Miteinander, bis in den Tod

zu: A. Gorz, Brief an D.

Der Standard, 27.10.2007, Seite 3, Album

von Stefan Brändle

Vor einem Monat nahm sich der französische Philosoph André Gorz gemeinsam mit seiner krebskranken Frau Dorine das Leben. Eine Suche nach ihren letzten Spuren.

Es war sein Albtraum: „Nachts sehe ich manchmal die Silhouette eines Mannes, der auf der leeren Straße einer verlassenen Landschaft hinter einem Leichenwagen hergeht. Dieser Mann bin ich. Du bist es, den der Leichenwagen wegträgt.“

Die Straße ist wirklich menschenleer, an diesem Herbsttag in Vosnon südlich der französischen Champagne. Still ist’s entlang der weiten Stoppelfelder, über denen die Raben kreisen. Es ist niemand da, um Auskunft geben zu können, wo das Ehepaar Gorz wohnte. Doch, eine junge Frau, die ihren Garten spritzt, weiß Bescheid, steigt sogar in ihr Auto, um den Besucher durch das lang gezogene Dorf zu einem stattlichen Wohnhaus zu führen. Ja, sie habe Monsieur Gorz beim Spazieren öfters gesehen, erzählt sie; er habe ihren Kindern Kastanien aus seinem Garten geschenkt. Sogar einen Khakibaum habe er zum Blühen gebracht, fügt sie hinzu und fährt schon wieder weg. Wieder Stille. Die Holzläden sind geschlossen, niemand würde auf ein Klingeln antworten. André und Dorine Gorz leben nicht mehr hier. Ende September fand sie die Polizei, friedlich nebeneinander auf dem Bett liegend, entschlafen, fortgegangen.

In der Nachmittagssonne leuchtet das Weinlaub an den Mauern fast so rot wie die Dachziegel, in hübschem Kontrast zum weiß gestrichenen Zaun. Überall Obstbäume – 200 an der Zahl, gepflanzt von André Gorz, mit Äpfeln, Kastanien, den orangen Khakis. Alles wirkt noch gepflegt, schlicht. „Sie waren glücklich mit diesem einfachen Leben hier“, erzählt Eliane Carr, die langjährige Freundin der Gorz‘ im Ort. „Nüsse, Äpfel, mehr brauchten sie nicht. Sie hatten ja sich.“ Sie, das war Dorine, „sehr lebendig, dynamisch, mit schelmischem Humor“, und er, André, „sehr mager, sehr zäh, sehr stark, mit einer leisen, sanften Stimme und einem Lächeln, das von innen kam.“

„Du warst der Fels“

23 Jahre lebten sie in Frankreich auf dem Land. André Gorz, mit richtigem Namen Gerhard Horst, Sohn einer katholischen Mutter und eines jüdischen Holzhändlers aus Wien, hatte die britische Amateurschauspielerin Dorine während des Zweiten Weltkrieges im Schweizer Exil kennengelernt. Sie lebten in seiner spartanischen Bude, schliefen umschlungen in einem 60 Zentimeter breiten Bett. Er schrieb bis tief in die Nacht an einem (nie vollendeten) Soziologiewälzer. „Come to bed“, forderte ihn Dorine um drei Uhr früh auf, wie Gorz in seinem Buch „Brief an D.“ berichtete. „I am coming“, habe er in ihrer gemeinsamen Sprache, dem Englischen, geantwortet, sie darauf: „Don’t be coming, come.“

Einen Schriftsteller zu lieben, bedeute zu lieben, dass er schreibe, habe sie auch gesagt. Gorz ging mit Dorine 1949 wider all seine Prinzipien eine ganz bürgerliche Ehe ein: „Du warst der Fels, auf dem unser Paar aufbaute.“ Es folgten Jahre der Armut in Paris, bis ihm Dorine zu einem Dokumentalistenjob in einer Zeitschrift verhalf. Er machte sich einen Namen und arbeitete bald auch für Les Temps modernes von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Deren berühmter Pakt – völlige Beziehungsfreiheit in totaler Offenheit – war nichts für Dorines und Andrés gänzlich unrevolutionäre Ehe: Die bestand aus absoluter Treue.

1957 schrieb sich Gorz in einer rücksichtslosen Auto-Analyse die Seele aus dem Leib, und Sartre schrieb ein brillantes Vorwort: „Wer weigert sich da, Gorz zu sein, wenn nicht Gorz selbst? “ Das war der Durchbruch in Saint-Germain-des-Prés. Gorz verfasste Werke wie „Ökologie und Politik“ und „Abschied vom Proletariat“, die über Paris hinaus bis nach Deutschland und Skandinavien viel Beachtung fanden. Dazwischen gründete er mit Serge Lafaurie den Nouvel Observateur, noch heute das Referenzblatt der französischen Linken. „Gérard“, wie ihn seine Freunde nannten, „war Sartrist, Marxist, beschäftigte sich mit Marcuse, mit Sozialismus und Ökologie“, blickt Lafaurie heute zurück. Sie habe ihn stets unterstützt, sei ihm Kommentatorin, Ratgeberin gewesen. „Ihre Beziehung war symbiotisch, zusammengeschweißt durch eine ähnliche Kindheit als Waisen, über die sie sehr selten sprachen“, meint Lafaurie. „Sie drängten sich ständig aneinander, lebten zusammen wie in einem Kokon, wärmten sich gegenseitig. Sie wollten nur miteinander, konnten nicht ohne einander leben.“

Wenn Gorz als Journalist eine Tagung besuchen oder auf Reportage gehen sollte, sie aber aus einem Grund nicht mitkonnte, sei er auch nicht gereist, erzählt Lafaurie. 1983 habe sein 60-jähriger Freund sogar die Redaktion des Nouvel Obs verlassen, um sich voll um die Gattin zu kümmern, die nach einem ärztlichen Kunstfehler schwer erkrankt war.

Die Gorz‘ zogen aufs Land. „In der ersten Nacht schliefen wir nicht“, hielt er später fest. „Jeder hörte dem Atem des anderen zu. Dann begann eine Nachtigall zu singen, eine andere antwortete. Wir haben damals sehr wenig gesprochen. Ich verbrachte den Tag mit Umgraben und schaute von Zeit zu Zeit zum Schlafzimmerfenster hoch. Du standest dort, unbeweglich, den Blick in die Ferne gerichtet. Ich bin sicher, dass du daran arbeitetest, den Tod zu bändigen, um ihn furchtlos bekämpfen zu können.“ Dorine erkrankte zusätzlich an Krebs, Gorz sorgte für sie. Im Frühjahr 2006 schrieb er ihr den Brief in Buchform, der so begann: „Du wirst bald 82. Du bist sechs Zentimeter kleiner geworden, du wiegst nur noch 45 Kilo und du bist immer noch schön, anmutig und begehrenswert. Wir leben nun seit 58 Jahren zusammen, und ich liebe dich mehr denn je.“ Er stellt sich vor, hinter ihrem Leichenwagen herzugehen. Er protestiert: „Ich will nicht an deiner Kremation teilnehmen, ich will nicht das Gefäß mit deiner Asche erhalten! “

„Damit war alles klar“, meint heute Eliane Carr, ihre Freundin in Vosnon. „Sein Werk war mit dem Brief vollendet.“ Nun musste nur noch die Zeit ihr Werk tun. Dorines Gesundheit habe sich zusehends verschlechtert, erinnert sich Carr, die Bürgermeisterin des 180-Einwohner-Ortes. „Was den Ausschlag gegeben hat, dass sie zur Tat schritten, waren Dorines enorme Schmerzen.“ Um sich und seiner Frau „den Tod zu geben“, wie man auf Französisch sagt, habe Gorz auf seine erste Ausbildung als Chemiker zurückgreifen können.

Das Ehepaar habe alles sorgfältigst geplant. Die junge Pflegerin aus dem Dorf, die jeden Morgen vorbeikam, sei auf einem Blatt Papier gebeten worden, die Treppe zum Schlafzimmer nicht hochzusteigen. Auf dem Tisch lagen vierzig Umschläge für die engsten Freunde, säuberlich aufgereiht und frankiert. „Wir haben immer gewusst, dass wir unser Leben einmal gemeinsam beschließen würden“, stand auf einem dieser Faire-Parts. „Die Polizei benachrichtigen“, habe ein weiterer Zettel angemahnt, erzählt Carr, die als Gemeindevorsteherin den Tod der beiden feststellen und die amtlichen Formalitäten erledigen musste.

Sie fragt sich auch noch drei Wochen nach der Tat, ob die beiden Atheisten wirklich an das völlige Ende glaubten. Der letzte Satz des „Briefes an D.“ lautet: „Oft haben wir uns gesagt, dass wir, sollten wir wundersamerweise ein zweites Leben haben, es miteinander verbringen möchten.“ Wundersamerweise. Eigentlich unmöglich – aber vielleicht doch nicht ganz? Muss, wer von sich aus in den Tod geht, nicht an das Leben danach glauben, und sei es nur im letzten Moment, um den Akt überhaupt vollbringen zu können und nicht von bodenloser Angst gehindert zu werden? „In ihrem Verhalten war ein Zögern“, erinnert sich Carr.

Bei André Gorz, der mit 84 immer noch von guter Konstitution war, ließe sich speziell über seine Motive spekulieren: Verbarg sich hinter seiner Tat letztlich nicht eine Art von Ent-schuldigung bei Dorine? Schon seinen „Brief an D.“ schrieb er vor allem, um eine abfällige Bemerkung in einem seiner früheren Bücher wiedergutzumachen, wo er herablassend geschrieben hatte, er sei anfangs nur bei ihr geblieben, weil sie die Trennung nicht ertragen hätte. Oder wurde, wie Psychoanalytiker sehr bestimmt meinen, das „solidarische“ Handeln Gorz‘ durch die Urangst vor dem Tod der Mutter bestimmt – das heißt durch seine Unfähigkeit, Dorine zu überleben? Schließlich ist unbestreitbar, dass seine Frau für ihn viel mehr als eine Lebenspartnerin darstellte, nämlich schlicht seinen Lebenshalt und -sinn. Sein Alles. Er konnte nicht ohne sie sein. Das klingt schön, aber es muss auch sehr beengend gewesen sein. Was sie an körperlichem Schmerz durchmachte, muss er in seiner Seele an Angst erlitten haben. Eben: Todesangst.

„Brief an D.“ von André Gorz, übersetzt von Eva Moldenhauer, ist im Rotpunktverlag, Zürich, erschienen.

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