Tollwütiges Wesen

von Franz Schandl

Der Zwölfstundentag verspricht Arbeit ohne Ende. Der Druck auf die Lohnabhängigen erhöht sich ständig. Selbstbestimmung meint Marktbestimmung

Wusste man vor einem Jahrzehnt noch, was ein typisches und ein atypisches Beschäftigungsverhältnis ist, so wird diese Unterscheidung immer gegenstandsloser. Heute gilt es zu konstatieren, dass ordentliche Lohnarbeit sukzessive im Schrumpfen begriffen ist und die sogenannten unselbständig Erwerbstätigen (welch böswilliger und abschätziger Terminus!) stets weniger werden.

Im Gegensatz zum Typischen ist das Atypische anorm, d.h. wir haben es eben nicht mit einem neuen Typus, einer neuen Form oder einer neuen Regel zu tun, sondern vielmehr mit der kontinuierlichen Auflösung herkömmlicher Typen, Formen und Regeln. Das macht Arbeitsverhältnisse amorph und konturlos. Und das macht wiederum jede Interessenspolitik, insbesondere Gewerkschaftspolitik schwierig, da die Probleme sehr individualisiert erscheinen und auf diese Weise nicht einfach kollektiv bearbeitet werden können.

Kurzum: die Leute sind zunehmend auf sich selbst gestellt, da sie aus den alten Rastern rausfallen. Das Prekäre muss nicht unbedingt eine Reise nach unten sein, aber in vielen Fällen ist diese Gefahr präsent und in nicht wenigen ist der Absturz programmiert. Selbst jene, die sich auf dem Arbeitsmarkt zwischenzeitlich behaupten können, müssen Angst haben morgen zu scheitern. Die Angst nun ist der Stachel, der uns gegen unsere Konkurrenten aufstachelt.

Wir leben in Zeiten der Auflösung der traditionellen Arbeits- und Klassenverhältnisse. Das bedeutet freilich auch, dass das verbleibende Kollektiv immer weniger Kollektivverträge durchsetzen bzw. die erreichten aufrechterhalten kann. Das Poröse führt dazu, dass auch die Arbeitszeitbestimmungen ins Rutschen geraten sind. Von Arbeitszeitverkürzung redet heute fast niemand mehr. Das könnte den Standort und die Wirtschaft gefährden, und das kann niemand wollen.

Die Demontage der Schutzgemeinschaften (Gewerkschaften, Arbeiterkammer, Betriebsrat) steht schon des Längeren auf der Agenda. Diese Institutionen haben kaum etwas dagegen zu setzen: denn erstens sind sie dem Standort verpflichtet, zweitens sind sie für einen Arbeitsplatz bereit, alles zu schlucken und drittens sind sie lange selbst Nutznießer des Systems gewesen. Inzwischen wird nicht mehr agiert, sondern nur noch reagiert. Es herrscht die reine Defensive, dabei wird stets zurückgewichen, um andere Errungenschaften zu erhalten. Doch diese Taktik ist nichts weiter als die Verzögerung des Untergangs. Sich umzustellen ist freilich schwierig, vor allem, wenn man so integriert und verhabert ist.

Die Wirtschaft ist ein tollwütiges Wesen. Auf dem Markt geht es nicht um Versorgung, sondern um Geschäfte. Es herrscht Konkurrenz und Disziplin, Autorität und Kommando, Feindschaft und Misstrauen, Eroberung und Zerstörung, Ausbeutung und Drangsalierung. Medium ist das Geld, ein freies Mittel, das die einen frei macht und die anderen frei setzt. Auf jeden Fall hält es alle Gesellschaftsmitglieder derart auf Trab, dass ihnen nur die Unterwerfung als praktizierbare Möglichkeit erscheint. Da das Kapital in seinen Entscheidungen immer flinker werden muss, soll auch der Zugriff auf die Lebenszeit der Beschäftigten kein beschränkter sein, sondern ein rigoroser. Alle gesetzlichen Normierungen sind da ein Gräuel, „Arbeitsbereitschaft total“ ist angesagt.

Nun wollen die Unternehmer die tägliche Normalarbeitszeit von 10 auf bis 12 Stunden ausdehnen. Ganz banal geht es auch darum, Überstunden als Regelstunden entlohnen zu können, um Kosten zu sparen. 12 Stunden durchzuarbeiten schmälert freilich die Regenerationsfähigkeit, die Konzentrationsfähigkeit, die Terminisierungsfähigkeit, die Kommunikationsfähigkeit, kurzum die Lebensmöglichkeiten der Betroffenen. Gesundheit hin – Unfall her. Ein bisserl Outburnen kann nicht schaden, Folge und Wiederherstellung zahlen sowieso die Betroffenen resp. die Allgemeinheit, außerdem gibt es ja genug frische Arbeitskräfte, die man in die nächste Runde schicken kann. Der Zynismus des Kapitals ist offensichtlich, auch wenn er gar nicht auffällt, da wir diesen Wahnsinn längst als Normalität akzeptiert haben.

Die Gewerkschaft ist nicht prinzipiell dagegen, sie stellt bloß Bedingungen. ÖGB-Präsident Erich Foglar will dem 12-Stundentag nur dann seine Zustimmung geben, wenn er mit einer sechsten Urlaubswoche für mehr als 25 Dienstjahre junktimiert wird. Einmal mehr werden die aussterbenden Regelarbeitsplatzbesitzer gegen alle Atypischen, gegen die Prekarisiserten und Deklassierten ausgespielt. Wer kriegt in mittlerer Zukunft noch 25 Jahre unselbständiger Erwerbsarbeit zusammen? Eine generelle Verschlechterung wird eingetauscht gegen eine parzielle Verbesserung. Das kann es ja nicht sein. Was als Ausgleich erscheint, ist eine Abdankung. Umgekehrt ginge es darum, transnational dafür zu sorgen, dass die Menschen sich dieser unerbittlichen Gier des kapitalistischen Übergriffs nicht ausliefern müssen. Tatsächlich denken Arbeitervertreter nationaler als Kapitalisten.

Schon vor zehn Jahren konnte man auf den Wirtschaftsseiten des Standard lesen: „Vom Arbeitnehmer wird totale Flexibilität erwartet, von der Arbeitszeit über den Arbeitsort bis hin zur Beschäftigungsform.“ „Der traditionelle Arbeitsvertrag der Industriegesellschaft war dadurch gekennzeichnet, dass der Arbeitnehmer dem Unternehmen den Einsatz seiner Arbeitskraft zur Verfügung stellt und das Unternehmen ihm ein sicheres Arbeitseinkommen zahlt und ihm dadurch das Risiko der Vermarktung des Produktionsergebnisses abnimmt.“ Damit ist nun Schluss. Der gesellschaftliche Bruch mit dem Kollektivvertrag liest sich so: „Arbeitsverträge werden zunehmend in Form von Werkverträgen oder freien Dienstverträgen individualisiert, stellen verstärkt auf das vom Einzelnen erzielte Ergebnis ab. Zudem ist Arbeit nicht mehr eine räumlich oder zeitlich vordefinierte Erwerbstätigkeit.“

So ist es. Weder Ort, Zeit noch Verwendung ihrer Lebensmöglichkeiten sollen den Menschen überlassen bleiben. Selbstbestimmung meint Marktbestimmung. Das, was man einst Entremdung nannte oder Verdinglichung, soll als das Ureigene erscheinen. Dem Markt zu entsprechen hat unser elementares Bedürfnis zu sein. Gleich einem Zug kapitalistischer Lemminge haben wir ihm zu folgen.

Flexibilität hat nichts mit individueller Souveränität zu tun, sie meint vielmehr, sich den äußeren Anforderungen völlig auszuliefern. Die Flexibilität der Menschen ist nichts anderes als das Diktat der Märkte. So können es sich die Flexibilisierten nicht selber richten, sondern werden abgerichtet entlang ökonomischer Bedürfnisse. Es gilt sich den sogenannten Sachzwängen unterzuordnen. Ob 16 Stunden Sklavenarbeit, 12 Stunden Regelarbeit, 8 Stunden Normalarbeit, 4 Stunden Kurzarbeit oder Null Stunden Arbeitslosigkeit anstehen, das entscheidet das Kapital nach seinen jeweiligen Konjunkturen. Was sich anbietet, hat angenommen zu werden. Wer nicht will, fliegt raus. Wohlgemerkt, nicht nur aus der Arbeit, sondern auch aus den traditionellen Netzen des Sozialstaats. Renitenz ist zu sanktionieren. Wer nicht serviert, wird abserviert.

Die Menschen werden zusehends ihres Lebens enteignet. Ort, Zeit, Verwendung, das alles möchte das Kapital in freier, also autoritärer Herrschaft selbst bestimmen. Und zwar ohne Widerspruch. Motto: Brauch ich dich, nutz‘ ich dich, nutzt du mir nichts, brauch ich dich nicht. Das ist freilich eine Rechnung, die böser nicht sein könnte. Aber es ist die Rechnung, die allgemein akzeptiert wird. So ist es auf dem Markt, insbesondere dem Arbeitsmarkt, und auch wenn eins das nicht will, was soll es machen gegen diese vermeintlichen Naturgesetze der Kommerzes?

Für Arbeiter und Angestellte gilt nach wie vor: je rigider die Arbeitsverträge desto freier, je flexibler desto unfreier. Alles andere ist ideologischer Quatsch. Flexibilisierung wie wir sie heute kennen, hat eben nichts mit individueller Souveränität zu tun, sondern bedeutet sich den äußeren Zwängen und Anforderungen auszuliefern. Menschen sollen sich an Maschinen ein Beispiel nehmen. Sie sollen laufen, wenn sie Profit abwerfen und abgestellt werden, wenn das nicht der Fall ist.

Ja zur individuellen Flexibilität heißt Nein zur ökonomischen Flexibilisierung! Es geht darum die Leute nicht in ihrem Schwächezustand zu perpetuieren, sondern sie vielmehr zu ermächtigen ihr Dasein in die Hand zu nehmen, sodass sie also aufhören sich dem Kapital zu fügen. Angebracht ist ein lautes Ja zur Zeitsouveränität, was aber heißt: Die Menschen disponieren ihr Leben nach ihren Bedürfnissen und nicht irgendwelchen Gesetzen der Wirtschaft. Alleine schon diesen Gedanken überhaupt zu erfassen, wäre eine große Errungenschaft.

Von gutem Leben ist nur dann zu sprechen, wenn sich die Leute selbst gehören, nicht wenn sie der Wirtschaft hörig und willens sind. Aber genau das ist der Fall, ein Fall freilich, der nicht einmal auffallen will.

 

 

(erweiterte Fassung des Auslaufs Streifzüge 61/2014)

image_pdfimage_print