Ende der Vorgeschichte

von Petra Ziegler

Die Aussicht war wohl blendend. Vor gut einem Vierteljahrhundert rief Francis Fukuyama in Anlehnung an (einen allerdings stark von Alexandre Kojèves Interpretation überfärbten) Hegel das „Ende der Geschichte“ aus. Mit Marktwirtschaft und liberaler Demokratie gemäß westlichem Vorbild als „final form of human government“ sah er die Gesellschaft an ihrem Höhe- und Schlusspunkt angelangt. So ganz daneben lag er damit nicht. Da hatte etwas seinen Zenit erreicht, eher schon überschritten.

Seither ging es denn auch mit wachsender Rasanz abwärts. Da mögen Phasen regional boomenden Wachstums, begleitet und induziert von börsianischem Fieberwahn den zerbröselnden Untergrund eine Zeit lang verdecken, verhindern können sie seine Erosion nicht. Was sich da zu spätkapitalistischer Scheinblüte entfaltet, lässt jedenfalls alle Zeichen von „Vernunft“ vermissen. Es ist der Ungeist, wie er zu sich kommt.

So wie wir wider bessere Einsicht fortschreiten in der Vernichtung der Lebensgrundlagen, opfern wir, was an Errungenschaften der kapitalistischen Dynamik eben erst mühsam abgerungen wurde. Der selbstzerstörerische Trend scheint unaufhaltsam, ein blindes Dahinstolpern, noch nicht einmal Tanz am Abgrund. Unsere „zweite Natur“ droht uns zu erschlagen.

„Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses“, schreibt Karl Marx im Vorwort zur „Kritik der Politischen Ökonomie“ (MEW 13, 9), im Sinn „eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus“ und sieht mit dem Ende dieser Formation die „Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft“ abgeschlossen.

Nicht die historische Entstehung des Kapitalismus stand im Zentrum seiner Analyse, vielmehr die logische Entwicklung des Kapitals aus seinen eigenen Gesetzen. Wenn Marx dabei mit dem Kapital (als „sich selbst verwertendem Wert“) ein „automatisches Subjekt“ unterstellt, dann verweist er uns damit auf die spezifische, die einzigartige Struktur der gesellschaftlichen Verhältnisse im Kapitalismus, die gegenüber den Individuen eine quasi-unabhängige Existenz annimmt und sie quasi-objektiven Zwängen unterwirft. Damit identifiziert er „kein konkretes, bewusstes gesellschaftliches Subjekt (etwa das Proletariat), das sich selbst historisch entfalte und … vollkommenes Selbstbewusstsein erlange“, geschweige denn einen „Weltgeist“ – das Marxsche Subjekt, wiewohl selbstreflexiv, bleibt blind. (Vgl. Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, 122ff) Einmal in Gang gebracht erweist sich die kapitalistische Form der Reichtumsproduktion als maßlos. Angetrieben vom Zwang zur Produktivkraftentwicklung kommt sie aus sich heraus zu keinem guten Ende und führt – an ihre eigenen Grenzen gestoßen – nur immer weiter in rücksichtslose Zerstörung.

Wenn wir uns nicht abfinden wollen mit Verhältnissen, die die Menschen unterdrücken, ausbeuten, verblöden und in jeder erdenklichen Hinsicht einengen, wenn wir nicht in Resignation und Barbarei versinken wollen, dann müssen wir uns von Wert und Warenform und ihren strukturellen Imperativen befreien. Eine Assoziation freier Menschen – soviel lässt sich mit Bestimmtheit sagen – muss ohne Formprinzip und immanenter Logik auskommen, will sie ihr Miteinander bewusst und aus freien Stücken gestalten.

Marx freilich sah die materiellen Bedingungen zur Lösung dieser Aufgabe zugleich mit den Produktivkräften „im Schoß der alten Gesellschaft“ heranwachsen. Selbst wenn wir ihm in diesem Optimismus folgen, dürfen wir das enge Zeitfenster nicht übersehen, ehe diese vollends in Destruktivkräfte umschlagen. Die Frage, ob der Kapitalismus als Durchgangsstadium der Geschichte vermeidbar gewesen wäre, ist dann vielleicht irgendwann beliebter philosophischer Zeitvertreib.

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