise findet die Inklusionslogik des Commonismus ihre operable Basis: Zuverlässiges inkludierend-kooperatives Verhalten verstärkt sich selbst. Wer gut kooperiert, mit dem wollen viele kooperieren und erreicht schneller, dass die eigenen Bedürfnisse befriedigt werden.

Trotz Allgemeinheit des Blockchain-Protokolls ist es nicht erforderlich, alle gesellschaftlichen Bereiche darin zu erfassen, da vor allem die meisten interpersonalen Beziehungen völlig ohne transparente Dokumentation auskommen. Geeignet ist Blockchain vor allem für transpersonale Vermittlungen, bei der sich Unbekannte mittels Transparenz eine Vertrauensbasis auf Augenhöhe – von Peer zu Peer – schaffen können. Das unterscheidet sich komplett vom heutigen Einsatz etwa bei Bitcoin, bei dem jede monetäre Transaktion gespeichert wird.

In interpersonalen Beziehungen ist Vertrauen die entscheidende Basis für Verabredungen. Die Beteiligten kennen einander, haben Vorerfahrungen gemacht oder kennen jemanden, der den Verabredungspartnern vertraut. Interpersonale Vertrauensnetze lassen sich jedoch nicht einfach auf eine gesellschaftliche Größenordnung ausdehnen. Transpersonale Vertrauensnetze brauchen eine sichere und transparente Dokumentation, wer wem vertraut. Sie müssen überprüfbar sein. So funktioniert im Grunde das Vertrauen, das wir alle in die Zertifikate zur Verschlüsselung von Webseiten geben.

Eine solche Rolle könnte Blockchain bei transpersonalen Verabredungen über alle Aspekte der Herstellung unserer Lebensbedingungen spielen, bei denen wir unser Gegenüber, die Peers oder Institutionen, nicht mehr persönlich kennen. Vertrauen und Zuverlässigkeit werden so zu emergenten und verständlichen Phänomenen in einer Gesellschaft, in der es sinnvoll ist, die Bedürfnisse der anderen in das eigene Handeln miteinzubeziehen. Die „anderen“ sind auch die uns nachfolgenden Generationen, so dass auch die Einhaltung der planetaren Grenzen zu unserem Bedürfnis wird.

Bitcoin ist zum Spielcasino verkommen, doch wenn die zugrundeliegende Technologie der Blockchain aus ihren monetären Fesseln herausgelöst wird, kann sie zur Basis zuverlässiger transpersonaler Vereinbarungen in einer freien Gesellschaft werden. Geld, Tausch, Markt, Staat und Herrschaft können wir uns dann ersparen.

2 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Holger Roloff meinte am 17. Mai 2018, 21:37 Uhr

    Welche Art Informationen, anstatt monetäre, könnte man in so einem zukünftigen Blockchain transportieren? Wie sähe die Übersetzung / Transformation der Realität in diese Information(s-Blöcke) in etwa aus?

    Gruß aus Hamburg
    Holger

  2. 2 Holger Roloff meinte am 22. Mai 2018, 19:05 Uhr

    Ökologisch gesehen ist die Bitcoin/Blockchain-Technik nicht unproblematisch:

    „Das Bitcoin-System verbraucht mehr Strom als die Schweizer Volkswirtschaft“
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/bitcoin-energieverbrauch-fuer-produktion-und-verwaltung-a-1208635.html

    Das nur als Ergänzung.
    Gruß
    Holger

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