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Fatales Rendezvous

24 Mrz 2015

Streifzüge 63/2015

von Petra Ziegler

„Frech und unverschämt“, der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger zeigte sich brüskiert. Frech und unverschämt – wie kleine Kinder gerne abgekanzelt werden, wenn Altgewordene in deren Verhalten oder Äußerungen Unbotmäßiges zu erkennen glauben. Wenn aufbegehrt wird gegen ihr Regelwerk, Etabliertes in Frage gestellt wird, wenn so eins sich undankbar zeigt gegenüber dem, was doch nur zum eigenen Besten auferlegt wurde. Frech und unverschämt also die Bestrebungen der neuen griechischen Regierung, sich den Vorgaben von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds nicht weiter widerspruchslos zu fügen.

Bestenfalls Kopfschütteln ruft derart aufmüpfig vorgetragene Unvernunft hervor, gefolgt von den üblichen Ermahnungen: der Sparkurs sei ohne Alternative, Privatisierungen sowieso und Vereinbarungen schließlich dazu da, um eingehalten zu werden. Da wissen sich die Staatstragenden einig mit der veröffentlichten Meinung (vom sogenannten Qualitätsmedium bis zur Gratisgazette) und den vereinigten Stammtischen. Zusehends ringen die Politprofis und Kommentatoren um Geduld mit den renitenten Südländern, wenn auch noch kaum einer offen „nach dem Psychiater“ (J. Fleischhauer, der uns im Spiegel Online vom 10. März an seiner Diagnose teilhaben lässt) rufen mag, wo es hier doch ganz offensichtlich an „Wirklichkeitsbezug“ mangelt.

Realitätsverweigerung wird denen attestiert, die im Verlust von Lebensperspektiven, in massenhafter Prekarisierung, im Entzug selbst geringfügiger sozialer Errungenschaften die Grenzen des Zumutbaren überschritten sehen. Und noch diejenigen, die Verständnis artikulieren, beeilen sich besorgt, den Blick auf die Tatsachen einzufordern. „Regieren ist ein Rendezvous mit der Realität“, weiß Wolfgang Schäuble, ganz langgedienter Veteran, und in diesem Punkt widersprechen wir ihm gar nicht. Über das Regieren ist damit fast alles gesagt, zu den gegenwärtigen Verhältnissen nichts Gutes.

Mit ihrem Programm bleiben Tsipras & Co. freilich ebenso in der Realität – also der obligatorischen Selbstaufopferung im Dienste marktwirtschaftlicher Verwertung – befangen wie die Amtsführenden und -anwärterInnen andernorts. Was da als „radikal“ wie der Teufel an die Wand gemalt wird, kann gerade mal als hilflos keynesianischer Wiederbelebungsversuch bezeichnet werden, ein „europäischer New Deal“ verbunden mit dem Gelöbnis in Zukunft nie („Nie!“) wieder über die Stränge zu schlagen. Immerhin – sie pochen auf genügend Spielraum, wenigstens die ärgsten Härten für die Bevölkerung zu dämpfen. So weit zeigt das in die richtige Richtung. Immerhin. Allerdings: Verhaltene Wendemanöver unter lauter Geisterfahrern verbessern nicht eben die Überlebenschancen der Beteiligten. Also: „Runter von der Autobahn!“ und das schnellstmöglich.

Die unselige Gewohnheit, ein auch nur einigermaßen menschenwürdiges Auskommen an den Erfolg eines reinen Selbstzweckunternehmens (nämlich aus Geld mehr Geld zu machen) zu knüpfen, vernebelt die Köpfe. So vollständig, dass ein Hinterfragen erst gar nicht in den Sinn kommt. So selbstverständlich, dass alle Verrücktheiten, die die kapitalistische Logik produziert, als Sachzwänge akzeptiert und vor jedes Bedürfnis gestellt werden.

Die Vorgaben von Ware und Wert schaffen Fakten. Sie erst formen, was uns als Realität tagtäglich konfrontiert und wir fortgesetzt reproduzieren. „Das Gesetz, nach dem die Fatalität der Menschheit abrollt, ist das des Tausches.“ Die herrschende Realität bleibt, solange wir danach handeln, tatsächlich unhintergehbar. „Der Tauschwert, gegenüber dem Gebrauchswert ein bloß Gedachtes, herrscht über das menschliche Bedürfnis und an seiner Stelle; der Schein über die Wirklichkeit. Insofern ist die Gesellschaft der Mythos und dessen Aufklärung heute wie je geboten. Zugleich aber ist jener Schein das Allerwirklichste, die Formel, nach der die Welt verhext ward.“ (Theodor W. Adorno, Soziologie und empirische Forschung, 1957)

3 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Dr. Manfred Sohn meinte am 24. März 2015, 10:53 Uhr

    Liebe Petra Ziegler,

    volle Zustimmung. Weil die Prozesse, die zu tiefen griechischen Krise geführt haben, diesselben sind, die zeitversetzt auch in den anderen kapitalistischen Nationen Westeuropas greifen werden, ist das ein Menetekel, ein Zeichen an der Wand, das bisher auch alle, die auf linkskeynesianischen Irrwegen herumstolpern, noch nicht erkannt haben.
    Näheres dazu in dem Artikel „Griechisches Menetekel“, den ich in der „Ossietzky“ veröffentlichen durfte und der inzwischen auch online verfügbar ist.

    Manfred Sohn

  2. 2 Jürgen meinte am 24. März 2015, 19:58 Uhr

    Ich stimme auch weitgehend zu, aber zum besseren Verständnis von Yanis Varoufakis ist es sicher nicht verkehrt, genauer seinen Text von 2013 anzugucken (statt sich vom Titel gleich abschrecken zu lassen) https://www.woz.ch/-5a79

  3. 3 Wolfgang Oesters meinte am 3. Mai 2015, 11:42 Uhr

    Ich stimme dem obigen Artikel fast uneingeschränkt zu, mit der einzigen Ausnahme, daß ich es derzeit doch begrüßen würde, wenn es der griechischen Regierung gelänge, zunächst einmal doch ein paar „keynesianische Wiederbelebungsversuche“ erfolgreich anzuwenden, denn die Not vieler Griechen ist meines Erachtens einfach schon viel zu groß. Freilich wäre damit nur ein kleiner Aufschub gewonnen und das Problem im Grunde genommen und auch als Ganzes nicht einmal annähernd gelöst, aber das wiederum steht für mich in diesem Fall zunächst einmal – auf dem hier nun folgenden „anderen Blatt“:

    Ich bin schon lange der Meinung, daß unser westliches Wirtschaftmodell, das inzwischen fast weltweit als Grundlage für „erfolgreiches Wirtschaften“ gilt, auf vielen folgenschweren Irrtümern beruht und ich habe immer wieder auch nach weiteren, auch nach für die Diskussion neuen Argumentsversionen gesucht, um die Ablehnung unseres derzeitigen Wirtschaftsmodells auch möglichst schlüssig zu begründen. Auf meinem eigentlich noch wichtigeren „Blatt“ (siehe meine Bemerkung oben) steht als Überschrift zuerst einmal der folgende Satz (der nicht von mir stammt, denn ich aber für sehr einleuchtend halte) und dann:

    AUF EINEM SCHIFF DAS DEN FALSCHEN KURS STEUERT, KANN MAN NUR SEHR WENIGE SCHRITTE IN DIE RICHTIGE RICHTUNG MACHEN (und dabei z. B. die Eisberggefahr geflissentlich zu ignorieren, kann die Passagiere und auch die Besatzung bekanntlich Kopf und Kragen kosten)!
    Unser derzeitiges Wirtschaftsmodell hat einen ausgesprochen einseitigen, expansiven und ausbeuterischen Charakter, der allein schon durch den Hinweis auf die Endlichkeit der Ressourcen auf unserer Erde ad absurdum geführt ist (dieses Argument wurde zwar schon recht oft vorgebracht, wurde meiner Ansicht nach aber in seiner unabweisbaren Richtigkeit offenbar noch lange nicht in ausreichendem Maße betont).
    Ebenfalls völlig absurd ist es, wenn privatinteressenorientierte riesige Finanzkonglomerate mehr und mehr die Volkswirtschaften einzelner Länder (oder gar die mehrerer Länder gleichzeitig) dermaßen zu dominieren beginnen, daß deren Bevölkerung sowohl quantitativ als auch qualitativ in Not gerät. – So zu handeln, bedeutet in meinen Augen, nicht anderes, als zu glauben, den zunehmend riesigen „Topf“ (der [Finanz]-Macht) im kleinen „Topf“ (der jeweiligen Volkswirtschaften) unterbringen zu können, ohne daß der kleinere Topf Schaden nimmt und – schließlich platzt! – Nichts anderes aber geschieht derzeit, denn ist es nicht so, daß die privatinteressenorientierte Betriebswirtschaft immer mehr ganze Volkswirtschaften dominiert und noch immer – fast ungehindert – zunehmend in den Ruin treibt?!!! – (Wie kann es sein, daß ein kleiner Teil des Ganzen im Verhältnis zum großen Ganzen auf einmal als „größer und bedeutender“ gilt und daher immer wieder „unbedingten Vorrang“ genießt???)
    Unser derzeitiges Prinzip von oft immer noch zunehmend willenloser Unterordnung ist ebenfalls äußerst fragwürdig, ja im Grunde genommen auch als vollkommener Unsinn zu bezeichnen, denn: Die Handlungsmaxime vieler Bürger lautet bekanntlich noch immer „wessen Brot ich eß, dessen Lied ich sing“; spräche sich jedoch erst einmal herum, daß es eben nicht das Brot der jeweils obersten Geschäftsleitung ist, welches da verzehrt wird, sondern das Brot, welches von allen Belegschaftsmitgliedern gemeinsam erarbeitet wird!
    Ein weiteres wichtiges Argument in der Diskussion um die Fragwürdigkeit unseres gegenwärtigen Wirtschaftsmodells scheint mir das Folgende zu sein (ich habe es vor zwei Tage schon einmal in einem Leserbrief hier an anderer Stelle vorgebracht): – Wesentliche Mitursache der vielen heutigen Übel ist meines Erachtens nur allzu oft auch die Tatsache, daß sich die jeweiligen Profiteure zum einen immer wieder auf angebliche Sachzwänge berufen (deren vielfältige Ursachen wie auch Folgen aber nur allzu oft verschleiern), zum anderen dabei aber auch (und das ist oft ebenfalls von entscheidender Bedeutung!) geradezu mit Vorliebe die angebliche Königsdisziplin namens Mathematik zur Kron- bzw. Entlastungszeugin ausrufen. Gerade mathematische Formeln lassen sich für jeden Zweck ganz beliebig konstruieren, und wenn man will, kann man gerade heute in unserer wissenschafts- bzw. expertenhörigen Zeit alles Mögliche, auch völlig Unsinniges, ebenso wie völlig Inhumanes mit Hilfe der entsprechenden „Gutachter“ beweisen. Dann muß man nur noch seine jeweiligen Kontrahenten dazu bringen, das „absolute Primat von Mathematik oder anderweitiger Wissenschaftlichkeit“ möglichst uneingeschränkt zu akzeptieren und schon bald können – wie die gegenwärtige „Entwicklung“ nur allzu oft zeigt – auch die haarsträubendsten und inhumansten Ideen – sogar zur allgemeinen Lebenspraxis werden.
    Mir scheint das heutige Wirtschaftsgebaren im Großen und Ganzen immer mehr einer Art von „Bäckereikette“ zu gleichen, bei der die Geschäftsleitung ebenso wie auch viele der angestellten „Bäcker“ inzwischen fast unisono meinen, allein mit Geld, Zins und Zinseszins, – alles in allem also mit sterilen Formeln und „reinem“ ZAHLENWERK auch schon über ein solchermaßen aktivierendes Treibmittel zu verfügen, daß man auf alle anderen Zutaten immer mehr verzichten und – „gerade dadurch obendrein sogar auch noch immer größere Brötchen backen“ kann. – HÜTCHENSPIELEREI nenne ich daher die Methoden all jener Ökonomie-“Experten“ (und auch so manche anderweitigen „Wissenschaftler“), die darauf schwören, „die Moral hätte in der reinen Wissenschaft nichts zu suchen“; was sie und ihre zahlreiche Gefolgschaft in Politik, Wirtschaft (und derzeit leider viele Menschen auch im Alltagsleben) betreiben, ist nichts anderes als ein zunehmend gigantischer (Selbst)-Betrug, vor dem wir, wenn uns unser wahres Leben und dessen Unversehrtheit auch wirklich noch etwas wert ist – schleunigst und auch ganz konsequent – hüten sollten.
    Im Zusammenhang damit würde ich viele meiner Mitmenschen auch gerne einmal dazu anregen, etwas genauer über den angeblich unumgänglichen Wettbewerbszwang innerhalb der Wirtschaftswelt nachzudenken und ganz besonders dabei sowohl über die dabei eingesetzten Mittel, wie auch die längerfristig inzwischen nur allzu oft bedenklichen Folgen bei der ganzen jeweiligen Geschichte: Firmen wie auch der Einzelne stehen heutzutage in ständigem Konkurrenzdruck; wer sich bei einer Firma um eine Anstellung bemüht muß sich daher (angeblich!) darüber im Klaren sein, daß er „spätestens ab Arbeitsbeginn zu einer fest eingeschworenen Gemeinschaft gehört, die sich mit allen Mittel am Markt durchzusetzen hat“. Gesetzliche Bestimmungen sind dann zwar (möglichst!) einzuhalten, dabei aber auch echte Moral an den Tag zu legen erscheint dem ganzen Geschäft hingegen nur allzu oft unzuträglich. – Was aber ist daher vielfach die Folge? Zunehmend verbissen und mit auch oft sehr sehr fragwürdigen Mitteln wird dann – nicht etwa nur gegen die äußere, sondern auch innere Konkurrenz gekämpft, und – mehr noch, werden unter Umständen auch die Kunden „nach Strich und Faden“ betrogen, denn Moral und Skrupel gelten vielfach nur noch als Hindernisse für einen durchschlagenden (!!!) Geschäftserfolg. All dies findet innerhalb des Wirtschaftskreislauf längst auch noch immer mehr Nachahmer und wird je nach Geschäftsbetrieb in unendlichen Varianten modifiziert. – Sollten sich die vielen Teilnehmer an einem solchen Geschäftsmodell, auch wenn sie von ihrer eigenen „Kreativität“ auf diesem Gebiet sehr erfolgreich sind – aber nicht einmal auch die Frage stellen, wie oft sie dieser Unsitte zufolge auch zum Opfer solcher Machenschaften werden? – Und noch ein wenig weiter gedacht: Nach diesem Modell wird letzter „Sieger“ der, der am Schluß das meiste Kapital, den höchsten Gewinn erzielt hat. Was aber nützt es einem solchen „Sieger“, wenn am Ende alle anderen Teilnehmer wirtschaftlich (und damit auch existentiell) zerstört am Boden liegen? – (Es gibt speziell zu diesen Überlegungen hier auch einen oscar-prämierten Kurzfilm namens „Balance“, von den Brüdern Wolfgang und Christoph Lauenstein gedreht, der das auch auf sehr anschaulich zeigt. Dieser überaus sehenswerte Film dauert ca. 8 Minuten und kann auf Youtube angesehen werden).

    Ich bin kein Wirtschaftsexperte, sondern versuche nur meinen meiner Ansicht nach recht gesunden Menschenverstand zu benutzen, und auch allein schon mit Hilfe eines solchen Werkzeuges gibt es sicher noch viele weitere stichhaltige Argumente zu finden, mit der sich die vollkommene Unsinnigkeit unserer derzeitigen Wirtschaftsweise beweisen läßt; was ich hier aufgeschrieben habe, ist gewiß nur ein kleiner Teil davon. – Und, wenn EU-Komissar Oettinger sich solchermaßen „brüskiert“ gezeigt hat, so ist das meines Erachtens nur ein Zeichen dafür, daß er („getroffene Hunde bellen“, wie das Sprichwort sagt) zuvor irgendwie doch realisiert hat, daß er eben gerade doch mit zutreffenden Hinweisen auf die Realität konfrontiert wurde. – Laßt uns daher gemeinsam noch möglichst viele weitere neue und gute Argumente sammeln!

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