Traurig

Streifzüge 56/2012

von Petra Ziegler

Am besten ganz großes Theater. Trifft hemmungslose Prahlerei im Allgemeinen eher auf Missbilligung, kann sich mit weit besseren Erfolgsaussichten der Anteilnahme des jeweiligen Umfelds versichern, wer laut genug sein Leid beklagt. Selbstdarstellerisches Talent vorausgesetzt, avanciert eins so zum Mittelpunkt, zieht Augen und Ohren auf sich, macht jede Gelegenheit zur Bühne. Im Ringen um Aufmerksamkeit bringt gekonntes Frustablassen Punkte. Immerhin Troubles – selbst wer sonst kaum was hat, bleibt damit im Rennen.

Leise Traurigkeit verblasst neben wuchtig inszeniertem Unglück. Mit Traurigkeit ist nichts anzufangen. Weder als melancholischen Weltschmerz lustvoll ersäufen, noch als schicke Tristesse begrüßen kann eins sie. Traurigkeit ist und macht wenig anziehend, sie lässt sich so recht weder aus- noch vorführen. Sie behindert unzulässig die Betriebsamkeit, was einzig im Trauerfall noch toleriert werden kann, und taugt wenig zur Geschäftemacherei. Das macht das (erfolgreiche) Bemühen der Pharmafirmen nachvollziehbar, derlei Missstimmung als depressive Störung zu klassifizieren und entsprechend zu medikalisieren.

Es ist ein Gefühl, „als ob die Seele unwohl wäre“ (Kästner), Bedrücktheit, eine Neigung zu Rückzug, gemischt mit Wehmut und Trennungsschmerz. Durchaus unverhofft – eins ist ja nicht aus irgendeinem Wolkenkuckucksheim gefallen oder hat halluziniert – scheint rundum alle Perspektive verbaut. Die Anlässe sind so vielfältig wie inkommensurabel: Abschied (für immer, von der Jugend oder auch nur vom Sommer), eine zerbrochene Freundschaft, (kollektive) Verblendung, der Gedanke an Mögliches und doch Unverwirklichtes, vergebliche Mühe, eine (im schlimmsten Fall selbst) versagte Freude, aus Unachtsamkeit Versäumtes; ja, auch verloren gegangene Träume gehören hier her; eine nicht geglückte Annäherung, mit Gelderwerb vergeudete Zeit…

Eher unfreiwillig von der Rolle, sind uns Rückkehr und Wiedereinordnung ins zeitgenössische Getriebe erschwert. Eins müsste sich dazu erst überwinden, müsste. Zögert eins an diesem Punkt, haben wir einen Moment individueller Ver-Weigerung. Viel ist das nicht. Die Stimmung kann kippen, in Resignation, sentimentale Verklärung, egozentrische Nabelbeschau, kann sich in endloser Selbstspiegelung verlieren. Oder eins greift zu psychoaktiven Substanzen und schluckt’s runter.  Gesellt sich Wut dazu, bringt das vielleicht eher wieder in Fahrt, aber ebenso leicht ins alte Fahrwasser.
Traurig ist eins meist aus „gutem“ Grund. Hier rührt sich eine Ver-/Mittlerin zwischen dem, was ist, und dem, was sein kann (mitunter auch: gewesen ist), zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. Weniger Wegweiserin, eher Indikator, ein jedenfalls deutlicher Hinweis auf Fehlendes. Da will nicht hingenommen werden, erst recht nicht, was sich vermeiden lässt.

Die Nicht-Notwendigkeit der herrschenden Zustände ist geradezu das Charakteristikum unserer Zeit, macht sie skandalös und unannehmbar. Wann immer uns vorgerechnet wird, wie viel an monetären Mitteln nötig wäre – für die Versorgung aller mit Essentiellem etwa, für dies oder jenes –, heißt das in Wahrheit: Es ist machbar! Wir können das! Nicht, es wäre vorstellbar irgendwann, in hundert Jahren vielleicht…, sondern: Jetzt! (Oder allenfalls, sobald das Nötige herangeschafft ist.) Dass unsere Wirklichkeit eine andere ist, liegt nicht an mangelnden Fähigkeiten oder Kenntnissen, nicht an technischem oder logistischem Unvermögen, nicht mal am Unwillen, an Gott oder Teufel, schlechtem Karma oder irgendeiner menschlichen Natur. Es ist der verrückten Gewohnheit geschuldet, allem, was es so braucht, auch noch Wert anzudichten. Das ist uns ganz selbstverständlich geworden, nennt sich Geld und bestimmt die Regeln: Nur was sich rechnet, darf wirklich werden, Machbarkeit entscheidet sich an Finanzierbarkeit. Und so gut wie alle glauben dran.

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