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Denkfabriken

09 Dez 2016

Streifzüge 68/2016

von Franz Schandl

Nicht wenige Begriffe verraten sich, wenn wir sie näher anschauen. „Denkfabrik“ ist so ein Terminus, der seine eigene Offenbarung leistet. Denkfabriken wollen Denken fabrizieren, wollen Denken zur industriellen Meterware machen. Denken geht in Serie und so schaut es auch aus. Apologetik pur in Konserven.

Wer es sich leisten kann, leistet sich heutzutage Denkfabriken. Die sind dazu da, Konformes in entsprechenden Happen zu servieren. Gängig und eingängig haben diese zu sein. Wir haben es zu tun mit Gehirnwaschautomaten, die durch ständiges Schleudern suggerieren, dass es so und nicht anders sein kann. Als medialer Dünnpfiff kommt das dann so rüber: Die Wirtschaft gilt es anzukurbeln, die Hausaufgaben zu machen, nicht über unsere Verhältnisse zu leben, den Reformstau zu beenden, das Pensionsalter hinaufzusetzen und das Jammern (insbesondere auf hohem Niveau) zu unterlassen, denn das stellt ein demokratiepolitisches Problem dar und gefährdet den Standort. – Es wird so oft wiederholt, bis alle daran glauben.

Denken ist freilich keine industrielle Größe, sondern eine Kraft von Inspiration und Intuition, Konzentration und Reflexion, Erkenntnis und Wissen. Wer meint Denken industriell fertigen zu können, ist ein Ignorant oder ein Rosstäuscher. Denken ist mehr als Fabrizieren und Registrieren, Kapieren und Akzeptieren, es bewegt sich weit darüber hinaus. Denken ist reflektiertes Reflektiertes, will es Qualität oder gar Originalität gewinnen. Ansichten und Slogans können fabriziert werden, Denken nicht. Seriell herstellen lässt sich nur Werbung, aber darum geht es auch in diesem irrtümlich Denken genannten Fabrizieren. Es ist nichts weniger als die penetrante Reklame der Herrschaft, die dort eifrig reproduziert wird. Denkfabriken sind Abteilungen der Kulturindustrie.

Die Agenda Austria ist so ein wirtschaftsliberaler Think Tank. 2013 gegründet, bezeichnet sie sich als „erste unabhängige Denkfabrik“. Unabhängig meint, dass die „Stimme für die Marktwirtschaft“ ohne staatliche Gelder auskommt und ausschließlich privat finanziert wird. Dabei verpflichten sich die Geldgeber dieser „Denkfabrik für Millionäre“ (Kurier vom 4. September 2013) auf drei Jahre. Private zahlen 10.000 Euro jährlich, Firmen ab 20.000 aufwärts. Das durch Freiheit befreite Denken muss natürlich unablässig geschmiert werden. Und es muss toll sein, denn sonst würden die Leistungsträger den Leistungsideologen nicht solche Summen spendieren. Der Markt regelt das, sei die Hand nun sichtbar oder unsichtbar. Da werden Büros zur Verfügung gestellt und Veranstaltungen ausgerichtet, auf dass Koryphäen der Affirmation ihre standesgemäß standardisierten Meldungen ausliefern und verbreiten können.

Ähnlich Tierfabriken liefern Denkfabriken Fast Food für genügsame Birnen. Es geht um das Akklamieren akkreditierten Gemeinsinns. Ziel ist die stetige Rekonsolidierung bürgerlicher Hegemonie. So gewinnen gut bestallte Kanoniere den Kampf um die Köpfe, nicht aufgrund überzeugender Argumente, sondern weil sie ganz einfach infrastrukturell hochgerüstet eine Unmenge industriell herstellen und ihre Auswürfe überall unterbringen können, sei es direkt als PR oder indirekt durch redaktionelle und außerredaktionelle Beiträge. Es gleicht einem unermüdlichem Lobbying und einer ständigen Propaganda. Neben diversen Frontmagazinen (Brandeins, Hohe Luft) sind Think Tanks heute unabkömmlich.

Was übrigens die Besucherzahlen ihrer Homepage betrifft, rangiert besagte Agenda Austria nur wenige Plätze vor der Website der Streifzüge. Hätten wir ihre Werbemittel, wäre der Vergleich eindeutig zu unseren Gunsten ausgegangen. Indes, wir haben sie nicht. Wir sind zwar besser, aber akkurat deswegen auch um vieles ärmer. Verfügt die Agenda jährlich über ein Budget von 1,2 Mio. Euro, so die Streifzüge über gerade mal 15.000 Euro. Dieses Missverhältnis sollte unser Publikum nicht durchgehen lassen. Die Trafomitgliedschaft kostet bei uns jährlich 144 Euro. Wenn jemand 10.000 zahlen kann, nehmen wir es aber auch. Die Streifzüge werden ja weder staatlich alimentiert noch industriell finanziert. Ob wir existieren oder nicht, ist eine Frage der Menschen, die sich uns gönnen wollen. Wenn es mehr wären, wäre es besser. Wir bitten das nicht zu vergessen und entsprechend zu berücksichtigen. Am besten gleich.

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