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Vom Biologismus zum Kulturalismus

21 Mai 2011

von Franz Schandl

Dass Rasse eine Konstruktion ist, daran mag man verzweifeln, aber zweifeln daran kann man nicht. Was sonst sollte sie auch sein? Freilich ist die gesamte Menschenwelt in ihrer mittelbaren Bestimmtheit künstlich. Konstruktionen, wohin wir auch blicken.

Beginnen wir mit einem Kompliment: Man ist nach der Lektüre des Sammelbands klüger als vorher. Was selbstverständlich sein sollte, wird hier auch eingelöst. Der Großteil der Beiträge ist äußerst instruktiv und Erkenntnis erweiternd. Das Soziologendeutsch hält sich in Grenzen, der Band ist sorgfältig lektoriert. Lobend ist auch zu erwähnen, dass sich gleich zwei Beiträge mit dem oft unterschlagenen Antiziganismus auseinandersetzen.

Exemplarisch hervorheben könnte man Karin Priesters Beitrag, der sich kenntnisreich der Dichotomie von Universalismus und Kulturrelativismus annimmt. Diese Frage ist ja nicht durch eine einseitige Festlegung zu lösen, sondern bedarf differenzierter Betrachtung. Wenn man den Universalismus nicht als globalen Anspruch des westlichen Partikularismus übersetzt, dann macht er durchaus Sinn. Ebenso ein Multikulturalismus, der nicht jede Eigenheit als unkritisierbares Moment begreift und für ein bloßes Nebeneinander plädiert, sondern via Durchlässigkeiten die gesellschaftlichen Möglichkeiten um Varianten bereichert.

Der Rassismus sei Bestandteil der Moderne, und nicht der Gegensatz zu ihr, meint Nora Räthzel auf Zygmunt Baumann zurück greifend. Und natürlich stellt sich die Frage, ob die Bildung des modernen Staats ohne eine rassistische Injektion möglich gewesen wäre. „Wer nur von Rassismus etwas versteht, versteht auch von Rassismus nichts“, behauptet die Autorin. Vergessen wir nicht, die Etablierung des Rassebegriffs fällt geradewegs ins Zeitalter der Aufklärung. Unterschiede wurden zusehends biologisiert. Der Rassismus war so betrachtet auch die logische und notwendige Legitimationsideologie für Imperialismus und Kolonialismus. Das blanke Interesse wurde zur höheren Sendung. Rang und Wert waren vorgegeben.

Zwar glaubt heute kaum jemand mehr an eine Rassenhierarchie, die etwa europäische und amerikanische Weiße ganz oben und Schwarzafrikaner ganz unten sieht, doch ist es wohl kein Zufall, dass auf diesem Planeten das soziale Gefälle genau nach diesen Mustern sich andauernd reproduziert. „Eine der zentralen Aussagen der amerikanischen Critical Whiteness Studies ist, dass Rassismus aufgrund der Privilegierung der Weißen Bevölkerung so beständig ist. (…) Weißsein ist demnach als Ort sichtbarer wie unsichtbarer Privilegien gefasst“, schreiben Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr. Der weiße, westliche Mann erscheine noch immer als die „gesunde Norm“. Zweifellos. Und das ist weniger die Folge offizieller Programme als nachhaltiger Wirkmächtigkeit.

Man nimmt ein Ergebnis zur Kenntnis, ohne ein Bekenntnis zu seinen Voraussetzungen haben zu müssen. Das soziale Erdgeschoss bleibt unverändert, im Dachgeschoß der Ideologie jedoch gibt man sich vorurteilsfrei. Und das ist nicht einmal gelogen. Die Differenz der Kulturen kommt vielfach ohne Abwertung aus. Die Anderen sollen nur bleiben, wo sie hingehören. Wollte der alte Rassismus die Anderen als Mindere unterwerfen aber integrieren, so setzt der neue Rassismus primär auf Abschottung. Wir beobachten eine Entwicklung vom biologistischen Rassismus zu einem mehr kulturalistisch geprägten, wobei hier die Religionszugehörigkeit eine zentrale Rolle spielt. Gudrun Harrer hat recht, wenn sie meint, dass Konflikte zusehends islamisiert werden. Immer stärker inszeniert sich der Rassismus als antimoslemisches Ressentiment.

Karin Weiss hält fest, dass Rassismus keineswegs an Extremismus gebunden ist. Fremdenfeindlichkeit ist kein Problem politischer Ränder, sondern kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Ob man dem Rassismus mit Pädgogik beikommt, wie das Weiss in ihrem Schlussbeitrag nahe legt, darf allerdings bezweifelt werden. Auch mit einer Intensivierung der Bemühungen, mit Intervention oder gar Sanktion wird der Rassismus nur parziell eindämmbar sein. Ja, es stellt sich sogar die Frage, inwiefern letztere ihn nicht vielmehr anstachelt. Wie sollen Staat und Gesellschaft effektiv den Rassismus bekämpfen können, wo er doch konstitutioneller Bestandteil ebendieser ist? Es ist davon auszugehen, dass in einer Gesellschaft, die auf Konkurrenz und Verwertung, Inklusion und Exklusion aufbaut, der Rassismus (früher mehr offensiv, aktuell mehr defensiv) als Identitätsideologie einfach dazugehört, also immanent keine Störung ist. Gerade das Fremdenrecht erschafft immer wieder eine inferiore Kategorie von Untermenschen, die nur bedingt rechtsfähig sind. Worin liegt deren Makel? – Nun, sie sind keine Staatsbürger.

Sir Peter Ustinov Institut (Hg.)
„Rasse“ – eine soziale und politische Konstruktion
Strukturen und Phänomene des Vorurteils Rassismus
188 S., kart., € 24,90 (Braumüller Verlag, Wien)

aus: Die Presse, Spectrum, 21. Mai 2011.

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