von Franz Schandl
Unser aller Not mitzumachen, führt dazu, das Mitgemachte nicht als Not zu begreifen, sondern als Rahmen zu akzeptieren. Das Akzeptierte wird zum Akzeptablen. Damit wird jede Perspektive in der alltäglichen Praxis erstickt. Das Dilemma dürfte bekannt sein, bekannter als jede Lösung. Inzwischen wird die Frage freilich gänzlich verdrängt. Die Devise lautet „Mehr von dem!“ oder „Weniger von dem“, nicht „Weg von dem!“ oder gar „Weg mit dem!“ Der altbekannte Klassenkampf, wie auch alle modernen und postmodernen Gleichstellungskämpfe, zielen darauf ab. Stets geht es um die Korrektur von realen wie vermeintlichen Defiziten, in der Sozialpolitik geht es um gerechte Löhne und faire Preise. Mehr haben, weniger zahlen. Wir alle sind darauf trainiert. Wir alle singen denselben Schlager, er ist Hymne, Kanon, Ohrwurm.
Anstatt gut zu handeln und behandelt zu werden, wollen wir gerecht behandelt werden und handeln. Was ist schon Güte gegen Proportion? Zwang, Kontrolle und Berechnung sind ehern. Geschäftsfähig und geschäftstüchtig gilt es zu sein. Es ist kein Spiel. Der Vertrag ist die domestizierte Form des Kampfes. Der Kampf ist deswegen nicht sistiert, er hat nur an Offensichtlichkeit verloren. Auskommen und Zukommen sind eindeutig an Markt und Geschäft gebunden. Bedürfnis und Sorge sind sekundär. Nicht bloß der Neoliberalismus will die öffentliche Obsorge minimieren, wenn nicht eliminieren. Die budgetären Zwänge, die Gebote des Standorts, die Militarisierung der Gesellschaft spielen hier ebenfalls ihre üble Rolle. Der erzwungene Boom der Privatversicherungen und Privatrenten weist in diese Richtung. Wer nicht privat für sich vorgesorgt hat, soll zukünftig schauen, wo er bleibt.
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Wenn heute von der Wirtschaft gesprochen wird, dann sind Unternehmen gemeint, ihre operativen Akteure, ihre Profite, ihr Auftreten am Markt, ihr Handeln, ihre Reklame. Nicht jedoch ist die Rede von der Lohnarbeit und den sogenannten unselbständig Erwerbstätigen. Die Differenz zwischen den Selbständigen und den Unselbständigen ist elementar. Man muss sich diese Wörter auf der Zunge zergehen lassen. Erstere gelten als autonom und unabhängig, Letztere als abhängig und subordiniert. Sie gehören zwar dazu, aber sie werden mit dem Begriff der Wirtschaft nicht assoziiert. Sie verschwinden in ihm. Selbst Arbeit geben der offiziellen Terminologie entsprechend die Arbeitgeber. Man glaubt es kaum, aber es ist allenthalben zu lesen und zu hören. Permanent. Die grandiose Logik besagt, dass sogenannte Arbeitgeber den Arbeitern Arbeit geben, die diese als sogenannte Arbeitnehmer dann dummerweise aber erst erledigen müssen. Welch Schmarren! Auch die gesellschaftliche Linke apportiert schon seit Jahrzehnten diesen Jargon sprachlicher Un- und Unterordnung.
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Vergessen wir nicht, der Sozialstaat war stets eine Notlösung. Anstatt von der Not zu erlösen, hat er sie bearbeitet und verwaltet. Vergessen wir auch nicht, dass sein Medium immer Geld gewesen ist. Wenn es sich nun finanziell nicht mehr ausgeht, ist der Sparstift unvermeidbar und angesagt. Ritualisiertes Opfern steht auf der Tagesordnung, es fragt sich nicht, ob, sondern nur wer wie viel. Das Programm ist primitiv wie wirksam: Pensionsantrittsalter hinauf, Lohnnebenkosten runter, Mindestsicherung kürzen, Arbeitslose drangsalieren, Ausländer raus aus den Sozialleistungen. Mehr und härter arbeiten sollen wir sowieso. Das Gerede, dass alle Opfer bringen müssen, kann aber nur bedeuten, dass die Opferung eine objektive notwendige Form darstellt. So ist es. Diskutiert wird daher, wo reingeschnitten werden soll, wer was zu opfern hat bzw. wer überhaupt geopfert werden soll. Warum fragt niemand? Der Kannibalismus der Konkurrenz ist sakrosankt.
Doch aufgepasst: Wenn es sich finanziell nicht ausgeht, heißt das ja nicht, dass es sich materiell nicht mehr ausginge. Das Gerede von enger zu schnürenden Gürteln ist bei der wachsenden Produktivität ein Irrwitz sondergleichen. Angesagt wäre eine fundamentale Sozialkritik, die den ganzen defensiven Krempel hinter sich lässt und das Leben wirklich unter dem Vorzeichen eines Wunschkonzerts debattiert. Aber das hieße, die Abschaffung von Geld und Opfer ins Auge zu fassen. – Sowieso!
