Das Nichts nichtet nichts!

Verdichtete Vorabthesen zur reinen Apokalyptik singulärer Tode

von Franz Schandl

I. „Wann wohl kann ein Toter die Strahlen der Sonne sehen“, heißt es im Gilgamesch-Epos. – Das Leben ist das Leben und ein Leben außerhalb des Lebens gibt es nicht. Nicht im Tod, nicht mit dem Tod, nicht durch den Tod und schon gar nicht nach dem Tod. Der Tod ist der Tod. Nicht mehr und nicht weniger. Auf diese Pointe soll er kapriziert werden.

II. Tod und Leben, das ist keine dialektische Einheit, das ist eine metaphysische Differenz. Der Tod ist Negation aber nicht Negation der Negation. Der Tod hat nichts Aufhebendes und nichts Transzendentales, er ist in der Tat die perfekte Nichtung singulärer Existenz. Der Tod ist der große Antagonist, nicht Scheide oder Stufe, sondern definitives Aus.

III. Der Tod ist weder Wesen noch Sein, weder Essenz noch Existenz. Letztlich kein Jenseits, weil selbst noch dessen Transexistenzialität positive Bestimmungen von Zeit, Ort und Umstand unterstellt. Der Tod ist die absolute Losigkeit. Er ist kein bloßes Ende, er ist ein endgültiger Schnitt. In ihm geht verloren, was nie mehr gewonnen werden kann: das jeweilige Exemplar.

IV. Bestimmung fällt in Unbestimmtheit. Der Tod ist wie Jean Améry sagte, das „nichtige Nicht“. Er soll verstanden werden als das Nichtsein des Einzelnen. Und dieses Nichtsein kippt ins Nichtssein.

V. Es gibt kein Totsein. Der Tod gehört nicht zum Sein, er gehört freilich auch nirgendwo anders hin. Der Tod ist keine Tür, durch die man schreitet und er ist kein Reich, das man betritt. Wer aus dem Leben scheidet, geht nicht in den Tod. Das eine mag ein Schritt sein, das andere keineswegs. Der Tod bezeugt Abschied ohne Ankunft.

VI. Der Tod ist nur durch das Leben zu bestimmen, aber er selbst ist keine Bestimmung des Lebens. Der Tod ist kein Resultat, keine Konsequenz, keine Erledigung, kein Ereignis. Er ist das Nichts, dem wir einen Namen gegeben haben. Mit dem Tod stehen wir vor einem Rätsel, das nie gelöst werden kann.

VII. Der Tod ist nicht sinnlich und schon gar nicht übersinnlich. Er entsinnlicht die Betroffenen völlig. Der Tod betrifft nicht die Toten. Ist eins betroffen, ist es geradewegs nicht mehr betroffen.

VIII. Über den Tod zu schreiben, das ist ein Ringen um Worte, wo diese doch allesamt versagen, um Sätze, wo doch keiner hinreicht. Der Tod kann nicht übersetzt werden. Vom Leben kann man sich Bilder machen, doch vom Tod ist jedes Bild falsch. Kein Wort, keine Vorstellung, kein Begriff findet an ihm Halt. Der Tod kann nicht gepflügt werden mit der Sprache des Lebens.

IX. Je näher man hinsieht, desto weniger blickt zurück. Der Tod ist ein Spiegel, der nichts spiegelt, und wenn doch, dann nur die Projektionen diverser Anschauungen, deren Gemeinsamkeit darin liegt, den Tod auszudeuten, anzufüllen, schwer oder leicht zu machen.

X. Wenn das Leben nicht alles ist, was man hat, dann ist es weniger als alles. Das kann nur dazu führen, dass es als Durchgangsstadium des Leides und der Opfer betrachtet und missbraucht wird. Der Tod wird zur himmlischen Pforte und das Jenseits zur eigentlichen Kraft, die das Irdische in den Schatten stellt. Folglich ist es auch logisch, nicht mehr alles auf das Leben zu setzen und alles dafür einzusetzen, was man hat. So wird das Leben zum Versäumnis.

XI. Wir sind nicht ins Leben geworfen, sondern es ist uns geschenkt. Auf dass wir es nützen und es uns gut gehen lassen. Leben ist die Gegebenheit, die wahr- und angenommen werden sollte. Es ist Gabe ohne Wiedergabe. Geworfen sind wir nicht in das Leben durch die Geburt, sondern aus dem Leben durch den Tod.

XII. Aus der Gewissheit des Todes ist keine Bestimmung des Lebens zu konstruieren. Der Tod ist totale Negation, nicht Ziel einer Richtung, sondern Hinrichtung. Der Körper verweigert seinem Träger den Dienst. Damit ist es aus. Alles ist unmöglich geworden. Der Tod betrifft immer nur abgrenzbare Existenzen. Er ist zwar endgültig, aber nicht universell. Alles geht zu Ende, aber nicht alles kann zu Ende gehen. Der Tod ist stets partiell.

XIII. Leben ist nicht das Sein zum Tode, sondern das Nein zum Tode. Dieser ist zwar anzuerkennen, aber nie zu akzeptieren. Das Leben gewinnt, außer einmal, fortwährend. Der Tod gewinnt selbst dann nicht, wenn eins das Leben verliert. Was soll jener auch gewinnen? Durch den Tod gewinnt immer nur das Nichts, aber damit ist nichts gewonnen.

XIV. Leben ist nicht auf den Tod ausgerichtet, der Tod schafft es lediglich ab. Das Leben ist auf das Leben ausgerichtet, kein Sein zum Tode, sondern Sein zum Dasein. Der Tod ist nicht Seinsbestimmung, sondern Seinsschranke. Nicht Potenz, sondern Depotenzierung.

XV. Für das Jeweilige ist das Leben das Gut schlechthin, nicht eines von vielen, sondern das, das alle Güter im Gut vereint. Unser Problem ist nun, dass zu wenig Leben im Leben ist, oder wie Brecht einst sagte: „Nicht tot sein heißt nicht: leben.“ Leben meint mehr als existenzielle Vorhandenheit.

XVI. Der Tod ist nicht das Ende des Lebens, denn wäre er das Ende von ihm, wäre er noch immer Teil von ihm, das er jedoch nicht ist. Das Lebensende ist geprägt vom Sterben, einem verendenden Leben. Der Tod ist nicht des Lebens. Im Tod ist niemand mehr zugegen.

XVII. Wir alle sterben und der Tod ist uns Schicksal, und doch hat noch niemand seinen Tod erlebt. Denn im Sterben erlebt man zwar das endende Leben, nicht aber den Tod, man spürt zwar seine Nähe, aber man kann ihm nie so nahe sein, dass man „Jetzt!“ sagen kann. Fällt man in ihn, ist man aus sich gefallen.

XVIII. Der Tod ist ein Moment, das Leben ist eine Dauer. Der Tod trifft uns nur einmal. Gegenüber dem Leben ist jeder Tod von einer geradezu lächerlichen Kürze, aber doch von ent-scheidender Größe.

XIX. Der Tod ist kein Trieb, weil sich in ihm keine Befriedigung ausdrückt. Befriedigt können nur Lebende werden. Es gibt keinen Todestrieb. Das Schicksal ist kein Ziel. Wenn der Körper seinen Träger negiert, ist das nicht Trieb, sondern Abtreibung. Trieb unterstellt, dass man etwas tun muss. Aber das Sterben ist kein Tun und auch kein Haben, sondern lediges Erleiden. Dieses Werden folgt keinem Drang, sondern einem Zwang.

XX. Sterben ist Leben, aber Leben nicht Sterben. Leben und Sterben sind also keineswegs eins. Im Gegenteil, das Leben ist gerade auf sich selbst bezogen, sein Ziel ist Fülle, nicht Ende. Sterben hingegen ist tatsächlich ein Leben, das eingeht, das nicht mehr auf dieses gerichtet ist, sondern auf den Verlust desselben. Im Sterben ist das Leben im Begriff sich zu verlieren. Durch den Tod verliert man sich selbst. Und mit sich selbst verliert man alles.

XXI. Das Sterben ist die entrückteste Phase des Lebens. Es sondert das Leben von sich selbst ab, sei es plötzlich oder allmählich. Das Leben verliert sich im Sterben. Jenes verneint sich in ihm. Leben verkommt im Sterben. Sterben ist Leben mit dem Telos seiner Nichtung. Sterben offenbart so die letzte Intensität des Lebens.

XXII. Was jedes erlebt, ist das Sterben. Aber das Sterben wiederum ist Leben, es kann in ihm nur mit ihm zu Ende gehen. Sterben ist also ein entsetztes Leben der absonderlichsten Art, da es eben vom Tod kündet, vom Ableben. Im Sterben erlebt eins sich ein letztes Mal.

XXIII. Die Wirklichkeit des Sterbens liegt im Tod, der wiederum keine Wirklichkeit hat, sondern Verwirkung ist. Der Tod ist nicht wirklich, er fällt vielmehr aus der Wirklichkeit raus, er ist die Entwirklichung jedes begrenzten Daseins. Der Tod hat somit keine Wirklichkeit, auch wenn das Sterben seine Wirkung nicht verfehlt.

XXIV. Der Tod ist das sich selbst auslöschende Faktum. Mit dem Tod richtet sich das Leben gegen das Leben, doch ist dieses hingerichtet, bleibt nichts übrig. Das Leben nicht, aber auch der Tod nicht. Niemand nimmt das Sterben als Gelegenheit wahr. Das Leben hingegen wird immer als solche wahrgenommen, selbst dann, wenn es in seiner Dürftigkeit nur der Reproduktion oder der Reputation dient.

XXV. „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht,“ schreibt Wittgenstein. Der Tod tritt nicht im Leben auf oder ein, sondern das Leben tritt mit dem Tod ab. Unwiderruflich. Der Tod gehört nicht zum Sterben, mit ihm hört es vielmehr auf. Sie werden aber in unmittelbarem Zusammenhang genannt, weil das Sterben stets mit dem Tod endet, es ihm vorangeht. Das Sterben kann gar nicht anders ausgehen. Der Tod beendet das Sterben.

XXVI. Das Sterben ist Teil des Lebens, der Tod nicht. Der Tod ist auch keine Stufe. Nicht Übergang, sondern Untergang. Am Tod ist nichts Transformatorisches. Form und Inhalt lösen sich auf. Das Verwesende ist kein Wesen, sondern unwesentliches Unwesen.

XXVII. Der Tod und das Sterben haben also nichts miteinander gemein. Solange man stirbt, ist man noch nicht tot, sobald man tot ist, stirbt man nicht mehr. Das Sterben kündet den Tod zwar an, aber dieser negiert es, weil es eben Leben ist, gleich mit. Der Tod ist die Negation des Sterbens wie des Lebens, nicht im Sinne einer Aufhebung, sondern im Sinne eines irreversiblen Schlussstriches.

XXVIII. Was wir im Tod fürchten, das ist der Verlust des Lebens. Angst macht das Leben, das sich da anschickt, aus zu werden. Man hat nicht Angst vor dem Tod, sondern Angst um das Leben. Zu gewinnen und zu verlieren ist allerdings nur das Leben, den Tod kann man weder gewinnen noch verlieren. Im Tod haben wir nicht Angst vor etwas, sondern um etwas.

XXIX. Vor dem Tod ist etwas gewesen, nach dem Tod kann aber nichts mehr sein. Viele Religionen leugnen letztendlich den Tod, nicht selten erklären sie das, was da ihrer Ansicht nach kommen soll, zum eigentlichen Ziel. Erlösung im Tod ist sodann wichtiger als Lösung im Leben. Anstatt sich hier und jetzt mit dem Leben einzulassen, werden die Sehnsüchte und Bedürfnisse der Menschen durch das Vertrösten auf ein Jenseits kanalisiert. Das elementare „Das kann doch nicht alles gewesen sein“, wird von einer Frage der Transformation zu einer der Theologie.

XXX. Religion ist Aufladung des Sinnlichen wie Antisinnlichen zum Übersinnlichen. Wirkliches und Unwirkliches sollen wir nicht wahrnehmen, so vergeistlichen wir es. Es gibt nichts Übersinnliches, es ist das Sinnliche selbst, das über alle seine scheinbaren Grenzen hinweg sich zu setzen vermag. Jeder Zauber ist sinnlich. Zauber meint geradezu die Entgrenzung des Sinnlichen von einem kruden Realismus.

XXXI. Wer den Tod leugnet, leugnet das Leben, wer den Tod anerkennt, bekennt hingegen des Lebens zentrale Bedeutung. Das Leben ist dann kein Vorspiel mehr für irgendetwas jenseits von ihm, es ist vielmehr das große Erlebnis, das es auszufüllen gilt. Wir sollten uns in jeder Hinsicht bewusst sein, dass die Relativierung des Todes die Relativierung des Lebens selbst ist. Die abstruseste Vorstellung ist wohl diese, dass der Tod kein Tod sei, dass man mit dem Tod alles andere als tot ist.

XXXII. Was im Leben nicht stattgefunden hat, wird nirgendwo stattfinden. Es gibt keinen Ort und keine Zeit außerhalb des Lebens. Mit dem Tod bezieht das Leben keine Position mehr, weil jener reine Negation ist. Das Leben hat, was der Tod nicht hat: Zeit und Ort. Der Tod ist kein Ort, auch kein Abort, ja nicht einmal ein Unort. Der Tod ist aber auch keine Zeit. Weder Vorzeit noch Nachzeit, weder Wartezeit noch Unzeit.

XXXIII. Der Tod betrifft die Hinterbliebenen, nicht die Toten. Tote gibt es nicht. Den Tod kann man nur vor sich, aber nicht hinter sich haben. Dahinter ist nichts. Im Tod verliert man nichts, weil man selber verloren geht ohne je wieder gefunden zu werden.

XXXIV. Wir sind nicht unser Körper, sondern wir sind in unserem Körper. Er ist es, an dem unser Leben versagt. Wenn er nicht mehr kann, ist unser ganzes Verlangen letztlich belanglos. So sind wir weit mehr als der Körper, doch wenn der nicht mehr will, sind wir nichts, da mag der Geist noch so rege und wach gewesen sein. Der Tod löscht ihn aus.

XXXV. Verwesendes Fleisch hat seine eigene Lebendigkeit, aber es ist nicht mehr die Lebendigkeit seines ehemaligen Trägers. Was uns angeht, ist es lebloser Stoff, den der Leichnam birgt. Der Prozess des Verfaulens ist kein Leben, geschweige denn ein Erlebnis. Es stinkt. Indes, so rieche ich nicht. Es ist eine sinnliche Täuschung. Durch den Tod hat der Körper sich von uns distanziert. Nicht wir verfaulen, sondern er verwest.

XXXVI. Was da verwest, das bin ich nicht. Das Gewese hat dem Leben durch den Tod bloß die Leiche enteignet. Was ich gewesen bin, kann nicht verfaulen. Das Verwesen ist ein Transformationsprozess eines Kadavers. Mit seinem ehemaligen Träger hat dieser nichts zu tun. Niemand ist seine Leiche. Der Tod ist keine Abwesenheit, er ist überhaupt keine Wesenheit.

XXXVII. Der Leichnam ist der unwesentliche Rest. Der verwesende Kadaver ist nichts anderes als totes Fleisch. Das Leben ist der Fall, die Leiche lediglich sein Abfall. Und der Tod ist hier das Fallen des Falles. Wir fallen durch ihn und mit ihm und in ihm und in ihn und…

XXXVIII. Dauerlos ist der Tod, nicht dauerhaft. Der Tod ist nicht etwas, das dauert. Nach dem Tod bin ich nicht im Zustand des Todes. Ich bin in keinem Zustand mehr. Der Tod offenbart keine Zuständigkeit über mich, sondern eine Unzuständigkeit von mir. Eins hat eine Lebenszeit, aber keine Todeszeit. Den Tod, den jedes vor sich hat, kann niemand hinter sich bringen. Im Tod ist also niemand hinüber, sondern hin.

XXXIX. Der Tod hat keine Bedeutung, er schafft alle Bedeutungen ab. Das Leben geht dem Tod voraus, aber der Tod geht dem Leben nicht hinterher. Der Tod ist keine Schwelle. Man kann nicht leugnen, dass jemand tot ist, aber man muss entschieden bestreiten, dass es Tote gibt. Es gibt keine Toten.

XL.
Kein Mensch wird je die Erfahrung des Todes machen. Die Lebenden kennen ihn nicht und die Toten vermögen nichts mehr zu erkennen. Der Tod ist keine Erfahrung, die man machen kann, er ist vielmehr die Vernichtung aller Erfahrungen. Kein Ereignis, sondern die Eliminierung der Ereignisse, kein Erleben, sondern die Liquidierung der Erlebnisse. Alles, was man erlebt, erlebt man vor dem Tod. Den Tod erlebt man nicht.

XLI. „Es wird nichts sein als nichts,“ sagt Günther Anders im Angesicht seines nahenden Endes. Der Tod ist kein Zustand. Der Tod ist aber auch kein Ergebnis, kein Resultat, kein Fazit, keine Conclusio, er ist und bleibt dieses „nichtige Nicht“.

XLII. Jeder Anfang kennt ein Ende und jedes Ende kennt einen Anfang. Doch nicht jedes Ende ist ein Anfang, der Tod jedenfalls ist kein Beginn. Im Tod fällt ein Dasein durch sein Nichtsein ins Nichtssein. Der Tod ist die Nichtung ins Nichts.

XLIII. Nicht der Tod vernichtet das Leben, sondern das Leben selbst vernichtet das Leben. Der Tod ist nichts anderes als dieser Moment der Vernichtung. Er bezeichnet den Augenblick, wo nichts mehr ist wie es vorher gewesen ist, weil nämlich nichts mehr ist. Ein Universum ist untergegangen. Der Tod ist Negation ohne Position, nicht das Gegenteil zum Leben, aber auch nicht Bestandteil, sondern dessen Entsetzen, hinter dem nichts sich verbirgt außer das Nichts.

XLIV. Im Tod treffen sich das Vernichtende und das Vernichtete im Nichts. Der Tod ist und hat keine eigene Qualität, er ist das leblose Nichts. Der Tod ist tot. Der Tod ist nicht abzuschaffen, weil er nicht geschaffen ist. Er ist sich kein Eigener.

XLV. Der Tod bedeutet nichts. Klein wie groß geschrieben: Nichts! In dieses Nichts kann man nicht fallen, nicht gestoßen werden und schon gar nicht in ihm verweilen. Der Tod ist kein Kontinuum, keine Zeit, kein Ort, keine Bewegung, kein Inhalt, keine Form, kein Grund, keine Weise. Er definiert sich nicht, letztlich auch nicht durch das Nichts, denn das Nichts definiert nichts.

XLVI. Aber nichtet nicht das Nichts? – Das Nichts nichtet nicht! Es ist stets das Dasein, das nichtet und auch sich nichtet. Das Nichts tut nichts, es schafft nichts und es schafft nichts ab. Das Nichts vermag nichts. Könnte es etwas vermögen, dann wäre es kein Nichts. Das Nicht nichtet, aber das Nichts nichtet nichts!

XLVII. Eine grundlegende Aufgabe der Philosophie ist nach wie vor nicht nur Sein und Nichtsein zu unterscheiden, sondern auch das Nichtsein und das Nichtssein, also das Nicht und das Nichts zu identifizieren wie zu differenzieren.

XLVIII. Heideggers Frage „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“, ist doppelt unsinnig, denn Seiendes muss sein und außer Seiendem kann nichts sein. Das Nichts kann eben nicht sein, denn wenn es sein könnte, wäre es kein Nichts mehr. Wie das Dasein kein Nichts sein kann, so das Nichts kein Dasein.

XLIX. Der Tod, das ist die elementare Kante zwischen Nicht und Nichts. Das Nichts können wir uns aber nicht vorstellen, es übersteigt uns. Das unscheinbare Nicht hingegen gilt und wirkt als profane Zerstörung jedes Daseins. Unentwegt. Der Tod ist so auch eine Scheide zwischen dem Nicht-Mehr und dem Nichts-Mehr. Alle vermögen den Tod zu identifizieren, vielleicht auch noch zu charakterisieren, aber niemand vermag ihn zu definieren.

L. Lebewesen sind etwas, die aus dem Nichts kommen, aber nicht vom Nichts gezeugt werden. Und auch wiederum im Nichts verschwinden, aber nicht vom Nichts beseitigt werden. Das Dasein ist ein Zwischennichts, eine Spanne zwischen dem Nichts und dem Nichts. Das jeweils Seiende bricht das Nichts auf, indem es eine Periode Nicht zum Nichts sagt und sich auch bis zum Schluss, aber nicht mehr am Schluss behaupten kann. Darin liegt eine fruchtbare wie furchtbare Prominenz.

LI. Die kategorische Aussage des Leben lautet: Ich kann nicht nicht gewesen sein.

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