Marx digital

Vom Ende der Verwertung und vom Aufstieg der virtuellen Ökonomie

von Franz Schandl

Digitalisierung ist in aller Munde. Im verordneten Fortschrittsoptimismus hat sie als Chance wahrgenommen zu werden – außerdem, an ihr führt sowieso kein Weg vorbei. Auch die grassierende Zahlenmanie – aktuell sind wir bei 4.0 – lässt vermuten, dass die Zukunft nichts anderes sein kann als die Gegenwart. Bloß modernisiert. Die Dispositive stimmen. Das Modell steht und wird nur von Level zu Level gesteigert. Einmal mehr hat das Schicksal geschlagen, die Herausforderungen sind anzunehmen, die eigenen Qualifikationen entsprechend zu optimieren. Kritische Studien hingegen finden sich selten. Die vorliegende von Michael Betancourt, eines amerikanischen Kritikers und Filmtheoretikers, ist aber so eine. Eine fundierte noch dazu. Terminologisch ist der Band sehr anspruchsvoll, gelegentlich etwas überfordernd, aber es zahlt sich aus, sich darauf einzulassen.

Digitale Hochrüstung erscheint wie eine ewige Entfaltung des Gegebenen, das nie zu Ende kommen wird. Doch ist dem so? Geht das überhaupt? Unser Autor ist da skeptisch. Besonders brisant sind Betancourts krisentheoretische Überlegungen. „Die automatisierte Erzeugung von Werten kann nur fortgesetzt werden, wenn es möglich ist, diese Werte gegen andere Werte zu tauschen. Die Aura des Digitalen, wenn sie durch automatisierte Produktion verwirklicht ist, erzeugt notwendigerweise ein Paradox, bei dem sie statt einer exponentiellen Eskalation in der Schaffung von Wert Überschusswerte erzeugt, für die es exponentiell abnehmende Möglichkeiten des Tauschs gibt.“ (56) Wer also soll kaufen, wenn immer weniger verdienen können? „Daher destabilisiert die Eliminierung der untersten Ebene der menschlichen Arbeit aus dem Produktionsprozess die oberen Ebenen auf kaskadenförmige Weise.“ (57) Es ist die klassische Lohnarbeit, die faktisch ausradiert zu werden droht, wogegen auch kein Klassenkampf mehr hilft, so Betancourt. „Im 19. und 20. Jahrhundert entwickelte Methoden des Widerstands und der Opposition werden neutralisiert, noch bevor sie in Aktion treten können.“ (215) Die Stärke der Arbeiterklasse war gekoppelt an ihr numerisches Wachstum und die Stärke konzentrierter materieller Produktion. Doch diese Umstände sind schon viele Jahre nicht mehr gegeben.

Agnotologie und Daten

Die fundamentale Frage Was sind Daten? beantwortet Betancourt so: „Daten spiegeln nur die Uniformität des digitalen Protokolls wider, wodurch sie den Zustand umfassender Kenntnis anstreben und verdinglichen. Sämtliche Positionen, selbst wenn sie gegensätzlich sind und einander ausschließen, koexistieren als diskrete Datenpunkte, die auf Semiose warten.“ (193) Die Semiose als Deutung der Zeichen wird immer eminenter. Erzeugen Daten digitale Protokolle oder digitale Protokolle Daten? Oder noch enger: Sind Daten digitale Protokolle? Auf jeden Fall sind schon deren Setzungen struktiver Natur, nicht erst die Resultate.

„Die digitale Technologie zwingt die Dinge notwendigerweise in die Gleichförmigkeit des Rasters“ (37), schreibt der Autor. Nicht nur die stofflichen Waren, das gilt ebenso für immaterielle Güter wie Wissen und Information. „Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert.“ (56) Ökonomisch vermag lediglich zu überleben, was sich diesem Prozess unterwirft. Immer mehr wird in Serie durch Automaten hergestellt, selbst Texte. Ganze Sparten geistiger Tätigkeit tendieren durch Digitalisierung überflüssig zu werden.

Einbildung wird zu einem gravierenden, wenn nicht dominierenden Faktor. Wir halluzinieren uns eine bestimmte, genauer gesagt vorbestimmte Realität. Der Kapitalismus ist für Betancourt inzwischen im Reich seiner eigenen Fiktionen angelangt. Daten firmieren als Fixpunkte, sind indessen aber vorgegebene Fixierungspunkte, an die wir zu glauben und mit denen wir zu rechnen haben.

Eine gängige Behauptung lautet ja: Wir wissen immer mehr. Doch wissen wir wirklich mehr?, so die Gegenfrage. Und was bedeutet dieses mehr? Ist es nicht vielmehr so, dass wir in dieser scheinbar ehernen Dynamik auch vieles verlieren? Ist nicht Lernen auch ein Verlernen? Und ist es nicht von entscheidender Größe, wovon wir wissen, wovon wir nichts wissen oder auch nichts wissen sollen? Die organische Zusammensetzung der uns bekannten Ignoranz ist kein individuelles Manko, sondern Konsequenz gesellschaftlicher Verhältnisse. Individuell ist maximal ihre Ausprägung, keineswegs ihre Prägung. Zweifellos sind Ignoranz oder auch Indifferenz große Hürden betreffend Theorie und Praxis der Emanzipation. Wenn etwas nicht erkannt und benannt werden kann, wie soll es dann erst beseitigt werden können? Ein Trumpf unserer Realität ist, dass sie nicht realisiert wird. Wir sind Arrestanten der Matrix. Rationell ist uns die Fiktionalisierung des Soseins unserer praktizierten Affirmation.

Von nicht zu unterschätzender Relevanz sind auch Betancourts Überlegungen zum Begriff der Agnotologie. „Das Problem der informationsreichen Gesellschaft besteht nicht im Zugriff auf Information – auf Information zuzugreifen, wird zu einer alltäglichen Angelegenheit durch die ständig aktivierten Computernetzwerke –, sondern ist eine Frage der Kohärenz. Die Agnotologie wirkt in der Erzeugung von Dekohärenz: Sie unterminiert die Fähigkeit, festzustellen, welche Information wahrheitsgemäß und für die Konstruktion von Interpretationen zulässig ist.“ (211) „Agnotologie hat die Funktion der Eliminierung des Widerspruchspotenzials.“ (234) Als korrekte Bezeichnung schlägt Betancourt „agnotologischer Kapitalismus“ vor: „ein Kapitalismus, der systematisch auf der Produktion und Erhaltung von Unwissenheit basiert.“ (233) Unwissenheit ist weniger die Folge mangelnder Information, sondern im Gegenteil, Resultat uns überbordender und überfallender Information. Wir verhungern nicht, wir ersticken. Wie sollen wir überhaupt noch erkennen, was da seriös ist?

Virtuelle Ökonomie

Die neue Qualität besteht darin, dass Maschinenarbeit, die einstmals eine Erweiterung menschlicher Aktivität darstellte, inzwischen „zu ihrem Ersatz durch Modelle“ geführt hat. Zusehends wird die „menschliche Vermittlungsinstanz entfernt“ (55). Der Fortschritt von der physischen zur digitalen Wirklichkeit bedeutet, dass Wert für Ersteres ein „geschichtliches Zeugnis“ darstellt, Letzteres aber eine „symbolische Beziehung“ (64) demonstriert. Die digitale Reproduktion erschafft somit eine neue Klasse von Objekten. Diese Objekte sind keinem zeitlichen Verfall unterworfen, sie verschwinden nicht, sie können höchstens verloren gehen. „Das digitale Werk ist unsterblich“ (70), schreibt der Autor. Es liefert „perfekte, identische Kopien“ (72). Serielles überwindet Originäres.

„Diese Kosten dieser Arbeit, die Marx als ,variables Kapital bezeichnete, werden beseitigt, wenn die Automation menschliche Tätigkeit durch ,konstantes Kapital ersetzt: die Kosten der Maschinen und Rohmaterialien ohne die variablen Kosten, die für menschliche Arbeit entstehen. Das Ergebnis ist eine scheinbare Produktion von Wert ohne Kosten für irgendwelche durch menschliche Arbeit erzeugten Werte: Die Erzeugung von Bedarfsgütern durch autonome Arbeit deutete auf einen fundamentalen Bruch in der Wertproduktion im Kapitalismus hin, der die Irrelevanz der menschlichen Arbeit und gesellschaftlichen Grundlagen für die Werterzeugung im digitalen Kapitalismus impliziert.“ (208) Der Wert löst sich von seiner Substanz, der abstrakten Arbeit. Er tut also, was er gar nicht kann. Kapital als sich verwertender Wert wird immer mehr durch den Geldkreislauf nicht bloß stimuliert, sondern simuliert. Kapital wächst über seine Substanz hinaus, vollzieht seine eigene Vervielfältigung. Kapital scheint durch Kapitalisierung beliebig multiplizierbar und somit perpetuierbar.

Der klassische Kapitalismus ist für den Autor am Ende, was vor allem mit der Auflösung der traditionellen Definition des Werts zu tun hat, die doch eng an den Verkauf der Arbeitskraft gekoppelt gewesen ist. Die Verschiebung bedeutet: „Wert wird nicht eine gesellschaftliche Beziehung, sondern durch eine autoritäre Beherrschung abgesicherte, technische Beteuerung.“ (214) So wird „der Wert von Waren nicht mehr durch einen Tauschwert ausgedrückt, sondern stattdessen als transaktionale Schuld: Er wird zu einem Austausch von Ansprüchen auf eine künftige Produktion.“ (229) „Zukünftigkeit wird zu einem zentralen Vermögenswert transformiert.“ (230) Es geht zusehends um den „über Finanzialisierung vermittelten Tausch von Ansprüchen auf künftige Produktion“ (231).

Der Kapitalismus organisiert sich heute zunehmend von Versprechen auf Versprechen, die wiederum von neuen Versprechen abgelöst werden. „Dramatische Vergrößerungen des Umfangs der sich in Zirkulation befindlichen Geldmenge sind ein wesentliches Merkmal des akkumulativen Verfahrens, das auf immateriellen Vermögenswerten basiert. Der Wert einer Fiat-Währung existiert nur als Ergebnis gesellschaftlichen Handelns und des Vertrauens in die Fiat-Währung.“ (249) Es ist der Glaube, der selig macht. Und dieser Glaube scheint nicht nur mächtig, er erscheint sogar stärker denn je. Aber vielleicht, so könnte man ergänzen, erscheint er auch bloß deswegen so stark, weil nur noch er als stark erscheinen kann.

Es ist ein gigantisches Pyramidenspiel, das da abläuft, aber es läuft weiter, weil es weiterlaufen muss: „Der digitale Kapitalismus wird von sofortigem Zusammenbruch bedroht, wenn die Zirkulation von Kredit aufhört.“ (232) Stets muss es flutschen und flitzen. „Die Instabilität des digitalen Kapitalismus, die zu Zusammenbrüchen führt (und zur Bewegung in Richtung auf einen Untergang), ist im Wesentlichen“ bestimmt durch „die Unfähigkeit der Produktion, die durch das Kapital gestellten Forderungen zu erfüllen“ (251).

Wir leben im Zeitalter der „Transformation von produktiver Arbeit in semiotische Manipulation“ (218f.). Das sei aber „keine Frage einer elitären Verschwörung“, sondern folge den „Erfordernisse(n) des systemischen Gleichgewichts“ (220). Es geht um die „spontane Erzeugung von Tauschwert ohne Arbeitsaufwand“ (223). Wert ohne Arbeit wird scheinbar möglich. Man könnte auch sagen, der Kapitalismus ist in eine Phase seiner eigenen Simulation gelandet, wir haben es mit einer „virtuellen Ökonomie“ (229, 249) zu tun. Die klassische Marxsche Werttheorie sei unzureichend und muss erweitert werden, will sie die Phänomene erfassen. „Der Tauschwert traditioneller universaler Warenform ist jetzt unstabil“ (227), konstatiert Betancourt. Schade, dass der Autor, der Karl Marx ja ausdrücklich seine Reverenz erweist, für seine Überlegungen nicht auch das Maschinenfragment aus den Grundrissen oder den dritten Band des Kapitals herangezogen hat. Dort analysierte Marx unter der Bezeichnung „fiktives Kapital“ einige Entwicklungen, die heute erst in voller Wucht um sich greifen.

PS: Insgesamt werden wir dem Komplex „Kapital digital“ in Zukunft mehr Aufmerksamkeit widmen. Zumindest ist das ein Versprechen, das erst einmal gehalten werden muss. Mithilfe ist erbeten. Insbesondere sollte man sich auch mit Timo Daum befassen, der in einigen wichtigen Punkten doch zu ganz anderen Einschätzungen als Betancourt kommt. (Timo Daum: Das Kapital sind wir. Zur Kritik der digitalen Ökonomie, Edition Nautilus, Hamburg)

Michael Betancourt: Kritik des digitalen Kapitalismus. Aus dem Englischen von Manfred Weltecke, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2018, 270 Seiten, ca. 30,80 Euro

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