Caritas est

Streifzüge 41/2007

KOLUMNE Unumgänglich

von Franz Schandl

Hoc intellegunt: Da ist eine große Sehnsucht, und diese Sehnsucht heißt Liebe. „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ (1 Joh 4, 16), lesen wir in Punkt 1 der Enzyklika Deus Caritas est (in Folge als DCE zitiert) von Benedikt XVI. Was der Papst da an Antworten fabriziert, ist zwar dürftig und wenig originell, von ungeheurer Resonanz hingegen ist, welche Fragen er stellt. „Wer die Liebe abschaffen will, ist dabei, den Menschen als Menschen abzuschaffen.“ (DCE 28) Ratzinger trifft ins Rote. Worum es ihm geht, ist, „dass das kirchliche Liebeshandeln seine volle Leuchtkraft behält“ (DCE 31). Natürlich verbreitete sich das Christentum primär durch Schwert und Feuer, aber seine beständige Attraktion holt(e) es sich aus den Stücken nichterfüllter Liebe. Im Dienst der Liebe, der Diakonie, liegt ihre Anziehungskraft. Diese Caritas ist nicht nur Fürsorge, sie ist Seelsorge, und somit alles andere als zu belächeln.

Auch dass Liebe und Verwertung nicht zusammenpassen, weiß Benedetto: „Aber die Art von Verherrlichung des Leibes, die wir heute erleben, ist trügerisch. Der zum , Sex‘ degradierte Eros wird zur Ware, zur bloßen , Sache‘; man kann ihn kaufen und verkaufen, ja, der Mensch selbst wird dabei zur Ware. In Wirklichkeit ist dies gerade nicht das große Ja des Menschen zu seinem Leib. Im Gegenteil: Er betrachtet nun den Leib und die Geschlechtlichkeit als das bloß Materielle an sich, das er kalkulierend einsetzt und ausnützt.“ (DCE 5)

Päpstliches Ziel ist aber nicht die freie Assoziation der Menschen untereinander, sondern die „Vereinigung des Menschen mit Gott – der Urtraum des Menschen.“ (DCE 10) Ziel ist die Gemeinschaft der Gläubigen. „Gott hat uns zuerst geliebt“ (DCE 17; vgl. Joh 4,10). Aus dieser Ungleichzeitigkeit folgt sodann die eherne Subordination unter Gott und seine geistlichen Stellvertreter auf Erden. Deren Kirchen sind auch besondere Stätten, nicht nur Stätten der Macht, sondern für die Gläubigen auch Stätten der Selbsterhebung und Selbstermächtigung. Sonderbare Sonderräume, die über die Jahrhunderte hinweg bestehen und so Unvergänglichkeit und Halt suggerieren. Sie sind Zeugnisse oder besser noch: Demonstrationsobjekte einer großen Verzauberung. Was insbesonders die katholische Religion zu bieten hat, ist das Eingehen auf die Sinne der Menschen: Schauen, Hören, Schmecken, Riechen, Berühren, alles wird systematisch und variantenreich bedient. Sie befriedigt zwar nicht, aber sie befriedet elementare sinnliche Regungen. Sie weiß, was den Leuten abgeht und stopft die Löcher. So gesehen ist Religion eben nicht bloß ein ideologisches Problem.

Wie ist diese Liebe nun zu verstehen? Vor allem nicht als weltliche Begierde oder Vergnügen, sondern als außerweltliche Hoffnung. Was sie prägt und trägt, ist ihre Transzendenz. „Wir haben der Liebe geglaubt“ (DCE 1), sagt Ratzinger. Er sagt nicht: „Wir machen Liebe“, das wäre auch unangemessen. Amor non est nisi in prospectu. „Der Glaube ist das Gegenteil der Liebe“, schreibt Ludwig Feuerbach, aber gleichzeitig auch ihr verlockendstes Surrogat, würden wir hinzufügen. Die Eminenz der Religion speist sich in vieler Hinsicht auch aus der Nutzung erotischer Energien.

Gerade diese Überhöhung der Liebe zu etwas Heiligem und Geistlichem entwirklicht und entsinnlicht sie. Liebe soll auch gar nicht ihre Fülle entfalten, sie soll fließen in die Kanäle des Herrn: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“. (Dt 6, 4-5) Liebe wird ausdrücklich bejaht, um sogleich im Jenseits zu verschwinden. Trotzdem, sie wird anerkannt, nicht a priori verdrängt, sondern erst a posteriori. Darin liegt die Stärke (nicht nur) der (christlichen) Religion. Es ist ein Kreislauf, der von der Anerkennung über die Verklärung zur Verdrängung führt. Immer wieder. Perpetuum mobile est.

Die katholische Liebe leitet jedenfalls von der Lust weg: „Sie wird Verzicht, sie wird bereit zum Opfer, ja sie will es.“ (DCE 6) Kein Opfer, das nur sich opfern will. Jedes Opfer pocht auch auf die Opferwilligkeit der anderen. Menschen haben Knechte zu bleiben: „Dieses rechte Dienen macht den Helfer demütig“, diktiert Benedikt. „Gott regiert die Welt, nicht wir.“ (DCE 35) Geben ist seliger denn Nehmen, verkündet die Kirche, scheinbar eine marktwirtschaftliche Grundregel auf den Kopf stellend. Indes, da ist absolut kein Widerspruch. Diese Hingabe dient der Wegnahme. Hier werden tatsächlich Opfer aufgefordert, sich zu opfern, auf dass sie im Jenseits Entschädigung erfahren.

Gelingende Liebe aber ist genussvolles wie gütiges Zusammenwirken, alles andere als Opfer. Sie ist Geben und Nehmen in Akten gemeinsamen Schöpfens. Im Christentum allerdings bleibt das Schöpfen dem Schöpfer vorbehalten. Der Mensch hingegen, was kann der schon sein? „Der barmherzige Samariter bleibt Maßstab“ (DCE 25), sagt Benedict. Nicht Herzlichkeit soll regieren, sondern Barmherzigkeit, nicht Vergnügen, sondern Bescheidenheit. Den Notleidenden soll geholfen werden, aber die Not darf nicht beseitigt werden. Denn aus dieser entwickelt die Kirche Motivation und Elan. Emanzipation ist eben nicht von dieser Welt. Dafür hat sie ein Himmelreich. Immota sedent cetera.

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