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Gegen Internationalismus

24 Apr 2004

von „Anti Olympisches Komitee Leipzig“

Erläuternde Anmerkung zur umstrittenen Forderung im Aufruf „Fatal Error -The game is over“ (bundesweite Anti-Olympia-Demo am 15.05.2004 in Leipzig)

Uns wurde – zum Teil direkt, zum Teil nur hintenrum – Kritik und Unverständnis bezüglich unserer Forderung „Gegen Nationalismus und Internationalismus“ am Ende des Demo-Aufrufs für den 15. Mai mitgeteilt. Einige Gruppen kündigten sogar an, nur deswegen nicht mehr nach Leipzig mobilisieren zu wollen. Um einige Missverständnisse (denn für nichts anderes halten wir es) auszuräumen, möchten wir hiermit kurz erklären, warum wir uns gegen ein weithin als links angesehenes Ziel, den Internationalismus, im Kontext der Olympia-Kritik aussprechen.

1. Die Olympischen Spiele verstanden sich immer als internationalistisch – und zwar als Gegensatz zum Kosmopolitismus, zur Heimatlosigkeit, zum Antinationalismus, die als Gefahr für die Menschheit definiert wurden. Die Rituale (Einzug der Nationen mit ihren Fahnen, Abspielen der Nationalhymne) sollen den Wettstreit der Nationen – und eben nicht nur der SportlerInnen untereinander – anschaulich machen. Der Kontakt mit „fremden“ Nationen sollte der Bewusstwerdung der eigenen nationalen Eigenheiten, die als Naturkonstanten begriffen wurden, dienen. Der olympische Internationalismus spiegelt letztendlich auf einer ideologischen Ebene lediglich die Herausbildung des kapitalistischen Weltmarktes wieder – und dies in verschleierter Form, da die Spiele den Schein aufrecht zu erhalten versuchten, die Nationen würden sich gleichberechtigt gegenübertreten. Am Anfang sollten die Spiele und die Weltausstellungen, die heutige Expo, zusammen stattfinden. Coubertin, der Begründer der neuzeitlichen Spiele, äußerte sich diesbezüglich folgendermaßen: „Die Völker sind miteinander in Verkehr getreten, haben sich besser kennen gelernt und Gefallen daran gefunden, untereinander Vergleiche zu ziehen.“ Auch heute noch werden uns die Spiele als „Fest der Nationen“ angepriesen, bei dem sich die Völker der Erde im „friedlichen Wettstreit“ messen. Schon allein die damit verbundenen Argumentationsmuster sollten Misstrauen zumindest gegenüber dem olympischen Internationalismus wecken.

2. Nun mögen einige einwenden: Das IOC pervertiert die Idee des Internationalismus – und deswegen sei der eigentlich emanzipatorische Begriff zu verteidigen. Allerdings sehen wir auch das nicht so: Internationalismus setzt das Konstrukt der Nationen voraus: die „Zärtlichkeit der Völker“ kann nur eingefordert werden, wo anerkannt wird, dass es Völker gibt. Als Linke sind wir allerdings der Meinung, dass es weder Völker noch Nationen geben sollte – sie gehören abgeschafft und die zugrunde liegenden Ideologien bekämpft. Gewiss gibt es einen Unterschied zwischen dem „olympischen Internationalismus“ und dem „linken Internationalismus“. Doch die Gemeinsamkeiten sind unübersehbar, der eine leitete sich aus dem anderen ab und die politischen Implikationen des Begriffes und des damit verbundenen Konzeptes vom Umgang der Nationen miteinander sind fragwürdig.

3. Es ist deswegen in Teilen der Linken inzwischen üblich, Internationalismus genau unter diesem Gesichtspunkt zu kritisieren und für Kosmopolitismus einzutreten.

4. Unser Aufruf erklärt, dass der Internationalismus (auch der olympische) dem Nationalismus (z. B. dem deutsch-völkischen) vorzuziehen ist. Der Internationalismus ist ein Produkt der Aufklärung, der Nationalismus der Gegenaufklärung. Eine Verteidigung des Internationalismus gegen den Nationalismus bedeutet aber nicht, dass der Internationalismus nicht mehr kritisiert werden darf. Denn der Gegensatz von Nationalismus und Internationalismus ist kein prinzipieller, vielmehr handelt es sich bei dem Begriffspaar um zwei Seiten einer Medaille. Dass wir jedoch die Unterschiede der verschiedenen Sporttraditionen – völkisch in Deutschland oder internationalistisch in anderen Ländern – nicht ignorieren, wird ja im Aufruf deutlich erklärt.

5. Eine Linke, sofern sie mit ihrem Internationalismus indirekt (und vielleicht auch unbewusst) nationalistische Ideologien befördert hat, gehört natürlich dafür kritisiert. Dies bedeutet allerdings von unserer Seite keine Entsolidarisierung. Deswegen finden wir es schade, dass unsere Analyse bislang nicht zu einer Diskussion angeregt hat, sondern nur zu Abgrenzungs- und Abwehrversuchen.

6. Gerade im Zusammenhang mit Olympia in Leipzig macht die Parole am Ende des Aufrufs Sinn: Diejenigen, die uns jahrelang den Internationalismus eingehämmert haben (nämlich die DDR-Partei- und Stasi-Kader, die uns monatlich dazu drängten, Spendenmarken für die Deutsch-Sowjetische Freundschaft für 50 Pfennig das Stück zu kaufen und in das Mitgliedsheft einzukleben), sitzen nun in der PDS und sogar direkt in den Olympia-Bewerbungsgremien und promoten die Olympiade als national-internationalistisches Event. Das ist die Leipziger „linke“ (d. h. realsozialistische) Geschichte – und für die haben wir natürlich nur Verachtung übrig.

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