Post-Moderne oder: Die real existierende Absurdität

von Emmerich Nyikos

Brot und Spiele

Wie wir wissen oder wissen sollten, wohnt dem Kapitalsystem ein perpetuum mobile inne, ein Motor, der dieses System, unermüdlich, wie es nun einmal ist, dazu treibt, das Produktivkraftniveau ständig zu heben: die Produktion des relativen Mehrwerts respektive, vom Standpunkt einer jeden aparten Kapitalentität, die Produktion eines Extramehrwerts, und zwar auf dem Weg der Innovation oder, anders gesagt, durch die beständige Verbesserung, die Erhöhung des Wirkungsgrads der Instrumente und Methoden, die im Stoffwechsel mit der Natur Anwendung finden.

Es darf uns dabei keineswegs überraschen, dass, sobald die Wissenschaft der Produktion dienstbar gemacht worden ist, diese Hebung des Produktivkraftniveaus über alle Grenzen hinaus in die Automation der Produktion durch Computerisierung und Robotisierung als ihren Abschlusspunkt mündet – in die Übertragung nicht nur der Führung und des Antriebs des Werkzeugs, sondern auch von dessen Steuerung (des Aspekts der Information) auf Apparaturen: in eine Produktion infolgedessen, die der lebendigen Arbeit nicht mehr bedarf.

Mit anderen Worten: Das variable Kapital wird aus dem System der Tendenz nach völlig eliminiert und mit ihm, mit der lebendigen Arbeit, zugleich auch und in demselben Maße der Wert der ganzen Warenwelt, der sich so asymptotisch auf null reduziert. Was bleibt, das ist konstantes Kapital als substanzlose Form, d.h. die tote Arbeit vergangener Generationen in ihrer konkreten Gestalt, welche, sobald der Produktionsapparat einmal in Gang gesetzt wurde, Gebrauchswerte unterschiedlichster Art gleichsam selbsttätig liefert.

Das aber heißt: Die Arbeiterklasse, die einst Wert, Mehrwert und Kapital produziert hat, löst sich in nichts auf oder, wenn man so will: sie wandelt sich zu einer Klasse, die aus proletarii im eigentlichen, im römischen Wortsinn besteht. Das soll nun nicht heißen, dass sämtliche Lohnarbeit unmittelbar annulliert werden würde, denn der spezifische Charakter des Kapitalsystems bedarf konkreter Tätigkeiten, die vorerst noch nicht automatisiert werden können (auch wenn sie ohne jeden Zweifel im Prinzip durchaus automatisierbar sind) oder, sofern sie bereits automatisiert werden könnten, vorläufig noch auf die herkömmliche Weise ausgeführt werden, hauptsächlich weil das Publikum noch nicht reif für eine Änderung ist: so in den „Dienstleistungsbranchen“ (jenseits des Stoffwechsels mit der Natur), im Handel, im Marketing, in der Werbung, im Bank- und Versicherungswesen, ganz zu schweigen von den Beschäftigten im Staatsapparat (in der Verwaltung, im Schuldienst, bei der Polizei, in der Armee und im Justizapparat), in der Vergnügungsbranche (Theater, Konzertwesen, Film, Radio, Fernsehen, Videoclips) oder im persönlichen Dienstleistungssektor (Raumpflege, Wach- und Leibwächterdienste, facility management und was es dergleichen noch mehr gibt). Nichtsdestotrotz, perspektivisch gesehen, werden auch diese Aktivitäten eines Tages ohne jeden Zweifel automatisiert ausgeführt werden, so dass man davon ausgehen kann, dass auf lange Sicht sämtliche Lohnarbeit sich in den Orkus verflüchtigt.

Wenn wir demnach perspektivisch von proletarii im eigentlichen Sinn sprechen können, von Bürgern, die im Hinblick auf die Produktion keine Funktion mehr erfüllen, so deswegen, weil die automatisierten Maschinen dabei sind, in die Rolle der antiken servi zu schlüpfen, denen einst die Hauptlast der Produktion aufgehalst war.

Aber was geschieht unter diesen Umständen dann mit dem Konsum all der Waren, die der automatisierte Produktionsapparat nach wie vor in rauen Mengen auszuscheiden beliebt? Muss das System, sobald ihm einmal die Konsumenten insofern abhandengekommen sein werden, als sie mit ihrem Lohnarbeiterstatus auch den Lohn als Basis der Kaufkraft verlieren, nicht unweigerlich implodieren?

Nun, das muss nicht so sein. Denn einerseits gibt es Palliative, die die Form von Transferzahlungen annehmen können (cf. das „arbeitslose Grundeinkommen“, das man jetzt schon diskutiert), so wie die proletarii in Rom (und in Konstantinopel) durch die annona, das kostenlose Getreide aus Africa proconsularis (und aus Ägypten), ernährt worden sind; und andererseits kann der Konsum auf die charity zählen, die Spende durch ein neues Wohltätertum – à la Bill Gates und George Soros –, ein Wohltätertum, das dem der antiken euergetai durchaus in nichts nachstehen muss.

Was hindert uns schließlich, in diesem Zusammenhang den Vorschlag Bert Brechts aufzugreifen, den Verdauungstrakt der Reichen medizinisch so zu erweitern, dass sie sich in der Lage befinden, Nahrungsmittelmengen tonnenweise zu speisen? Alternativ dazu – und den Gedanken weitergesponnen – könnte man freilich dann auch an die Konstruktion von Konsummaschinen denken, die den Warenreichtum selbsttätig in Müll transformieren.

Das Brot mithin – und die Spiele? Die fehlen mitnichten. Zwar nicht mehr Circus Maximus und Colosseum, dafür aber Veranstaltungen weitaus größerer Dimensionen, denen gegenüber die römischen circenses wahrlich verblassen: Welt- und Kontinentalmeisterschaften aller Disziplinen, Olympische Spiele, Soccer-Ligen, Champions-League, Copa de Libertadores, American Football und Base-Ball, Ski- und Motorrennen (Weltcup und Formel I) und was es dergleichen noch mehr an Sportereignissen gibt, Misswahlen, Song-Contests, Pop-Events von Madonna und Prince bis hin zu Gaga und Bieber, Love-Parades, Gay-Parades und die Krönung des Ganzen: Computerspiele und Television 24 Stunden am Tag.

Die Fiktion des Profits

Wenn jedoch, wie wir sahen, der Wert der Waren völlig verschwindet, dann wohl auch und nicht minder der Mehrwert, denn dessen Substanz, die Arbeitszeit, die über die Marke hinausgeht, bis zu der sich jeweils der Wert der Arbeitskraft reproduziert hat, reduziert sich offenbar gleichfalls auf null.

Soll das nun heißen, dass das System, das auf dem Profitprinzip gründet, am Schluss ganz von allein implodiert, weil mit dem Mehrwert auch die Substanz des Profits sich verflüchtigt? Keineswegs. Denn auch wenn der Mehrwert verschwindet, so doch nicht das Surplus, der Überschuss in seiner konkreten Gestalt (die Gebrauchsgütermenge, die nach dem Abzug derjenigen Güter verbleibt, die an die Stelle der verbrauchten Produktionsmittel treten), ein Surplus jedoch, das nunmehr völlig auf toter Arbeit beruht: auf der (konkreten) Arbeit der Toten. Der Profit, als Motiv des Systems, wandelt dabei gänzlich sein Wesen: Ist er einstmals die Geld- oder Tauschwertgestalt des Mehrwerts gewesen, so reflektiert er jetzt nur mehr das reine Monopol des Privateigentums, welches sich eben in die Aneignung des Mehrprodukts umsetzt, wobei, weil der Austausch, obgleich obsolet, nach wie vor stattfinden muss (da das Privateigentum dies erzwingt), dieses Surplus so wie zuvor die Geld-, d.h. die Profitform erhält – oder zumindest dem Profit von einst ähnelt.

Die Toten und die Dividende

Mit der Automatisierung des Produktionsapparats, die unaufhaltsam, wenn auch asymptotisch erfolgt, stirbt die Arbeiterklasse allmählich aus: nicht nur (wie bisher) subjektiv, als Klasse für sich (durch den Verlust des Klassenbewusstseins), sondern auch objektiv, als Klasse an sich: Denn wo die Produktion ganz von alleine vor sich geht, da bedarf es offenbar keiner Arbeitskraft mehr, so dass sich die Klasse der Lohnarbeitskräfte in eine permanente Reserve verwandelt, in eine „Reservearmee“, die allerdings keiner mehr braucht und die als Klasse nur mehr pro forma besteht.

Aber auch die Bourgeoisie scheidet völlig aus dem Produktionssystem aus: als Träger von Eigentumstiteln, als Aktionär, und als sonst nichts, ist sie so überflüssig wie die Arbeiter auch. Denn würden, nehmen wir an, die Aktienbündel von den Aktionären in humaner Gestalt auf ihre pets übertragen (auf den Schoßhund oder das Reitpferd), so würde dies das Funktionieren des produktiven Systems nicht einmal peripher affizieren, ja es fiele gar keinem auf: Das Spiel an der Börse, worauf im Wesentlichen sich die „Funktion“ der Aktionäre beschränkt, könnten, seien wir ehrlich, Zufallsgeneratoren genauso gut spielen.

So werden Arbeiterklasse und Bourgeoisie mit der Zeit obsolet und verschwinden als Klassen, auch wenn die Gesellschaft trotz allem ihren Klassencharakter behält: Denn das Privateigentum und die Aneignung des Surplus durch eine Minorität (eine Absorption, die seit jeher als Prüfstein der Klassengesellschaft fungiert hat) bleiben erhalten, auch wenn diese Klassengesellschaft sich dann als „eine Klassengesellschaft ganz ohne Klassen“ geriert.

Oder wenn man so will: Die Klassen, die sich von nun an gegenüberstehen, sind auf der einen Seite die Toten, die wirklich präsent sind (nämlich in den Objektivationen der vergangenen Arbeit in ihrer Gebrauchswertgestalt), und andererseits eine Form ohne Inhalt, ohne Substanz, eine formelle Bedingung – Privateigentum, das nicht mehr als ein Verhältnis fungiert – als Kapitalverhältnis –, eben weil es nicht mehr lebendige Arbeit wie zuvor kommandiert und daher von seiner Vergangenheit zehrt, in dem Sinne nämlich, dass es sich jetzt in einer Rente verwirklicht – kurz: eine Sache, die nicht mehr dasjenige ist, was sie ihrem Begriffe nach sein soll, also, um es mit Hegel zu sagen, eine Sache, die „falsch“ ist.

Geisterstunde

Die bürgerliche Gesellschaft ist tot, aber noch nicht begraben, weil ihre Totengräber ausgestorben sind. Sie spukt also als Wiedergänger herum, als untoter Toter, der sein Unwesen unter den Lebenden treibt. Aus diesem Grunde liegt es nahe, die post-moderne Ära tout court als die Geisterstunde des bürgerlichen Gesellschaftssystems zu betrachten.

Die bürgerliche Gesellschaft ist tot, weil sie unwirklich ist; und sie muss als unwirklich gelten, weil sie nicht mehr notwendig ist. Denn die Notwendigkeit ist, wie Hegel gesagt hat, ein Attribut der Wirklichkeit, insofern nämlich, als das, was eines Grundes entbehrt, genauso gut aufhören oder sich auflösen könnte, auch wenn es nach wie vor existiert – allerdings grundlos. Das System aber hat seinen Grund eingebüßt – Privateigentum, Austausch, Geld und all die anderen Formen sind substanzlos geworden –, weil mit dem Verschwinden des Werts, der Tauschfähigkeit, eben nicht mehr ausgetauscht werden muss. Die Praxis der bürgerlichen Gesellschaft ist demnach sinnlos geworden, und das heißt: obsolet oder, um es mit Mephisto zu sagen – wert, dass sie zugrunde geht.

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