Sucharbeit

Streifzüge 50/2010
von Peter Samol

Maria Wölflingseder hat mich gebeten, in dieser Ausgabe den Text für ihre Kolumne zu schreiben. Dazu gekommen ist es, weil ich auf einen Roman gestoßen bin, der die Erfahrungen mit sogenannten „arbeitsfördernden Maßnahmen“, wie sie Maria häufig an dieser Stelle beschreibt, zum Thema hat. Das Buch stammt aus dem Jahr 2006 und trägt den Titel „Schule der Arbeitslosen“, verfasst von Joachim Zelter, der es mit einem anderen Roman („Der Ministerpräsident“) auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2010 geschafft hat.

Die Schule der Arbeitslosen ist eine private Bildungsstätte, die unter dem Fantasienamen „Sphericon“ agiert und im Gebäude einer stillgelegten Fabrik mitten in einem niedergegangenen Industriegebiet angesiedelt ist. Am 1. September 2016 findet sich dort eine neue Gruppe schwer zu vermittelnder Langzeitarbeitsloser für eine dreimonatige Bildungsmaßnahme ein. Hier hergebracht hat sie ein Bus mit dem Logo der Bundesagentur für Arbeit und dem Slogan „Deutschland bewegt sich“. Den Teilnehmern und Teilnehmerinnen werden Hoffnungen auf ein irgendwie geartetes Weiterkommen dank des Konzepts von „Sphericon“ gemacht. Konsequent gilt dabei die Ideologie, wonach die Ursache der Arbeitslosigkeit in persönlichen Unzulänglichkeiten zu suchen sei. Als Erstes müssen sie lernen, dass sie ab jetzt nicht mehr auf Arbeitssuche sind, sondern „Sucharbeit“ leisten, die wiederum aus Recherchearbeit, Bewerbungsarbeit, Training von Vorstellungsgesprächen etc. besteht. Bei der Recherchearbeit lernen die Trainees, dass Arbeit die Menschheit nicht mehr verfolgt, sondern vielmehr gilt: „Wir verfolgen sie. Wir fahnden nach ihr. Mit allen Mitteln.“ (S. 34) Die entscheidenden Fahndungshinweise entnimmt man keineswegs den Stellen-, sondern vielmehr den Todesanzeigen, um anschließend den Hinterbliebenen auf der Suche nach weiteren Informationen („Wo hat der Verblichene zuletzt gearbeitet?“) auf den Leib zu rücken. Bewerbungsarbeit besteht vor allem im Frisieren des eigenen Lebenslaufs: „Lebensläufe sind Fiktionen. … Wen interessiert die Wahrheit?! Keine Ihrer Wahrheiten wird Ihnen irgendeine Stelle einbringen. Keine!“ (S. 66) Ein gelungener Lebenslauf ist das, was gewesen sein sollte, nicht was wirklich gewesen ist. Beim Training der Vorstellungsgespräche gilt es schließlich, eine lebendige und funktionierende Vorstellung des optimierten Lebenslaufes abzuliefern und mit echter (!) Begeisterung vorzutragen.

Selbstverständlich muss man bei alldem immer der Erste sein wollen: „100 Mal Silber … Das ist 100 Mal verpasst! 100 Mal gescheitert! … Es gibt nur diese eine Stelle!“ (S. 137) Alle Übungen werden unter drangsalierenden Umständen vollzogen und bewegen sich ständig an der Grenze zur Gehirnwäsche. Die Zudringlichkeiten hören auch jenseits der Übungen nicht auf. „Sphericon“ ist ein System mit diktatorischen Zügen. Natürlich wird keine offene Gewalt angewendet. Vielmehr werden menschliche Bedürfnisse wie Nahrung, Schlaf, Freizeit und selbst Sexualität für zeitgemäße Manipulations- und Bestrafungszwecke instrumentalisiert.

Das Essen erhalten die Joblosen aus Automaten. Dazu benötigen sie „Bonus Coins“, deren Menge wöchentlich je nach Mitarbeit vom Kursleiter gutgeschrieben wird. Wer zu wenig Einsatz zeigt, wird „downcoined“ und muss den Gürtel enger schnallen. Das Motto „Nur wer arbeitet, soll auch essen“ gilt auch für die Sucharbeitenden. Jedem werden sieben Stunden Nachtschlaf zugestanden („Wenn sie nur lernen, zeitig aufzustehen, hat sich die Maßnahme bereits gelohnt.“ S. 39). Ferner gibt es zwei „Weekend-Suiten“, die mit Doppelbetten versehen sind. Paare können sich hier für eine Nacht zurückziehen. Allerdings nicht öfter als drei Mal. Schließlich sollen Fähigkeiten und Mut zur Kontaktanbahnung auch in diesem Bereich geübt werden.

Auch eine Propagandasendung kommt zum Einsatz. Im Fernsehen ist ausschließlich die Serie „Job Quest“ zu sehen. Jede Folge hat eine verzweifelte Arbeitssuche zum Thema, die stets mit Happy End abschließt. Eine härtere Serie mit dem Titel „Job Attack“ ist bereits in Planung. Wer bei alldem Terror immer noch Anpassungsschwierigkeiten hat, findet sich in Zimmer 101 wieder. Hier kommen alle verbleibenden Probleme unter psychologischer Aufsicht schonungslos auf den Tisch. (Bekanntlich ist in Orwells Roman „1984“ Zimmer 101 jener Raum, in dem die schlimmsten Folterqualen auf den Delinquenten warten.)

Von den Trainees wird nicht weniger verlangt als die völlige Preisgabe des eigenen Lebens. Das ist bestenfalls Rohstoff, der je nach Bedarf in eine passende Erfolgsgeschichte umzudichten ist. Notfalls bis zur Unkenntlichkeit. Als sich in der Protagonistin Karla Meier eine Person findet, die dazu nicht bereit ist, reagiert das System konsequent. Als hätte sie eine ansteckende Krankheit, wird sie von den anderen isoliert und für den Rest der Zeit getrennt untergebracht. Zur gleichen Zeit kommt es zu einer exzessiven Steigerung der Übungsmaßnahmen, als sich plötzlich die Option für eine echte Stelle ergibt. Es handelt sich um nichts anderes als eine brandneue Trainerstelle bei „Sphericon“ selbst, die an eine oder einen der aktuellen Maßnahmeteilnehmenden vergeben werden soll. Von da an tobt ein Konkurrenzkampf, der in der Art einer Casting-Show à la „Deutschland sucht den Superstar“ ausgetragen wird. Dass es sich letztlich um ein reines Pyramidenspiel nach dem Motto „Arbeitslose werden darauf trainiert, einen Job als Arbeitslosentrainer zu ergattern“ handelt, ficht niemand an.

Das Buch ist eine ausgesprochen bissige Satire. In seiner konsequenten Beantwortung der Frage, was dem menschlichen Strandgut der strukturellen Arbeitslosigkeit noch alles blüht, erinnert es gleichermaßen an Franz Kafka wie an George Orwell. Wie in Kafkas „Prozess“ werden die Betroffenen einer gnadenlosen Prozedur unterzogen, die innerhalb einer absoluten Diktatur à la Orwells „1984“ stattfindet, die den Menschen vollkommen erfasst.

Joachim Zelter: Schule der Arbeitslosen, Klöpfer & Meyer, Tübingen 2006, 206 Seiten, ca. 20 Euro.


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