Entfremdung?

Streifzüge 50/2010

von Günther Anders

Denn dieser von Marx eingeführte und nun von Allen, auch Nichtmarxisten, auch Halbgebildeten nachgeplapperte Terminus war von Beginn an wenig glücklich. In den Ohren genau Hörender müsste der eigentlich (parallel etwa zu „Enteisung“ oder „Entfettung“ bedeuten: etwas seiner Fremdheit oder Befremdlichkeit entkleiden; und nicht umgekehrt, wie Marx es gemeint hatte, und wie es die Erben des Terminus ebenfalls meinen, etwas fremd oder befremdlich machen.1 Wer fortfährt, den Ausdruck zu verwenden, der darf das eigentlich nur dann tun, wenn er bewusst die dem Marxschen Sinne entgegengesetzte Bedeutung mit ihm verbindet – was allerdings der Wahrheit entspräche. Denn den Politikern, Industriellen, Ingenieuren und Arbeitern liegt ja nichts ferner, als ihre enormen Leistungen und Effekte, also z.B. die hergestellte atomare Gefahr, in etwas „Fremdes“ zu verwandeln.

Umgekehrt liegt ihnen ja ausschließlich daran, die unvorstellbar großen, ihnen und uns durch diese ihre Größe total fremd bleibenden Zielsetzungen und Effekte sprachlich so zu behandeln, als gehörten diese zum Alltäglichsten, Selbstverständlichsten und Vertrautesten ihres und unseres Lebens; sie also ihrer Fremdheit oder Befremdlichkeit zu entkleiden – kurz: sie (nun im korrigierten Sinne des Terminus) zu „ent-fremden“.

FN 1 Brecht, dessen Ohr untrüglich war, war das längst aufgefallen. Schon vor 60 Jahren hat er das unglückliche Verb „entfremden“ für seine Theateranweisungen durch das andere „verfremden“ ersetzt; das freilich zur Charakterisierung dessen, was wir nun im Auge haben, auch nicht geeignet wäre.

Aus dem Manuskript zum Dritten Band der „Antiquiertheit des Menschen“; zuerst veröffentlicht in: „Sprache und Endzeit“ (VI) § 31, FORVM Nr. 433-435, Heft Jänner-März 1990, S. 17. Mit freundlicher Genehmigung von Gerhard Oberschlick.

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