Arbeit?

von Franz Schandl

Es ist schon mühsam. So schreibt uns etwa eine Leserin aus Berlin: ,Auch Deinem Satz: Arbeit meint schlicht die gegen jeden konkreten Inhalt gleichgültige Verausgabung von Arbeitskraft gegen Geldʻ widerspreche ich, solange Du vor Arbeit nicht ‚Erwerbsʻ-‚ oder ‚Lohnʻ- setzt. Denn so eindeutig, wie Du den Begriff ‚Arbeitʻ ableitest, ist es eben nicht, zumal in unserer Kultur ‚Arbeitʻ auch sehr positive Konnotationen hat. Jedes konstruktive Tätigsein wird ebenso als Arbeit bezeichnet: Wissensaneignung, wissenschaftliches und künstlerisches Schaffen wird als Arbeit bezeichnet wie Beziehungsgestaltung und Überwindung von Trauererfahrungen, selbst jede Teilnahme an gesellschaftlicher Gestaltung außerhalb staatlicher Institutionen wird als solche empfunden und bezeichnet.“

Tja, die positive Konnotation und die Konstruktivität, unsere Kultur und der gesunde Menschenverstand. Diese so empfindsam Bezeichneten, sie sind wahrlich die Geister der Trägheit. Tatsächlich fragt man sich dann manchmal, wozu und wogegen man schreibt. Dass hier diverse Lebensäußerungen mit der Arbeit in Zusammenhang gebracht werden und somit mit ihr verwechselt werden sollen, ist aber zweifellos gesellschaftlicher Konsens. Was so gemütlich als Alltagsweisheit daherkommt, ist hochkonzentrierte Ideologie. Arbeit wird demnach als eine alles übergreifende Kategorie präsentiert, ja schlimmer noch: gefühlt. Wir arbeiten doch? Und wie!

Warum ist selbstverständlich, was nicht einmal verständlich ist? Wahrscheinlich, weil im Normalfall, also in allen alltäglichen Situationen, unser Reflex nicht aus unserem Denken rührt, sondern aus unserem Handeln. Das, was wir tun, erscheint uns als das, was zu tun ist, und das wiederum als das, was zu sein hat, denn sonst würden wir es ja nicht machen. Diese bestechende Logik dreht sich zwar im Kreis, ist reine Tautologie, aber hartnäckig und wirkmächtig allemal. Wir fallen täglich darauf rein. Die Arbeit ist das zentrale Gerücht der Konvention.

Derweil, was uns innerlich ist, lediglich verinnerlicht wird. Schon der junge Marx betonte, „dass die Arbeit dem Arbeiter äußerlich ist, d.h. nicht zu seinem Wesen gehört, dass er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen. Ihre Fremdheit tritt darin rein hervor, dass, sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine Pest geflohen wird. Die äußerliche Arbeit, die Arbeit, in welcher der Mensch sich entäußert, ist eine Arbeit der Selbstaufopferung, der Kasteiung.“ (Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844), Leipzig 1974, S.155.)

Arbeit ist Verlust des Lebens, das sie geradewegs ruiniert. Via Arbeit betreiben wir ein autoaggressives und ein autodestruktives Spiel, in dem wir gefangen und befangen sind. Nur dabei ist die Arbeit eine Selbstverständlichkeit. Der Großteil unserer Existenz erschöpft sich in der Arbeit, bzw. in all den vor- und nachgelagerten Reproduktionstätigkeiten, die in Form und Dimension ebenfalls aus der Arbeit rühren und organisch dieser zugehörig sind. Dieses unentwegte Treiben, das einen nicht auslässt, sondern in Beschlag nimmt, ist überall spürbar: in den Lebensmitteln, in den Behausungen, in den Beziehungen, ja an den Körpern und Geistern, die physisch und psychisch geschunden outburnen.

P.S. Als Gegengift sei nach wie vor das von der krisis herausgegebene „Manifest gegen die Arbeit“ ans Herz gelegt.

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