Raus da!

von Lorenz Glatz

Null, ja Minus – ist weithin das, was die Wirtschaft vom Wachstum mitbekommt. Auf dieser Grundlage lassen sich nicht einmal mehr die 0,etwas-Eckzinssätze finanzieren. Die Warenmengen, die bei der heutigen Produktivität ausgestoßen werden können, kann eins beim besten Marketing nicht mehr verhökern. Was nur noch schlimmer wird, wenn die Leute auf ihrer Arbeitskraft dann sitzen bleiben. Also lebt das System von Schulden, d.h. von seiner Zukunft, die es nicht mehr hat. Geld verschaffen sich auch Pensionsfonds und Produktionsbetriebe weniger mit Investitionen in Erzeugung und Verkauf als mit Wetten und Zocken „auf den Märkten“, wie man heute schlicht Börsen und Finanzplätze nennt. Das geht, solange die grad aktuelle Blase dicht bleibt, also jeweils bis zum nächsten Crash.

Derweil verhungern überflüssige Millionen Menschen, sterben in den Bandenkriegen, ersaufen in den Meeren, bleiben in den Grenzzäunen hängen.

Auch Umweltschutz ist nicht wirklich. Der kommt zu teuer. Das hält kein Standort aus. Auch nach der x-ten Klimakonferenz sind deren Ergebnisse in den nächsten Orkan geschrieben. Die Erderwärmung sollen neue AKWs abstoppen, und Fukushima strahlt vor sich hin.

Die Verwalter dieser Weltordnung geben sich trotz allem ziemlich unbeeindruckt. Sie wollen die Dinge schon in Ordnung bringen. Sie preisen den für übernächstes Jahr prophezeiten Aufschwung, wenn die aktuelle Prognosenleiche eben erst vorbeischwimmt. Sie tun ihr Bestes für die Arbeitsplätze, die Pensionen und die Sicherheit der von ihnen Angeführten – sie sperren die „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus, schüren, die einen mehr, die andern weniger, Rassismus und Xenophobie, machen den Arbeitslosen Beine, sorgen sich bei allem um das scheue Reh Investor. Sie gleichen den Comic-Figuren, die über den Rand des Abgrunds noch in der Luft ein Stück gradaus weiterlaufen.

Sie blasen lieber im Verein der streitenden Demokraten zum Kampf mit der nicht minder ehrenwerten Konkurrenz um die Leichen von Staaten, die noch zu fleddern sind, sie rufen nach Bomben, um mit dem doch stets nachwachsenden Terror „endgültig Schluss“ zu machen. Rund um den Globus speit die Weltwirtschaft Millionen Überflüssiger aus. Aus ihnen rekrutieren sich die Gotteskrieger diverser Religionen und sonstige Banditen, deren Geschäft Erpressung, Vergewaltigung und Beutemachen ist, weil sonst ja „nichts mehr geht“. Derlei ruft die Weltpolizei kaum mehr auf den Plan. Es sei denn, dass sie sich wie jetzt auch an den Quellen des schwarzen Bluts der Lebensweise ausbreiten. Doch selbst hier, scheint es, flimmert am Horizont der Strategen in Politik und Militär der Ordnungsmächte bloß die Fata Morgana eines Sieges. Die Resilienz des Terrors kommt von der Wurzelfäule des Systems.

Wenn die Weltordnung von Kapital und Arbeit schmilzt, liegt deren Gewaltkern frei. Bei den Verteidigern des Systems so wie bei dessen Aasgeiern. „Jeder ist sich selbst der Nächste“, ist die gültige Definition von Nächstenliebe in dieser „Wolfzeit“. Gegenüber dem Anderen und seinem Eigentum herrscht bloß Bedarf. Es gilt die Kosten-Nutzen-Rechnung: Wo die Mittel zum äquivalenten Tausch nicht mehr erreichbar sind, ja wo sie ganz allgemein fiktiv geworden sind, tritt blanker Zugriff an dessen Stelle.

Das gilt freilich auch für unsereinen. Nicht den Trash, das Gift, die Genussprothesen, nicht die Küche wollen wir uns greifen, in der dies alles zusammengebraut wird. Oder ja doch, um all das zu entsorgen. Wir wollen Erde, Meer und Luft von der Seuche dieser Ordnung frei bekommen, damit es uns und unseresgleichen im Sinne von: allem Leben weiter hier geben kann. Wir wissen einiges davon, warum es so nicht weitergehen wird, und haben eine Ahnung, wie es besser ginge. Und im Schatten der Aufmerksamkeit des Mainstreams üben sich nicht wenige fruchtbare Versuche, wie wir vom alten Gift in unserem Fühlen, Denken, Wollen loskommen, wie wir die Dinge in die Hand bekommen, die wir für ein gutes Leben brauchen.

Denn uns gegenüber steht Gewalt, die der „Gewohnheit von Millionen und Abermillionen“, die der Strukturen und die der Waffen. Hier ist auch reinzudenken. Dem widmen wir den Schwerpunkt schon des nächsten Heftes dieser Zeitschrift. Tut mit! Denkt mit! Und lest hier weiter! Let’s stay in touch!

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