János Székely, Die Verlockung

von Peter Klein

János Székely, Die Verlockung

Eine Entdeckung ist zu vermelden. Der zuerst 1947 in New York erschienene Roman des ungarischen Drehbuchautors János Székely (1901-1958) verdient das Prädikat meisterhaft, das ihm damals zugesprochen wurde, ohne Zweifel auch heute noch. 2005 ist die deutsche Ausgabe neu aufgelegt worden, und es ist dem Buch dringend zu wünschen, dass es nicht in der Ecke „gehobene Frauenliteratur“ verschollen bleibt. Die Tatsache, dass die einzige neuere Besprechung, die auf dem Umschlag zitiert wird, aus der Zeitschrift Brigitte stammt, lässt dies leider befürchten.

Die Handlung setzt in den Krisenjahren nach dem Ersten Weltkrieg ein und reicht bis in die Zeit der (ersten) Weltwirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre. Wir befinden uns im Ungarn des Horty-Regimes und in den allerärmsten und -erbärmlichsten Lebensumständen. Der Held, Béla, erzählt in der Ich-Form von seinen Kinder- und Jugendjahren. Als unehelich geborener „Bankert“ lebt er zunächst in der ungarischen Provinz: bei Tante Rozika, einer ehemaligen Prostituierten, die insgesamt acht solcher Kinder in Pflege hat und damit ihr Geld verdient. Mit 14 kommt er endlich zu seiner Mutter nach Budapest. Sie bringt sich kümmerlich als Waschfrau durch und hat obendrein noch zwei Pengö wöchentlich, die ihr von dem Straßen-Mädchen Manci für ein Bett im einzigen Zimmer der Wohnung bezahlt werden. Klar, dass Bélas Traum, noch weiter zur Schule zu gehen, unerfüllbar ist. Die Mutter hat ihm durch die Vermittlung des Hauptportiers, für den sie unentgeltlich wäscht, eine Stelle in einem Budapester Luxushotel verschafft – als Hotelboy.

Obwohl es vordergründig immer nur von den elementarsten Bedürfnissen des Lebens handelt, von Nahrung, Wohnung und Kleidung, ist das Buch spannend von der ersten bis zur letzten Zeile. Der Wunsch nach einem Paar alter Stiefel zum Beispiel, um wenigstens im Winter nicht barfuß zur Schule gehen zu müssen: welches Drama kann daraus in der Seele eines phantasiebegabten 14-jährigen werden! Zunächst die glorreiche Idee, der Mutter diesen Weihnachstwunsch nach Budapest zu schreiben. Die Frage der Briefmarke, für die erst einmal das Geld aufgetrieben werden muss. Die anfängliche Skepsis, ob so ein kühner Wunsch erfüllbar ist. Die Vorfreude auf die Stiefel. Schließlich der Blick auf den Gabentisch… Von solchen Abenteuern ist das Buch voll. Und dass sie auch dem heutigen Leser noch den Atem nehmen können, dass man intensiv mithofft und mitfiebert, ist allein das Verdienst von Székelys Darstellung. Alle Emotionen, die sich aus dieser Art von Erlebnissen ergeben, wirken unbedingt glaubhaft und überzeugend.
Weniger überzeugend ist der Titel „Verlockung,“ den die deutsche Ausgabe des Romans trägt. Er spielt auf die wenigen erotischen Stellen an und ist möglicherweise einer schäbigen Marketing-Idee geschuldet. Das temptation der amerikanischen Erstausgabe wäre meines Erachtens besser mit „Versuchung“ zu übersetzen. Es gibt vielerlei Versuchungen, denen die Bewohner von Uj-Pest, dem Budapester Elendsviertel, ausgesetzt sind: den Abstieg ins kriminelle Milieu, die Flucht in den Alkohol, in den Wahnsinn oder in eine religiöse Sekte. Die Versuchung, den Hausverwalter, der die Miete kassieren kommt, statt mit Geld, das man nicht hat, mit Sex zu bezahlen. Die Versuchung, sich als Gigolo „Ihrer Exzellenz“ aushalten zu lassen, oder ein Spitzel der Faschisten zu werden. Zuguterletzt gibt es auch den Selbstmord mittels Lauge oder mittels Sprung in die „schöne blaue Donau“ als Versuchung. Alle diese Möglichkeiten werden mit zum Teil sarkastischem Humor vorgeführt und vom Ich-Erzähler mehr oder weniger ernsthaft in Erwägung gezogen. Dass der Grundtenor des Buches trotzdem eher optimistisch ausfällt, dass man es als einen Aufruf zum Widerstand lesen kann, liegt an dem unverwüstlichen Glauben des Ich-Erzählers, dass das Leben so, wie es ist, nicht bleiben kann. Dass es noch „etwas Anderes“ geben muss.

Dieses Andere, das in verschiedener Gestalt auftritt, unter anderem als die dreizehnjährige Patsy aus den USA, will ich hier nicht weiter ausführen. Nur so viel sei gesagt, dass damit das Thema der persönlichen Integrität angesprochen ist. Unterschwellig zieht es sich durch das ganze Buch. Es macht, wenn man die moderne Identitätsproblematik daneben hält, seinen altmodischen Charakter aus. „Ohne Überzeugung kann man nicht einmal Bourgeois sein, Béla,“ erklärt ihm sein belesener Freund Elemér. Altmodisch denkenden Menschen wie mir, die an den modernen Identitäts-Jongleuren keinen Gefallen finden („Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“) und die auch den Hunger nicht für eine Angelegenheit des Cyberspace halten, muss dabei das Herz aufgehen.

Sozialgeschichtlich bemerkenswert und lehrreich ist die klare, ständisch akzentuierte Front, die zwischen „Reich“ und „Arm“ verläuft. Die „Reichen“ legen alle noch wert auf ihre Rangabzeichen und Statussymbole. „Das soziale System … gab früher oder später jedem einen Titel oder einen Rang.“ Der Faschismus wird von einem heruntergekommenen Adligen repräsentiert, dessen Philosophie darauf hinausläuft, dass es seit jeher Herren und Knechte gegeben hat, und dass daran auch der „jüdische Bolschewismus“ nichts ändern wird. Die unerhört naive Agitation der Kommunisten, die aus tiefster Illegalität heraus harmlose Aufrufe zur Solidarität verbreiten, wird vor diesem Hintergrund als die sich dazu komplementär verhaltende Geisteshaltung verständlich. Jede Überheblichkeit diesen Menschen gegenüber, die mit nichts anderem als ihrer Anständigkeit für sich werben können, verbietet sich hier. Andererseits ist klar, dass ein Flugblatt, das mit der Überschrift „GENOSSEN! PROLETARISCHE BRÜDER!“ gegen die Exmittierung zahlungsunfähiger Mieter protestiert, einer versunkenen Epoche angehört.

Für die ideologische Spannweite des Buches spricht der Umstand, dass es fast zeitgleich in den USA und im stalinistischen Ungarn erscheinen konnte. Ausgaben in Frankreich, Norwegen und der Tschechoslowakei folgten. 1959 brachte der DDR-Verlag „Volk & Welt“ eine deutsche Ausgabe heraus, die neun Auflagen erreichte.

In der neuen, vom SchirmerGraf Verlag, München, besorgten Ausgabe hat das Buch einschließlich Nachwort 812 Seiten. Auf der Internetseite zvab.com des Antiquariats-Buchhandels werden zurzeit 44 Exemplare zum Preis von ca. 3.- bis 10.- EUR angeboten.

image_pdfimage_print