Wozu Entwicklung?

Tanzania, das Kupfer, und ein Ende des Kapitalismus

(ursprünglich erschienen auf www.kaernoel.at)

von Andreas Exner

Entwicklung war eine große Erzählung. Zu groß. Noch bis vor Kurzem galt ihr alles. Nachhaltig sollte sie sein, ein Segen für die Menschheit. Während die EU zusammen mit dem Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank ihre Ränder kurz und klein schlägt, verdampft die dünn gewordene Suppe der Entwicklung vollends.

Nun scheint Entwicklung von einer hohlen Phrase in das Traumreich der vergessenen Worte überzuwechseln. Schon seit geraumer Zeit spricht die Weltbank ja weniger von Entwicklung, sondern vielmehr von Armutsreduktion im globalen Süden. Die neoliberale Strukturanpassung der 1980er Jahre, ein fortlaufendes Projekt ohne Ende, heißt heute einfach anders. Spätestens seit dem Zusammenbruch der UdSSR hat der Kapitalismus im Grunde das Versprechen einer nachholenden Entwicklung unter dem toten Gewicht der Milliarden inhaltsloser Zahlen so genannten Werts begraben, die sich „verwerten“ sollen und dies nur mehr unter zunehmenden Menschenopfern zustande bringen.

Dennoch spukt die Entwicklung noch herum, in den Entwicklungsländern, in der Entwicklungshilfe, in der Entwicklungspolitik. Unter so viele Anführungsstriche kann man das Wort freilich gar nicht mehr setzen, dass es noch einen Reim auf etwas Vernünftiges macht. Wie dem Bannkreis von Entwicklung entkommen, zur Befreiung ins Hier und Jetzt?

Das Entwicklungsbedürfnis

Woraus entspringt das Entwicklungsbedürfnis, das uns nicht aus dem Kopf will? Fragen wir, was man darunter landläufig versteht, so meint man wohl irgendeine Art der Verbesserung des Lebensstandards. Worin aber besteht diese Verbesserung genau? Hier schon beginnt die Schwierigkeit, und es enthüllt sich etwas. Im Folgenden will ich einige Thesen präsentieren, was Entwicklung eigentlich ist, und warum sie uns gefangen hält wie eine fixe Idee.

Das Entwicklungsbedürfnis ist eine schein-natürliche Ideologie des Niemals-Ankommens, des „Never-Catch-Up“ und entspringt einem Paradox: Ausbeutung generiert Reichtum auf der einen, Armut auf der anderen Seite, und zwar als eine relative soziale Position. Armut bemisst sich immer im Verhältnis zu einer Gruppe, die nicht arm ist. Ein bescheidenes kollektives Leben wäre keine Armut, sondern ganz einfach das Leben selbst. Die arm Gemachten, in ihrem Streben, die Kluft zu schließen, die sie von den Reichen trennt, eine Kluft, welche die Ausbeutung ihnen setzt und die sich beständig vergrößert, verlangen nach Entwicklung; zumindest nach einer längeren Geschichte der Ausbeutung. Nicht alle „Armen“ wollen Entwicklung, denn da gibt es zum Beispiel jene, die kaum mit der globalen Stufenleiter des abfallenden Reichtums in Kontakt gekommen sind; es gibt sie, immer noch.

Das Entwicklungsbedürfnis setzt jedoch gerade eine Fortführung der Ausbeutung, also seine eigene Ursache, in noch größerem Maßstab voraus. Das ist ein Problem. Denn so kann es grundsätzlich nicht befriedigt werden. Dies deshalb, weil es eben Ausbeutung voraussetzt und damit die soziale Ungleichheit, deren Schere zu schließen es vorgibt und auch anstrebt. Entwicklung ist wie eine Karotte vor dem Esel, der den Karren der feinen Herren zieht.

Entwicklungshilfe als Versuch, dieses Entwicklungsbedürfnis zu stillen, muss versagen. Denn entweder ist sie eine Unterstützung der Ausbeutung, oder aber sie verteilt schlicht die Güter und Dienste der Ausbeuter. Diese aber vertrocknen in einer Situation, wo Ausbeutung nicht einen eigenen Kreislauf von Wachstum bildet, wie ein Windschutzstreifen in der Wüste, oder werden von der „Ökonomie der Beziehung“ überwuchert wie landwirtschaftliche Hochleistungssorten vom Unkraut in einem von Pestiziden verschonten Acker. Dass Ausbeutung also einen eigenen Kreislauf von Wachstum bildet, ist offenbar keine triviale Angelegenheit, mal ganz abgesehen von den Menschenopfern, die dies involviert.

Eine Geschichte der Wiederholung

Wer sich mit einem Entwicklungsland befasst und seine Geschichte von den Anfängen der Kolonisierung bis in die Jetztzeit analysiert, erstaunt ob der endlosen Wiederholungen der immer gleichen Ideologie der Entwicklung. Sie verändert mitunter ihre Form, nicht aber ihren Inhalt. Nehmen wir den Fall von Tanzania, nur als Beispiel. Das Staatspersonal beklagt sich über die rückständige und träge Bauernschaft, die zu dumm ist oder zu faul um das für ihr Wohl Beste zu erkennen. Was die Bäuerinnen und Bauern denken, erfährt man selten.

Diese Dynamik war von den etwas weniger blutigen Phasen der deutschen Kolonialperiode über die britische Herrschaft, insbesondere in ihren letzten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, dieselbe wie nach der Unabhängigkeit 1961, vom so genannten Afrikanischen Sozialismus, der in die Zwangsumsiedlungen der 1970er Jahre mündete, über die neoliberale Strukturanpassung bis zu den Poverty Reduction Strategy Papers der Gegenwart. Immer sind es die Eliten, die es besser wissen als die Masse der Bäuerinnen und der Bauern, denen zu helfen ist, die nichts können aus eigener Kraft, denen man den Weg weisen muss, und sei es mit Gewalt.

Was denken diese Bäuerinnen und Bauern, diese in den Publikationen der Weltbank, den Reden des ehemaligen Präsidenten Julius Nyerere, den Berichten von Entwicklungshilfeorganisationen träge, sprachlose Masse? Wo sind ihre Träume, was wollen sie im Leben? Man schließt von sich auf sie, meint sie zu kennen. Wollen sie Entwicklung?

Gutes Leben statt Entwicklung

Ich wage eine These. Entwicklung fruchtet nicht, weil sie eine Angleichung der Lebensqualitäten in einem System anstrebt, das gerade eine fundamentale Ungleichheit der Lebensbedingungen setzt. Entwicklung ist genau deshalb erstaunlich resistent. Die Ungleichheit erzeugt den Wunsch zu den Reichen aufzuschließen, es ihnen gleich zu tun.

Entwicklung wird seit den 1980er Jahren immer wieder totgesagt, aber nie wirklich begraben, weil das System, das diese Idee aus sich hervortreibt, nicht begraben werden soll. Der wirkliche Abschied von Entwicklung bedeutet gerade, die Ausbeutung zu beenden, die Armut wie Reichtum als unversöhnliche Gegenpole menschlicher Erfahrung setzt.

Der wirkliche Abschied von Entwicklung wirft eine Menge von Fragen auf, die wir nur erahnen können, solange von einem Ende des Entwicklungsbedürfnisses nicht die Rede sein kann. Er wirft die Frage auf, was überhaupt von dem, was heute reich zu machen scheint, in eine Welt jenseits der Ausbeutung transferiert werden kann. Die Frage wird zumeist zu einfach gestellt. Man denkt sich, diese oder jene Technologie sei irgendwie frei von Herrschaft, die sie erst erzeugt hat. Oder man denkt sich, diese oder jene Technologie sei eben von Grund auf neu zu konstruieren, um der herrschaftlichen Prägung zu entgehen.

Man sucht das Heil in Fabbern, Open Source Ecology und so fort. Nicht dass dies nicht verfolgenswerte Wege sind um Neues in die Welt zu bringen. Doch sind Zweifel angebracht.

Die Kunststoff- und die Kupferfrage

Wer wird den Fabbern Kunststoff liefern, wer den Traktoren der Open Source Ecology Metalle? Die Kunststofffrage ist die eine: man sieht geradezu zu Tausenden Hektar um Hektar vor sich, Biomasse für den rein stofflichen Bedarf; die Frage ist, wo liegt die Grenze und wer wird das alles anbauen wollen, wer wird sich an solcher Tätigkeit wirklich erfreuen können?

Die andere ist die Kupferfrage. Dort steckt vielleicht noch mehr Sprengpotenzial. Wer wird der allseits so geschätzten modernen Infrastruktur der Kommunikation das Kupfer liefern, den Computern all ihre bergbaulich gewonnenen Innereien, die, krasser geht’s kaum, einer von der Welt entbundenen Geistigkeit als „immateriell“ gelten?

Wer sind diese Menschen, die dafür arbeiten sollen? Wo sollen sie herkommen? Kennen wir sie? Der Einwand hat Gewicht, dass in einer Gesellschaft ohne Ausbeutung alle möglichen Tätigkeiten, die heute noch verhasst wie die Pest sind und eine einzige Hölle, zur gesuchten Bewährungsprobe werden könnten, zu einer das Leben bereichernden Erfahrung. Aber gilt dies wirklich für die Maloche in einem Kupferbergbau in Hitze und Trockenheit, umgeben von Staub, Maschinenlärm und Hässlichkeit? Gilt dies überhaupt für den Bergbau mit all seinen kaum bewältigbaren ökologischen Folgen, die sicher nicht verschwinden, nur weil Bergeschlämme dereinst vielleicht post-kapitalistisch angehäuft würden – wenn in einer solchen Gesellschaft Bergbau noch in maßgeblicher Dimension betrieben werden sollte. Denn in einer post-kapitalistischen und zugleich herrschaftsfreien Gesellschaft dürfte Bergbau, wenn überhaupt, nur dann erfolgen, wenn zuerst einmal die von seinen Umweltschäden direkt betroffenen Menschen, heute oft Indigene, ihn auch freiwillig gutheißen. Das würden sie nur tun, wenn sie dazu bereit wären, auf ihre zumeist ackerbauliche oder fischereibasierte Lebensweise und die symbolische Bedeutung ihrer Landschaft zu verzichten.

Großer Bergbau zieht sehr gravierende Umweltfolgen nach sich. Bergeschlämme, die technisch häufig ein hohes Risiko darstellen und kaum langfristig unter Kontrolle zu behalten sind, was auch für post-kapitalistische Verhältnissen gelten dürfte, sind nur ein Beispiel. Aber nicht nur diese entlassen Giftstoffe in die Umgebung, die deren Nutzung unmöglich oder gefährlich machen. Bergbau hat auch viele andere ökologisch zerstörerische Auswirkungen, die betroffene Gemeinschaften häufig dazu zwingen, ihre Lebensweise drastisch zu ändern. Dass diese das freiwillig tun, ist nicht umstandslos vorauszusetzen. Generell stellt sich die Frage, ob Menschen überhaupt auf derart langfristige Schäden antworten, sie also auch verantworten können.

Recycling, ja, das wäre möglich, und es ist in der Tat vielfach bereits Realität. Wer aber wird die Hälfte allen überhaupt auf der Erde existenten Kupfers, inklusive des noch unter ihrer Oberfläche vorhandenen, das die moderne Infrastruktur der digitalen Kommunikation im globalen Norden bildet, in den Süden transferieren? Das wäre in etwa nötig, um den globalen Süden dem Norden rohstofflich gesehen ein wenig anzugleichen und den „digital divide“, nebst einigen anderen Klüften, etwas zu schließen. Dabei käme immer noch kein gleicher Pro-Kopf-Bestand an Kupfer heraus, denn die Zahl an Menschen im Süden ist bei weitem größer als die der Leute im globalen Norden.

Was bliebe dann von der geschätzten „immateriellen“ Kommunikation im Norden über? Selbst wenn man wirklich noch weiter Bergbau verantworten könnte und möchte – die Förderung eines Metalls wie Kupfer befindet sich wahrscheinlich bereits jenseits des oder nahe dem Gipfelpunkt, und auch die geringere Menge, die nach dem Fördergipfel noch zu gewinnen ist, kann nur unter bedeutend steigenden Aufwendungen an Energie, Stoff und Umweltschäden gewonnen werden.

Sicherlich muss man eine erhebliche Migration von Menschen aus dem Süden in den Norden unterstützen. Das ist zumindest ein kleiner Beitrag zum Ausgleich historischer Schuld. Doch würde sich, ins Extrem getrieben, damit auch nur die schon lange bekannte strukturelle Ungleichheit zwischen Stadt und Land in einem interkontinentalen Maßstab wiederholen.

Unwillkürlich drückte ein Abfallexperte auf einer Tagung zu strategischen Metallen ein noch tiefer liegendes Problem aus: Suffizienz, das Prinzip des Genug, das sei ihm recht sympathisch. Auch mein Plädoyer für soziale Gleichheit finde er recht nett. Nur der Mensch sei einfach so, der will ein Handy, wenn es andere haben. Er selbst verzichte ja gern auf das Auto. Aber das Handy, nein, das gebe er nicht her.

Angemerkt sei hier nur, dass mein Plädoyer nicht auf Verzicht an Lebensqualität hinausläuft. Viel eher sollte man sich fragen, worauf wir im Rad der Warenproduktion eigentlich verzichten. Ein Investitionsverzicht ist vielmehr angesagt, denn die Investition bestimmt den Verbrauch. Dennoch erfolgen Investitionen nur in Erwartung des Absatzes von Waren im Konsum. Solange der letztere mit Zähnen und Klauen verteidigt wird, anstatt Gemeingüter zu schaffen und soziale Gleichheit zu ermöglichen, ist folglich ein Netto-Investitionsstopp nicht denkbar.

Nun sind Kupferkabel aber nicht nur der recht irdische Träger immaterieller Datenströme, der auch nicht leicht durch Glasfaser und Aluminium für all die Anwendungen heute zu ersetzen ist, wie ein Blick in die Literatur dazu zeigt. Sie sind auch erstarrte Herrschaft, die sich in metallische Strukturen gegossen hat, die dem Kommando über Ressourcenströme dienen, dem Austausch von Informationen, derer andere schlicht entbehren.

Das Kupfer ist dabei nur ein Beispiel unter anderen. Es gilt zumindest auch für die Massenmetalle Kadmium, Chrom, Gold, Blei, Nickel, Silber, Zinn und Zink, ohne die moderne Infrastruktur nicht zu denken ist, und die den Untersuchungen von Werner Zittel zufolge sich wahrscheinlich ebenfalls an ihrem Förderpeak befinden.

Häresien

Was eigentlich ist so schlimm an einem Leben mit einer weit geringeren Zahl an Computern, gar ohne Handys? Man ist entsetzt, Primitivismus lautet das Schlagwort, das dafür bereitsteht. Nein, Technologien können auch ganz anders sein, grüner, schöner, netter. Doch sind Computer wirklich in sozusagen handwerklichen Kooperativen zu erzeugen? Kann das ohne Zwang geschehen, ohne Herrschaft? Die Frage sei erlaubt.

Sicherlich, Technologien prägen den Menschen von Anbeginn seiner Evolution. Hier gibt es ein breites Band an Möglichkeiten zur Auswahl. Sicherlich auch ein gutes Stück an weiteren Verbesserungen oder einfach Anpassungen an sich verändernde Bedürfnisse.

Robert Kurz wagte einmal die Frage zu stellen, was eigentlich an den technologischen Neuerungen der letzten Jahrzehnte wirklich neu sei, die Lebensqualität wirklich verbessere. Man darf ihn darin nachträglich unterstützen. Die Musik, um ein Beispiel herauszugreifen, befindet sich technologisch gesehen ruhigen Gewissens auf dem Niveau der 1950er Jahre. Die elektrische Gitarre etwa hat sich seit Jahrzehnten nicht wesentlich verändert, geschweige denn verbessert. Der schärfste Sound kommt immer noch aus der Röhre. Und wer den Unterschied zwischen Langspielplatte, leider aus Erdöl, und CD nicht hört, der ist wohl wirklich ein Banause.

Das soll nicht abstreiten, dass ein Soundcomputer, über den nicht wenige heute auch die Gitarre spielen und doch häufig nur den Sound der Röhre simulieren, neue Möglichkeiten des Klangs eröffnet. Allerdings ist es sicherlich kein Zufall, dass diese Möglichkeiten heute zu keinen musikalischen Neuerungen mehr Anlass geben. Im Grunde alles bereits dagewesen. Jimi Hendrix, György Ligeti, Sun Ra und Mr. Moog. Die 1960er und 1970er lassen grüßen.

Die digitale Kommunikation hat die Lektüre wohl verändert. Aber hat sie uns klüger oder wissender gemacht? Die Aufnahmekapazität für Informationen, und das hat noch nichts mit Wissen oder Wissenschaft zu tun, ist mit Sicherheit beschränkt. Was digitale Kommunikation erreicht, ist eine andere Art des Wissenszugangs, nicht immer nur zum Vorteil, will man meinen. Übrigens heißt eine hier gedanklich in Aussicht gestellte Schrumpfung dieser Form der Kommunikation keineswegs, dass sich alte, nicht mehr existente Formen der Lektüre und Wissensproduktion wiederherstellen würden. Das ist wohl gerade der Fehler eines wirklich primitivistischen Ansatzes. Die Gesellschaft geht niemals an einen früheren Punkt zurück.

Von den Menschen ausgehen. Oder: Wenn Menschen aufeinander zugehen

Wenn ich über eine herrschaftsfreie Gesellschaft spreche, so rede ich wie ein Blinder von der Farbe. Die anderen Blinden fragen mich: Was wird aus unserem Kaffee? Was aus unseren Handys? Dazu kann ich nicht viel sagen, aber eines weiß ich: Niemand wird dazu gezwungen sein, mir Kaffee anzubauen oder Handys zu beschaffen, oder, meinetwegen, Saiten für die Gitarre, die ich spiele, oder gar diese selbst. Wer das nicht akzeptiert, ist, so leid’s mir tut, ein Feind; der Menschen. Dass das nicht schlagend wird, hat seinen einzigen Grund darin, dass keine Bewegung existiert, die irgendeine wirksame Konsequenz aus diesem Umstand zieht.

Und wirklich: Man möchte fast verzweifeln an besagtem Umstand, nicht nur, dass es niemanden wirklich stört, jenseits sonntäglicher Bedenken, sondern auch dass man sich vor die Wahl gestellt sieht, auf die gesamte soziale Welt zu verzichten oder sich auf eine Position mehr oder weniger bequem zurückzuziehen, die dem entspricht, was man beklagen nennt.

Andere gingen in den Untergrund

Zurück nach Tanzania. Wer wird den Bäuerinnen und Bauern dort Entwicklung bringen, wenn es keinen Kapitalismus mehr gibt, keinen Staat, der aus ihnen Steuern schöpft? Was werden die Bäuerinnen und Bauern dort eigentlich wollen, wenn die Rohstoffe aus dem benachbarten Kongo oder von sonstwo her über den Umweg Chinas oder Europas nicht mehr ihren Einzug als Handys noch in abgelegene tanzanische Dörfer finden?

Werden Menschen aus Europa in Scharen nach Tanzania strömen und endlich das aufbauen, was nach menschlichem Ermessen vor allem auf einem baut: auf Ausbeutung, einem Tun, das Andere kommandieren, zum Nutzen Anderer, die selbst nicht wissen wozu eigentlich?

Vielleicht könnte man von Venezuela lernen, ein leichteres Exempel freilich, nicht zu vergleichen mit dem den westlich-kapitalistischen Normen gegenüber so derart sperrigen „Fall Afrika“, das zwar längst zu einer totalisierten Marktwirtschaft eigener Art geworden ist, aber doch nicht und nicht Entwicklung zeigen will. Ja, sicherlich, in Venezuela ging das voran, unter Chavez: eine Verbesserung der Ernährungslage, mehr von dem bitter nötigen Konsum für die Masse der arm Gemachten. Der Einwand, das beruhe doch alles nur auf den staatlichen Erdöleinnahmen ist zwar überzogen, aber auch nicht ganz falsch. Vor allem beruht es auf einer Weltwirtschaft, die definitiv vom Erdöl abhängt. Was aber nach Peak Oil?

Stelle ich hier einfach zuviele Fragen? Vielleicht. Mein Ansinnen freilich ist dabei nicht, die Zukunft im Voraus zu ergründen. Keineswegs ist auszuschließen, dass Leute ihren Sinn und ihre Freude darin finden, Tiefseekabel zu verlegen. Mein Ziel jedoch ist, zu ergründen, wie man sich wohl vernünftigerweise dazu verhalten soll: zur Entwicklung.

Eine praktische Conclusio, als Versuch: Unterstütze kein Bestreben, das von einem Plan der Verbesserung der Lebensbedingungen anderer Menschen ausgeht, den nicht diese Menschen selbst aufgestellt haben und auszuführen in der Lage sind, und zwar auf gleicher Augenhöhe mit Dir und anderen. Was das wohl in Tanzania heißen würde?

Nun, dazu müssten diejenigen, die das interessiert, die Leute dort erst mal fragen, und nicht nur die mit Stimme und mit Fahrrad, sondern auch die, die ihr eigenes Feld kaum bestellen können, weil sie, um nicht zu verhungern, auf denen der Reicheren, die in unseren Augen immer noch hoffnungslos arm sind, arbeiten müssen. Oder umgekehrt: Es gälte abzuwarten, ob eine Frage von dort uns erreicht. Und wenn es ein Mensch ist, der ein besseres Leben in dem Land sucht, wo die Früchte seines Landes landen, dann wäre er schlicht aufzunehmen.

Vielleicht wäre das eine gute Antwort auf Entwicklung.

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