Jenseits des Maschinenparks

Karl Marx und die Arbeit am Digitalen

von Barbara Eder

Als Karl Marx im Zusammenhang mit der Zirkulation und Reproduktion des Kapitals vom Arbeiten „upon application“ (MEW 42, 631) sprach, gab es noch kein Internet; er gebrauchte diesen Term analog zu dem der Zwangsarbeit: Infolge eines enormen Bedarfs an Händen, die der Industrie zugeführt werden sollten, wurden vormals freie Arbeiter:innen einem disziplinierenden Regime unterworfen. Um der „Verluderung“ der Tagelöhner:innen entgegenzuwirken, wurde nicht nur der Ort, sondern auch die Zeit, zu der es zu arbeiten galt, seit dem 15. Jahrhundert kontinuierlich festgelegt. Diese juridischen Vorschreibungen verwandelten Vagabund:innen, Landstreicher:innen und andere Eigentumslose – Marx nennt sie auch „sturdy rogues“, also „freche Landstreicher“ – in unfreie Arbeiter:innen – und der „Staatszwang“ (ebd.) spielte dabei keine geringe Rolle.

Zugerichtet werden „able bodied labourers“ seither nicht nur durch die profitgetriebene Logik jener, die ihre Arbeitskraft konsumieren, sondern auch nach den Erfordernissen der Technologien im Dienst dieser Expropriation. Unter der Herrschaft Heinrich des VII. war es noch das in eine Viehweide transformierte Ackerland, das als Frühform für derartige „Kultivierungen“ diente, heute sind es die digitalen Plantagen von Facebook und Google, die beim groß angelegten Data-Harvesting – der Extraktion von Daten aus Social Media-Posts, Websites und Online-Surveys – das Bewusstsein ihrer (Be)Arbeiter:innen formatieren. Auswertungsangelegenheiten dieser Art gestalten sich in Relation zur Menge der anfallenden Daten, die Verarbeitungsgeschwindigkeit ist durch die technischen Parameter eines Netzwerks und den in ihm generierten Traffic bestimmt. Das Sammeln von User:innen-Daten bezeichnet Matteo Pasquinelli auch als ursprüngliche Aneignung von Wissen durch das Kapital, die dazugehörigen Produktionsmittel tragen wir selbst in unseren Hosentaschen. In der mentalen Koppelung an das datenhungrige Gerät und der durch es diktierten Arbeitszeit setzt jener Zwang sich fort, der „freie“ Arbeiter:innen einst zu unfreien machte – ein Offline-Sein ist seither selten.

Mit der Privatisierung erster Computer in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts hielten Teile einer netzwerkförmig organisierten, auf die Vermehrung von digitaler Arbeit abzielenden Maschinerie Einzug in menschliche Räume. Anfangs war dieser Prozess noch mit der Hoffnung verbunden, dass subalternisierte Akteur:innen nunmehr selbstorganisiert über ihre Produktionsmitteln verfügen und zu flottierenden Produzent:innen einer aufkommenden Wissensgesellschaft werden würden. Mit den ersten PC-Vernetzungen entstanden jedoch nicht nur weltweite Interkonnektivitäten, sondern auch Zonen der totalen Vernutzung. Während die Komplexität im elektronischen Schaltkreis und die Leistungsfähigkeit der darin verbauten Mikrochips weiterhin wächst, wurden die zu Homeoffices umfunktionierten Küchen, Wohnzimmer, Garagen und Slums zunehmend zu ausgelagerten Orten der IT-Industrie – User:innen fungieren als Erweiterungen ihrer technischen Infrastrukturen. Verausgabt wird dabei nicht einfach gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit: Bei der Plattformarbeit ist nicht mehr die Länge des Arbeitstages entscheidend, sondern die Intensität der Arbeitskraft. Anders als Marx dies in seinem Maschinenfragment konstatierte, kollabiert die auf Tauschwert beruhende Produktion nicht einfach; stattdessen verändern sich Vorstellungen von Zeit und Arbeit fundamental – der Kampf um ein Freisein davon hat eben erst begonnen.

Hand, Kopf, Zahl, Funktion – Arbeiten in technischen Apparaten

Das Kapital baut jene, die seine Maschinen bewusst oder unbewusst bedienen, als Platzhalter für das, was ihre Konstrukteur:innen den „Faktor Mensch“ nennen, in seine technischen Umgebungen ein. Ein Genug kann es aus dieser Perspektive niemals geben: Jede neue Nutzer:in im Netz erzeugt noch mehr Daten und ihr Anwachsen ist – jedenfalls bis zum nächsten Serverausfall – exponentiell. Für die kommerziell verwertbare Datenproduktion spielt die Zeit, die eine bestimmte Gruppe auf einer Plattform verbringt, eine entscheidende Rolle: Eine Gruppe, die durchschnittlich viele Minuten auf Facebook ist, erzeugt wertvollere Datenware als andere; indem sie mehr Zeit auf der Plattform verbringt, produziert sie mehr Daten, die zu Werbezwecken verkauft werden können, zugleich ist sie für längere Zeit durch Werbung und personalisierte Anzeigen manipulierbar.

Bezüglich der Datenproduktion auf kommerziellen Plattformen scheint das Wertgesetz volle Gültigkeit zu beanspruchen. Der Entzug von Wissen über das auf einer Plattform erzeugte Gut ist indes Intention ihrer Betreiber:innen. Im technischen Aufbau derselben ist die strikte Trennung von Wissenden und Ausführenden, von Techniker:innen und User:innen, festgelegt. Erste Forderungen nach einer derartigen Separation finden sich bereits in den frühen Managementtheorien des 19. Jahrhunderts, in den Ausbildungssystemen ist sie seither zementiert. Die dazumal entstandenen „ècoles d’enseignement professionnel“ – die Berufsschulen – bezeichnete Marx aufgrund ihrer großzügigen Konzessionen an das Kapital auch als Anstalten für „Elementarunterricht mit fabrikmäßiger Arbeit“ (MEW 23, 512). Für André Gorz sind derartige Ausbildungsformen – nebst der klassenmäßigen Selektion, die sie bewirken – vor allem Institutionen zur Verfestigung der Dichotomie von Hand- und Kopfarbeit. Im Aufsatz Technische Intelligenz und kapitalistische Arbeitsteilung schreibt er:

„Erziehung und Produktion, Lernen und Arbeiten sind getrennt worden, weil Theorie und Wissen von der Praxis getrennt worden sind – so wie die Arbeiter von den Produktionsmitteln, von Kultur und Gesellschaft überhaupt. Daher ist die Wiedervereinigung von Erziehung und Produktion, von Arbeit und Kultur der einzig vernünftige Standpunkt in einer kommunistischen Perspektive.“

Die von Gorz – und mit ihm auch von Alfred Sohn-Rethel – kritisierte und der technischen Apparatur eingeschriebene Arbeitsteilung hat sich – trotz anfangs gegenläufiger Hoffnungen – auch im Internet etabliert. Den oftmals direkt in der Cloud bearbeiteten Tasks liegt eine Trennung zugrunde, die in ihren Grundzügen jedoch schon vor der mikroelektronischen Revolution existierte.

Marx hatte das frühkapitalistische Werkmeistersystem, welches das Hierarchiegefälle im Arbeitsprozess noch vor dem Aufkommen erster Arbeitszuteilungsbots reproduzierte, nach der Lektüre von Owens 1837 erschienenen Six lectures delivered at Manchester als Vorbereitung auf die Herrschaft jener „gebieterischen Lords“ verstanden, deren „Diener“ er sich nicht scheut als „Sklaven“ (MEW 42, 608) zu bezeichnen. Walter Benjamin zufolge hätten schon Owens’ „kleine Meister“ diese instruiert. Sogar in jenem „vulgär-marxistische[n] Begriff von dem, was die Arbeit ist“, witterte dieser in seiner elften These zum Geschichtsbegriff noch Spuren jener „alten, protestantischen Werkmoral“, die ausgerechnet am Vorabend des Faschismus „in säkularisierter Gestalt bei den deutschen Arbeitern ihre Auferstehung“ feiere. Im von August Bebel und Wilhelm Liebknecht 1875 verfassten Gothaer Programm sei sie ebenso enthalten wie im blinden Glauben an die technische Beherrschbarkeit einer allzu wild gewordenen Natur.

In ihrer Funktionslogik gleicht die Arbeit im Digitalen sich den Erfordernissen der Maschinerie zunehmend an. Erste Versuche, dies als betriebwirtschaftliche Notwendigkeit darzustellen, datieren auf das Jahr 1895, in dem Fred W. Taylor damit begann, seine Methodologie für die mechanisierte Massenproduktion empirisch zu approbieren. In On the Art of Cutting Metals präsentierte er eine Partiallösung für das Problem der Arbeit, die in ihrer Aneignung und Kontrolle derselben über ihre arbeitsteilige Neuorganisation zu besteht. Ausgerechnet am Widerstand der Arbeiter:innen in einem kleinen „machine shop“ der Midvale Steel Company musste Taylors reißbrettartiger Management-Entwurf vorerst scheitern. Die tayloristisch verordnete Outputsteigerung stieß dort an ihre Grenzen, wo die Produzent:innen selbst sich weigerten, ihre Art des Arbeitens nach den von oben verordneten Vorgaben zu verändern. Taylors mit Stoppuhr und Maßband im Rahmen seiner „time and motion studies“ generierten Empfehlungen für den maximalen „Leistungserfolg“ bei minimalem Zeitaufwand „funktionierten“ mit Blick auf die über Jahrzehnte hinweg eingeübten Praktiken der Produzent:innen jedoch nicht immer, ihr lebendiges Tun stellte die angenommene Kommensurabilität zwischen maschineller und menschlicher „Funktion“ stets in Frage. Sein Programm zur Neuaufteilung des Arbeitsprozesses veranlasste Taylor zur Veränderung der gesamten Organisation. Die Trennung und hermetische Abschirmung aller am Arbeitsablauf Beteiligten liegt seither seinem „task management“ zugrunde – es bildet auch die Basis für bestimmte Formen der Arbeit in digitalen Apparaten.

Mikrotasking im Minutentakt, oder: Capital fixe im entgrenzten Netz

Das voll entwickelte System der kapitalistischen Maschinerie lässt die bewussten Zeitverzögerungen nicht mehr zu, durch die die Arbeiter:innen der Midvale Steel Company sich den tayloristischen Vorschreibungen widersetzten. Mit ihm etablierte sie jene auf Menschen angewandte „Wissenschaft, die die unbelebten Glieder der Maschinerie zwingt, durch die Konstruktion zweckgemäß als Automat zu wirken“ (MEW 42, 593). Marx beschreibt die dazugehörigen Vorrichtungen als „gegliedertes System von verschiedenartigen einzelnen Arbeitsmaschinen und von Gruppen derselben“ (MEW 23, 401), die ohne Unterlass auf die Arbeitenden einwirken. An einigen Stellen der Grundrisse – im Nachhinein wurden sie zum Maschinenfragment zusammengefasst – glaubte er, darin ein Movens der Befreiung erkennen zu können: Infolge der enormen Produktivität im Maschinenpark der Industriellen Revolution würde fortan nur ein Bruchteil der bisherigen Arbeitsleistung ausreichen, um den gesellschaftlichen Status Quo aufrechtzuerhalten. Dieser Prozess führe zur Freisetzung eines bislang ungeahnten Ausmaßes an „disposable time“ (MEW 42, 604) – als Zeit des Frei-Seins von Arbeit. Arbeitszeit kann folglich nicht mehr im selben Ausmaß angeeignet werden – und das Wertgesetz kollabierte noch am Boden der kapitalistischen Produktion.

Als der Arbeitszeit diametral entgegen gesetzte und sie zugleich bedingende Größe ist die „disposable time“ für Marx die einzig wirklich Quelle gesellschaftlichen Reichtums und infolge ihrer kontinuierlichen Erweiterung durch maschinelle Arbeitsübernahme auch jene Kraft, die alle bisherige, „auf dem Tauschwert ruhnde Produktion“ (ebd., 601) ad absurdum führen könne. Wird sie jedoch nicht angeeignet – und dies bedeutet: kollektiv erkämpft –, tritt das Gegenteil dessen ein, was Marx zufolge Kern aller Ökonomie ist: Ersparung – auch an Arbeitszeit. Die von Arbeit befreite Zeit – in den Grundrissen ist „disposible time“ mit „gesellschaftlich verfügbare Zeit“ übersetzt – läuft stets Gefahr, als Surplus-Arbeit erneut in den Dienst des Kapitals genommen zu werden. Erst einmal freigesetzt, hat dieses angeeignete Quantum seine Besitzer:innen jedoch schon „in ein anderes Subjekt verwandelt“ (ebd., 607) – und allein infolge dieser Metamorphose träten sie ein für allemal als Andere in den Arbeitsapparat ein. Eine repressiv entsublimierte Freizeitgesellschaft wäre ebenso wenig die Folge daraus wie allein eine bloße Arbeitszeitreduktion infolge der Übertragung menschlicher „power“ an die Maschinen: Ein Leben und Arbeiten unter vollkommen veränderten Verhältnissen wäre denkbar – und damit nicht weniger als eine gesellschaftliche Neuausrichtung abseits des kapitalistischen Wertes und seiner Gesetzmäßigkeiten.

„[D]ies capital fixe being man himself“ – „dies fixe Kapital ist der Mensch selbst“ (MEW 42, 607) schreibt Marx an anderer Stelle der Grundrisse und scheint damit zugleich die dialektische Gegenbewegung zu dieser möglichen Entwicklung zu benennen. In der spätkapitalistischen Maschinerie sei das Kapital selbst Mensch geworden, oder: sich Manns genug. Infolge der verminderten Mehrwertproduktion aufgrund der anfänglich hohen Investitionskosten in die Maschinen fürchtet es den tendenziellen Fall der Profitrate und sorgt somit dafür, die durch maschinelle Arbeitsübernahme eingesparten Lohnkosten der Letztverbliebenen nochmals drastisch zu drücken. Von der lebendigen Arbeit, die im maschinengestützten Produktionsprozess vernutzt wird, bleibt am Ende nichts mehr übrig. Die Arbeiter:innen sind „bloß lebendiges Zubehör dieser Maschinerie“, sie stehen einem „gewaltige[n] Organismus“ (ebd., 593) gegenüber, der sich parasitär durch sie zu ernähren scheint und all das in sich aufnimmt, was er nicht aus sich selbst heraus (re)produzieren kann.

Auf die mit der Intensivierung des Maschinengebrauchs am Übergang von der Manufaktur zur Fabrik einsetzende formelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital folgt mit der mikroelektronischen Revolution die reelle: Die Verlängerung des Arbeitstages und die zunehmend unmögliche Abtrennung vom Alltag ist ebenso Symptom dieses Prozesses wie die vollständige Aufzehrung aller Fähigkeiten und Vermögen der Arbeitenden. Seither befreit die Maschine sie nicht mehr von der Arbeit, sondern die Arbeit von ihrem Inhalt – vergegenständlicht in den digitalen Apparaten der Plattformindustrie, tritt sie ihren Akteur:innen als vollends entfremdet und frei von Sinn entgegen. Bestimmt ist diese durch Parameter, die nicht Menschen, sondern Computersysteme in ontologischer Hinsicht definieren. Hinter ihren Monitoren programmieren die letzten Humanoiden oder defragmentieren, mit jedem Software-Update „upgraden“ sie auch sich selbst. In den Fenstern ihrer Browser surfen sie einsam vor sich hin und wähnen sich doch in bester Gesellschaft; auf digitalen Autobahnen sammeln sie zahllose Cookies ein und halten sich am Ende doch für befreit.

Anbieter von Plattformarbeit sind darauf spezialisiert, diese softwarebasiert zu erzeugen und über das Internet zu distribuieren. Firmen wie Microtask oder ClowdCrowd beliefern die User:innen mit in Teilarbeitsschritte zerlegten Tasks, die per Mausklick oder Tastatureingabe – nicht selten über Mobiltelefone – bedarfssynchron zu erledigen sind. Manuelle Spamproduktion ist ebenso Teil dieses Mikrotasking wie das Erstellen von Textnachrichten mit fester Zeichenbegrenzung oder die stückweise Übersetzung ganzer Wortkorpora in regionale Dialekte; finanziell entschädigt werden die „txt-workers“ von den Plattformunternehmen dafür nicht selten in „naturalen“ Gegenwerten wie etwa bezahlten Handy-Minuten; ihre Arbeit vollzieht sich auch im Unwissen über den größeren Kontext. Marx zufolge manifestiere Capital fixe sich dergestalt in Reinform, nämlich „[S]oweit im Capital fixe das Arbeitsmittel, nach seiner stofflichen Seite, seine unmittelbare Form verliert und stofflich dem Arbeiter als Kapital gegenübertritt. Das Wissen erscheint in der Maschinerie als fremdes außer ihm; und die lebendige Arbeit subsumiert unter die selbständig wirkende vergegenständlichte. Der Arbeiter erscheint als überflüssig, soweit nur seine Aktion nicht bedingt ist durch die Bedürfnisse [des Kapitals].“ (MEW 42, 595)

Mikrotasking ist Teil einer Crowdsourcing-Strategie, die einer inhärenten Logik der Parzellierung folgt. Jenes „Quantum Arbeit“, dessen Aneignung Voraussetzung für den Kollaps des Tauschwerts ist, wurde von den technischen Apparaten absorbiert, sie fordern dieselbe Leistung in immer kürzerer Zeit. Im technisch minimierten Zeitfenster werden heute mehr Daten verarbeitet als im Rahmen eines analogen 8-Stunden-Tags. Jener „Tretmühleneffekt“, der Moishe Postone zufolge im Wertgesetz verankert sei, tritt bei dieser Art von Plattformarbeit unweigerlich auf den Plan. Ein technischer „Prothesengott“ hat in diesem Fall den leeren Ort der von Postone transzendental gedeuteten Wertform besetzt. Letzterer konzipiert Zeit als ursprünglich abstrakte Einheit, die erst infolge der Warenförmigkeit gesellschaftlicher Verhältnisse zu einer realen Messgröße wird, daraus resultiere auch die historische Variabilität des pro Zeiteinheit produzierten Wertes. Mit jeder angeeigneten Minute außerhalb ihrer wertbasierten Zurichtung könnte das Wertgesetz jedoch ebenso ins Wanken gebracht werden.

Rettung der Arbeit, Beschleunigungsdystopie oder Plattformverstaatlichung?

Die für das Entstehen der Plattformökonomie vorausgesetzten netzwerktechnischen Protokolle und Programme wurden bereits in den 1970er Jahren entwickelt, genutzt werden sie auch innerhalb der informationstechnologischen Anwendungen des im Vergleich zur IT-Industrie weitaus profitträchtigeren FIRE-Sektors. Die dahinter stehenden Maschinen sind bis heute Kinder des Kalten Krieges: In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts dachte die erste Generation von Kybernetiker:innen erstmals über technische Möglichkeiten zur Angleichung von Mensch und Maschine nach, mit Experimenten zur Verhaltenssteuerung im kontrollierten Regelkreis haben sie während der ersten Macy-Konferenzen der Jahre 1946 bis 1953 begonnen. Was anfangs für Spiel gehalten wurde, stellt sich zunehmend als eine Form von Konditionierung heraus: Drohnenpilot:innen rekrutiert man heute vorzugsweise vor dem Monitor. Das Arbeitstraining in der nach Außen isolierten Skinner-Box ist kein Produkt lebendiger Arbeit, sondern Vorbereitung auf die des Todes. In Affirmation derartiger technischer „Fortschritte“ setzt das akzelerationistische Unternehmen, das in Reaktion auf die folkpolitische Stagnation innerhalb der politischen Linken auf den Plan getreten war, auf vollständige gesellschaftliche Automatisierung. Die angestrebte Beschleunigung aller Zirkulationssphären geschieht (unbewusst) jedoch im Einklang mit dem Kapitalinteresse, davon profitiert hat bislang vor allem der Finanzkapitalismus. Technologie-entwicklung und Kapital verliefen bislang niemals vollständig synchron, erstere hat historisch betrachtet vor allem technologischen Eliten genutzt.

Nick Lands nihilistischen Visionen zufolge habe die akzelerationistische Implosion längst stattgefunden. In seinen dystopischen Bildern erscheint das Kapital immer wieder als Wirbelsturm, der die Küsten Europas streift und sie restlos zerstört. In diesen naturalisierenden Imaginationen einer zweiten ursprünglichen Akkumulation scheint es keine Menschen mehr zu geben – und damit auch nichts, was noch vernutzt werden kann. Dann expandiert das Kapital seit jeher jedoch nach Außen – die Produktionsstandorte seiner Digital Devices befinden sich schon jetzt in den globalen Freihandelszonen von Singapore bis Shenzen, auf den toxischen Deponien Ghanas werden ihre Restbestände wiederverwertet. Kaufkraft für die Produktionsmittel der digitalen „Prouser“ wird vor allem im globalen Norden aufrechterhalten. Existieren dürfen soll man auch dort nicht, ohne dafür zu arbeiten. Ein Leben ohne Lohnarbeit und Konsum ist in dem auf Kaufkrafterhalt und Produktion ausgerichteten keynesianischen Beschäftigungsmodell nicht vorgesehen.

Die Verstaatlichung der Plattformökonomie wurde – ebenso wie der Aufbau staatlicher Datengenossenschaften – zuletzt als Strategie der Gegenmacht von unterschiedlichen Seiten her angedacht. Begründet wird die Notwendigkeit dieser Übernahme unter anderem damit, dass Plattformen viele Aufgaben effizienter erfüllen könnten als klassische Märkte. Die technisch torpedierte Taktung menschlicher Arbeitskraft im Plattformregime wird dabei ebenso wenig einer Kritik unterzogen wie das Wertgesetz, auf dessen Basis die Datenökonomie des Informationskapitalismus operiert. Es endete dort, wo Menschen sich kollektiv weigerten, zum Capital fixe ihrer Maschinen zu werden. Mit dem Aufbau eigenständiger IT-Infrastrukturen auf Basis Freier Software könnte diese Weigerung beginnen; in der Wiederaneignung einer Zeit, die Zeit des Sozialen wird, setzte sie sich fort.

Einer, der sich seinem digitalen Bullshit-Job schon vor Jahren entzog, arbeitete nicht in Tretmühlen, sondern an einer Befreiung davon. Kurz nach Beendigung seines Studiums sollte Eric das Interface eines Firmen-Intranets aufhübschen – angeblich hätten dafür alle Männer seiner Generation ein Faible. Um dieser Zumutung zu entgehen, warf er sich drei Tage lang Ecstasy bei einer anarchosyndikalistischen Party ein; als der von David Graeber auch als „junger Mann aus der Arbeiterklasse“ bezeichnete Digitalarbeiter am Tag danach halluzinierend ins Büro hinkte, war für ihn das Ende der Arbeit gekommen. Derzeit baut er, der niemals Zweifel daran hatte, dass der Online-Kapitalismus täglich neue Bullshit-Jobs schafft, am Grundstück eines besetzten Hauses nahe Bristol Gemüse an. Im Internet ist er seither kaum noch präsent. Ein bedingungsloses Grundeinkommen hätte ihm mit der Vorgeschichte auch das existenziell Riskante dieser Entscheidung abgenommen.

Dieser Text ist ein Auszug aus Das Denken der Maschine. Das Buch erschien im Jänner 2023 in der Reihe Kritik & Utopie bei Mandelbaum.

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