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Kritische Psychologie

01 Apr 2010

Streifzüge 48/2010

KOLUMNE Immaterial World

von Stefan Meretz

Schon mehrfach war in der Kolumne von dem Menschen die Rede, dem gar die Gesellschaftlichkeit als Natureigenschaft zugeordnet wurde. Die Formulierung der gesellschaftlichen Natur des Menschen ist kein rhetorischer Trick, um zwei eigentlich unverbundene Sphären zusammenzubringen, sondern wörtlich gemeint: Der Mensch ist aufgrund seiner biotischen Ausstattung zur Vergesellschaftung fähig. Diese zentrale Erkenntnis stammt aus der Kritischen Psychologie, und um diese soll es im Folgenden gehen.

Die Kritische Psychologie entstand im Zuge der Studierenden-Bewegung Ende der 1960er Jahre an der Freien Universität Berlin. Mitbegründer und zentraler Mentor war der damals schon etablierte Hochschullehrer Klaus Holzkamp (1927–1995). Ziel dieser Strömung der damals breit geäußerten Kritik an der bürgerlichen Psychologie war es, ein neues wissenschaftliches, marxistisch fundiertes Paradigma für eine Psychologie vom Standpunkt des Subjekts zu entwickeln. Als Unterscheidungsmerkmal dieses „positiven“ Ansatzes in Abhebung von anderen kritischen Ansätzen gilt das große „K“ im Namen.

Im Basiswerk „Grundlegung der Psychologie“ von Klaus Holzkamp werden Grundbegriffe entwickelt, mit denen Individuen ihre je eigene Situation im Prozess sozialer Selbstverständigung aufklären und neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln können. Das „je“ verweist auf die Verbindung von Individualität und Verallgemeinerbarkeit, denn das Subjekt ist nicht bloß isolierte und unterworfene „Warenmonade“, sondern besitzt auch unter kapitalistischen Bedingungen Handlungsmöglichkeiten.

Die Handlungsmöglichkeiten sind grundsätzlich doppelt bestimmt. Sie können entweder dazu dienen, nahegelegte Denk- und Handlungsformen zu übernehmen, um sich auf Kosten anderer zu behaupten. Da jedoch „ich“ für Andere der „Andere“ bin, ist in dieser restriktiven Weise, die eigenen Existenzbedingungen zu sichern, stets eine latente oder manifeste Selbstfeindschaft enthalten. Die zweite, grundsätzlich andere Alternative besteht nun darin, die beschränkenden und selbstfeindlichen Denk- und Handlungsoptionen zu überschreiten, um im Zusammenschluss mit anderen die Handlungsmöglichkeiten in verallgemeinerter Weise zu erweitern, so dass sie strukturell nicht mehr zu Lasten Anderer gehen.

Die zweite Alternative beginnt in jeder Situation und an jedem Ort, ist aber unter den gegebenen Bedingungen mit bloß individueller oder gemeinschaftlicher Reichweite nur partiell realisierbar. Die Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten in verallgemeinerter Weise schließt also notwendig die Perspektive der Aufhebung des Kapitalismus als bestimmender sozialer Form der gesellschaftlichen Vermittlung ein, also die Überwindung von Verhältnissen, in denen der Mensch „ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx).

Dies unterscheidet die Kritische Psychologie fundamental von kontrollwissenschaftlichen Ansätzen der traditionellen Psychologie, für die das Verhalten von Individuen schon konzeptuell bloß Resultat von Umweltbedingungen ist. In jüngster Zeit wird in der Neuro-Forschung diese Vorstellung einer „Außendetermination“ durch ein Konzept der „Innendetermination“ ergänzt, bei dem das „Gehirn“ die Rolle eines Homunkulus einnimmt und das Individuum steuert. Damit werden selbst bürgerliche Kernkonzepte wie die „Willensfreiheit“ unter ideologischen Beschuss genommen.

Psychoanalytische Ansätze werden hingegen als Theorien vom Standpunkt des Individuums gewürdigt, aber gleichzeitig dafür kritisiert, dass die Gesellschaft konzeptuell als Gegensatz zur menschlichen Natur gefasst wird, die grundsätzlich der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse entgegenstehe. Mit dem Begriff der gesellschaftlichen Natur des Menschen begründet die Kritische Psychologie, dass es die jeweils historisch-besondere soziale Vermittlungsform ist, die über die Art der Teilhabe an der Herstellung der Lebensbedingungen und damit die Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung entscheide.

Die Kritische Psychologie hat auf viele Bereiche ausgestrahlt. Auch ein Ursprung der „Keimform-These“ ist in ihr zu finden, und zwar dort, wo die Frage erörtert wird, wie evolutionär qualitativ neue psychische Funktionen entstehen konnten. Der Keimform-Ansatz überträgt diese Überlegungen auf die gesellschaftliche Entwicklung und fragt, wie sich historisch eine qualitativ neue gesellschaftliche Form durchsetzen kann.

Im Zentrum steht dabei der „dritte Schritt“ (von fünf), mit dem die doppelte Funktionalität des „Neuen im Alten“ begreifbar werden soll. Einerseits muss das Neue die Logik des Alten innerhalb der bisherigen Systemlogik bedienen, gleichzeitig aber muss es in seiner wesentlich eigenen Funktionsweise inkompatibel zur der alten Logik sein. Gleichzeitig „funktional, aber nicht absorbierbar“ zu sein, ist mit einer formalen Entweder-oder-Logik nicht zu erfassen (vgl. dazu „Über Logisches“ in Streifzüge 43/2008), sondern setzt dialektisches Denken voraus.

Als Beispiel wird häufig die Freie Software angeführt, die einerseits zur Kosteneinsparung beiträgt und insofern innerhalb der alten Verwertungslogik funktional ist, gleichzeitig aber als Nicht-Ware nicht auf jener basiert. Sie fungiert aus Sicht des Kapitals also eher wie ein kostenloses Gut, das gleich anderen kostenlosen Gütern in der Produktion genutzt werden kann. Freie Software wird jedoch im Unterschied zu natürlichen Ressourcen selbst hergestellt, und zwar in Form der Peer-Produktion außerhalb der Logik der Wertverwertung – der Aspekt, in dem sie über den Kapitalismus hinaus weist.

Die gesellschaftstheoretische Grundlage der Kritischen Psychologie orientiert sich am vorherrschenden Verständnis eines traditionellen Marxismus. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem historischen Versagen des Traditionsmarxismus steht auch in der Kritischen Psychologie noch aus. Eine Möglichkeit, dies nachzuholen, ist die 7. Ferienuniversität Kritische Psychologie, die vom 24. bis 28. August 2010 in Berlin stattfindet. Schwerpunktthemen sind die Kritik des neuen Biologismus, das Verhältnis von Gesellschaftsanalyse und subjektwissenschaftlichen Kategorien sowie Widersprüche in der beruflichen und gesellschaftlichen Praxis mit der Kritischen Psychologie. Infos: www.ferienuni.de.

3 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Kritische Psychologie — keimform.de meinte am 12. April 2010, 05:59 Uhr

    [...] ist unverzichtbar, wenn es um einen Begriff vom gesellschaftlichen Menschen geht. Das ist die Kernaussage der aktuellen Kolumne »Immaterial World« in den Wiener »Streifzügen« mit dem [...]

  2. 2 Jürgen Hilbers meinte am 18. April 2010, 12:32 Uhr

    … eine kleine Veränderung in der Konstruktion eines der Einleitungssätze vermag einen völlig neuen Horizont aufscheinen zu lassen. Statt:
    “Ziel dieser Strömung der (…) Kritik an der bürgerlichen Psychologie war es, ein neues wissenschaftliches, marxistisch fundiertes Paradigma für eine Psychologie vom Standpunkt des Subjekts zu entwickeln.”
    … diese Formulierung:
    ** Ziel dieser Strömung der Kritik der bürgerlichen Psychologie war es, ein wissenschaftliches Paradigma für eine Psychologie vom Standpunkt des Subjekts  marxistisch zu fundieren.**
    Erkennbar würde an dieser Formulierung, dass das subjektwissenschaftliche Paradigma als solches und ‘an sich selbst’ nicht dezidiert marxistisch ist oder auch nur sein kann, wohl aber, dass ein solches Paradigma einer Psychologie vom Standpunkt des Subjekts  mit Grund und mit Aussicht auf Erfolg marxistisch fundiert werden kann. Dieser Ansatz hat zur Folge, dass bei einer möglichen Negation des Marxistischen an dieser Fundierung nicht Nichts übrig bleibt, dass also mit einer möglichen Negation des Marxistischen das subjektwissenschaftliche Paradigma als solches, das Paradigma einer Psychologie vom Standpunkt des Subjekts dem Kern der Sache nach unberührt bleibt. Für eine Negation des Marxistischen bzw. des Marxismus aber kann eine Reihe von guten Gründen geltend gemacht werden, unter anderem auch die von der Arbeitsrichtung “Wertkritik” reklamierten Gründe.
     

  3. 3 StefanMz meinte am 18. April 2010, 14:34 Uhr

    Die Frage war und ist ja nicht eine »Negation des Marxistischen«, sondern eine Überwindung des Traditionsmarxismus, der eine bestimmte Interpretationslinie verkörpert und historisch (mit dem »Realsozialismus« als Praxis) gescheitert ist. Das individualwissenschaftliche Paradigma kommt ohne eine adäquate Analyse der kapitalistischen gesellschaftlichen Form nicht aus, es braucht also eine »marxistische« Fundierung. Darin steckt die Annahme, dass man an Marx nicht vorbeikommt, wenn es um die gesellschaftstheoretische Analyse geht.

    Ich würde dir aber zustimmen, dass es (das Paradigma) selbst nicht »marxistisch« ist, so wie generell das Attribut »marxistisch« für irgendwelche Entitäten problematisch ist, weil es keine feste inhaltliche Qualität fassen kann (aus den o.g. Gründen), sondern bloß auf plakativen Distinktionsgewinn setzt. Der Begriff der Fundierung schließt hingegen keine Herangehensweisen aus (etwa »postmoderne« etc.), sondern fordert sie auf, ihren Erkenntnisgehalt jeweils auszuweisen.

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