Know-how für den Umbau

Harald Welzer und die Stiftung FUTURZWEI

von Peter Klein

Aus der Masse der Publizisten und Wissenschaftler, die sich dafür verantwortlich fühlen, dass die Erwärmung der Erdatmosphäre in den kommenden Jahrzehnten nicht noch weiter zunimmt, die Polkappen nicht noch weiter abschmelzen, der Meeresspiegel nicht noch weiter ansteigt und die Weltmeere nicht noch weiter versauern, sticht Harald Welzer dadurch hervor, dass er sich als politischer Aktivist versteht, der dem Anliegen des Klimaschutzes mit einer praktisch orientierten Bewegung zu Hilfe kommen will. 40 Jahre „Aufklärung über Umweltschutz, Klimaschutz, Nachhaltigkeit usw.“ hätten den immer noch weiter zunehmenden „Ressourcen- und Umweltverbrauch“ nicht verhindert, schreibt Welzer in der Einleitung zum „Zukunftsalamanach 2013“ (Welzer/Rammler 148, so auch alle weiteren Seitenangaben, wenn nicht anders angegeben). Das sei ein deutliches Indiz dafür, dass wir uns von der offiziellen Politik, die durch vielerlei Rücksichten an die „fossilen Industrien“ gebunden sei, in Sachen Umsteuern nicht allzu viel erwarten dürften. Wer einsichtig ist, kann und muss selbst damit anfangen, sein Leben zu ändern – in Opposition zum Mainstream der „Politikerpolitik“.

Praktisch orientierte Aufklärung

Nach wie vor geht es Welzer um Aufklärung, aber um eine, die mit verbesserten psychologischen Methoden arbeitet. Welzer ist nämlich Sozialpsychologe, und deshalb weiß er, dass die Menschen sich in ihrem alltäglichen Verhalten nicht von historischen Perspektiven leiten lassen, auch nicht von Szenarien, die Wissenschaftler für das Klima in 30 oder 50 Jahren entworfen haben. Die Menschen leben vielmehr unter je gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen – Produktionsverhältnissen, sollte man vielleicht ergänzen -, und ihre täglichen Entscheidungen finden in diesem Rahmen statt, der ihnen qua Gewöhnung und Erfahrung auch die aktuell geltenden Wertmaßstäbe liefert, die Kriterien für richtig und falsch, für Erfolg oder Misserfolg. Da das gute Leben heute allein an den Geldbeträgen zu hängen scheint, über die jemand verfügt, haben die Menschen der westlichen Konsumgesellschaft den Bezug zur Natur weitgehend verloren, die realen stofflichen Voraussetzungen des Lebens sind ihnen fremd geworden. Für Prozesse des Reifens und Sich-Entwickelns haben sie keine Zeit, keinen Sinn und keine Sprache. Die „Benutzeroberfläche der Konsumgesellschaft“ (24) suggeriert uns, dass für Geld alles jederzeit und überall zur Verfügung steht. Welzer spricht von einer „Kultur der chronischen Verfügbarkeit von allem“ (16), die sich in der Erwartungshaltung des „Alles immer“ niedergeschlagen habe. Sie ist das subjektive Pendant zum Wachstumsimperativ des Kapitalismus, dessen „Leitkultur des Verbrauchs und der Verschwendung“ (25) somit tiefe Wurzeln in der Mentalität der kapitalistisch vergesellschafteten Menschen geschlagen hat. „Konzepte von Wachstum, Mobilität, Fortschritt usw. haben sich in die kleinsten Nischen unserer Lebenswelt eingenistet und stellen einen festen Bestandteil unseres mentalen und emotionalen Haushalts dar“ (34).

Um dieser Mentalität möglichst alltagsnah entgegenzutreten, mit einer Bewegung, in der die Ideen für einen anderen, ressourcenschonenden Lebensstil praktisch umgesetzt und erfahrbar gemacht werden, hat Welzer die Stiftung ZUKUNFTZWEI ins Leben gerufen. Die Beispiele für energetisches Umdenken, die in dem 2012 erstmals erschienenen „Zukunftsalamanach“ der Stiftung versammelt sind, sind dementsprechend so gewählt, dass sie zur Nachahmung geeignet sind und dazu auch einladen. „Propaganda der Tat“ wurde das in früheren Zeiten genannt. Welzer und seinen Mitstreitern geht es darum, das Thema Klima- und Ressourcenschonung aus der Ecke der bloß negativen Nachrichten, in der uns berufsmäßige Warner und Mahner mit Bildern der bevorstehenden Apokalypse versorgen, herauszumanövrieren. Das ressourcenschonende Leben läuft auf ein Weniger hinaus: weniger Autos, weniger Fernreisen, weniger Stromverbrauch; aber dieses Weniger hat nichts mit Verzicht im Sinne verhärmter Askese zu tun. Die Stiftung Zukunftzwei stellt die Sache positiv dar. Sie will zum Mitmachen anstiften – zum Mitmachen bei einer „Kulturrevolution des Alltags“, die uns lehrt, dass es „Formen von Gemeinschaftlichkeit“ geben kann, „die Sinn und Bedeutung anders definieren als allein über Konsum“ (S.14), dass die ressourcenschonende Gestaltung des Lebens Spaß machen und einen Gewinn an Lebensqualität darstellen kann. „Es bedeutet ja nicht Verzicht, wenn man aufhört, sich seinen mentalen und physischen Bewegungsraum mit Produkten vollzustellen, die man nicht braucht, und wenn man aufhört, Sinnbedürfnisse durch Kaufen zu befriedigen“ (44).

Die Projekte und Initiativen, die in den 72 Beiträgen vorgestellt werden – vom Pilzezüchten auf Kaffeesatz über das urban gardening auf dem ehemaligen Flughafen Berlin Tempelhof , die von Umweltrebellen betriebenen Elektrizitätswerke Schönau, die ampel- und verkehrsschildfreie Kleinstadt Bohmte bis zur Kanaren-Insel El Hierro, die mit ihren 10 000 Einwohnern komplett auf Elektroautos umsteigt, die mit Solar- und Windstrom laufen sollen -, werden in diesem Sinne als „Geschichten des Gelingens“ präsentiert.

Was an diesen Geschichten freilich befremdlich ist, jedenfalls für den Kapitalismuskritiker, ist der Umstand, dass darin neben einigen wenigen prekären Existenzen (z. B. Langzeitarbeitslose in einer Schweizer Kleinstadt, die mit einem Fahrrad-Lieferdienst für schwere Einkäufe den städtischen Autoverkehr reduzieren helfen) vor allem Unternehmen und einzelne Unternehmerpersönlichkeiten vorgestellt werden. Etwa der „grüne Unternehmer“ Gunter Pauli, der mit „Zero Emmissions“-Technologie „weltweit Millionen von Arbeitsplätzen“ schaffen will (257 f.), oder der ähnlich ambitionierte „Ex-Topmanager“ Klaus Wiegandt, der unter der Überschrift „Der harte Hund“ als Herausgeber einer Buchreihe zur Nachhaltigkeit gerühmt wird (230). Bei den unkonventionellen Ideen, die der „Transformation von der ressourcenübernutzenden zur achtsamen Gesellschaft“ (33) dienen sollen, handelt es sich ganz überwiegend um „Geschäftsmodelle“, bei denen das Gelingen nicht nur im Lösen technischer oder organisatorischer Probleme besteht, sondern auch in dem Nachweis, dass sie sich „rechnen“. Die Zahl der Beschäftigten, die den Vorteil genießen, ihr Geld mit gutem Gewissen – der Erde und den nachfolgenden Generationen gegenüber – zu verdienen, wird in vielen der Beiträge akribisch genau vermerkt. Besonders erfolgreich ist hier die waldreiche Gemeinde Güssing im österreichischen Burgenland, die mit billiger Öko-Energie eine Reihe von Industriebetrieben anlocken konnte: „1500 neue Jobs sind entstanden, dazu ein Hotel für die vielen Touristen aus aller Welt, welche die erneuerbaren Energieanlagen besichtigen wollen. Güssings Steuereinnahmen haben sich mehr als verdreifacht, die Arbeitslosenrate sank um zwei Drittel“ (65). Angesichts solcher Beispiele ist die Versuchung groß, den reichlichen Gebrauch des Transformations-Vokabels in die Kategorie „Viel Lärm um nichts“ einzuordnen – und den Zukunftsalmanach als eine weitere Version des altgrünen Projekts der „Versöhnung von Ökologie und (kapitalistischer) Ökonomie“ beiseitezulegen.

Dialektik der ökologischen Aufklärung

Es gibt jedoch einige Überlegungen, die gegen eine derart schroffe Abkehr sprechen. Die Zukunft beginnt bekanntlich in der Gegenwart, und wer heute einen praktischen Schritt in die richtige Richtung tun will, muss dafür mit den vorhandenen Menschen vorliebnehmen, mit solchen eben, die im Rahmen der vorhandenen Produktionsverhältnisse sozialisiert worden sind. Änderungen in der historischen Großwetterlage haben sich seit jeher zunächst bei den führenden Schichten bemerkbar gemacht. Hier finden sich am ehesten jene Muße und jenes Wissen, die es Einzelnen, nämlich „den achtsamen und vorausschauenden Personen aus den wirtschaftlichen und akademischen Eliten“ (Leggewie / Welzer 148), möglich machen, über den Alltag hinauszuschauen und das gesellschaftliche System als Ganzes in den Blick zu nehmen. Dass sie dabei die eingespielten Begriffe verwenden und die Zukunft sich nicht ohne Ihresgleichen vorstellen können, sollte niemanden wundern. Nicht nur die Arbeitsplätze haben es den Bewahrern der Zukunft angetan. Die Verschleuderung der natürlichen Ressourcen verstößt selbstverständlich auch gegen die Kategorie der „Generationengerechtigkeit“, und das partikulare Interesse der „fossilen Industrien“ ist natürlich unvereinbar mit dem Gemeinwohl- und Demokratieverständnis der Verfasser. Die hausbackenen politischen Floskeln sprechen jedoch nicht gegen den Ernst des Anlasses. An der Ambivalenz, die jeder gesellschaftlichen Reform eignet, ändert sich dadurch nichts. Wie weit Reformen ein bestehendes System stabilisieren, wie weit sie es untergraben, lässt sich nur schwer voraussagen.

Zum Verständnis der hier waltenden Dialektik mag ein Vergleich mit der Krise des Absolutismus im 18. Jahrhundert beitragen. Bekanntlich stand der französische Adel den Ideen der Aufklärung seinerzeit durchaus aufgeschlossen gegenüber. Adelige betätigten sich als Mäzene von Aufklärern und sie befanden sich, man denke an Namen wie D`Holbach oder D`Alembert, auch selbst in den Reihen der Aufklärer. Die Organisation der Gesellschaft sollte endlich auf Prinzipien der Vernunft, nicht mehr auf eine altertümliche Idee wie Gottes Gnade gegründet werden. Ein zwingendes Argument gegen das eigene Dasein als Adel musste man darin nicht sehen. Gerade die „Vernunft“, die man entwickelte, schien ja zu zeigen, dass man die privilegierte Stellung im Staate zu Recht einnahm. Man konnte sich also auf den Abendgesellschaften köstlich amüsieren über die abergläubischen Vorstellungen von einem wundertätigen Gott, die im unwissenden Volk verbreitet waren – aber eben mit dieser Haltung, die kein Geheimnis blieb, sägte man an dem Ast, auf dem man saß: denn der wundertätige Gott hatte ja die Welt so eingerichtet, dass es Hoch und Niedrig geben musste…

Eine ähnliche Dialektik scheint mir auch im Falle der neuen, ökologischen Aufklärung angelegt zu sein. Indem sie eine hoch-notwendige Diskussion über das menschliche Maß unserer Bedürfnisse anstoßen, tragen die Klima-Aktivisten womöglich zu einer für sie ganz unerwarteten Entwicklung bei. Immer mehr Menschen könnten auf den Gedanken kommen, dass die Lohnarbeit durchaus nicht das erste aller menschlichen Bedürfnisse ist – und den verantwortungsbewussten Unternehmern könnten die frommen Arbeitsgläubigen, für die sie herrliche, ressourcenschonende Arbeitsplätze vorgesehen haben, im Verlaufe der Entwicklung abhanden kommen. Zumal wir es ja mit einer Situation zu tun haben, bei der nicht nur die Natur durch den Kapitalismus, sondern dieser unmittelbar selbst in die Krise geraten ist. Die Substanz, auf der das System beruht, wertschaffende Arbeit, geht ihm verloren – und es entsteht eine Not an Arbeitsplätzen, die förmlich danach verlangt, in eine Tugend verwandelt zu werden. Ein Grund, den Klimaschützern bei ihrem Aufklärungswerk in den Arm zu fallen, ist das nicht. Man sollte sie nach Kräften unterstützen.

Rehabilitation der Erfahrung

Das empfiehlt sich auch deshalb, weil ja die praktischen Versuche, die sie unternehmen, durchaus dafür geeignet sind, den Weg zu einer anderen, an den stofflichen Voraussetzungen unseres Lebens orientierten Produktionsweise zu bahnen. Eine Reihe von neuen Kenntnissen und Verhaltensweisen ist dafür nötig, die erst erworben und ausprobiert werden müssen. Mit den „ewigen Wahrheiten“ der bürgerlichen Revolution, die in den vergangenen 250 Jahren dazu dienten, den freien und gleichen Marktteilnehmer herzustellen, wird eine Bewegung, die es auf die Steigerung des „Bruttoglücksprodukts“ abgesehen hat (177), nicht auskommen. Wenn das Totschlag-Argument des „Markterfolges“ wegfällt, wird das Element von Versuch und Irrtum weit mehr ins Gewicht fallen als gegenwärtig. Eine Welt, die sich auf den realen Reichtum einlässt: auf die Unterschiede in den individuellen Begabungen und Geschmäckern der Menschen, auf die Unterschiede in den regionalen Gegebenheiten und Möglichkeiten, wird keine Verwendung haben für universell gültige Konzepte oder Lebensmodelle. Hier gilt es, Erfahrungen zu machen, miteinander zu vergleichen und ausgiebig zu diskutieren – ergebnisoffen, wie es so schön heißt. Auf den Trümmern des Kantschen Kategorischen Imperativs, der alle Menschen über den Leisten der gleichen praktischen Vernunft des freien Warenbesitzers schlug, könnte der Empirismus, den das 18. Jahrhundert mit soviel – leider verfrühtem – Optimismus begrüßte, jene theoretische Reputation zurückgewinnen, die er als platter Tatsachen-Positivismus verloren hat. Welzers Plädoyer für eine „lernende Gesellschaft“, in der „neue Praktiken des Produzierens, Wirtschaftens und sozialen Umgangs“ erprobt werden (43), enthält so gesehen durchaus ein strategisches Moment, das über die gleichschalterische Gewalt des Kapitalismus hinausweist.

Auch die technischen Innovationen, die vorgestellt werden, etwa für Allergiker geeignete Stofffasern aus Abfall-Milch (65 ff.) oder transportable Container, die die Abwärme von Kraftwerken speichern können, um sie an anderer Stelle wieder abzugeben (71 ff.), sind sicher über den Tag hinaus nützlich und verwendbar. Bei einem Luxushotel, das den (Öko-) Stromverbrauch per Computer an den realen Bedarf anpasst, mit Holzpellets heizt und im Sommer kühles Grundwasser für die Temperaturregulierung verwendet (152 ff.), sind Zweifel an der Transformations-Eignung natürlich angebracht. Man fragt sich, womit die Herrschaften, die sich hier eine Übernachtung leisten können, ihr Geld verdienen, und wie umfangreich ihr „CO2-Fußabdruck“ außerhalb des Hotels ausfällt. Aber ein Haus bleibt ein Haus, und wenn das Hotel einmal von Obdachlosen in Besitz genommen wird, werden sie die mit dem Hotel gemachten Erfahrungen beim Energiesparen in der einen oder anderen Weise nützen können. Wie ja überhaupt der ganze Kapitalismus historisch gesehen „nützlich“ ist, weil er jene Produktivkräfte entwickelt hat, die heute dem Verwertungsmotiv entwendet und an menschliche Bedürfnisse angepasst werden müssen. Warum sollte man einer Initiative wie der von Welzers Zukunfts-Stiftung nicht zubilligen, dass sie bei diesem Umbau- und Anpassungsvorgang eine positive Rolle spielen kann?

Die Rechnung ohne den Wirt

In den Köpfen der Zukunftspraktiker ist eine über den Kapitalismus hinausreichende Zukunftsperspektive freilich nicht vorhanden. Darüber gibt die geradezu peinliche Zelebrierung des Arbeitsplatz-Themas hinreichend deutlich Auskunft. Im letzten Drittel des Almanachs, das, von Stephan Rammler verantwortet, dem „Schwerpunkt Mobilität“ gewidmet ist, wird für die kommenden Jahre eine Krise der Automobilindustrie vorhergesagt. Angesichts der schwindenden Erdölreserven ist das eine durchaus plausible Prognose. Die „Phantasie“ aber, mit der dem unvermeidlichen Problem der „drohenden Masenarbeitslosigkeit“ zu Leibe gerückt wird, reicht keinen Millimeter über die gegebenen Produktionsverhältnisse hinaus. Für 2030 wird allen Ernstes ein Szenario entworfen, bei dem ein „touristischer Boom in deutschen Mittelgebirgsregionen“ das freigesetzte Arbeiterkontingent wieder aufsaugt. Die früher beliebten „mediterranen Feriengebiete“ hätten dann nämlich „aufgrund von Hitze und Wasserknappheit“ an Attraktivität verloren (335).

Das Schema von „boom and bust“, von Expansion und Kontraktion, das bei dieser überaus bescheidenen Phantasie die Regie führt, gehört offensichtlich einem dogmatischen Verständnis des Kapitalismus an. Der Kapitalismus wird hierbei nicht historisch verstanden, als eine Gesellschaftsformation, die entstanden ist und wieder vergeht, sondern rein als logisches Prinzip. Und dieses Prinzip, wonach aus Geld durch Investition in wertschaffende Arbeitskraft immerdar mehr Geld zu machen ist, verträgt sich mit jeder beliebigen Empirie. Der Erbauer von KZ-Baracken kann, wenn die entsprechende Nachfrage vorhanden ist, ebenso Gewinn machen wie sein Gegenspieler, der Fluchthelfer. Warum also nicht die Autoindustrie, wenn sie eingeht, durch den Tourismus ersetzen?

Tatsächlich befindet sich bei dem historisch erreichten Stand der Vergesellschaftung die kapitalistische Logik aber unmittelbar selbst in der Krise. Die Substanz der Privatheit, die den Abstraktionen von Arbeit, Wert, Ware und Geld zugrundeliegt, hat sich aufgezehrt. Es stehen nur noch die Fassaden dieser grundlegenden Kategorien der kapitalistischen Produktionsweise, und bloß die Gewohnheit ist es, die sie aufrechterhält. Die gesamtgesellschaftlichen und daher wertunproduktiven Voraussetzungen der Produktion haben, wertförmig gerechnet, einen derartigen Umfang angenommen, dass sie den kapitalistischen Zweck der Veranstaltung, die Akkumulation von Wert, längst überwuchern und ad absurdum führen. Im Ganzen gesehen akkumuliert das System, um im Rahmen der gewohnten Paradigmen weiterfunktionieren zu können, bekanntlich bloß noch Schulden – neben Hunger, Verwahrlosung und Krieg in den Verliererregionen des Weltmarkts.

Mit dieser Krise aber rechnen die achtsamen Praktiker des Klimaschutzes nicht. Weshalb das ganze Konstrukt, das uns vor einer Zukunft bewahren will, zu der es der an sich selbst erstickende Kapitalismus gar nicht bringen kann, natürlich in der Luft hängt. Mit der Ausbeutung von Ressourcen, die schon heute zur Neige gehen, wird der Kapitalismus nicht jahrzehntelang fortfahren. Welzer und seinesgleichen machen die Rechnung sozusagen ohne den Wirt. Das gilt auch in dem Sinne, dass diejenigen, die das System schon heute zu einem Dasein in Hunger und Elend verurteilt, dass die Millionen Unglücklichen, Erschöpften, Verwahrlosten und Suchtkranken, die das System auch in seinem privilegierten Zentrum hervorbringt, in ihren Überlegungen keine Rolle spielen. Sie werden wahrgenommen: „In den ärmsten Ländern sterben jeden Tag 29 000 Kinder“, ist zu lesen (Leggewie / Welzer 65; ähnlich Welzer / Rammler 24), aber sie sind bloß ein Anlass für moralische Appelle, die sich vornehmlich an „uns“ und gegen „unseren“ verschwenderischen Lebensstil mit Porsche Cayenne und Nespresso-Maschine richten. Dass sie einmal aufhören sollten, Objekte der Fürsorge und „unserer Verantwortung“ zu sein, ist nicht vorgesehen.

Eine nachhaltige Bewegung

Was nicht ist, kann allerdings noch werden. Momentan überwiegt das moralische Interesse an dem Umwelt-Thema, und der Klimaschutz ist eine Sache der Gebildeten und Besserverdienenden, deren Lebenssituation eben Platz bietet für moralische Erwägungen. Die Krise des Kapitalismus sorgt aber dafür, dass, was als moralisch-politische Bewegung begann, Zulauf erhält von denjenigen, die unmittelbar von ihrer existenziellen Situation zu einer bescheidenen, sparsamen und daher ressourcenschonenden Lebensführung gedrängt werden. Mit welchen strategischen Phantasien das urban gardening auch verbunden sein mag – als Notbehelf, mit dem sich der gröbste Hunger stillen lässt, kommt es allemal in Frage. Die in dieser Hinsicht fortgeschrittenen Griechen und Spanier haben damit bereits einschlägige Erfahrungen gesammelt. Auch Welzer hat diese Option parat, wenn er schreibt, dass die „Kumulation“ der verschiedenen Krisenphänomene eine Situation herbeizuführen verspricht, in der „sich kleinteilige Überlebensgemeinschaften aus schierer Not organisieren müssen“ (30).

Ökologische Vernunft plus existentielle Notwendigkeit: Die Bewegung, die sich daraus ergibt, sollte nicht so leicht als „bloß ideologisch“ abgetan werden können, wie dies bei den linken Gruppen früherer Jahrzehnte der Fall war. Und sie dürfte, da sie im wesentlichen praktisch ist und auch auf die Organisation des Alltags übergreift, einen höheren Grad an Beständigkeit aufweisen. Gruppen, die nicht nur vom kritischen Bewusstsein, sondern auch von der kritischen Lebenssituation ihrer Mitglieder zusammengehalten werden, sollten stabiler sein als solche, die sich darauf beschränken, Bekenntisse zu einer grundlegend anderen Gesellschaftsordnung abzulegen. Die Bewegung für nachhaltiges Konsumieren und Produzieren hat somit gute Chancen, auch ihrerseits nachhaltig zu sein.

Vor allem aber sollte sie für einen Standpunkt empfänglich sein, der den Kapitalismus nicht ausgerechnet darin kritisiert, dass er zu wenig Arbeitsplätze bereitstellt. Wer sich für die stofflichen Folgen seines Tuns interessiert, wird den Gedanken nicht abwegig finden, dass die Ökonomie nicht am Prinzip der Wertverwertung, sondern an wirklichen Bedürfnissen ausgerichtet sein sollte. Zu denen zählen aber auch Muße, Spiel und Beschaulichkeit, Zeit fürs Nachdenken und Zeit für die Liebe. Wer sich auf die natürlichen Ressourcen des menschlichen Lebens besinnt, sollte auch dazu imstande sein, auf die eigene Physis Acht zu geben und das blindwütige Funktionieren im Namen abstrakter Vorgaben, das ihm von Kindheit auf antrainiert wurde, zu hinterfragen. Welzers Initiative ist zwar nicht gegen die Grundfesten des kapitalistischen Systems gerichtet, sehr wohl aber gegen wichtige Aspekte der kapitalistisch bestimmten Lebensweise. Bei allen theoretischen Defiziten, die diesem vor allem praktisch angelegten Vorstoß zu einer „APO 2.0“ natürlich anhaften, darf man doch zuversichtlich sein, dass viele von den Menschen, die sich hier sammeln, für das weitere Vorantreiben der Kapitalismuskritk aufgeschlossen sind.


Harald WELZER/Stephan RAMMLER (Hrsg.): Der ZUKUNFTZWEI Zukunftsalmanach 2013, Bonn 2013 (Erstausgabe Frankfurt/M. 2012)

Claus LEGGEWIE/Harald WELZER: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten, Frankfurt/M. 2011 (Erste Aufl. 2009)

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