Umdrehungen

von Petra Ziegler

Ich ärgere mich. Viel zu oft. Das raubt nur Zeit und Energie und Aufmerksamkeit. Letzteres vor allem. Der alltägliche Ärger nimmt die Sicht auf die Verhältnisse. Und nebenbei gesagt, die Selbstbezüglichkeit, auf die das „ich/mich“ verweist, sollte meinereiner Hinweis genug sein. Außerdem, scheint mir, drängt sich da eine kleinliche Seite von mir in den Vordergrund. Ungut. Am besten, eins beteiligt sich da nicht weiter.

Ein wenig von oben herab, aus leichter Distanz, aber doch freundlich, wohlwollend und eher aus den Augenwinkeln, so betrachtet, lässt sich’s mit sich auskommen. Meistens. Es macht ja nicht ausschließlich Freude, mein zuweilen leichtfüßiges, öfters auch hasenfüßiges Ich zu beobachten. Menschen, die mit sich selbst hart ins Gericht gehen, ständig sich und alles im Griff haben, versuche ich aus dem Weg zu gehen. Die Umwelt wäre ein noch unfreundlicherer Ort, könnten sie so, wie sie wollten.

Das ewige weiter und immer noch weiter Eindrehen ins eigene Selbst liegt mir nicht oder, besser, es bekommt mir nicht. Denn freilich kenne ich Zweifel, das Nagen und stundenlange Hinterfragen. Und Weltschmerz sowieso. Häuft sich derlei, gehört es zu dem Wenigen, was ich mir dezidiert verbiete. Aber allzu folgsam war ich nie.

Nicht unbedingt offen aufsässig, Kräfte gilt es ja auch zu schonen. Andererseits liegt darin vielleicht ein wirklicher Schwachpunkt. Ich dränge mich ungern auf, bin zu zögerlich, wo es darum geht, offensiv zu stören, geradezu zu verstören. Ich sollte mir da mehr herausnehmen, einfach der Gesellschaftskritikerin den Vortritt lassen.

Manche erscheinen ja ihr Lebtag lang als wandelndes Ausrufezeichen. Vom ersten Schrei an: Da bin ich! Schaut mich an! Platz da! Würde mir auf die Nerven gehen. Es deckt auch zu vieles zu. Hilfe! tönt es ja oft nur leise.

Mein Ärger schlägt zuweilen um. Irgend so ein hingerotztes Posting reicht mir dafür schon. Die Niedertracht etwa, die sich in den Kommentaren österreichischer Zeitungen und Onlineforen äußert, ist absolut unverdaulich. Da scheint das „schlecht entworfne Skizzenbild“ (Jura Soyfer) gänzlich zur hassverzerrten Fratze missraten. Inzwischen meide ich diese magenbelastenden Zonen gänzlich. Geschädigt sind wir wohl alle – „armer Vorklang nur“ –, aber der Ton, der da angeschlagen wird, macht wenig Hoffnung, dass sich mit dem zeitgenössischen Personal nochmal was zum Guten wenden könnte. Nur noch davonlaufen möchte eins da, mit all denen nichts zu tun haben.

Das Unbehagen an diesen schäbigen Resten öffentlichen Diskurses lässt viele in die eigenen Filterblasen abtauchen. Und so manches eben noch verschreckte Ego findet hier recht gedeihliche Bedingungen vor. Wir betreiben Nonkonformismus in Form belangloser Äußerlichkeiten, beharren auf unseren Eigenheiten und Meinungen, pflegen unsere diversen Empfindlichkeiten. Ich nehme mich da nicht aus, Ablenkung bringt das allemal. Gegen die Zumutungen der kapitalistischen Selbstzweckmaschinerie ist damit allerdings nicht anzukommen. Ungewollt ebnet es deren Zerstörungswerk weiter den Weg. Ekel und Abscheu müssen der warengesellschaftlichen Zurichtung gelten, da nutzt es leider wenig, um die besonders übel Zugerichteten bloß einen großen Bogen zu machen. Obendrein überlässt man ihnen damit das Feld.

Aber wie kann der Widerstand auf Touren gebracht werden? Ein Aufstand gegen die Vorgaben des bürgerlichen Drehbuchs setzt paradoxerweise voraus, dass wir von unserem Selbstverständnis als eigenwillige, autonom handelnde Subjekte Abstand nehmen und die eigene Befangenheit und deren Wurzeln erkennen. Eine Art Selbstentfremdung wäre also gefragt.

Dabei könnte ein Perspektivenwechsel hilfreich sein. Von einem nahenden Kometen aus betrachtet dürfte die rastlose Betriebsamkeit, die auf diesem Planeten herrscht – „erfüllt von Maschinengedröhn“ –, mit jeder Umdrehung mehr befremden. Was hat die Erde bloß …?

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