Kompromittiert

Exkurs über Wein und Liebe

von Franz Schandl

Schmeckt ein Wein vortrefflich, so ist das nicht die Konsequenz seines Rankings durch die Verkostungs- und Bewertungsindustrie, die ihre Zertifikate gleich mitliefert. Das mag, aber das muss nicht korrespondieren. Freude hängt ab von vielen Faktoren: dem Appetit, dem Ambiente, den Gästen, der Räumlichkeit, der Tagesverfassung, dem Vorher und auch dem Nachher, der Einrichtung, dem Personal, der Flasche, den Gläsern, der Weintemperatur, der Außentemperatur, den Erwartungen und Haltungen etc.- Jeder Genuss ist ausgesprochen situationistisch, er ist trotz mancher Kausalitäten weder vorbestimmt noch wiederholbar. 92 Falstaff-Punkte sagen da bedeutend weniger aus als das Erlebnis selbst. Mehr als grobe Linien vermögen sie nicht zu liefern, was sie aber weitgehend bestimmen, das sind die Kaufentscheidungen von Distributoren und Konsumenten. Ist der Geschmack individuell, so das Geschmäcklerische kommerziell.

Die Frage etwa, ob Anatol seine Frau mehr liebt als Berta ihren Mann, wird als abwegig und inferior wahrgenommen, eben weil Liebschaften oder Freundschaften in ihrer jeweiligen Singularität unvergleichlich sind, sie nicht auf einer Wertebene ablaufen, sondern Eigenart begründen und behaupten, wenn auch nicht durchstehen. Die Universalisierung des Vergleichs ist eine durch den Kommerz beschleunigte Anmaßung, nur möglich durch die Reduzierung der Parameter, durch eine ungemeine Verarmung der Sicht. Dabei geht es darum, Sinne zu uniformieren, ihre Varianzen zu beschränken, das Unvergleichliche vergleichbar zu machen. Schablonen und Skalen sind dazu nötig. Sie brechen der Wirklichkeit sämtliche Knochen. Sie wird zusammengehackt, tranchiert und filetiert, spediert und etikettiert. Sobald wir von Waren und insbesondere der Ware Arbeitskraft sprechen, wird alles und jedes durch Wert und Werte komprimiert, kompromittiert, kompostiert.

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