„Zerschlagt die Universität“ – Studierendenproteste radikalisieren

von Andreas Exner

Jede Generation von Studierenden hat ihre Besetzung.

Soweit ist daran nichts Besonderes. Eher ist das schon der übliche Gang der Dinge. Auch der Autor dieser Zeilen hat seine Streiks, Demos, Besetzungen und so weiter durchgemacht. Andere Leute, die mehr an Lebensjahren zählen, haben noch mehr Streiks, Demos, Besetzungen und so weiter hinter sich und ihr Urteil ist nicht weniger nüchtern.

Irgendetwas wird also falsch gemacht, nicht richtig begriffen, sodass jede Generation in die selbe Sackgasse läuft.

Wenn ich mich erinnere, mit welcher Einstellung und mit welchem Bild der Auseinandersetzungen im Zuge der ersten neoliberalen „Reformen“ der Universitäten in Österreich in den 1990er Jahren ich an den Protesten teilnahm, dann fällt mir auf, dass mir damals jeder Bezug zu einer übergreifenden gesellschaftlichen Wirklichkeit fehlte. Mir fehlte auch jede Idee von der umfassenden Dynamik der kapitalistischen Angriffe auf soziale Freiräume, die wir damals – ohne ein adäquates Bewusstsein davon – in der Tat und sehr konkret bekämpften. Und mir fehlte vor allem eine Perspektive.

Ich denke, ich war zur Zeit „meiner“ Studierendenproteste in der Mitte der 1990er Jahre nicht weniger intelligent oder aufmerksam und interessiert als meine Kolleginnen und Kollegen. Dennoch hatte ich von Kapitalismuskritik nichts vernommen, auch nicht danach gefragt oder sie geäußert und ein Verständnis der übergreifenden Zusammenhänge – so muss ich heute sagen – war bei mir ebensowenig ausgeprägt.

Das, so bin ich überzeugt, ging den meisten von uns so.

Und deshalb, so bin ich ebenfalls überzeugt, ist es kein Wunder, dass unsere Proteste nichts bewirkt haben, was ihre offenkundigen Ziele angeht. Im Gegenteil, die Ökonomisierung der Bildung und die Zurichtung der Studierenden zur Intelligenz des Kapitals einerseits, und zur billigen, perspektivlos prekarisierten Wissensarbeit andererseits, die ging munter weiter. Immerhin: ich und viele andere machten Erfahrungen des Widerstands, Erfahrung des kleinen Ausbruchs aus Verhältnissen, die von Konkurrenz, Isolation und dem Ausgeliefertsein an die gesellschaftlichen Zwänge geprägt waren. Ein kleiner Erfolg, fürwahr, aber viel zu wenig.

Die einzige Studierendenbewegung, die etwas real verändert hat, waren die 1968er. In ihrem Gefolge kamen ein paar Marxistinnen und Marxisten zu Professuren, auch der Feminismus erfuhr einen universitären Aufschwung. Mitunter wurde die studentische Partizipation eingeführt bzw. ausgeweitet. Doch diese durchaus bescheidenen Erfolge der 1968er waren einer Bewegung zu verdanken, die weit mehr als eine Studierendenbewegung war. Und sie war weit radikaler als Studierende heute sind, die die Hörsäle besetzen, weil ihnen „finanzielle Hürden in den Weg gelegt werden“. Im Grunde beklagen sie, wenn so argumentiert wird, dass sie nicht die Mittel bekommen, um sich für den Kapitalismus wirklich fit zu machen.

Sicherlich, es gibt auch kleine Gruppen von Studierenden, die deutlich machen, dass es um grundsätzlichen Protest gegen das Zwangsregime des Kapitals, der Verzweckung der Bildung, gegen Zerstörung von Freiräumen, der Funktionalisierung von Intellekt und Kreativität geht. Und es äußert sich auch eine Lust an der Revolte, eine Lust daran, das Zwangssystem in kleinen Facetten und Momenten bloß zu stellen. Darauf zu scheißen, wenn entsetzte Uni-Bürokraten beklagen, „wieviel Geld“ an einem Tag Besetzung verloren geht. Wirklich darauf zu scheißen.

Denn: Kein Tag kostet Geld. Jeder Tag gehört uns. Jeder Tag, an dem eine Rechnung angestellt wird, wieviel er „kostet“, ist ein verlorener Tag, ein Tag, der nicht mehr aufgeholt werden kann, denn das Leben ist begrenzt. Wer noch nicht völlig tot ist, wird nicht rechnen, was ihm und ihr das Leben kostet, sondern das System der Kosten, der allgemeinen Beziehung von Kauf und Verkauf über den Haufen werfen. Und eine Alternative des guten Lebens ohne Stress und Zwang mit aufbauen helfen. Ansatzpunkte gibt es inzwischen dafür genug.

Ich höre schon den Aufschrei mancher: aber bitte nicht so radikal; doch nicht so aggressiv; kann Kritik denn nicht konstruktiv sein; der Wettbewerbszwang, dem kann doch niemand entfliehen; und ich höre schon die bange Frage, ob unsereins denn gar keine Verantwortung mehr kenne – für das Wirtschaftswachstum, die Zukunft unserer Kinder, die Jugendlichen, die Wissenschaft, den Forschungsstandort, die Arbeitsplätze, für Österreich… oder wer weiß, was sonst noch alles.

Nein, unsereins kennt keinerlei Verantwortung für ein System, das so rasch wie möglich überwunden werden muss. Jene, die Verantwortung für das System und seine Disziplin einfordern, sind längst bar jeder menschlichen Verantwortung. Sie tun so, als hätte business as usual irgendeinen Sinn, irgendeine Perspektive. Sie mögen ihre kläglichen Pfründen, miesen Pöstchen und Posten, ihre armseligen Karriereleitern, ihre entsetzliche Bornierung, elende Selbstzurichtung und himmelschreiende Indolenz darin gut aufgehoben wissen. Argument erwächst daraus keines.

Da halten wir es lieber mit dem Philosophen und Theoretiker André Gorz, der zur Zeit der 1968er die Kritik auf den Punkt gebracht hat:

„Die Universität kann nicht funktionieren, also muss man verhindern, dass sie funktioniert, damit diese Funktionsunfähigkeit ans Tageslicht kommt. Keine irgendwie geartete Reform kann diese Institution lebensfähig machen; also muss man die Reformen bekämpfen, sowohl hinsichtlich ihrer Auswirkungen als auch ihrer Ziele und zwar nicht, weil sie gefährlich, sondern weil sie illusorisch sind. Die Krise der Universität reicht (wie wir zeigen werden) über den Hochschulbereich hinaus und umfasst in ihrer Gesamtheit die gesellschaftliche und technische Arbeitsteilung; also muss diese Krise zum Ausbruch kommen. Man kann darüber diskutieren, wie und auf welche Weise diese Krise herbeizuführen ist. Es gibt gute und weniger gute Möglichkeiten. Allerdings ist Diskussion und Kritik nur dann sinnvoll, wenn sie von denen kommt, die eingesehen haben, dass der Reformismus unbedingt abzulehnen ist und zwar als Ganzes.“

Um nicht einen sinnlosen Kampf ohne Perspektive zu führen, der sich auch diesmal wieder abzeichnet, ist eine Lektüre von Gorz‘ Text aus dem Jahr 1970 nach wie vor ebenso dringlich wie erhellend. Abrufbar hier.

Ebenso lesenswert ist der Schlüsseltext des Pariser Mai 1968, der „Über das Elend im Studentenmilieu“ handelt.

Damit kein Missverständnis entsteht: Ich solidarisiere mich voll und ganz mit den Forderungen der Studierenden. Nur wird ihre Wirkung äußerst eingeschränkt bleiben, solange sie die Fehler der früheren Generationen wiederholen. Eine Bewegung, die die Zustände an den Universitäten wirklich ändert, und zwar im Sinne der Befreiung, muss sich mit anderen sozialen Bewegungen zusammenschließen und gegen die kapitalistische Produktionsweise, ihre zerstörerischen und völlig sinnlosen Zwänge, die Konkurrenz, die Machthierarchien, die Abtötung der Leidenschaften, den Staat und seine Parteien kämpfen.

Infos zu den Protesten: Unibrennt

Workshop „Zerschlagt die Universität

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