Natur

von Ulrich Enderwitz

Dank sei Buddha, Dank sei Brahma!
Wenn nicht Butter, nun dann Rama,
Wenn nicht Rama, nun dann Butter,
die Natur ist unsere Mutter.

I

Dieser von Christa Reinig mit Ranküne ersonnene „kultische Spruch“ bescheidet sich nicht damit, „ein schönes Zeugnis … von der religiösen Toleranz der alten Inder (zu geben)“, er belegt darüber hinaus höchst anschaulich die heillose Krise gleichermaßen des Naturbegriffs und des Naturverhältnisses der Moderne. Er beschwört noch einmal den emphatisch totalen Stoffwechsel mit der Natur, so wie ihn das 19. Jahrhundert programmiert und durchgesetzt hat, aber er beschwört ihn in Gestalt schon nicht mehr der Totalität, sondern nur mehr der Egalität. Und zwar einer Egalität, die selber bloß die wurstig entschärfte Lesart und zynisch neutralisierte Darstellung der dem totalen Stoffwechsel längst eigenen abgründigen Widersinnigkeit ist, seines Changierens zwischen ebenso exklusiven wie untrennbaren Sphären, ebenso kontradiktorischen wie komplementären Systemen von Butterberg und Butterersatz, Überfluss und Rationierung, Friedenswirtschaft und Kriegsproduktion. Dass ein solch abgründiger Widersinn des totalen Stoffwechsels, ein solch zirkulärer Konflikt in der Stoffwechseltotalität selbst, durchaus seine nicht-natürlichen Ursachen hat und alles andere als ein totalitätsimmanentes Strukturmerkmal, ein autogenes Stoffwechselspezifikum ist diese möglicherweise entscheidende Einsicht tritt in der doppelten Danksagung eingangs des Spruches zwar auf, aber nur, um im abschließenden kategorischen Urteil, in der finalen Glaubensformel von der Mutter Natur effektiv und restlos zu verschwinden. Dabei hat offenbar die Form, in der der Spruch die Einsicht auftreten lässt, von vornherein nichts sonst als ihr Verschwinden zum Ziel. Indem in der Spruchform die Einsicht die nicht-natürlichen, gesellschaftlichen Ursachen zu übernatürlichen, kosmischen Urhebern erhebt und ihren die Gattung entzweienden, widersprüchlich bestimmten Charakter zur austauschbar unbestimmten Doppelnatur der einen Gottheit erklärt, nivelliert sie diese gesellschaftlichen Ursachen der widersinnigen Stoffwechseltotalität in einer Weise, die die folgende Egalisierung des Widersinns selbst überhaupt erst ermöglicht und die in der Tat höchst zielstrebig den Grund legt für die den Spruch kultisch krönende und beschließende Eskamotierung und Ersetzung der beiden Ursachen durch den einen Ursprung, der den Widersinn materialiter verschuldenden beiden gesellschaftlichen Kräfte Kapital und Arbeit durch die den Widersinn formaliter versöhnende eine kosmische Macht Mutter Natur. Dadurch, dass er auf seine formalisierend-neutralisierende Weise die Frage nach Wesen und Grund des in aller Totalität widersinnigen Stoffwechsels stellt und beantwortet, bereitet der Spruch den Boden für jene abstrakte Allheilung der Stoffwechselkrankheit durch Rückführung auf die Naturmacht, jene unvermittelte Allheiligung der widersinnigen Totalität durch Rekurs auf die große Mutter, worin seine kultische Leistung besteht und wodurch er zu einem – in all seiner Ironie und karikaturistischen Abstrusität – authentischen Zeugnis moderner Naturideologie wird.

II

Der Preis, den das moderne Bewusstsein für diese kraft Naturbegriff allheilend formale Homogenisierung, diese mittels Naturkult allheiligend ideologische Sanktionierung des aus ganz anderen als natürlichen Ursachen in seiner Totalität sich selber ad absurdum führenden gesellschaftlichen Stoffwechsels zahlt, ist die Hypostasierung der Natur zur Ursprungsmacht, zur großen Mutter. So wie die gesellschaftlichen Ursachen, deren Bewältigung und vielmehr Verschleierung die Beschwörung des Naturtopos dient, selbsttätig wirkende Kräfte hinter dem Stoffwechsel sind und den Charakter eigenständiger Subjekte haben, so muss auch der beschworene Naturtopos selbst die Züge eines autonomen Subjekts, einer als Ursprung der Erscheinungen selbstmächtig produzierenden Instanz annehmen. Für die faschistischen Nährständler wie für die friedliebenden Rohköstler, für Ranke-Graves wie für die Amazonen des Matriarchats ist Natur emphatisch mehr als bloß die reaffirmierte Totalität des gesellschaftlichen Stoffwechsels selbst, ist sie der die Totalität gleichermaßen gebärende und enthaltende Ursprung, die den Stoffwechsel gleichermaßen hervorbringende und umfangende Mutter. Nur insofern die Natur Ursprung ist, kann sie die widersprüchlichen nicht-natürlichen Ursachen, gegen deren Erkenntnis sie aufgeboten wird, tatsächlich im Bewusstsein ersetzen und vertreten. Nur insofern die Natur Mutter ist, können die unversöhnlichen gesellschaftlichen Kräfte, zu deren formeller Versöhnung oder Neutralisierung sie gebraucht wird, sich ideologisch ernsthaft hinter ihren Rockschößen verstecken oder in ihrem Schoße bergen. Dabei ist das Moment von lippenbekennerischem Unglauben und zynischer Routine, das nicht nur bei den Veranstaltern, sondern auch und sogar bei den Gläubigen die moderne Identifizierung der Natur als Ursprungsmacht und große Mutter zu begleiten tendiert, durchaus kein Argument gegen die logisch-formelle Notwendigkeit dieser Identifizierung, höchstens und nur ein Einwand gegen ihre praktisch-reelle Haltbarkeit.

III

Mit seiner Fassung der Natur als quasi-subjektive Ursprungsmacht und schöpferische Substanz scheint das moderne bürgerliche Bewusstsein an Traditionen aus der bürgerlichen Frühzeit, an Bruno, Bacon, Leibniz wieder anzuknüpfen. Indes darf der Schein von formeller Kontinuität über den tatsächlichen funktionellen Gegensatz nicht hinwegtäuschen. In den Anfängen der bürgerlichen Gesellschaft wird Natur als schöpferische Macht, natura naturans, gebraucht, um die noch nicht ausgebildeten gesellschaftlichen Antriebskräfte für den von der bürgerlichen Gesellschaft intendierten totalen Stoffwechsel mit der Natur theoretisch immerhin zu antizipieren und zu vertreten. Das moderne Bewusstsein hingegen braucht die Natur als Ursprungsmacht, magna mater, um, wie gesagt, die in all ihrer zerstörerischen Widersprüchlichkeit inzwischen längst ausgebildeten Antriebskräfte ideologisch wenigstens zu homogenisieren und zu ersetzen. Paradigmatisch für diesen modernen Gebrauch des Naturtopos steht der faschistische Naturkult. Mutter Natur, Mutter Erde vindiziert und garantiert ihrer auserwählten Menschenrasse, ihrer eingeborenen Volksgemeinschaft unterschiedslos und uniform Butter und Buna, deutschen Wald und deutsche Autobahnen, ukrainischen Weizen und Kruppkanonen. In all ihrer agrikulturellen Unschuld, ihrer bauernschlauen Einfalt ist sie ideologischer Inbegriff und objektives Symbol der als Sammelbecken uniformierenden politischen Bewegung selbst: ideologischer Schoß und symbolische Matrix einer glücklichen Koinzidenz von deutschem Unternehmertum und deutschem Arbeitsfleiß, deutschem Wehrstand und deutschem Nährstand, deutscher Erntehilfe und deutschen I.G. Farben. Schoß allerdings, in feste Bande schlagender Kosmos, eng umschließende Gebärmutter muss die Natur sein, will sie den Stoffwechsel in seiner widersinnigen Totalität ideologisch tatsächlich noch einmal homogenisieren und legitimieren. Nicht mehr am Busen, höchstens noch im Schoße der Natur vergisst und verliert sich der die gesellschaftliche Produktion und Reproduktion stigmatisierende Konflikt der Kräfte. Nicht mehr durch eine romantisierende Berufung auf die spendenden Brüste der Natur, höchstens noch durch einen kraftmeierischen Appell an ihr generatives Zentrum lässt sich der gesellschaftlichen Reproduktion jener mythologische Anschein von allheilender Homogenität und allheiligender Totalität geben, den mit seiner als Entmythologisierung und Materialisierung gemeinten Rede vom Stoffwechsel Marx in objektiver Ironie bereits auf den Begriff bringt.

IV

Dass indes dieser wie auch immer faschistisch eng geschlossene Kontrakt zwischen natürlicher Ursprungsmacht und symbolisch in ihr aufgehobener gesellschaftlicher Reproduktion, zwischen mütterlichem Schoß und ideologisch in ihm versöhntem totalem Stoffwechsel empirisch eigentlich unhaltbar ist, liegt angesichts der den Stoffwechsel in Wirklichkeit erschütternden Kontraktionen, der die Reproduktion tatsächlich zerreißenden Konflikte auf der Hand. Empirisch droht dieser totale Stoffwechsel beständig, den ihn zu homogenisieren gedachten, naturmütterlich ideologischen Rahmen zu sprengen, die ihn zu sanktionieren bestimmten, ursprungsmächtig kosmischen Bande zu zerreißen, um in all seiner zwischen Hypertrophie und Kollaps changierenden, gesellschaftlich bedingten Widersinnigkeit wieder hervorzutreten und zu Bewusstsein zu kommen. Dieser objektiv ideologiezerstörenden Tendenz begegnet der Faschismus damit, dass er sie durch ebenso mörderische wie willkürliche Verschiebungs- und Ersatzleistungen antizipiert, das heißt damit, dass er die in der Stoffwechseltotalität zutage tretende sprengkräftige Widersprüchlichkeit und naturwidrige Anarchie zum ausschließlichen Charakteristikum bestimmter topischer oder systematischer, wirklicher oder erfundener Teilbereiche des Stoffwechsels erklärt, um dann den solcherart sei’s als „angelsächsischer Wirtschaftsliberalismus“ eingegrenzten und isolierten, sei’s als „jüdische Rasse“ zur Naturmonstrosität partikularisierten und verschobenen Widerspruch mit ebenso mörderischem Nachdruck wie propagandistischem Aufwand aus dem mütterlichen Naturschoß auszustoßen. Indes braucht es für eine solche „Auflösung“ des empirisch überwältigenden Widerspruchs gegen die zur Geltung gebrachte Naturideologie eine ganze totalitäre Staatsmaschinerie, eine ganze Terrororganisation in Staatsform. Daran aber ist gegenwärtig nicht beziehungsweise noch nicht wieder zu denken. So gibt es denn auch keine Möglichkeit, den nach dem großen Potlatch, mit dem der Nationalsozialismus seine Karriere beschließt, wieder in Gang gesetzten und auf Touren gebrachten gesellschaftlichen Stoffwechsel in der alten Manier Mutter Natur kosmologisch einzuverleiben und ideologisch anzuverwandeln. Ohne jede Aussicht auf ideologische Allheilung und kosmologische Allheiligung durch die Ursprungsmacht Natur entfaltet sich gegenwärtig der totale Stoffwechsel in all seinem krisenträchtigen Widersinn und seiner zerstörerischen Widersprüchlichkeit.

V

Kaum aber, dass Mutter Natur aufgehört hat, als ein den gesellschaftlichen Stoffwechsel egal homogenisierender ideologischer Strukturrahmen und total sanktionierender kosmologischer Seinsgrund in Betracht zu kommen, fängt sie stattdessen nun an, die Rolle eines den Stoffwechsel diametral konfrontierenden alternativen Seins und radikal kritisierenden Gegenentwurfs zu spielen. Konfrontiert mit einem Zustand der gesellschaftlichen Reproduktion, den in all seiner Widersprüchlichkeit keine von Staats wegen verordnete, faschistische Naturideologie mehr verschleiert und dem Bewusstsein vorenthält, rekurriert ein Großteil der Kritiker dieses Zustands in zunehmendem Maß auf eben jene abgelegte faschistische Naturideologie – nicht um mit ihr als transzendentaler Einheitsstiftungsfunktion in der alten Manier das Kranke gesundzubeten und das Unheil heilig zu sprechen, sondern um mit ihr als residualem Widerstandsbegriff dem Kranken Heiles entgegenzusetzen und dem Unheil das Heil gegenüberzustellen. In dieser neuen Funktion ist Mutter Natur nicht mehr der tragende Grund, auf dem man als entfesselter Kraftmensch alles bauen und, was man will, anstellen kann, sondern nur mehr die entweihte Erde, in der man angesichts dessen, was man auf ihr gebaut und angerichtet hat, als entdecktes Rumpelstilzchen stante pede versinken möchte; nicht mehr die als imperialer Volksraum eroberte und erschlossene Rohstoff- und Kornschatzkammer, sondern nur mehr das als hinterwäldlerische Hofstelle aufgelassene und bezogene Rückzugs- und Zonenrandgebiet. So verschieden – weltanschaulich-phänomenologisch betrachtet – die Natur als Frieden gewährender transzendenter Kräh- und Schmollwinkel von der Natur als Einheit stiftendem transzendentalem Entfaltungs- und Lebensraum ist, so sehr erfüllt sie – politisch-ideologisch gesehen – in beiden Fällen doch die ungefähr gleiche Funktion: Als vom gesellschaftlichen Stoffwechsel abstrahierende und sich separierende residuale Sphäre ebenso wie als ihn homogenisierender und sanktionierender totaler Kosmos erfüllt Mutter Natur die in etwa gleiche Aufgabe einer ideologischen Bewältigung und politischen Neutralisierung der dem Stoffwechsel als gesellschaftlichem eigenen Widersprüchlichkeit und Sprengkraft. Bringt der faschistische Naturideologe die innere Widersprüchlichkeit der Stoffwechseltotalität dadurch zum Verschwinden, dass er das Widersprüchliche naturalisiert und als kraft Naturmacht geeint und versöhnt behauptet, so schafft sie sich der postfaschistische Naturapostel dadurch aus den Augen, dass er das Widersprüchliche aus dem Naturheiligtum exkommuniziert und für mit ihm toto coelo zerfallen und unvereinbar erklärt. Den Widerspruch als einen in der Natur der Gesellschaft sich entfaltenden wahrzunehmen und gesellschaftskritisch zu realisieren, versäumt der Letztere nicht weniger als der Erstere.

VI

Natürlich kann die von Letzterem dekretierte gnostische Scheidung zwischen der Residualkategorie einer heilig-heilen Welt der Natur und dem Pauschalbegriff einer heillos-naturwidrigen Gesellschaftssphäre nicht ernsthaft Bestand haben. Da hier Mutter Natur nichts anderes darstellt als die vom materialen Ganzen des gesellschaftlichen Stoffwechsels, der seinen heillosen Widersprüchen überlassen bleibt, abgezogene und befreite reine Form der Einheit und tautologische Ganzheit, da sie also das Produkt einer kategorischen Entmischung und Hypostasierung ist, ist sie beständig in Gefahr, von eben dem gesellschaftlich Wirklichen, eben dem materialen Ganzen, dessen Verwerfung und Austreibung sie ihr Entstehen verdankt, wieder eingeholt und ad absurdum geführt zu werden. Ohnmächtig müssen ihre Anhänger zusehen, wie Mutter Natur, ein Rückzugsgebiet auf dem Rückzug, von ihren gesellschaftlichen Widersachern infiltriert und verseucht, eingeholt und zur Strecke gebracht wird, wie Wälder vergast werden, Wattenmeere versauern, die Erde unter der Schwermetalllast zusammenbricht. Dass angesichts dieser umfänglichen Bedrohung schließlich Paranoia aufkommt und Mutter Natur dort, wo der gesellschaftliche Stoffwechsel sich ausnahmsweise einmal nicht gefahrbringend in ihr breit macht, von sich aus bedrohlich zu werden und als ein hochgiftige Schimmelpilze oder akut schädliches Cholesterin produzierender Gefahrenherd eigener Provenienz sich herauszustellen beginnt, kann schwerlich überraschen. Am Ende bleibt nur noch die Trotzreaktion und von dezisionistischem Pathos getragene Resolution, die aus der folgenden, der Ausgabe des Volksblatts Berlin vom 13.9.83 entnommenen Schlagzeile spricht: „Enge Bindung zur Mutter wichtig – Kinderärzte empfehlen trotz Schadstoff-Konzentrationen weiterhin das Stillen.“

VII

Eben dies Ende markiert aber auch den Punkt, an dem die von der Stoffwechseltotalität gebeutelte und ebenso sehr ad absurdum geführte wie heimgesuchte Mutter Natur ihren separatistisch-alternativen Geist aufzugeben beziehungsweise ihre autonomistisch-grüne Seele auszuhauchen neigt und sich aus einem jenseits des gesellschaftlichen Stoffwechsels angesiedelten transzendenten Reservat und Randgebiet in eine immanente Grenzbestimmung und Randbedingung eben dieses Stoffwechsels selbst zurückzunehmen, aus einer zu ihm alternativen Sphäre, einer Gegenwelt, in einen zu ihm komplementären Bereich, seine Umwelt, zu transformieren bereit ist. Kraft Infiltration und Unterwanderung durch den gesellschaftlichen Stoffwechsel gleichermaßen in ihrer mythologischen Haltbarkeit und ideologischen Brauchbarkeit widerlegt, unterwirft sich Mutter Natur ihrem Überwinder und lässt sich von ihm her ebenso strukturell grundlegend rekonstruieren wie funktionell gründlich revidieren. Sie verwandelt sich aus einem chimärischen Kontrahenten, der in eigener Person und paradigmatisch zu demonstrieren taugt, wann und wo die per definitionem zerstörerische Macht der Stoffwechseltotalität ihre vorläufige Grenze findet, in ein chemisches Reagens, das am eigenen Leib und symptomatisch zu indizieren dient, wann und wo die Macht der Stoffwechseltotalität definitionsgemäß zerstörerisch zu werden beginnt. Als die dem Stoffwechsel eigene und auf ihn hin topisch bezogene Umwelt reduziert sich Mutter Natur auf einen Kontrollbereich, der der Stoffwechseltotalität den Punkt zu signalisieren verspricht, an dem im Zuge ihrer Entwicklungsdynamik ihre innere Widersprüchlichkeit sichtbar und ihre latente Sprengkraft manifest zu werden beginnt und an dem sie deshalb gehalten ist, um ihrer Selbsterhaltung nicht weniger als um der Konservierung jenes Kontrollbereichs willen sich selber Schranken aufzuerlegen und Einhalt zu gebieten. Dabei besteht allerdings der Beitrag zur Stabilisierung der gesellschaftlichen Stoffwechseltotalität, den in ihrer Eigenschaft als kritische Prüfinstanz Mutter Natur zu leisten dient, nicht sowohl darin, dass sie den Stoffwechsel in natürlichen Grenzen hält, als vielmehr darin, dass durch die Schranken, die als seine natürlichen sie ihm setzt, sie den Stoffwechsel in eine Reflexionsbewegung hineintreibt, die seiner Expansion neue Wege, seiner Entfaltung neue Betätigungsfelder eröffnet und ihn damit – für einige Zeit jedenfalls – vor den katabolisch direkten Folgen seiner Entwicklungsdynamik bewahrt. Indem Mutter Natur als Umwelt die Stoffwechseltotalität dazu bringt, einen Teil ihrer technischen Energien und ihres ökonomischen Potentials jener fälschlich als Umweltschutz deklarierten ökonomischen Eigenkontrolle und energetischen Selbststeuerung zuzuwenden, entlastet sie – fürs Erste wenigstens – die Totalität von jenem selbstproduzierten Überschuss an Kraft und Eigendynamik, der sie zu sprengen beziehungsweise in den Zusammenbruch hineinzutreiben droht. Aus einem apokalyptisch expandierenden Universum, einem sich eigenhändig aus der fragilen Balance bringenden und in Stücke sprengenden zerstörerischen Mechanismus wird so kraft Umweltzauber die Stoffwechseltotalität zum kybernetisch reflektierten Kosmos, zum sich selber in Bande schlagenden und im prekären Gleichgewicht haltenden dialektischen Automaten. Blieben da nicht Symptome wie das der Rüstungsproduktion und das factum brutum einer dennoch fortlaufenden ökonomischen Krise – die durch die Kreation der Umwelt ermöglichte Therapie der gesellschaftlichen Stoffwechselkrankheit könnte als der Stein der Weisen scheinen.

VIII

In welcher Rolle den spätbürgerlichen Gesellschaften Natur auch immer erscheint: ob als bergender Schoß, als Zonenrandgebiet oder als Umwelt – auf jeden Fall und unter allen Umständen ist ihre Stellung zur Gesellschaft die eines konfrontativ gleichzeitigen Gegenstands, eines die Gesellschaft betreffenden und herausfordernden Objekts spezifischer Prospektion und Aneignung. Als eine der menschlichen Gesellschaft zugrunde liegende Substanz, ein die Gesellschaft bestimmendes und motivierendes Reservoir generischer Intention und Entwicklung scheint Natur demgegenüber nicht mehr existent. Wie sollte sie auch? Damit sie als Gattungssubjekt in einem Verhältnis intentionaler Solidarität und evolutionärer Gleichsinnigkeit mit dem Subjekt menschliche Gesellschaft erscheinen könnte, müsste ja wohl das Letztere überhaupt so etwas wie Intention und Entwicklung haben. Eben daran aber fehlt es den spätbürgerlichen Gesellschaften durchaus. Und zwar aus den gleichen Gründen, aus denen ihr Stoffwechsel mit der Natur die oben konstatierte, zwischen Hypertrophie und Kollaps changierende krankhafte Haltlosigkeit und Widersprüchlichkeit aufweist: nämlich aus Gründen jenes allgegenwärtigen Konflikts der Kräfte und allbeherrschenden Widerspruchs der Intentionen, den sie offenbar weder beizulegen noch auszutragen, mithin partout nicht zu lösen vermag und den sie stattdessen mit allen Mitteln in seinen praktischen Äußerungen sozialstrategisch zu kontrollieren und zu beschwichtigen beziehungsweise in seinen empirischen Folgen politisch-ideologisch zu manipulieren und zu verschleiern bemüht ist. Wenn die spätbürgerlichen Gesellschaften überhaupt eine Intention haben und eine Entwicklung aufweisen, so in der Tat nur eine Intention, die auf die immer effektivere Beschwichtigung jenes sie zu zerreißen drohenden Kräftekonflikts gerichtet ist, und eine Entwicklung, die in der immer perfekteren Verschleierung jenes sie ad absurdum zu führen geeigneten Widerspruchs in der Zielsetzung aufgeht. Aber damit ist, was sie intendieren, eben nur die Aufrechterhaltung ihrer im ungelösten Kräftekonflikt bestehenden intentionalen Lähmung, ist, was sie entwickeln, eben nur ihre Technik, in einem dank des fundamentalen Widerspruchs in der Zielsetzung um jede Entwicklungsperspektive gebrachten Status quo zu überdauern.

IX

Das Opfer, das die spätbürgerlichen Gesellschaften für dieses ihr Insistieren auf dem Status quo, dieses ihr systematisches Festhalten an einem historisch unhaltbaren Zustand bringen müssen, liegt auf der Hand: Sie opfern ihre historische Kontinuität, ihre Geschichte. Dafür, dass sie aus politisch zur Norm erhobener Konfliktscheu und ideologisch eingefleischter Angst vor dem Widerspruch nichts als eine Situation äquilibristischer Nichtentwicklung intendieren und nichts als einen Zusammenhang eskamotistischer Intentionslosigkeit entwickeln, zahlen unsere Gesellschaften mit dem Verlust gleichermaßen ihrer Zukunft und ihrer Vergangenheit. Die Zukunft geben sie preis: Denn die könnte unter den Bedingungen des herrschenden gesellschaftlichen Entwicklungswiderspruchs und intentionalen Konflikts ja nur in eben der krisenhaften Zuspitzung und entscheidenden Auseinandersetzung bestehen, der doch auszuweichen und zu entrinnen gerade ihre einzige Intention und Entwicklungsvorgabe ist. Und ebenso sehr auch die Vergangenheit müssen sie drangeben: Denn die könnte nach den Regeln historiologischer Prozessführung – aller Vermeidungshaltung und Verhinderungsstrategie der Gegenwart zum Trotz – als ihre wirkliche Bestimmung und objektive Konsequenz ja nur eben diese zukünftige Krise, eben diese als die Zukunft ausstehende Entscheidung im Sinn und zum Inhalt haben. Was anstelle der fallen gelassenen Zukunft und fahren gelassenen Vergangenheit den spätbürgerlichen Gesellschaften am Ende zurückbleibt, sind in alle Zukunft und in die fernste Vergangenheit immer nur sie in ihrer dimensions- und perspektivlosen Gegenwärtigkeit selbst. An die Stelle der als Krise inakzeptablen Zukunft tritt die Gegenwart selbst in der für alle Zukunft futuristisch-abrupt oder sciencefictionförmig-beziehungslos wiederholten Funktion einer Krisen abwendenden und Zukunft vertagenden, allzeit bereiten Insistenz. Und an die Stelle der als Krisengeschichte intolerablen Vergangenheit tritt die Gegenwart selbst in der bis in die fernste Vergangenheit historisch-diskret oder geschichtswissenschaftlich-distanzlos reproduzierten Gestalt einer Intentionen abfangenden und Entwicklung tilgenden, immer gleichen Permanenz. Wie sollten die so ihre Geschichte auf zynische Selbstbehauptung gegen die Zukunft und chronische Selbstbestätigung in der Vergangenheit reduzierenden Gesellschaften noch auf Natur als generische Substanz sich berufen und an Natur als historisches Potential anknüpfen können? So wenig diese Gesellschaften ein als Bestimmungsgrund richtungweisendes historisches Ziel vor sich haben, so wenig können sie auch auf eine als Triebgrund bahnbrechende natürliche Motivation Rekurs nehmen. Mit ihrer Geschichte eben jenes tertium comparationis beraubt, das allein sie in intentionaler Solidarität und entwicklungsmäßigem Konsens mit der Natur erscheinen und verharren lassen könnte, treten sie dem Naturzusammenhang mit dem verdinglichenden Blick dessen gegenüber, der den Mangel an generischer Erfahrung durch ein Übermaß an spezifischer Information zu kompensieren bemüht ist, und begegnen dem Naturzusammenhang mit der entfremdeten Praxis dessen, der die ihm verloren gegangene substantielle Realität durch das Stoffwechselprodukt materieller Objektivität zu ersetzen strebt. Jenes trigonometrischen Punkts einer zukunftweisenden Geschichte beraubt, der allein sie in einer gemeinsamen Orientierung und übereinstimmenden Perspektive mit der Natur verhalten könnte, und also herausgerissen aus aller intentionalen Homogenität und entwicklungsmäßigen Kontinuität mit dem Naturzusammenhang, fallen sie in fluchtartiger Kehrtwendung auf eben diesen ihnen entfremdeten Naturzusammenhang zurück, um wenn schon in ihm keinen orientierenden Rückhalt, keine disponierende Substantialität, kein motivierendes Potential, kurz, keinen Verstand und Fortschrittsgaranten mehr zu finden, so wenigstens doch an ihm einen stabilisierenden Halt, eine konsolidierende Objektivität, ein okkupierendes Material, kurz, einen Gegenstand und Stoffwechsellieferanten zu haben.

X

Was unter diesen Bedingungen eines selbstverschuldet geschichtslosen Status quo der spätbürgerlichen Gesellschaften von der Natur als generischer Substanz und historischem Potential übrig bleibt und überdauert, ist jener ebenso verknöcherte wie amorphe Restposten, jener ebenso fixe wie versprengte Residualbestand, den die Verhaltensforschung theoretisch betreut und wissenschaftlich verwaltet. In publico des gesellschaftlichen Ganzen ihrer Funktion als generischer Gärstoff und historisches Substrat, ihrer Rolle als ebenso spezifische wie universale Basis des historischen Prozesses beraubt, reduziert sich Natur auf einen zur archaischen Erb- und biologischen Konkursmasse in petto der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft abgeklärten, ebenso stereotypen wie partikularen Bodensatz des geschichtslosen Status quo. In diesem Bodensatz mit spitzem Finger herumzurühren und die von der Gegenwart eigenhändig gesetzten Zeichen der Zeit zu lesen, ist die Verhaltensforschung treuherzig an der Arbeit. Dabei stürzt sie nun allerdings die natürliche Zweideutigkeit oder orakelhafte Natur der aus dem Bodensatz zu entziffernden Zeitzeichen und zu schöpfenden Wahrsagungen in ein ihre ganze Arbeit stigmatisierendes Dilemma: ob sie den überdauernden Bodensatz nämlich als in Ansehung der gegenwärtigen Verhältnisse affirmativ oder subversiv, als den Status quo substantiierend oder aber unterminierend interpretieren soll. Kreatur ihrer Zeit, die sie ist, möchte sie diesen Naturrest gern eindeutig für das die Gegenwart beherrschende Status-quo-Denken und Krisenmanagement in Anspruch nehmen, möchte sie ihn gern als anthropologisches Realfundament der der Gegenwart eigenen äquilibristischen Selbstbehauptung und eskamotistischen Durchhaltetechnik geltend machen. So gilt er ihr denn erst einmal als Ausgleichs- und Vertragsnatur, eine Keimzelle von im Dienste des Zusammenlebens gebrochenen Intentionen und im Interesse des Überlebens umfunktionierten Evolutionen, kurz, als eine Quelle der Ritualisierung. Repräsentiert er aber einerseits das Konfliktbeschwichtigungsprogramm und Krisenmanagement der spätbürgerlichen Gesellschaften, so kann er in der Tat gar nicht umhin, andererseits auch den die Gesellschaften beherrschenden Konflikt selbst, die sie bedrohende Krise als solche zu reflektieren. Ohne dass sie weiß, wie ihr geschieht, erkennt deshalb die Verhaltensforschung diesen Naturrest genau umgekehrt auch als Ausbruchs- und Triebnatur, eine Brutstätte zerstörerischer Irrationalismen und mörderischer Instinkte, kurz, als eine Quelle der Aggression. Eben in dieser seiner Zweideutigkeit aber, die ihn gleichermaßen als Aggressionspotential, als Aggregat zerstörerischer Triebregungen, und als Ritualisierungsmacht, als Konglomerat präservierender Verhaltensformen, erscheinen lässt, ist und bleibt jener generische Naturrest, dem die Verhaltensforschung wie einer im sozialen Intimbereich überlebenden Idiosynkrasie nachspürt, ein getreuer Ausdruck der Widersprüchlichkeit der Gesellschaften selbst – ist und bleibt er genauer Reflex einer Gesellschaft, die nicht los wird, sondern stets von neuem beschwören muss, was sie nicht löst, sondern stets nur zu beschwichtigen sucht; die nicht hinter sich bringt, sondern unaufhörlich in Gang zu halten gezwungen ist, was sie nicht durchsteht, sondern beständig nur abzuwenden sich müht; die also dem sie okkupierenden Konflikt nur um den Preis ausweichen kann, dass sie in toto zu seinem Potential sich macht, der ihr bevorstehenden Krise nur um den Preis zu wehren vermag, dass sie in ihren permanenten Herd sich verwandelt.

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