MOZART: „Ich will selbst den Herren machen, / Mag nicht länger Diener sein“

von Jürgen Meier

Da stürzt sich nun, wer kann, auf diesen weltberühmten Jubilar, der bereits vor seinem 250. Geburtstag am 27. Januar 2006 auf mehr als 20 000 Titel blicken könnte, die über ihn veröffentlicht worden sind. Hunderte von neuen Büchern sind allein im Jubiläumsjahr zusätzlich erschienen. Doch nicht nur die Buch- und Musikverlage hoffen auf ein gutes Geschäft. Seine Geburtsstadt Salzburg, was die neueren Biografen durchgängig bestätigen, hat Mozart gehasst, dennoch wirbt die Stadtverwaltung zugunsten der Hoteliers jetzt mit ihrem „Genius Loci“, dem sie liebevoll zwei Mozart-Denkmäler, eines am Mozartplatz und eines am Kapuzinerberg errichteten. Die Salzburger Festspiele werden vom 24. Juli bis 31. August alle 22 Opern und sonstigen Bühnenwerke Mozarts zur Aufführung bringen. Auch Wien will 30 Millionen Euro für Mozart Events ausgeben. London, Paris, Augsburg oder Berlin, wo Mozart musizierte, komponierte und sich amüsierte, kämpfen ebenfalls um Touristenströme, die Betten und Restaurants füllen sollen. Im Berliner Hotel „Luisenhof“ zwingt man Mozart sogar ans „Trapez“, an dem Variete-Künstler Episoden aus seinem Leben, begleitet vom Kammerorchester Berlin, akrobatisch darstellen wollen. Natürlich gibt es auch die marzipangefüllten Mozartkugeln, einmal die „echten“ und die vom Aldi, und endlich gibt es nun den „Mozartschrank“, natürlich im „Designer-Entwurf“. Besonderer Marketingpfiff seines Herstellers, es gibt diesen Glasschrank, entsprechend den Mozart-Werken im Köchelverzeichnis, nur in limitierter Auflage, also 626 mal. Briefmarken in Österreich und Deutschland dürfen bei dieser Show natürlich nicht fehlen. Aber auch selbst die Äpfel aus der Steiermark sollen mit Mozart schneller ihre Käufer finden. „Mit Mozart sind wir auf der richtigen Spur, “ dozierte der Vorsitzende der Obstpartner Steiermark (OPST), Gerhard Meixner, „mit dieser Premium – Marke können wir insbesondere in Italien, Spanien, Griechenland, Deutschland, aber auch in Österreich Nischenmärkte bedienen“. OPST- Geschäftsführer Manfred Stessel: „Unser Ziel ist es, fünf bis zehn Prozent der steirischen Ernte an Premium-Qualität auf dem Markt zu bringen. Um Premium-Äpfel der Marke Mozart zu produzieren werden höchste Anforderungen gestellt. Sie müssen eine bestimmte Größe, Farbe, Festigkeit und ein ausgewogenes Zucker-Säure-Verhältnis haben“. Mozart ist zu einer Marke auf dem banalen Warenmarkt von cleveren Marketingstrategen entfremdet worden. Er wurde zu einem Gütesiegel auf dem internationalen Warenmarkt. Mit „Mozart-Technik der Schärfe“ wurde die Solinger Metallfirma „Steinbrück & Drucks GmbH“ so bekannt, dass man sich am 1. September 2000 entschloss die Marke „Mozart“ für die neu gegründete Aktiengesellschaft „Mozart AG“ zu benutzen. Ob für Rasierklinge, Stahlschneider, Apfel, Schrank, Praline, Hotelbett oder für den Börsengang, Mozarts Name bürgt für Umsatz, Seriosität und hohe Renditen. Die meisten der neuen Bücher über Mozart unterstützen leider diesen Tauschwertcharakter des genialen Humanisten. Dabei stellt Mozarts Musik, wie Adorno schreibt, von sich aus nicht „die marktgängigen Emotionen bei, noch verhält sie durch Pomp, Macht und rhythmische Befehlsgewalt den Konsumenten zu jener Art von Gehorsam, die er sich wünscht. Trotzdem hat Salzburg seinen Touristenwert. Mozart wird durch mehrfache Fälschungen adaptiert. Zunächst datiert man ihn zurück ins Rokoko, das er gerade sprengt. Es ist ein Rokoko, das von den Pralinéschachteln auf stilisierte Cembaloweiber mit Haarknoten, Kerzenlicht und Silhouette heruntergekommen ist. Das Mozartsche Menuett war wenig mehr als das gemalte Band, das die Menschen Figaro, Cherubino, Susanne und Zerlina an die Konvention der Epoche knüpfte. Heute wird Mozart manipuliert, als wäre er der Erfinder des Menuetts. Zur Transvestition des Humanisten ins Stilkleid hilft aber gerade sein subjektiver Gehalt. Die aufatmend beseelte Stimme wird zur zierlichen Klage ums ancien régime umgelogen. Das Espressivo der Wertherdekade erscheint als sentimentale Reflexion der Barbarei auf formvolle Vergangenheit. Jener Barbarei gehört der Schlager an. Er schlachtet die Sonate facile aus, ein Kinderstück, das sie mit Bedacht gewählt haben: seine Simplizität fügt sich der Versimpelung des Hörens ein, und seine etüdengleichen Skalen erlauben es zugleich den zeitgemäßen Barbaren, über die Vergangenheit zu lachen. „1

An Adornos Fähigkeit Mozart historisch zu begreifen und zu analysieren reicht keines der jetzigen Neuerscheinungen heran. Zwar gelingt es Paul Barz in seiner unterhaltsamen Schilderung und auch Volkmar Braunbehrens, in seinem sehr schön illustriertem Buch, Mozart als Humanisten zu beschreiben, dessen Schaffenskraft eigentlich nur begriffen werden kann, wenn man die Bedeutung seines Engagements für die Freimaurerei richtig einzuordnen versteht, dennoch bleiben sie an Klarheit in ihren Aussagen über die ideologische Triebfeder des Komponisten hinter Adorno zurück. Wolfgang Hildesheimer, dessen Mozart-Buch erstmals 1977 erschien und an dessen Text sich Piero Melograni geflissentlich orientiert, behauptet gar „Mozart als Freimaurer ist viel idealisiert worden.“ Konsequent hält Hildesheimer die Oper, die ausführlich die Rituale und ethischen Grundsätze der Freimaurer zeigt, die „Zauberflöte“, für „überschätzt“. Zwar folgt Melograni ihm nicht in dieser Einschätzung, aber auch er erkennt nicht, wie diese Oper an die Vernunft und die Liebe der Menschen appelliert, um die Erde menschlicher zu gestalten. „Wir wollen uns der Liebe freu’n, wir leben durch die Lieb allein“, singen Pamina und Papageno in einem Duett dieser Oper, der hohe Zweck der Liebe zeige „deutlich an, /Nichts edlers sei, als Weib und Mann. Mann und Weib, und Weib und Mann, Reichen an die Götter an.“ Melograni banalisiert diese wunderschöne Botschaft. Die Moral der „Zauberflöte“ sei, „dass man nur durch Leiden zum Glück findet und edle Taten stets belohnt werden.“ Die „Zauberflöte“, deren Libretto von Schikaneder, einem Freimaurerbruder Mozarts, stammte, fordert die Menschen auf zu Tugend, Verschwiegenheit und Wohltätigkeit. Eigenschaften die damals, wie heute, nicht dem gesellschaftlichen Zeitgeist entsprechen. Mozarts Werk ist nicht nur ein Geschenk seines Talents an uns, sondern wäre sicher ohne die engagierte Einbindung Mozarts in den damaligen Kampf um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht entstanden. Gernot Gruber glaubt sogar, dass ohne den aufklärerischen Geist des Regenten von Wien, Joseph II. , der die Freimaurerei gegen den Widerstand des Papstes Pius VI verteidigte, keine der drei Opern: „Figaros Hochzeit“, „Don Giovanni“, „Cosi fan Tute“, entstanden wären. Das die Komposition einer Oper für Mozart zum Kernstück seines Schaffens gehörte, wird in vielen seiner Briefe, herausgegeben von der Internationalen Stiftung Mozarteum Salzburg, deutlich. Die Oper gab Mozart am ehesten die Möglichkeit musikalisches Talent mit Einmischung in die Lebensgestaltung der Menschen zu verbinden. „Dies Moment ist es, “ schreibt Adorno, „wodurch selbst in der Musik, trotz ihrer Ungegenständlichkeit, die Unterscheidung des Formalismus als eines leeren Spiels und dessen anwendbar ist, wofür kein besserer Terminus zur Verfügung steht als der anrüchige von der Tiefe.“ 2

Richard Bletschacher beschreibt in seinem sehr differenzierten und für Musikexperten sicher unverzichtbaren Buch, die enge Verbindung des Autoren Da Ponte, der die Libretti für den „Figaro“, „Giovanni“ und „Cosi fun tutte“ schrieb, und Mozart, der sich aktiv in die Texte des Autors einmischte. Auch Da Ponte war ein Geist der bürgerlichen Revolution. Mozart lernte seinen Librettisten in der Freimaurerloge kennen, jenem Bund, in dem sich seinerzeit die revolutionären Geister trafen. Der Monarch, Joseph II. , der sogar Lessing für sein Schauspielhaus verpflichten wollte, was seine Mutter, Maria Theresia, allerdings zu verhindern wusste, akzeptierte einen in Frankreich von Ludwig XVI. verbotenen Text von Beaumarchais, für die Oper „Figaros Hochzeit“. Am 1. Mai 1786 wurde diese Oper in Wien uraufgeführt, was drei Jahre viele Revolutionäre als „vorgezogene Französische Revolution“ bewerteten. In dieser Oper erfährt Figaro von seiner künftigen Frau Susanna, dass der Herr Graf, dem beide zu Diensten stehen, von ihr das „Recht auf die erste Nacht“ fordert. Figaro ersinnt nun ein tolles Verwirrspiel, das mit der Liedzeile: „Will der Herr Graf ein Tänzchen wagen, so mag er`s sagen! Ich spiel ihm auf“, satirisch eingeleitet wird. Das einfache Volk, in Gestalt des Dieners Figaro, zeigt sich als schlauer, dabei aber stets menschlicher Gegenspieler des Aristokraten. Martin Geck behauptet gar die Freimaurerloge sei für Mozart nur eine Art Vaterersatz gewesen, dazu ein Treffpunkt von „Brüdern“, die Mozart Kompositionsaufträge hätten verschafften. Damit verkennt er die weltanschauliche Basis der Schaffenskraft Mozarts völlig. Mozart war sicher ein gläubiger, aber freimütiger Katholik. Die Maurerische Lehre der Humanität war für Mozart kein Widerspruch zum Katholizismus, sondern eine Erweiterung des Anwendungsgebietes des christlichen Ethos vom engen Kreis der Gläubigen auf die ganze Menschheit. Volkmar Braunbehrens schreibt, Mozart sei ein „nüchtern und aufgeklärt denkender Mensch“ gewesen. Modebewusstsein sei nicht im Spiel gewesen, als er der Loge beigetreten sei. „Denn gerade als nach dem Freimaurerpatent Josephs II. die Logenzugehörigkeit politisch eher verdächtig war und die Logen schließlich von der Geheimpolizei überwacht wurden, hat sich Mozart besonders deutlich auch in der Öffentlichkeit als Freimaurer bekannt, obschon er daraus eher Nachteile befürchten musste“. Mozarts wurde am 14. Dezember 1784 aus Überzeugung Freimaurer. Wie sonst hätte er Lieder und Kantaten komponieren können, die den Geist und die Aufgabe der Logenbrüder so glanzvoll huldigten, wenn er nicht die Botschaft der damaligen Freimaurer in sich aufgesogen hätte. Nur aus großartigem Talent kann Kunst nicht gedeihen. „Reicht euch der ew’gen Freundschaft Bruderhand, “ heißt es in einem dieser Texte (KV 619), „die nur ein Wahn, nie Wahrheit euch so lang entzog. Zerbrechet dieses Wahnes Bande! Zerreißet dieses Vorurteiles Schleier! Enthüllt euch vom Gewand, das Menschheit in Sektiererei verkleidet! “ Mozarts Musik ist in diesem Sinne tief gespürte gattungsmäßige Emotionalität, die sich gegen eitle Sektiererei der Aristokratie zur Wehr setzte. „Tugend tut die Menschheit ehren; sich und andern Liebe lehren sei nun stets die erste Pflicht. Dann strömt Licht allein in Osten, dann strömt Licht allein in Westen, auch in Süd und Norden Licht, “ heißt es in einem anderen Mozartlied. (KV 623a)

In keinem der Neuerscheinungen werden diese Lieder, komponiert für die Festlichkeiten in der Loge, ernsthaft mit der Schaffenskraft des gefeierten Komponisten in Verbindung gebracht. Aber gerade in dieser gattungsmäßigen Emotionalität liegt Mozarts Aktualität noch immer begründet. Denn noch immer halten wir die Konkurrenzkämpfe von Konzernen und Menschen für ein Naturgesetz. Mozart komponierte, unter historisch sicher anderen Bedingungen, gegen diese falsche Ideologie. Er sang mit seinen „Brüdern“: „Süß der Gedanke, dass nun die Menschheit wieder Stätte, wo jedes Bruderherz ihm, was er war, und was er ist, und was er werden kann, so ganz bestimmt, wo Beispiel ihn belehrt, wo echte Bruderliebe seiner pflegt und wo aller Tugenden heiligste, erste, aller Tugenden Königin, Wohltätigkeit in stillem Glanze thront. Dieser Gottheit Allmacht ruhet nicht auf Lärmen, Pracht und Saus, nein, im Stillen wiegt und spendet sie der Menschheit Segen aus.“ (KV 623) Wenn das keine Botschaft an jene Marketingexperten ist, die aus Mozart eine Marke für ihre partikularen Geschäftserfolge machen wollen. Aber auch für jene, sollten diese Zeilen ein Signal sein, die nicht bereit sind, gegen die Sektiererei, die den einzelnen Erfolg höher wertet als den gattungsmäßigen Fortschritt, gefüllt von Liebe und Vernunft. Stattdessen gleich zwei neue Bücher die sich den Frauen Mozarts widmen. „War der `Liebling der Götter`, “ fragt Enrik Lauer, „auch der Liebling der Frauen? “ Melanie Unseld weist daraufhin, dass die „Zauberflöte“ mehr vom Frauenbild Mozarts verrät, als seine Liebe zur Mutter, Schwester oder zu seiner Frau Constanze. Die Pamina der „Zauberflöte“ ist die erste Frau die mit den Ritualen der Freimaurerloge konfrontiert wurde, was deutlich machen könnte, dass Mozart den Männerbund der Loge in einen Menschenbund verwandeln wollte, in dem die Lust am Leben regieren sollte. Mozart tat es vielleicht seinem Alfonso aus der Oper „Cosi fan tutte“ gleich, in dessen Arie es heißt: „Alles schilt auf die Weiber, doch ich verzeihe, /Wenn sie auch zehnmal täglich sich verlieben; /Und man nenn‘ es nicht Laster, auch nicht Gewohnheit, /Nein, sie folgen nur dem Zwang ihres Herzens. / Und darum, wer am Ende sich betrogen sieht, Geb‘ andern nicht schuld, nein, nur sich selber, /Sei’s bei Hässlichen, Schönen, Jungen und Alten: /Darum stimmt mit uns ein: Cosi fan tutte! “ Zu deutsch „So machen`s alle! “ Mozart folgte in vielerlei Hinsicht seinem „Herzen“. Im „Don Giovanni“ wird deutlich, dass die Liebe allein nicht den Fortschritt der Menschheit garantiert, wenn dieser sich mit sozialer Unterwürfigkeit paart. „Hab`s verstanden, gnädiger Herr! “ singt Masetto, der Geliebte des Bauernmädchens Zerlina, die sein „Herr Giovanni“ für sich begehrt, „höflich dankend geh ich fort. Weil es so denn euch beliebt, sag ich nicht ein einzig Wort! “ Masetto ist ein Feigling, er kämpft nicht um die Liebe seiner Zerlina, die allerdings ebenfalls vom Reichtum und Charme ihres Herren so geblendet ist, dass sie dessen Anmache fast mit offenen Armen empfängt. Beide Eigenschaften sind dem modernen untergebenen Arbeiter und Angestellten nicht so fremd. Zwar haben sich die Anzüge der Herren stark verändert, auch ihr Charme hat sich längst auf die Vorstellung reduziert, dass Geld erotisch mache, doch die Beziehung von „oben“ und „unten“ gibt es noch immer. Auch im Diener des Giovanni, Leporello, kann sich der moderne Mensch durchaus erkennen, wenn dieser singt: „Keine Ruh‘ bei Tag und Nacht, / Nichts, was mir Vergnügen macht, Schmale Kost und wenig Geld, / Das ertrage, wem‘ s gefällt! Ich will selbst den Herren machen, / Mag nicht länger Diener sein. Gnäd’ger Herr, Ihr habt gut lachen! Tändelt Ihr mit einer Schönen, / Dann muss ich als Wache fröhnen. Ich will selbst den Herren machen, / Mag nicht länger Diener sein.“ Mozart bietet Orientierung in eine Richtung, die jenen Herrschaften allerdings gegen den Strich geht, die den Meister heute nur deshalb lauthals umjubeln, weil sein Name ihr Geschäft oder Ansehen zu heben verspricht. „Nur gewaltsam, oder gelegentlich, wird man bei Mozart, in dessen Musik so deutlich der Einstand zwischen spätem aufgeklärten Absolutismus und Bürgerlichkeit – Goethe tief verwandt – widerhallt, antagonistische Momente musikalisch identifizieren können. Vielmehr ist gesellschaftlich bei ihm die Gewalt, mit der seine Musik in sich selbst zurückgeht, die Distanzierung von der Empirie. Die drohend andrängende Macht der losgelassenen Ökonomie sedimentiert dadurch sich in seiner Form, dass diese, als fürchte sie bei jeder Berührung sogleich sich zu verlieren, das erniedrigte Leben bannend von sich fernhält, ohne doch einen anderen Gehalt zu fingieren als den, welchen sie mit ihren Mitteln human zu füllen vermag: ohne Romantik.“ 3 Mozart lebte und gestaltete seine Utopie vom besseren, vom menschlicheren Leben. Er war aber kein Romantiker, wie Adorno richtig feststellt, sondern ein wahrhafter Künstler, der den Menschen mit den Mitteln seiner Kunst das eigene entfremdete Leben ins Selbstbewusstsein zauberte, um eine Katharsis der eigenen Seele zu ermöglichen. Wem beim Hören und Sehen der „Zauberflöte“ die Tränen rollen, ist deutlich sichtbar im Begriff, seine Seele zu reinigen. Mit kitschiger Sentimentalität, wie sie manch zarter Seele bei Pilcherfilmen überkommt, haben Zauberflötentränen nichts gemeinsam. Ob diese Tränenkur im Alltag allerdings zu „lichten Höhn“ der Erkenntnis und Lebensumstellung führen wird, ist natürlich eine Frage des Bewusstseins, das sich an den konkreten Klassenverhältnissen einer Gesellschaft orientieren muss. Was in der „Zauberflöte“ noch auf die „heiligen Hallen“ der Freimaurer beschränkt blieb, sollte allgemein gelebtes Leben der Menschen werden, so jedenfalls stand Mozart der Sinn. Bei Mozart sollte sich noch das einfache mit dem abstrakten menschlichen Sein verbinden. Diese „Tiefe“, wie Adorno Mozarts Schaffen nennt, machte ihn zum Vorbild und Lehrer Beethovens, dessen „Ode an die Freiheit“ natürlich viel kämpferischer in ihrem gesellschaftlichen Engagement ist. Doch ist das Mozartlied „Brüder reicht die Hand zum Bunde“ nicht weniger ein Appell an die Solidarität im Sinne der Menschheit, für die alles was vereinzelt und entfremdet, beseitigt werden muss? Das die „Zauberflöte“ die Herzen der modernen Menschen bewegt, macht die Sehnsucht deutlich, mit der wir noch immer versuchen unser Leben nach gattungsmäßigen, also nach menschheitlichen Gesichtspunkten zu ordnen. Wir wollen nicht Rädchen in einem objektivierten Marktmechanismus sein, der allein Kapitalinteressen folgt, sondern wollen als Menschen zu Subjekten wachsen, die die abstrakten Kategorien der Ökonomie bewusst und demokratisch prägen. Die „Tiefe“ Mozarts gefällt allerdings den Marketingexperten nicht. Die vielen Entfremdungen in unserem Leben bewusst zu machen und zu fühlen, ist deren Sache nicht, leben sie doch gerade von diesen unseren Entfremdungen. Doch warum sollten wir eigentlich nicht der Botschaft des Sarastros in der „Zauberflöte“ folgen wollen, in dessen Arie es heißt: „In diesen heil’gen Hallen/ Kennt man die Rache nicht, und ist ein Mensch gefallen, /führt Liebe hin zur Pflicht. Dann wandelt er an Freundes Hand /Vergnügt und froh ins bessre Land. In diesen heil’gen Mauern, /Wo Mensch den Menschen liebt, kann kein Verräter lauern, /Weil man dem Feind vergibt. /Wen solche Lehren nicht erfreun, / Verdienet nicht, ein Mensch zu sein.“ Sicher ist der Weg in dieses „bessre Land“ noch ein langer und dornenreicher, aber er klingt mit Mozarts Noten nicht nur schön, er ist auch möglich!


Fußnoten

1 Adorno GS 16, S. 291

2 Adorno GS 7, S. 455

3 GS 14, S. 252-253


Literatur

„Mozart-Lebensbilder“, Volkmar Braunbehrens/Karl-Heinz Jürgens, Lübbe-Verlag, 2005, 223 Seiten, e 24,90, ISBN 3-7857-2234-6

„Mozart“, Paul Barz, DTV, 2005, 239 Seiten, e 14, -, ISBN 3-423-24517-4

„Wolfgang Amadeus Mozart“, Gernot Gruber, C. H. Beck, 2005, e 7,90, ISBN 3-406-50876-6

„Mozart“, Wolfgang Hildesheimer, 2005, Insel Verlag, 430 Seiten, e 10. -ISBN 3-458-34826-3

„Wolfgang Amadeus Mozart“, Piero Melograni, Siedler Verlag, 2005, 352 Seiten, e22. -, ISBN 3-88680-833-5

„Mozart“, Martin Geck, rowohlt, 2005, 480 Seiten, e 24,90, ISBN 3-498-02492-2

„Mozart und Da Ponte“, Richard Bletschacher, Residenz-Verlag, 2004, 250 Seiten, e 24,90 ISBN 3-7017-1364-2

„Mozart Briefe“, DTV 59076 Bärenreiter , 2005, 4492 Seiten, e 148. –

„Anekdoten über Mozart“, Margarete Drachenberg, Eulenspiegel Verlag, 2005, 128 Seiten, e 9,90, ISBN 3-359-01312-3

„Mozarts Frauen“, Melanie Unseld, rororo, 2005, 200 Seiten, e 8,90, ISBN 10: 3 499 62105 3

„Mozart und die Frauen“, Enrik Lauer/Regine Müller, 2005, 317 Seiten, e 19,90, ISBN 3-7857-2054-8

„Brandauer liest Mozart“, Hörbuch, Lübbe-Audio, 2005, e 14,90, ISBN 3-7857-3122-1

Adorno, Theodor W. ; Gesammelte Schriften Band 7 /14 /16, Suhrkamp-Taschenbuch 1707/1714/1716, 2003, e 15. -/14. -/18. –

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