Wähl‘ das Licht – und bezahl dafür!

Streifzüge 42/2008

2000 Zeichen abwärts

von Peter Samol

Immer mehr Dinge des täglichen Lebens werden nur noch denen gewährt, die dafür bezahlen. Ein neuer exemplarischer Fall ist seit kurzem in der 9000-Seelen-Gemeinde Dörentrup im lippischen Bergland (Nordrhein-Westfalen) zu verzeichnen. Seit einiger Zeit wird dort aufgrund von städtischen Finanznöten jeden Abend um 22: 30 die Straßenbeleuchtung ausgeschaltetDoch für solvente Nachtschwärmer tut sich seit kurzem eine neue Möglichkeit für einen beleuchteten Heimweg zu später Stunde auf. Seit Herbst 2007 können Passanten gegen eine Handy-SMS zum Kostenpunkt von 50 Cent pro Straßenzug für 15 Minuten Laternenlicht einkaufen. Der Initiator dieses Konzeptes, seines Zeichens nicht Anbieter sondern Kunde, machte sich Sorgen um seine 17-jährige Tochter, die abends allein mit dem Fahrrad unterwegs ist. Die zuständigen Stadtwerke haben die Idee dankbar aufgegriffen und sich einen hippen Namen für die Bezahlbeleuchtung ausgedacht: „Dial4Light“. Licht „on Demand“ sei umweltschonend, denn die Laternen würden nur noch dann brennen, wenn es nötig sei. Das, so möchte man einwenden, träfe allerdings auch dann zu, wenn das Licht kostenfrei abrufbar wäre. Am besten per Knopfdruck, damit man sich auch ohne Handy bedienen könnte. Die Anbieter sind schon dabei, das System bundesweit zu vermarkten. Erste Interessenten haben sich bereits gemeldet. „Dial4Light“ dürfte so manche Gemeinde dazu animieren, ihre Straßenbeleuchtung auszuschalten, um sie anschließend kostenpflichtig wieder anzubieten. Das Ganze ist ein weiteres Beispiel für eine Gesellschaft, in der man zunehmend für jedes noch so geringe Bedürfnis zu zahlen hat. Wer sich das nicht leisten kann, der bekommt eben nichts. Hartz-IV-Empfänger, Armutslohnempfänger und andere Angehörige des Prekariats werden immer häufiger im Dunkeln nach Hause gehen müssen. Das wird so mancher Apologet der Armutsverwaltung ganz praktisch finden. Heißt es doch schon bei Bertold Brecht: „Die im Dunkeln sieht man nicht“.

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