Mensch-Tier-Fluktuation

von Lukas Hengl

Wilde Tiere leiden hinter Gittern. Könnte das der Grund sein, warum wir sie einfangen und einsperren? Um so unsere Andersartigkeit bestaunen zu können? Denn wilde Tiere springen gegen die Zäune ihrer Gefängnisse, laufen mit ihren Schädeln gegen die Glasscheiben der Terrarien, und so sie nicht anders entfliehen können, sterben sie an einer Krankheit, um zu flüchten. Menschen und zahme Tiere jedoch leiden keineswegs hinter Gittern; ihre Zähmung wurde möglich, da sie sich einreden ließen, dass die Stäbe ihrem Schutze dienen.

Nietzsche besingt jene Tugenden, die wie aus sich selbst rollende Räder alle Gebote umwerfen; die Taoisten solche, die, jenseits von Urteil und Bestimmung, diese nicht einmal wahrnehmen, geschweige denn ernst nehmen. Sie pochen auf die spontane Überschreitung von Normen und Wissensbegriffen, auf den erlösenden Lacher, der alle Ängste, die das Wilde in uns hemmten, als Ausbund einer Schimäre bloßlegt. Vielleicht liegt darin unsere einzige Möglichkeit; denn der Intellekt ist aus seiner Umgebung konstituiert und unfähig, das Schiff, welches ihn über Wasser hält, anzubohren. Nur der spontane, aus der Lust geborene Sprung ins Nass lässt uns erkennen, dass wir immer Fische waren.

Sie, die wilden Tiere, all die reinen Wesen, die wir ausstopften und zu Schmuck verarbeiteten, sind sie uns nicht stets Mahnmale unserer verspiegelten Verirrung gewesen? Doch wir errieten nicht die Bedeutung unserer Mordlust; den Eltern gleich, die ihre Kinder liebevoll zu allem zwingen, was sie selbst versäumten.

Wohin aber kommen wir, wenn wir aus uns selbst herausrollen? Werden wir brüllen wie Löwen oder grunzen wie Schweine? Doch wen kümmert das. Allemal besser als wie Menschen zu jammern!

So lasst uns vom Ozean singen!

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