Schöner Wohnen – in der Kommune

von Peter Pott

Wer seine Individualität mit der eines anderen Individuums belastet, schränkt die eigene nicht ein. Er schränkt sie ein, wenn er sie als Arbeitskraft verkauft, mit der Institution der Ehe belastet, sie in ein Eigenheim zwängt. Ohne Einschränkung assoziiert sich die individuelle Lebensäußerung des einen − ein unwiederholbares Lächeln, ein unwiederholbarer Tanzschritt, eine einmalige Wortwahl z.B. – den Lebensäußerungen des anderen Individuums und erweitert und bestärkt dessen Ausdrucksvermögen. An die Stelle herrischer Abmachungen, die die individuellen Lebensäußerungen als abgemacht ausmachen, den tastenden Tanzschritt als Bemühen, den Standardtanz zu tanzen, den Singsang der Sprache als Zuspruch zum Abgesprochenen, das sinnende Lächeln als Zustimmung zum Vorbestimmten tritt eine Assoziation von Individuen, die einander zugetan sind und den Staat und seinen Befehl zur Treue überflüssig macht, doch nicht die Sache, die sie vereint, ein Haus z.B., das ihnen auch Unterkunft bietet – und nicht nur Unterschlupf: ein Haus, das schwer enttäuscht wäre, wenn seine Bewohner sich weigerten, ihr miteinander belastetes Leben auf es zu übertragen und Kräfte in ihm anzusprechen, die seinen „beengten und beengenden gesellschaftlichen Zustand über sich hinaus treiben zu einem menschenwürdigen hin“ (Adorno: Noten).

Haus und Zuhause

Es gehört zu „meinem Glück“, bekennt Nietzsche, „kein Hausbesitzer zu sein“. Man muss heute hinzufügen, meint Adorno: „Es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein“ (Adorno: Minima, S. 41). Vorausgesetzt: „Das Haus ist vergangen“ (ebd.) – und lässt sich nicht wieder beleben. Adorno sieht da keine Chance. „Die Möglichkeit des Wohnens wird vernichtet von der der sozialistischen Gesellschaft, die, als versäumte, der bürgerlichen zum schleichenden Unheil gerät. Kein Einzelner vermag etwas dagegen“ (ebd.). Natürlich nicht. Zwei, drei, vier Menschen, die im Gespräch, im Tanz oder weiß wo sich als „Fahrzeug“ zu „schöner bewegtem Sein“ erfahren haben und für dieses „Fahrzeug“ eine Bleibe suchen, vermögen durchaus etwas dagegen. Sie können, was ein Einzelner nicht kann. Sie können ein Haus besetzen, in dem man auch wohnen kann. Sie müssen es, wenn ihr „Fahrzeug“, das sie sind, Bestand haben soll – und nicht in seine Einzelteile zerfallen, die dann nur irgendwo Unterschlupf finden können.

Die Frage der Unterkunft kann nicht nur die Frage sein, wie ihr mit Sachverstand beizukommen ist. Die Frage muss immer auch sein, was zu tun und zu lassen ist, damit sie sich als menschenwürdig erweist. „Bei allen Gedanken muss man also die Menschen suchen, zu denen hin und von denen her sie gehen, dann erst versteht man ihre Wirksamkeit“, so Bertolt Brecht (Me-ti, S. 18). Bei Marx heißt das: „Das menschliche Wesen der Natur ist erst da für den gesellschaftlichen Menschen; denn erst hier ist sie für ihn da als Band mit dem Menschen, als Dasein seiner für den andren und des andren für ihn, wie als Lebenselement der menschlichen Wirklichkeit, erst hier ist sie da als Grundlage seines eignen menschlichen Daseins. Erst hier ist sein natürliches Dasein sein menschliches Dasein und die Natur für ihn zum Menschen geworden. Also die Gesellschaft ist die vollendete Wesenseinheit des Menschen mit der Natur, die wahre Resurrektion der Natur, der durchgeführte Naturalismus des Menschen und der durchgeführte Humanismus der Natur“ (Ernst Bloch, S. 537f.).

„Also die Gesellschaft“ − die Bewohner des Hauses, und zwar alle, Männer, Frauen, Kinder, gleichgültig, über welchen Sachverstand sie verfügen – ist die Grundlage des menschlichen Daseins des Hauses, das auf dieser Grundlage nicht als Wertobjekt da ist, sondern als gegenständliches Band, das den einen mit dem anderen „in seinem individuellsten Dasein“ (ebd. S. 535) verbindet und das „Lebenselement der menschlichen Wirklichkeit“ ist. Dazu müssen sie das Haus allerdings auch haben, wie sie auch andere Dinge haben müssen, die, wie die Dinge liegen, nur als Wertobjekte zu haben sind. Geld macht es möglich.

Geld macht das Unmögliche möglich. Es „zwingt das sich Widersprechende zum Kuss“, verwandelt „den Blödsinn in Verstand, den Verstand in Blödsinn“ (ebd.). Es kann Misstrauen mit Vertrauen, Treue mit Untreue, Hass mit Liebe verwechseln. Es kann niemand ermächtigen, sich mit einer „Lebensäußrung als liebender Mensch … zum geliebten Menschen“ zu machen (MEW EB, S. 566f.). Geld macht nicht glücklich! Doch wo es regiert, ist ohne Geld nichts zu machen. Man muss es haben.

Eigentum haben

Man muss „Eigentum haben“, wie Adorno schreibt, „wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortbestand des Besitzverhältnisses zugute kommt“ (Adorno: Minima, S. 42). Und dafür muss man in der Regel zur Arbeit gehen – und mit seinen „Humanressourcen“ einen Produktionsapparat beliefern, der einem nicht gehört. Was man nicht muss? Man muss sein privat erworbenes Eigentum nicht unbedingt privat verzehren. Man kann es auch kommunistisch genießen. Um aber nicht da zu enden, wohin die Reise im Zuge des kapitalistisch bestimmten technischen Fortschritts ohnehin führt −, nicht in jener Nacht, in der alle Katzen grau sind, jedes menschliche Individuum als „Humankapital“ erscheint, das völlig uneigensinnig jede seiner Aktivitäten auf die Dynamik des kapitalistischen Verwertungsprozesses ausrichtet −, ist mit dem negativen auch „das positive Wesen des Privateigentums“ zu erfassen – und eine Kommune zu bilden, die die in der Konkurrenz dumm und einseitig verteidigte und im Arbeitsprozess zerriebene bürgerliche Bildung vielseitig und produktiv nutzt.

Wenn Weib und Kind und natürlich auch der Mann innerhalb der Kommune aus dem „Verhältnis der exklusiven Ehe mit dem Privateigentümer“ heraustreten, so verabschieden sie sich doch nicht von ihren individuellen Differenzen – und damit auch nicht von deren gesellschaftlicher Natur, der ein differenziertes gesellschaftliches Verhältnis nur lieb und teuer ist. Statt sich den Spielraum zu einer individuellen und somit gesellschaftlichen Bestimmung ihres Lebens und Daseins weiter einengen zu lassen, ist der Ausbau des Spielraums ihr ausdrückliches − nein: nicht ihr Programm, nicht „ein Zustand, der hergestellt werden soll“. Es geht nicht um den Ausbau einer Räumlichkeit, der Subjekte voraussetzt, die den ausgebauten Raum schon in ihrem „Kopf gebaut“ haben, bevor sie ihn materialisieren. Der Ausbau oder besser gesagt: die Ausweitung des gesellschaftlichen Spielraums der Individuen, die die positive Aufhebung des Privateigentums beinhaltet, beinhaltet logischerweise auch die positive Aufhebung der Privatperson: die bewusste und willentliche Rückkehr des bürgerlichen Subjekts „in sein menschliches, d.h. gesellschaftliches Dasein“, in dem die Individuen ohne Angst verschieden sein können, ihre furchtlos geäußerten Einfälle sich zu einer Vorstellung von der Wirklichkeit vermitteln, die die alte aufhebt. Und das nicht nur im Spiel, sondern mit der Kraft, die Fakten schafft − und Arbeit heißt, mit der die Gemeinschaft sich als Produktionsapparat setzt, mit dem sie sowohl ihr sachliches wie auch ihr lebendiges Vermögen, die Qualität und Quantität der ihr zur Verfügung stehenden Produkte und ebenso ihre Produktivkraft vermehrt. Fragt sich allerdings, ob das eine möglich ist, wenn das andere nötig ist: ob „das wirkliche Leben, das den jetzigen Zustand aufhebt“ (Marx), sich so zu organisieren vermag, dass es den herrschenden Zuständen auch tatsächlich trotzen kann, wenn doch die Trotzigen nicht umhinkönnen, sich den Anmaßungen der herrschenden Klasse zu beugen.

Richtiges Leben

Adornos Feststellung, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gibt, ist wenig ermutigend. Sie trifft nur bedingt zu. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass das Leben nie das richtige ist, es das richtige immer noch vor sich hat – und dieses Vorhaben im falschen Leben auch lebt. Es gibt im falschen Leben ein richtiges, das das falsche aufhebt: „die wirkliche Bewegung“, die Marx und Engels kommunistisch nennen, „welche den jetzigen Zustand aufhebt“ (MEW 3, S. 35). Diese Bewegung gibt es unter jeder Bedingung. Es gibt nicht immer und überall, gibt nirgends, gab nie Bedingungen, unter denen das richtige Leben sich ohne Einschränkung auch zu realisieren vermochte. Stets unterlag es staatlichen Beschränkungen, wenn auch lange nicht in der umfassenden Weise des modernen bürgerlich-kapitalistischen Staates. Es gibt auch in diesem falschen Leben ein richtiges, das dem falschen trotzt – und bei allem Trotz sich beugt. So tief inzwischen, dass Zweifel erlaubt sind, ob es je wieder aus seinem Tiefsinn auftaucht, um über den oberflächlichen Erfahrungsaustausch menschlicher Individuen wieder richtig in Form zu kommen, die abgetauchte wirkliche Bewegung sich auf eine Gesellschaft zubewegt, die vermeidet, „die Gesellschaft … als Abstraktion dem Individuum gegenüber zu fixieren“ (MEW EB, S. 539). Der Zweifel bleibt, auch wenn nicht zu zweifeln ist, dass genügend Spielraum ist, sich der routinierten Verbeugung vor der Herrschaft des Interesses zu entziehen – und sich auf eine liebenswürdigere Lebens- und Arbeitsweise zu besinnen als die, der die Individuen notgedrungen nachgehen müssen. Dass die Masse diesen Spielraum dann doch nicht nur verspielt, beweist schon die Masse „Schwarzarbeit“, in der mit mehr Liebe als sonst und guten Bekannten ein Haus gebaut oder sonst eine Arbeit gemeistert wird, die dem offiziellen Arbeitsmarkt im wahrsten Sinne des Wortes abhanden kommt. Sie beweist allerdings auch, dass Individuen, die sich zusammentun und mit schwarzer Arbeit der weißen trotzen und weitergehen als die Polizei erlaubt, doch in der Regel nicht weit genug gehen, um dem richtigen Leben im falschen eine wirkliche Chance zu geben, die verlangt, dass die schwarz miteinander verbundenen Produzenten ihr Produkt nicht auf den Markt tragen, sondern es auch gemeinsam genießen, das miteinander gebaute Haus auch miteinander bewohnen und so gewohnheitsmäßig mit mehr Liebe zur Sache kommen, mehr Leben im Haus sich abspielt. Es läge nahe.

„Der Kommunismus ist wirklich die geringste Forderung, / Das Allernächstliegende, Mittlere, Vernünftige“, heißt es in dem Anfang der 1930er Jahre geschriebenen Gedicht „Der Kommunismus ist das Mittlere“ von Bertolt Brecht. Er bietet „die praktikablen Erkenntnisse“, so erläutert Walter Benjamin brieflich Brechts Gedicht Werner Kraft, „die unfruchtbare Prätension auf Menschheitslösungen abzustellen, ja überhaupt die unbescheidene Perspektive auf totale Systeme aufzugeben, und den Versuch zumindest zu unternehmen, den Lebenstag der Menschheit ebenso locker aufzubauen, wie ein gutausgeschlafener, vernünftiger Mensch seinen Tag antritt“ (zitiert nach Erdmut Wizisla, S. 272).

Schwarzarbeit, die so weit nicht geht, dass die in ihr unvermeidlichen menschlichen Begegnungen sich auch als „das energische Prinzip der nächsten Zukunft“ (Marx) organisieren, hat kaum eine Chance, „die unfruchtbare Prätension auf Menschheitslösungen abzustellen“. Die Produzenten bleiben dem Tiefsinn verhaftet, der sie an „die unbescheidene Perspektive auf totale Systeme“ kettet. Von der Erfahrung ihrer produktiven Energie berauscht und praktisch mit Auge und Ohr, mit allen fünf Sinnen darauf eingestellt, mehr mit- und füreinander zu tun, erleben sie mit dem Rückzug ins „Privatleben“ die kollektive Erfahrung des Rausches als private Potenz, mit der sie die gesellschaftliche Macht, die ihnen noch zu eigen ist, als belanglos abtun und lieber ihr Leben lassen, als das „Allernächstliegende, Mittlere, Vernünftige“ zu tun.

Welche Macht sie noch haben? Sie haben ein mehr oder weniger ausgekochtes Leben, das trotz eindringlicher Verformungen die „revolutionäre Energie“ besitzt, die versteinerten Verhältnisse immer wieder zum Tanzen zu zwingen, um in dem „Ausnahmezustand, in dem wir leben“, die individuelle Energie als gesellschaftliche Macht zu erleben, mit der sich auch „schwarz“ arbeiten lässt. Wenn sie die Chance nicht nutzen bzw. sie nicht weitgehend genug nutzen, zwar mit mehr Liebe als sonst und guten Bekannten ein Haus sich bauen, doch dieses Haus nicht nutzen, um es mit den ihm „schwarz“ verbundenen Produzenten auch zu bewohnen und mit ihnen gewohnheitsmäßig mit Liebe zur Sache zu kommen, dann… Dann sollten sie nicht nur die Herrschenden anklagen und darüber klagen, dass „die Möglichkeit des Wohnens … von der der sozialistischen Gesellschaft“ vernichtet wird, „die, als versäumte, der bürgerlichen zum schleichenden Unheil gerät“. Wie Adorno klagt (Minima, S. 41). Sie sollten stattdessen das Versäumte nach Maßgabe des Möglichen unversäumt nachholen.

„Kein Einzelner vermag etwas dagegen.“ Wendet Adorno ein. Kein Einzelner aber ist so vereinzelt und bar aller Mittel, um sich und seine Mittel nicht einem Verein von „Bekannten, Erreichbaren, viele Kennenlernenden und Erreichenden in der Masse der Unbekannten“ anvertrauen zu können (Brecht) und damit eine Wohnung zu beziehen, in der anders als in den „traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind“, nicht „jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie“ zu bezahlen ist (Adorno: Minima, S. 40), sondern mehrere Familien eine Wohngemeinschaft bilden, die ihr vereintes Privatvermögen nicht nur vereint verzehren, sondern auch als Mittel zu ihrer Produktion nutzen. Aber wer will das schon? Adorno nicht. Er ist überzeugt: „Das beste Verhalten all dem gegenüber scheint noch ein unverbindliches, suspendiertes: das Privatleben führen, solange die Gesellschaftsordnung und die eigenen Bedürfnisse es nicht anders dulden, aber es nicht so zu belasten, als wäre es noch gesellschaftlich substantiell und individuell angemessen. … Die Kunst bestünde darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, dass das Privateigentum einem nicht mehr gehört…; dass man aber dennoch Eigentum haben muss, wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortschritt des Besitzverhältnisses zugute kommt. Aber…“, so muss Adorno eingestehen: Die Verteidigung des Privateigentums ist „schon in dem Augenblick, in dem man sie ausspricht, eine Ideologie für die, welche mit schlechtem Gewissen das Ihre behalten wollen“ (S. 41f.).

Adorno entschuldigt sich: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ (ebd.). Stimmt. Es gibt in den herrschenden Verhältnissen für das menschliche Miteinander keine richtige, keine glückliche Lösung. Es gibt aber eine bessere als die, die Adorno vorschlägt. Deren Kunst bestünde darin, mit dem privaten Eigentum, das man haben muss, „wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortschritt des Besitzverhältnisses zugute kommt“, ein Privatleben zu führen, das sich nicht nur moralisch für unangemessen hält und nur theoretisch für ein anderes Leben spricht. Es bleibt dabei: Nicht genug, dass man „die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern“ (MEW 3, S. 7), wenn nicht im Ganzen, dann doch im Kleinen.

Auch wenn die Gesellschaftsordnung nur ein privat geführtes Leben duldet, so muss man doch keineswegs so geduldig wie Adorno auch die aufs Privatleben eingeschworenen Bedürfnisse dulden – und Verhältnisse ertragen, die unerträglich sind. Zumal die eigenen Bedürfnisse gar nicht so geduldig sind – und ungeduldig darauf bestehen, dass mehr Leben ins Haus kommt, als die bürgerliche Hausordnung vorsieht: die Aufregung, die von draußen kommt, die schon mit der Geburt eines und aufregender noch mit der mehrerer Kinder ins Haus kommt, und die dann auch noch zahllose fremde Kinder mitbringen.

Der frische Wind, der mit Kindern ins Haus kommt und seine Behaglichkeit tilgt, wird freilich nur bleiben und den Muff vertreiben, wenn der Hausherr seine Beherrschung verliert – und ihm die fremden Kinder so lieb sind wie die eigenen und diese ihm durch ihre Zuneigung zu den fremden noch lieber werden. Womit er auch das Verhältnis zu seiner Frau aufs Spiel setzt, die als Mutter ihren Mutterstolz hat, der sie zwingt, sich unsterblich in das Leben zu verlieben, das sie ohne viel Bedenken zur Welt gebracht hat. Nicht auszuschließen, dass der Mutter Bedenken kommen, das eigene Leben in dem ihrer Kinder zu suchen, statt mit einem eigenen in das der Kinder zu treten. Denkbar, dass die Gattin die Unbeherrschtheit des Gatten, die ihm die Vater- und ihr die Mutterrolle verleidet, nicht länger entsetzt − und sie ermuntert, für das sich auflösende und mit fremden Lebensweisen sympathisierende Familienleben ein Unterkommen zu suchen, in dem es mit anderen Familien unterkommt, die es satt haben, „mit schlechtem Gewissen das Ihre zu behalten“.

Dass man „Eigentum haben muss, wenn man nicht … in Abhängigkeit und Not geraten will“, ist keine Frage. Die Frage ist, ob man es für sich allein haben muss. Man muss es nicht! Wenn man das Privateigentum auch nicht allgemein aufheben kann, so kann man doch sein Eigentum, ohne in Not und Abhängigkeit zu geraten, mit dem Eigentum anderer zusammentun – und zugeben, dass das zusammengetane Eigentum nicht nur nicht „einer lieblosen Nichtachtung für die Dinge“ Vorschub leistet, „die notwendig auch gegen die Menschen sich kehrt“, wie Adorno befürchtet (ebd.), sondern eher einer liebevolleren Beachtung der Dinge und notwendigerweise auch der Menschen dient.

Statt die Dinge, die man geerbt, durch Arbeit oder sonst eine Beschäftigung in seinen privaten Besitz gebracht hat, im Privatbesitz zu belassen, sie nur als Mittel zur Sicherung und Erweiterung der privaten Existenz wertzuschätzen, lassen sie sich bei gutem Willen auch als gesellschaftlich produziertes und so zu produzierendes Eigentum genießen – und das nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. Das „ist wirklich die geringste Forderung“. Sie fordert nicht, den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun – und mit der wertlosen schwarzen Arbeit keiner wertvollen Lohnarbeit mehr nachzugehen. Das kann sich kein Arbeiter leisten. Er bleibt, so reichhaltig auch die Eigenproduktion ist, auf die Mittel angewiesen, die das Kapital der Kapitalisten bilden, so dass er notgedrungen aus dem Haus heraus und zur Arbeit gehen bzw. surfen muss, um das „Spiel seiner eignen körperlichen und geistigen Kräfte“ (MEW 23, S. 193) in einer Anordnung zu genießen, mit der nicht zu spielen ist. Anders als dort, wo er mit „Bekannten, Erreichbaren“ zu Hause ist. Da kann der Arbeiter das Spiel seiner körperlichen und geistigen Kräfte auch in eigener Anordnung genießen – und das durchaus auch zu produktiven Zwecken: in der Erzeugung von Lebensmitteln, die ihn nicht von der Lohnarbeit befreit, aber eine Menge davon erspart, die um so größer ist, desto größer die Zahl der „Bekannten, Erreichbaren“ ist, die ihr privates Hab und Gut zusammentun, ohne es lediglich verzehren zu wollen.


Literatur

Theodor W. Adorno: Minima Moralia, Frankfurt/M. 1984.
Theodor W. Adorno: Noten zur Literatur, Frankfurt/M. 1989.
Ernst Bloch: Prinzip Hoffnung I−III, Frankfurt/M. 1968.
Bertolt Brecht: Me-ti, Buch der Wendungen, Frankfurt/M. 1971.
Karl Marx, Friedrich Engels: Werke (MEW), Berlin 1981.
Erdmut Wizisla: Benjamin und Brecht, Frankfurt/M. 2004.

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