Notizen über Ängste

„… die im Dunkeln sieht man nicht“ (Brecht, Dreigroschenoper)

Enttäuschung

Aufgefallen ist mir in den letzten Monaten, Freunde, Bekannte, Kollegen wollen manche Themen ziemlich rasch loswerden, wenn sie beiläufig zur Sprache kommen, etwa die gescheiterten Revolutionen im Maghreb oder das griechische Alltagssozialdrama. So etwas wie Missmut und Enttäuschung taucht dann in den Stimmen auf. Man will offenbar nicht ins Räsonieren kommen und an der Trostlosigkeit des Status Quo weiter herumkauen. Und da sind noch die anderen Themen, die seit ein paar Jahren auch unter halbwegs intellektuellen Menschen schon etwas tabu – oder sagen wir: schal – geworden sind: der Klimawandel, die Verteilungsfragen, Sinn- und Unsinn von ausgefuchster Political Correctness. Diese Dinge machen offenbar irgendwie hoffnungslos, und da so vieles aussichtslos scheint, macht das alles etwas Angst. Der Missmut ist nichts anderes als Angstvermeidung beim Kaffee oder bei einer Mahlzeit nach einem Arbeitstag, Ruhe haben wollen von der Miserabilität der Gegenwartsgesellschaft.

In Google Ngram, das ist eine Suchmaschine, die den Buchbestand, den sich Google einverleibt hat, nach beliebigen Begriffen durchsuchen kann, ist die zeitliche Veränderung von Worthäufigkeiten interessant. In der deutschen Sprache hat in den Bestandsbüchern (im Google-Buchkorpus) das Wort Angst einen heftigen Aufschwung genommen, verständlich im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg, dann wieder ab den 1970er Jahren. Seit damals ging es wieder steil bergauf, im Englischen übrigens nicht, die Häufigkeit des Gebrauchs der entsprechenden Ausdrücke ging zurück oder blieb stabil.

Überall…

Wenn man Menschen bedächtig betrachtet und sich nicht von der oberflächlichen Betriebsamkeit und Aufgeregtheit irritieren lässt, merkt einer oder eine schnell, da tröpfelt überall ein bisschen „Angst“. Nicht Melancholie, Trübsinn, Schwermut, Tristesse oder völlig bewegungsunfähig machende Depression, sondern nur unbestimmte Angst. Furcht hätte man früher vermutlich dazu gesagt, denn es wären an sich die konkretisierbaren Ängste. Aber Ziele auszumachen, Verhältnisse kühl und nüchtern zu benennen, das haben wir wohl verlernt.

Um auf Ngram zurückzukommen: der Gebrauch des Wortes Furcht hat, früher deutlich mehr benutzt als der Begriff Angst, von einem ganz kleinen Ausschlag in und nach dem Zweiten Weltkrieg kontinuierlich abgenommen. Das Wort hat auch keinen Plural, vielleicht ist es zu singulär, zu gebunden an einen Einzelfall, den Hund, die Schule, den Vorgesetzten, die Anderen und damit wegrationalisierbar.

… Alltagsängste

Hat wer ein Kind, dann ist es meist „ein einzigartiges Kind“, für das einer nur das Beste wollen kann, gepaart mit der Angst, dass es in Kindergarten, Schule und im Freundeskreis zu kurz kommen könnte, und die eigenen kindverbundenen Hoffnungen damit dünner werden und verblassen. Weil man sich selbst oft für zu kurz gekommen hält, wird so ein Kind mit Konsumgütern möglichst vollgestopft – anders als die Eltern, soll zumindest es nicht an Entbehrung leiden, egal wie trist und banal diese Waren, z.B. Spielzeuge sind und wie verkehrt die eigene Imagination. Dort, wo man ein Kind vor den Bedrängnissen der Gesellschaft, dem Unrecht in Kindergarten und Schule, den Gefahren in Umwelt und Verkehr, abschirmen will, wehrt man sich meist gegen eigene Ängste. Beim Kind darf das Misstrauen gegenüber der Apparate- und Chemiemedizin ausgespielt werden, nicht bei einem selbst. Wo immer das geht, verbessert man an seinem perfekten Kind, wie in einer neuen Art Eugenik. Das ist sowohl die pränatale Testungswut, wie auch, wo es finanziell leistbar ist, das bessere Ausbildungsangebot: Privatkindergarten, private Schule, das kommerzielle Freizeitprogramm, die private Nachhilfe, der schulische Austausch nach Übersee und natürlich immer das neueste Smartphone.

Überbehütung und Verwahrlosung gehen heute durch alle Milieus, und oft steht am Ende solcher Karrieren heftiger Narzissmus und Empathieverlust bei diesen einzigartigen Kindern. Der Blick bleibt verstellt durch alte Angstmauern, durch das, was gedacht oder gefühlt einem selbst vorenthalten wurde. Wenn einer heute – gut gemeint und freundlich ausgesprochen – einem solchen Kind sagt, es soll den Hund, der daneben steht, nicht an den Kopf fahren, dann fühlt sich der Elternteil des Kindes in seiner persönlichen Kindesverwaltung und in seiner Grandiosität eingeschränkt. Denn er oder sie darf dem einzigartigen Kind sagen, dass es den Hund nicht angreifen soll, andere haben hinzunehmen.

Angst steckt auch in vielen Partnerschaften: Angst davor, eingetauscht, gegen Besseres am Markt ausgewechselt zu werden, bevor Gewohnheit, Alter und dessen Unattraktivität dann diese Chancen wieder wegschaffen. Am Arbeitsplatz bleiben die Kollegen und Kolleginnen mehr oder weniger unberechenbar – Solidarität gibt es nicht mehr, dafür viel Angst vor Problemen, Brüchen und vor allem davor, selbst zu einem Sündenbock und zum Verlierer zu werden. Nicht einmal mehr im geografischen Raum fühlt man sich sicher – die Flüchtlinge aus dem Süden kommen schon massenhaft über das Mittelmeer und sorgen für eine neue Gemengelage an unfreundlichen Gefühlen.

Familie, Erwerbsarbeit, Kollegen, Freundschaften – nahezu überall schwingt diffuse Angst vor Verlust mit, eine Furcht an Reputation einzubüßen, aus dem Spiel zu sein, ins Winkerl gestellt zu werden. Selbst in der modernen Freiheitszone schlechthin, beim Konsum, gilt eine oder einer mittlerweile schnell als veraltet und verschroben, wenn sie oder er sich nicht vom kontinuierlichen Mahlstrom des Neuen, Aktuellen, der „must haves“ mitnehmen lässt; auch da können markante Anerkennungsverluste drohen.

Krank an der Gesellschaft

Die Ängste, die unsere totalitären Individualisierungs- und Erfolgsgebote produzieren, haben viele nahezu inkorporiert, gleichsam in die Körperzellen aufgenommen; die alten Krankheits-, Verletzungs- und Todesängste kommen dazu. Angst vor sozialer Auslöschung, vor Bedeutungsverlust, vor dem Veralten, dem Verlassenwerden, den Ausstattungsdefiziten körperlicher und konsumtiver Art, außerdem der mediale Terror von Schönheit, Jugendlichkeit, Begehrtheit. Und dazu die immerwährende Angst vor Geldmangel, denn Geld ist das Universalmittel (Karl Marx) der industrie- und konsumgesellschaftlichen Zivilisation. Alle diese Ängste führen zum neuen Sozialcharakter: zu Menschen, die aus Not, aus Angst sich mit ihrem nackten, blassen „Selbst“ zu blamieren, vor allem „darstellen“, Impression-Management betreiben, beruflich, privat und familiär ihre eigenen Schauspieler geworden sind und deren Gefühlskultur dabei zusehends ausbleicht.

Natürlich sind feste Strukturen Fesseln, das weiß jeder, der einmal längere Zeit auf dem Land gelebt hat. Aber wenn es nur mehr die medial und werblich vermittelten Orientierungsrahmen gibt, die für die meisten doch irgendwie unerreichbar bleiben, wird es schnell morsch, brüchig, unsicher. Konsumglück hängt vom Geld ab, wenig, was sonst noch Bestand hätte. Beziehungen zerfallen, Arbeitsplätze sind unsicher, Traumurlaube missraten, die alte Flugangst kommt auch wieder, neue Geräte werden defekt, Verwandte sterben. Die kleinen bürokratischen und kommerziellen Gewalten, die an vielen Stellen spürbar sind, die jedoch bleiben. Dabei hatte der zivilisierte Kapitalismus ab den 1900er Jahren ein ganz großes Versprechen, es hieß: wenn du brav arbeitest, verdienst du dir einen gewissen Wohlstand. Und wenn du brav bleibst, gibt es auch für dich sozialpolitische Fortschritte, kleine, aber immer wieder doch noch kleine Fortschritte – das war das Versprechen der parlamentarischen Demokratie.

Aber das war einmal. Seit den 1990er Jahren zerfällt das langsam. Keine Arbeitszeitverkürzung ist in Sicht, dafür zunehmende Unsicherheiten im Job, die sozialen Strukturen und auch die eigenen Verhältnisse erodieren, auf der Welt herrscht Zerfall, der Terror kommt einem wieder nahe. Auf der anderen Seite wird die Werbung immer mehr, und ihr großes Versprechen, das Konsum-Glücksversprechen bleibt wie eine unheilbare Krankheit, letzte Hoffnung und existentielle Klammer. „Ich bin der Meinung, wenn Menschen ein Niveau erreicht haben, bei dem die Grundbedürfnisse befriedigt werden, sie also zufrieden sein können, ist es an der Zeit, die geistige Energie auf andere Dinge zu lenken. Und wenn Sie an diesem Punkt weiterhin nur den Konsum verfolgen, dann ist das wie eine Krankheit, eine Obsession.“ (Michael Hesse: Interview mit Amitai Etzioni, „Der Weg führt in den Bankrott“, in Frankfurter Rundschau, 10.10.2011) Vielleicht reden einmal in späteren Zeiten unsere überlebenden Nachfahren von der Jahrtausendwendezeit als einem Zeitalter der umfassenden Geisteskrankheit.

Brüche

Viele Menschen kommen mit den unterschiedlichen Anforderungen, denen sie ausgesetzt sind, vor allem: denen sie sich ausgesetzt und von denen sie sich bedroht fühlen, wirklich nicht gut zurecht. Hinter der mühsam hergerichteten harten, arroganten oder behäbigen Außenmauer der vielen kleinen und wie wild tätigen Impression-Manager kauert klamm die Angst. Nicht bei allen, manche schaffen sogar kräftige Verdrängungsleistungen oder schalten von vornherein in passive, in submissive Konsumhaltungen. Kleine Freuden mit dem kleinen Konsum, Drängeln, wo das geht, egal ob im Straßenverkehr, an der Kasse oder bei einer Besprechung, ein bisschen Intrigieren und ein paar Gehässigkeiten, der eine oder andere Unterschleif. Und nur ja kein schlechtes Gewissen: in Zeiten, wo sich tiefe Brüche zeigen, müssen Menschen es mit der Alltagsmoral nicht genau nehmen. Ja, die Unzufriedenheit mit Politik, Wirtschaft und dem Sozialleben ist groß – Wut allerdings traut man sich nicht zu, außer im kleinen privaten Kreis vielleicht oder bei dem einen oder anderen anonymen Kommentar. Heftige Wut gibt es nur in den unangepaßten, wenig sozialisierten und bildungsschwachen Milieus, wo gleich zugeschlagen oder hingetreten wird und Rohheit Alltagsgestaltungsmittel bleibt.

Kindische, instrumentalisierende Blockwarte

Eindrucksvoll ist Impression-Managament zu beobachten, wo Angeben mit Gier und Geiz kombiniert wurde: wer etwa ein großes deutsches Premiummarken-Modell in Basisaustattung und mit sparsamsten Dieselmotor fährt, oder wenn generös ins halbwegs luxuriös ausgestattete Einfamilienhaus zu einer frugalen Minimaljause eingeladen wird, oder wenn die mühsam aufgebauten sozialen Netzwerke zur Eliminierung einer kleinen Parkstrafe eingespannt werden.

Dazu versuchen Menschen alles und jedes zu instrumentalisieren, nicht nur im Arbeitsleben, auch im Privaten oder dem Teil, der mittlerweile davon übriggeblieben ist. Solches funktioniert mitunter wie ein Reflex aus dem Bauch heraus, ohne viel Nachdenken, ohne Skrupel. Da viele so sind, sind auch viele davon betroffen. Wenn Manipulation geahnt und entdeckt wird, entsteht natürlich Ärger, und oft dazu Angst. Folgen zeigen sich in beruflich indizierten Depressionen und „Burn Out“, wie das heute in geschönter Sprache genannt wird. Verletzungen gehören wohl oder übel zum Job, zum Leben; aber in den kleinen Gemeinschaften, auch in Verwandtschaften, ist Obstruktion kein Fremdwort mehr, Solidarität ist demgegenüber etwas Jenseitiges, Drolliges, Antikes geworden.

Natürlich, dass alle im Grunde gute Menschen wären, bleibt eine romantische Verklärung, viele Grüne und Linke sind im Grunde konservative Spießer bis hin zur Blockwartmentalität, halt mit Öko- oder Gerechtigkeitsschwerpunkt. Oberlehrer beim Rauchen, Trinken, Essen und Fahrradfahren die einen, die andern sture Leistungsfetischisten bei Erbschaften und ohne jedes Verständnis für intergenerationelle Solidarität, wenn auch die kleinen Hinterlassenschaften an den Staat fallen sollen, da der Erbe ja nichts dafür geleistet hat. Leistungsideologie im linken Gewand, nun ja.

Währenddessen sind soziale Beziehungen ohne Hintergedanken passé. Konvivialität (Ivan Illich), das nicht von verdeckten Interessen geleitete tolerante Zusammensein mit Anderen, mag es einmal gegeben haben, aber mit diesen vielen kaputten oder kaputtgemachten Mitmenschen wird das nicht mehr zu schaffen sein. Die Transparenzgesellschaft ist an den Oberflächen zwar offen, in der gelebten Praxis blüht die Mimikry jedoch wie nie, das erzwingt die Politische Korrektheit, die als neues spätkapitalistisch-parteiendemokratisches Belebungsspiel zur subtilen Terrorkeule des Alltags wurde.

Aber vielleicht hat die Natur noch eine Lösung

Gelegentlich hört man, ein indirekter Auslöser der Französischen Revolution 1789 sei der Ausbruch des Vulkans Grímsvötn im Jahr 1783 gewesen, der zu jahrelangen Klimabeeinträchtigungen und daraus folgend Missernten und Hungerkatastrophen in Europa geführt und damit zum politischen Umbruch in Paris beigetragen habe.
Ein Vulkanausbruch als Initiator von Rebellion, Umbruch und Ausbruch? – das klingt sehr handlungsunfähig und wahnsinnig deprimierend für die menschliche Gattung. So als brauche sie Katastrophen, um endlich zum Handeln zu kommen. Nun, so jedenfalls bleibt eine Hoffnung: die Katla, der größte Vulkan in Island, soll in den nächsten Jahren ausbrechen – sie ist längst überfällig, sagen Geologen, und es könnte recht heftig werden.

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