von Emmerich Nyikos (Mexiko-Stadt)
Gleich vorweg: Ich boykottiere die WM und hoffe, standhaft zu bleiben. Der Grund dafür: zuerst einmal die FIFA. Um mit dem Unwesentlichsten zu beginnen: die Teilnehmerzahl von 48 Nationen, rund einem Viertel aller Staaten, die in der UNO vertreten sind. Das wird die Attraktivität und das spielerische Niveau der Weltmeisterschaft nicht unbedingt heben. „Inklusion“ schön und gut, aber die Teilnahme von Curaçao, Haiti oder Cabo Verde wird außer zusätzlichen Toren (und demütigenden Niederlagen) sonst nichts bringen. Ich will nicht falsch verstanden werden, dasselbe würde ich auch von der Teilnahme San Marinos, Liechtensteins oder der Färöer-Inseln denken. Jedenfalls habe ich mir vor einiger Zeit die Übertragung eines Qualifikationsspiels von Curaçao angesehen und ich kann sagen, daß in der Regionalliga Ost auch nicht viel schlechter gespielt wird. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß das mit sportlichen Gründen nichts zu tun hat, und vermute, daß die Heraufsetzung der Teilnehmerzahl rein kommerzielle Gründe haben dürfte.
Da sind wir auch schon in media res: das Geschäft. Nehmen wir nur die Ticketpreise für die Spiele an den drei mexikanischen Austragungsorten (Mexiko-Stadt, Guadalajara und Monterrey): Sie bewegen sich zwischen 27.000 Pesos (rund 1.500 Euro) und fast einer Million (rund 50.000 Euro). Das kann sich hier niemand leisten außer den Angehörigen der Bourgeoisie und der obersten Mittelklasse, beträgt doch der Mindestlohn in Mexiko etwa 10.000 Pesos im Monat, von der Masse derjenigen, die im „informellen Sektor“ von der Hand in den Mund leben (als ambulante Verkäufer, Straßenmusikanten, Scherenschleifer, Feuerschlucker, Jongleure, Schuh- und Windschutzscheibenputzer, Betreiber von Tacos- oder Tlacoyos-Verkaufständen und was es sonst noch so gibt), ganz zu schweigen.
Abgesahnt wird aber nicht nur in den Stadien, sondern auch und nicht zuletzt außerhalb davon: So müssen die Cafés und Restaurants, die in ihren Etablissements einen Fernsehapparat aufgestellt haben (das sind fast ausnahmslos alle, zumindest in Mexico-City, in den meisten Fällen gibt es sogar ein Exemplar in jeder Ecke des Lokals), eine Extragebühr zahlen, damit sie die Transmission der Spiele ihren Kunden zeigen dürfen. Übrigens übertragen die großen privaten free-TV-Fernsehstationen (TV Azteca und Televisa) – einen öffentlichen Rundfunk gibt es in Mexiko nicht – nur 32 der insgesamt 104 Spiele. Der Rest ist Pay-TV. Also, wo man hinsieht, überall ein großes Geschäft.
Was die Performance der mexikanischen Regierung und vor allem die der drei Bundesstaaten, wo die Spiel stattfinden sollen (Mexiko-Stadt, Jalisco und Nuevo León), anbelangt, so hat man sich redlich bemüht, den besten Eindruck auf die Weltöffentlichkeit zu machen. In Mexico-City etwa wurden die Fassaden derjenigen Gebäude, die sich an den Zugangswegen zum Estadio de CDMX (dem früheren Azteken-Stadion in Santa Ursula) befinden, neu gestrichen (und zwar feministisch lila). Das, was sich dahinter verbirgt, ist freilich ganz so geblieben, was es vorher war, nämlich, da es sich um eine suburbane Zone handelt, Wohnungen sehr oft auf Substandard-Niveau – ein Vorgehen, das dann doch sehr an die Zeit der russischen Zarin Katharina II. mit ihren Petemkinschen Dörfern erinnert. Auch hat man an allen wichtigen Straßenkreuzungen stilisierte Bilder von Truthähnen (huajalotes, so etwas wie ein nationales Symbol) auf den Asphalt malen lassen, die man freilich als solche nur erkennen kann, wenn man mit dem Helikopter darüberfliegt. Ob man sich dabei von den Erdgravierungen in Nazca (Peru) inspirieren hat lassen, bleibe dahingestellt.
Wie es hier so üblich ist, konnte man einige der übrigen WM-Projekte nicht rechtzeitig fertigstellen, vor allem die Renovierung derjenigen Metro-Stationen, von denen man annehmen konnte, daß sie von den WM-Besuchern vornehmlich benutzt werden würden. Renovierung bezieht sich hier allerdings auch nur auf das äußere Erscheinungsbild, denn die dringend notwendige Erneuerung der Elektrizitätsinfrastruktur des U-Bahn-Systems ist ausgespart worden. Das aber ist dasjenige Problem, das man in Angriff hätte nehmen müssen, denn es kommt auf allen Linien praktisch stündlich vor, daß die Metrozüge in den Stationen minutenlang, wenn nicht länger, gleichsam „unmotiviert“ stehenbleiben, und das in Wagons, die zu den Stoßzeiten gesteckt voll sind und in die einzusteigen oft unmöglich ist. Die Sardinen in den Dosen sind da besser dran. Außerdem waren einige Linien während der Arbeiten in den Stationen für das Publikum gesperrt oder funktionierten im bestem Fall nur phasenweise.
Das alles sorgte für Unmut, was die Opposition (die ehemalige Staatspartei PRI und der konservativ-katholische PAN) zu ihren Gunsten natürlich auszunutzen versucht hat. Es muss aber auch gesagt werden, daß die Arbeiten von privaten Firmen ausgeführt wurden, die hier notorisch unzuverlässig sind.
Nichtsdestotrotz herrscht WM-Fieber in Mexiko. Das merkt man daran, daß die Leute überall im grünen Trikot der mexikanischen Nationalmannschaft herumlaufen, das im übrigen auch sonst ein beliebtes Kleidungsstück ist (und das dem mexikanischen Verband das ganze Jahr über nicht unwillkommene Zusatzeinnahmen beschert). Am Tag des Eröffnungsspiels Mexiko gegen Südafrika am 11. Juni waren es natürlich noch viel mehr. So sollen laut der Tageszeitung La Jornada rund eine halbe Million aficionados, so ausstaffiert, unterwegs gewesen sein. Selbstverständlich war auch schulfrei. Ursprünglich war sogar geplant, eigentlich schon beschlossen, die Schulferien um rund einen Monat vorzuverlegen, die SEP (Secretaria de Educación Pública, das Unterrichtsministerium) hat dann aber doch noch einen Rückzieher gemacht.
Jedenfalls waren am Tag des WM-Beginns zwischen 1 und 3 Uhr nachmittags die Straßen fast leer, der Verkehr auf der Avenida Eje Central, die die Stadt von Norden nach Süden in zwei Teile teilt und in deren Nähe ich wohne, war zu einem Rinnsal zusammengeschrumpft. Übrigens ist diese Hauptverbindungsstraße nach General Lázaro Cárdenas benannt, der als Präsident Mexikos 1938 das Erdöl nationalisierte und somit der eigentliche Schöpfer des PRI-Modells ist, das später von Chávez, Morales, Correa und anderen nachgeahmt wurde. Dieses besteht, einfach gesagt, darin, die Einnahmen aus dem nationalisierten Rohstoffgeschäft in „soziale Programme“ und, im Fall von Mexiko, in Prestige-Projekte fließen zu lassen. So etwa finanzierten die Erdöleinnahmen unter anderem die Errichtung des Campus der Nationaluniversität UNAM, der nicht von ungefähr Ciudad Universitaria („Universitätsstadt“) heißt und dessen Ausdehnung der eines größeren Wiener Gemeindebezirks gleichkommen dürfte, mit einer Unzahl von Institutsgebäuden, der Nationalbibliothek, dem Olympia-Stadion (Heimstätte des universitätseigenen Erste-Division-Vereins PUMAS, zur Zeit Vizemeister), einem Schwimmbad, einem eigenen Radio- und Fernsehsender, einem Busnetz, einem eigenen Sicherheitsdienst, einem Einkaufszentrum usw. – ein Beispiel für den mexikanischen Hang zur Monumentalität, der auch daran abzulesen ist, daß die mexikanische Nationalflagge, wie die, die auf dem Zócalo, dem Zentrum von Mexiko-Stadt, täglich gehisst wird, hinsichtlich ihrer Dimension nichts zu wünschen übrig lässt. Auch werden an Nationalfeiertagen vor den Spielen der Liga Mx (der ersten Division) von der Armee Fahnen auf dem Spielfeld ausgerollt, die, gefühlt, das halbe Spielfeld bedecken. Doch das nur nebenbei.
Zurück zur WM: Der Ablauf dieses Mega-Spektakels wird vielleicht nicht ganz ungetrübt sein. Denn die Lehrergewerkschaft CNTE, eine Abspaltung von der nationalen Gewerkschaftsorganisation des Lehrpersonals, die seit Wochen mit Streiks, Protestcamps, Blockaden usw. ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen versucht (unter anderem die Rücknahme der Pensionsreform von 2007 unter dem PAN-Präsidenten Felipe Calderón), hat angekündigt, Störaktionen durchführen zu wollen, was die Regierung in helle Aufregung versetzt hat, denn das könnte das schöne Bild, das man der Weltöffentlichkeit von sich zu bieten versucht, dann doch empfindlich trüben. Die MORENA-Regierung von Claudia Sheinbaum (so eine Art lateinamerikanische Sozialdemokratie), die sich den Forderungen zu beugen nicht geneigt zeigt, argumentiert dabei, daß dafür kein finanzieller Spielraum besteht. Man wird sehen, was sich daraus noch ergibt.
Die Gewerkschaften in Mexiko darf man sich im übrigen nicht als Klassenorganisationen im eigentlichen Sinne denken. Der Gewerkschaftsbund CTM (Confederación de Trabajadores de México) ist, nachdem er in den 40er Jahren in den PRI kooptiert und von dieser Staatspartei komplett vereinnahmt worden war, völlig bedeutungslos, der Organisationsgrad unter den Arbeitern ist annähernd null (die Bauarbeiter dürften dabei eine Ausnahme bilden), während die mehr oder weniger unabhängigen Gewerkschaftsorganisationen (wie die CNTE) rein korporatistische Gebilde sind, die sektorale Belange durchzusetzen versuchen, oft auf Kosten anderer, im Falle der CNTE insbesondere der Kinder, die durch die ewigen Streiks in einigen Bundesstaaten (vor allem Oaxaca im Süden) kaum noch geregelten Unterricht haben. Die Lehrergewerkschaften waren im übrigen (neben der Mittelklasse) diejenigen, die am vehementesten für den Lockdown während „Corona“ eingetreten sind. So waren die Schulen während eineinhalb (!) Jahren geschlossen, der Unterricht fand, wenn überhaupt, über Google Classroom und das Fernsehen statt. In dieser Zeit sollen dann auch, schätzungsweise, 10.000 Schulen ausgeraubt und demoliert worden sein, zumindest gab es dazu einen entsprechenden Bericht in La Jornada. Die Nationaluniversität UNAM, wieder einmal Avantgarde, war zwei Jahre zu.
Zum Abschluss, last, but not least, mit der wichtigste Grund, warum ich mich entschlossen habe, die WM zu boykottieren: Wenn schon die „Weltgemeinschaft“ sich nicht dazu aufraffen kann, das Spektakel angesichts der Wild-West-Methoden der US-Administration auf internationalem Terrain (von der Ukraine über Venezuela und den Iran bis hin zu Kuba) links liegen zu lassen, dann raffe eben ich mich dazu auf – auch wenn sechs Wochen ohne Fußball, zugegebenermaßen, ziemlich hart sein werden.
