„Romantik“ des Reisens

Streifzüge 57 /2013

von Joseph Roth

Frankfurter Zeitung, 6. Juni 1926

Die Freude, die einer vor einer Reise empfinden mag, ist immer geringer als der Ärger, die sie schließlich verursacht. Nichts ärgerlicher als ein riesiger Bahnhof, der aussieht wie ein Kloster und vor dessen Eingang ich immer einen Moment überlege, ob ich nicht doch lieber die Schuhe ausziehen soll, statt den Gepäckträger zu rufen. Nichts ärgerlicher als ein eisernes Geländer vor einer vergitterten Kasse. Vor mir schwebt ein Rucksack. Hinter mir stößt mich ein eiserner Stab, der durch die Ösen eines Strohkorbes gezogen ist. Ich muss mich tief bücken, um dem von aller Welt abgeschlossenen Schalterbeamten mein Fahrziel anzugeben. Er hat nur ein einziges offenes Quadrat, durch das er Geld entgegennimmt und Geräusche. Ich wundere mich immer, dass er nicht lieber mit den Händen hört…

Vom Gepäckträger, der alle meine Koffer hat, weiß ich nichts mehr als eine Nummer. Ich muss mich auf sein Physiognomiegedächtnis verlassen. Wie wenn er keines hätte? Wie, wenn sich ein Doppelgänger fände? Wie, wenn dem Träger was Menschliches zustieße? Mein Freund muss eine Bahnsteigkarte haben, will er mich begleiten. Wozu Bahnsteigkarten? Das Betreten der Geleise ist ja ohnehin verboten. Das Betreten des Perrons muss gebüßt werden. Ein Mann der den Bahnsteig betritt, um nicht zu fahren, bleibt doppelt zurück. Man könnte ebenso gut von allen Karten verlangen, die nur den Bahnhof betreten.

Unverschämt hohe Trittbretter führen zu meinem Kupee. Warum nicht gleich Leitern? Man klettert in den Wagen wie auf einen Dachboden zum Wäschetrocknen. Die Abteile sehen aus wie Zündholzschachteln, die auf einer ihrer Reibflächen stehen. Die Sitze sind so raffiniert gebaut, dass zwischen meinen Knien und denen meines gegenüber sitzenden Mitreisenden kein Platz mehr ist. Wir könnten ein Schachbrett auf unseren Knien aufstellen. Wir können die Augen nicht aufschlagen – wir müssen uns sofort ansehen. Haben wir Pech, sitzen wir zwischen zwei oder drei Menschen. Um eine Zigarette aus der Tasche zu nehmen, müssen wir dem Nachbarn den Ellenbogen in die Brust stoßen.

Die sogenannte Musik des Räderrollens empfinden wir als Hammerschläge auf das Kleinhirn und die Schläfen. Strecke ich ein Bein aus, so muss ich im nächsten Augenblick die Hose des Nächsten bürsten. Und fortwährend sehen wir einander an: wenn wir Äpfel schälen, Wurst essen, Orangen öffnen. Manchmal spritzen wir uns gegenseitig Saft südlicher Früchte in die Augen.

Unsere Hände, unsere Kragen, unsere Hemden, unsere Taschentücher werden schwarz. Die Lokomotive schüttet Russ auf mein Angesicht. Oft fährt sie tückisch durch sogenannte Tunnels, auf die die ganze Technik stolz ist. Wir fahren durch Unterwelten und sind keine Grubenarbeiter. Wenn wir ein Fenster öffnen, protestieren die Erkälteten. Sechsmal muss ich um Verzeihung bitten, wenn ich hinaus will. Notsignale sind mit Plomben versehen. Wenn man sie zieht, zahlt man Strafe. Bei Meinungsverschiedenheiten entscheidet der Schaffner. Immer zu meinen Ungunsten…

Wenn ich einen Schlafwagen nehme, teile ich einen schmalen Verschlag mit einem dicken Herrn. Geteilte Nächte sind halbe Nächte. Man fährt leider nach Geschlechtern getrennt. Ehefrauen müssen erst nachgewiesen werden. Wenn ich Mittag esse, zittern die Teller und Kellner, Weinflachen stehen gefesselt in eisernen Ringen. Wehe, wenn man sie befreit! …

Schaffner wechseln oft, wie Aprilwetter. Sie zeichnen Striche auf die Fahrkarten. Einfache Striche. Dazu müssen sie mich wecken. Diese kunstlosen Striche (aber selbst Löcher) mache ich selbst ebenso gut. Oberschaffner kontrollieren dann die Striche der Schaffner. Von Gepäcknetzen drohen tödlich schwere Koffer, die ihr Gleichgewicht nicht finden. An Grenzen kommen Zollwächter und rauchen meine Zigarren. In den Korridoren hängen Beil und Säge hinter einer Glasscheibe und gemahnen an Unfälle.

Wenn man ankommt, fällt man über Koffer. Wenn man einen im Gepäckwagen hat, muss man eine Stunde warten. Alle Bahnhöfe sind verschwenderisch weit und hoch gebaut. Aber nur durch ganz schmale Pforten kann man ins Freie kommen. Alle Fahrkarten muss man abgeben. Was macht die Eisenbahndirektion mit all diesen alten Pappendeckeln?

Kein Mensch ist schlimmer dran als ein Reisender. Es ist merkwürdig, dass diese mittelalterliche, schikanöse Art des Reisens allen so romantisch vorkommt. Unsere Kleider sind zerstört. Heiße Würstchen und kaltes Bier ruinieren unsere Magen. Wir haben gerötete Augen und fette, schmutzige Hände. Und bei all dem sind wir glücklich! …

Im Kino sehe ich manchmal die Salonwagen amerikanischer Millionäre. Sie diktieren Sekretärinnen in die Schreibmaschine. Sie sitzen in Wannen und baden, während sie fahren. Ein Neger frottiert sie. Eine Köchin bereitet ihnen Leibspeisen zu. Manche fahren in Salonautomobilen, sie sind nicht einmal von Schienen abhängig. Manche Fliegen in Aeroplanen, kapitalistische Vögel. All das könnten wir auch verlangen. Die Fahrkarten sind teuer genug. Wir müssten nicht auch noch Kinoplätze bezahlen.

Unsere Fahrzeuge, die sogenannten Verkehrsmittel, sind weit hinter unserer Zeit zurück. Sie stehen in keinem Verhältnis zu unserem Stolz auf die „Errungenschaften“ und zur Verachtung, die wir für die Postkutschen haben. Die Eisenbahnabteile sind den Postkutschen ähnlicher, als die Eisenbahnbehörden glauben. Im Zeitalter des Radios knipst man noch Löcher in Pappendeckel! Die Zeitgenossen des lenkbaren Luftballons schleppen schwere Koffer! Wir erwägen schon Reisen zum Mond. Wir wollen nächstens den Mars besuchen. Wir haben die Relativitätstheorie gefunden. Aber weil wir sie nicht verstehen, haben wir doch noch keine Veranlassung, auf Hühnersteigen zu schlafen, wenn wir Betten bezahlen.

Die modernen Aeroplane sind schon komfortabler als die Eisenbahnen. Wenn ich Aphorismen machen wollte – ich mache keine –, würde ich sagen: Es ist bequemer, von einem Aeroplan abzustürzen, als mit der Eisenbahn zu landen. Für Zugzusammenstöße gibt es keine Fallschirme. Auch Schwimmgürtel suche ich vergebens auf Lokomotiven…

Mit achtzig Kilometer Geschwindigkeit in der Stunde ist man immer noch langsamer als die Zeit. Die Zeit macht hunderttausend Kilometer in der Sekunde. Während ich im fahrenden Zug sitze, laufe ich ihm weit voraus. Das ist der Sinn der Relativitätstheorie…

Meine Photographie kann ich in einer Sekunde telegraphisch übermitteln. Mich selbst übermittle ich erst in zwölf Stunden. Wenn ich angekommen bin, sehe ich mir gar nicht mehr ähnlich. Man kann sich nicht im Zug rasieren. Die Toilette kann man auf Stationen nicht benutzen. Während der Fahrt ist sie besetzt.

In der dritten Klasse sitzt man auf Holzpritschen, wie in Kerkerzellen. Wenn einer die Lampe auslöscht, müssen alle schlafen. Zeitungen kann man nicht lesen, weil es finster ist. Wenn das Licht brennt, zittern die Zeilen des Leitartikels. Nur aus Verzweiflung hält man das Feuilleton straff über dem Knie.

Wenn man den Kopf zum Fenster hinausstreckt, hat man ihn verloren. Er liegt in einem Brunnen. Wenn man sich gegen eine Tür lehnt, fliegt man hinaus wie eine Orangenschale. Dabei ist das Hinauswerfen harter Gegenstände verboten…

Jedes „Übertreten der Vorschriften wird geahndet“. Gepäckdiebe kann man „zur Anzeige bringen“. Sie sind um keine Preis der Welt dazu zu bringen. Wer Angaben macht, die zur Eruierung des Diebes führen, erhält eine Belohnung. Aber wer es einmal versucht hat, weiß wie schwer es ist, von der Eisenbahn Belohnungen zu erhalten.

Im Gegenteil: Man muss oft „nachzahlen“. Man bekommt sogar Quittungen. Man kann sie vor den Spiegel in der Toilette stecken. Er ist ohnehin blind.

Das Abspringen ist verboten. Das Abspringen nur Verbrechern gestattet. Anständige Menschen kriegen die Tür gar nicht auf, es sei denn, dass sie sich gegen sie während der Fahrt lehnen. Kinder sind an der Leine zu halten. Hunde dürfen nicht in den Wagen genommen werden. Aber für redselige Reisende sind keine Maulkörbe vorgeschrieben…

Es gibt Luxuszüge, D-Züge, Schnellzüge, Personenzüge, verschiedene Taxen, verschiedene Klassen, Vorschriften Hemmungen, Verbote. All das empfindet man „romantisch“.

Dennoch ziehe ich es vor, in einem D-Zug erster Klasse nach Monte Carlo zu fahren, als zu Fuß eine Steuererklärung auszufüllen…

Anmerkung der Redaktion der Frankfurter Zeitung: Wir können der Leserschaft versichern, dass der Verfasser unbeschadet der geschilderten „Romantik“ selten zu Hause anzutreffen ist.

 

Aus: „Sehnsucht nach Paris, Heimweh nach Prag – Ein Leben in Selbstbekenntnissen“, herausgegeben und mit einem Nachwort von Helmut Peschina, Köln 2006.

Anmerkung von Maria Wölflingseder: Joseph Roth (1894–1939) war einen Großteil seines Lebens unterwegs. Ein Zuhause hatte er bis auf wenige Monate nie. Er lebte in Hotels und schrieb in Kaffees und Bistros.

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