Der Katastrophenauflauf

Globalisiertes Unglück und kulturindustrielle Verwertung

Streifzüge 33/2005

von Franz Schandl

siehe auch: Katastrophen 1 (L. Glatz) und Katastrophen 2 (F. Schandl)

Als diese Zeilen geschrieben wurden, sprachen alle vom Tsunami, als diese Zeilen veröffentlicht wurden, fast niemand mehr.

Das Vergessen geht schnell. Vor allem in den sich beschleunigenden Zeiten. Da ist es naheliegend, dass jedes uns medial zugetragene Unglück ein kulturindustrielles Ablaufdatum hat. Dass es diesmal länger gedauert hat, liegt daran, dass wir es mit einem globalisierten Ereignis zu tun hatten. Das streckt die Frist. Bei dieser Katastrophe kamen nämlich nicht nur Einheimische zu Schaden, sondern zahlungskräftige Kunden aus den Metropolen des Kapitals. Also unsere. Die fliegen dorthin und konsumieren den ökonomischen Unterschied als Surplus.

Erinnern und Vergessen

Doch was, wenn solches nicht der Fall ist? Erinnern wir uns etwa noch an Folgendes: „Das große Sterben begann diesmal um Mitternacht mit einem ohrenbetäubenden Pfeifen, Tosen, Heulen, vermengt mit den Schreien von Millionen Menschen, und hielt neun Stunden an. Flutwellen bis zu sieben Metern Höhe ließen ein verwüstetes Land und unzählige Leichen zurück. Sogar in den Straßen von Chittagong, der zweitgrößten Stadt des Landes, liegen sie und die Geier holen sich auch dort ihren Teil. Unerträglicher Verwesungsgeruch verpestet die Luft, es gibt kein Trinkwasser, Seuchen breiten sich aus, Straßen sind überfüllt mit hungernden, obdachlosen Menschen, die um ihr Überleben kämpfen. “

Das schrieb Brigitte Uddin im Sommer 1991 im inzwischen eingestellten FORVM (Nummer 452-454). Weiß hierzulande noch jemand davon? – Wohl kaum. Interessieren die Zyklone vor der Küste im Golf von Bengalen? – Wohl wenig. Auch im letzten Juli hat das Hochwasser wieder Hunderttausende um Hab und Gut gebracht. Hilfsaktionen größeren Ausmaßes sind jedenfalls unbekannt. An diesem permanent unsicheren Küstenstreifen in Bangladesh trifft es fast ausschließlich die Ärmsten der Armen. Aber wer braucht die? – Instinktiv begreift das westliche Gewissen diese Menschen als überflüssige, weil wertlose Bevölkerung.

Die fundamentale Differenz zur aktuellen Katastrophe ist die, dass es sich hier um eine globalisierte handelt, eingeborene Opfer nicht unter sich bleiben, sondern auch Europäer und Amerikaner mit in den Tod gerissen werden. Selbstverständlich gilt auf diesem Planeten eine strenge Hierarchie der Opfer. Tragisch ist vor allem, weil es die Touris erwischt hat und so einige Länder diese Verluste als nationalen Trauerfall inszenieren. Es handelt sich um bevorrechtete Wesen: um weiße Menschen mit Geld und einer großen Betroffenheitsindustrie. Und die zieht nun all ihre Register. Von Sonderkorrespondenten an der Front bis zum Benefizkonzert in der Heimat.

Aber ist nicht eh schon alles geäußert, was geäußert werden konnte? Auch an Kritik? Wahrscheinlich. Natürlich sind die Mythen von Gottes gerechter Strafe oder der Rache des Meeres oder von jüdischer Verschwörung unerträglich. Selbstverständlich ist es eine Ungeheuerlichkeit, dass es im Indischen Ozean kein Frühwarnsystem gibt, dass sogar die Menschen in Sri Lanka und Indien – zwei Länder, die einigermaßen weit entfernt vom Epizentrum des Bebens liegen – nicht rechtzeitig gewarnt wurden. Der Geologe Simon Winchester spricht davon, dass zumindest gut zwei Stunden Zeit gewesen wären, die Leute in die Flucht zu schlagen (Der Standard, 31.12.2004). Das hätte die Opferzahl doch beträchtlich dezimiert.

Ehrlich wäre es, zu betonen, dass aller Heuchelei zum Trotz uns dieses ferne Leiden (wenn es nur fern bleibt) eigentlich emotional nicht richtig berühren kann. Wir können es erkennen, uns daran ergötzen wie an einem Katastrophenfilm oder kurz mal erschaudern, aber wir können jenes Unglück nicht wirklich mitfühlen, höchstens es sind Freunde oder Verwandte betroffen. Nun zahlen wir also, damit uns nichts Schlechtes nachgesagt wird. Denn niemand soll sich unterstehen, von der Arroganz und Habgier der Reichen zu sprechen: „, Goldenes Wiener Herz‘ bringt großartige Hilfsbereitschaft für Tsunami-Opfer“, heißt es in der Wiener U-Bahn-Gratisgazette Heute vom 14. Jänner.

Flutwelle und Spendenwelle

Der Flutwelle folgt die Spendenwelle. Gegenwärtig erleben wir eine sich auf die Brust schlagende Welle der Spendenbereitschaft. In rasantem Tempo wälzt sich diese durch die westlichen Medien und verbietet jedes Nachfragen. Man möchte ja niemandem das Spenden vermiesen, aber wohin fließt das Geld? Verlässt es eigentlich den angestammten Kreislauf? Wenn etwa die Republik Österreich (um ein Beispiel zu nennen) von den veranschlagten 8 Millionen Euro für die Flutopfer die Hälfte für die Tätigkeit des heimischen Militärs vorgesehen hat (Heute, 14.1.2005), was ist das? Doch nichts anderes als eine sonst kaum durchsetzbare Sonderfinanzierung des Bundesheers durch die Hintertür.

Selbst das, was den Opfern materiell zugute kommt, ist auch (und wirtschaftlich gesehen primär) eine Finanzspritze für die Katastrophenindustrie des Westens: Pharmakonzerne, Militärs, Hilfsorganisationen, Werbefirmen, Medienmeute, Konzertveranstalter etc. – Ökonomisch betrachtet ist jede Katastrophe Zerstörung von Kapital, sodass anderes Kapital wieder produktiv tätig werden kann. Eine rapide oder gar plötzliche Entwertung ist eine geradezu tolle Voraussetzung zukünftiger Verwertung. Jede Hilfsaktion ist Bestandteil erwarteter Umwegrentabilitäten. Die Differenz also zwischen dem, was die Spender offensichtlich bezwecken und dem, was wirklich abläuft, sollte man sich allerdings vor Augen halten. Das heißt ja nun keineswegs, dass man nichts spenden darf. Unmittelbar kann den Betroffenen nicht anders geholfen werden. Leider.

Was sind überhaupt Spenden? Die Spende tritt ja auf als unschuldige und karitative, als profane menschliche Handlung, die keinen Hintergedanken und keinen Hintersinn haben will. Indes, Spenden sind nur dort notwendig, wo Hilfe und Kooperation (nicht nur bei Not, Elend und Katastrophen) keine gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten sind, sondern speziell organisiert und inszeniert, vor allem aber finanziert werden müssen. Das Spendenwesen verdeutlicht, dass jenen, die etwas brauchen, was vorhanden wäre, dieses nicht direkt oder automatisch zukommt, sondern sie nur in dessen Genuss gelangen können, wenn sich jemand anderer ihrer erbarmt. Die Bespendeten sind also vom Wohlwollen der Spender, der Inhaber von Geld und Vermögen abhängig, ihnen regelrecht ausgeliefert. Bedürftigkeit muss nicht unbedingt an außergewöhnliche Ereignisse geknüpft sein. Der ganze Non-Profit-Sektor lebt von Spenden, auch dieses Magazin hier könnte ohne gar nicht existieren.

Die Geber geben vor, was die Nehmer zu erwarten haben. Die Empfänger sind diesbezüglich voll abhängig, sie haben keinen Anspruch geschweige denn ein Recht auf diese Art von Zuweisung. Die Freiwilligkeit ist anders als beim Geschäft einer Seite zugeordnet. Ökonomisch betrachtet ist das Spenden kein Tauschen, da keine unmittelbare Gegenleistung erfolgt. Hier ist es dem Geschenk ähnlich, wenngleich es aber (anders als dieses) zumeist an eine bestimmte (Be-)Dürftigkeit geknüpft ist, was meint, dass dieser anders als durch Spenden gar nicht beizukommen ist. Eine Kritik der Ökonomie des Spendens müsste die hier angeführten Aspekte und andere zum Gegenstand ihrer Analyse nehmen.

Charity Society

Vergessen werden sollte nicht, dass es im professionellen Spendenwesen nicht bloß zwei, sondern drei Parteien gibt, die Spender, die Spendenempfänger und die Spendenüberträger, d. h. die zahlreichen Institutionen der Spendenflüsse. Diese haben sich als regelrechtes Gewerbe etabliert, sind eine boomende Charity Society. Dort müssen alle Spenden durch, dort wird entschieden, was die Organisatoren selbst einbehalten und wer schlussendlich Nutznießer wird. Bei Spenden geht es nicht ausschließlich um Hilfsbereitschaft und Unterstützung (das ist lediglich eine Dimension, und die zielt auf Dankbarkeit! ), sondern um Angewiesenheit, ja Abhängigkeit. Spenden disponieren per Überweisung oder Unterlassung, wie viele Menschen medizinisch versorgt und wie viele Häuser aufgebaut werden sollen, oder umgekehrt: wie viele umkommen oder obdachlos bleiben.

Spenden dienen der Selbstvergewisserung. Ein gutes Gewissen wird angezeigt. Das ist zwar besser als die Gewissenlosigkeit, aber nicht um vieles. Letztlich kauft man sich los davon, sich über die Welt und ihre Beschaffenheit Gedanken zu machen. Man leistet sich eine Entschuld(ig)ung und hat damit seinen Teil getan. Was die Geldbörsen und Konten verlässt, sind Betroffenheitsabschlagshonorare. Wer stolz darauf ist, Spender zu sein, gibt zu Protokoll, dass an den Grundstrukturen aber auch gar nicht gerüttelt werden soll. Die gönnerhafte Linderung von Not und Elend will diese nicht abschaffen, sondern sich daran erbauen. Das Unglück anderer ist so ideeller Nährstoff eigener Befriedigung.

„Wir bauen das ÖSTERREICH-DORF für Flutopfer in Sri Lanka“ schlagzeilte der Wiener Kurier bereits am 9. Jänner. „Österreich-Dorf“ wurde nicht nur wie oben in Großbuchstaben geschrieben, sondern auch in größeren Lettern gesetzt. Die Tageszeitung veröffentlicht auch konsequent wie penetrant die Stifter dieser Häuser (zumeist Firmen, Versicherungen, Banken, Gemeinden, Gewerkschaften etc. – ) auf ihren Print- und Internetseiten. Aber das ist nur ein Beispiel unter vielen. In nicht wenigen Fällen ersetzen Spenden die Werbekosten, und die Uneigennützigkeit erscheint doch unter einem ganz anderen Blickwinkel. Das Fernsehbild, wo Spender mit überdimensionalen Schecks vor der Kamera posieren, wer kennt es nicht?

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