Champions League oder Sei kein Spielverderber!

Homestory von Franz Schandl

Obwohl ich Champions gar nicht mag und deren Queen-Hymne furchtbar finde, freue ich mich, wenn es Herbst und trübe wird, immer wieder auf die Champions League. So sind zumindest Dienstag und Mittwoch leichter zu überstehen. Nicht dass ich allen Spielen folge, schon gar nicht parallel auf verschiedenen Monitoren in irgendwelchen Wettlokalen. Nein, nein, ich knotze mich da brav vor die Kiste, hole mir ein Bier und nach der Halbzeit noch eines, gelegentlich auch einen Schnaps und schaue einfach in die Glotze. Ich gebe mich dem Spiel hin, freue mich über gelungene Spielzüge und ärgere mich über Fouls, weil sie die Ästhetik schmälern.

Der Alltagsbiederfranzi ist fertig und unterscheidet sich nur noch in Nuancen. Wie Otto Normalverbraucher liege ich am Diwan und gebe mir auch nachher noch die Kommentare der Sportprominenz. Nicht immer, aber immer wieder. Heimische Liga sehe ich keine und Sportkanäle habe ich auch keine abonniert, geschweige denn, dass ich auf irgendetwas wette. Auch in die Stadien treibt es mich nicht. Aber wer weiß, was einem im Leben nicht noch alles einholt.

Nicht, dass ich da jetzt groß mitfiebere oder gar Fan wäre. Über Fanartikel verfüge ich nicht. Mein Verhältnis zum Fantum ist, weil reflektiert, sowieso ein gebrochenes. Derweil kommt eine gewisse Begeisterung ohne Hirn ausschalten wohl nicht aus. Dummheit ist die sinnliche Übereinstimmung mit dem äußeren Schein der Welt. Ohne Dummheit wäre das Leben nicht auszuhalten. Das Problem ist auch nicht die Dummheit, sondern dass sie flächendeckend grassiert, nicht bloß in einigen Refugien sich aufführt. Aber das wäre eine andere Frage.

Mein Vergnügen ist nur wenig durch Parteinahme aufgeladen. Von überladen gar keine Spur. Eins hat natürlich so seine Sympathien und Antipathien, extrem ausgeprägt sind die meinigen nicht. Eine gewisse Präferenz gibt es (ganz obligat) für den FC Barcelona. Bestimmte Clubs mag ich nicht, vor allem die von diversen Oligarchen ausgehaltenen Vereine wie Chelsea, Manchester City oder Paris Saint-Germain sind mir a priori zuwider. Typen wie Ronaldo oder Ibrahimovic sind kaum erträglich, gerade auch als Fußballer. Aber Bayern unter Pep Guardiola macht selbst Leute wie Ribery, Robben, Müller zu einem gefälligen Erlebnis, das man sich vorher gar nicht hat vorstellen können. (Vielleicht bin ich hier auch geblendet, weil Guardiola und ich die Lyrik von Miquel Martí i Pol sehr schätzen. Dessen Band „La fàbrica“ ist übrigens 2014 im Augsburger Maro Verlag erschienen.)

Was mich da eigentlich bewegt? Es ist nicht vorrangig das Match, sondern das Spiel. Aber ist es nur das Spiel? Ist es nicht auch die leicht konsumierbare Kost, die mich zu dieser Passion bewegt, in der alles vergessen werden kann, was draußen flüchtet und friert. Zweifellos, es ist das auf Unterhaltung disponierte Spiel, das die wesentlichen Probleme entfleuchen lässt und die Depression aus Welt und Herbst verdrängt. Mühelos.
Was mich zunehmend stört wie verstört, das sind die maßlosen Tätowierungen, die ich mir da anschauen muss. Kaum ein Ballarbeiter, der nicht unter die Nadel gekommen wäre und sich flächendeckend Extremitäten hat verunstalten lassen. Selbst der kurze Messi musste sich seinen Arm herrichten, als sei er in den Fleischwolf geraten. Wozu dieses Punzieren? Warum dieser Hang zur Selbstverletzung? Nicht wenige Athleten sehen aus wie nach einem schweren Verkehrsunfall mit Verbrennungen unbestimmten Grades.

Beim Fußballspiel kann man sich am Spiel delektieren, aber auch andererseits rein an den in Toren gemessenen Ergebnissen interessiert sein. Wobei diese beiden Pole sich nicht ausschließen. Was allerdings monetär zählt, ist das Resultat, da mag man noch so schön gespielt haben. Natürlich weiß ich, was da in der Branche geld- und deppenmäßig abgeht. Der nächste Megaskandal lugt schon ums Eck. Aber mein Gefühl will in diesen Stunden nicht einmal ahnen, was ich so weiß. Sei kein Spielverderber, sagt es, gib dich hin, spiel ganz einfach mit. Und ich, der ich in vielem ein großer Verweigerer bin, spiel eh so wenig mit. Na also. Mein Verhalten möchte ich weder proklamieren noch verteidigen, mich dafür aber auch nicht geißeln. Manchmal wundert es mich, dann aber wiederum auch gar nicht. Nicht, dass es sei wie es sei, will ich damit sagen, aber dass es sei, gilt es schon festzuhalten. Und was es sei, umtreibt mich immer wieder…

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