Moderner Irrationalismus und das Bankkapital

Von Jürgen Meier

Müntefering schimpft über jene Kapitalisten, die sich „unanständig“ verhalten. Unanständig, so sagte er in einem Interview, sei „es, wenn man den Standort, an dem man groß geworden ist, an dem mancher auch reich geworden ist und an dem die Arbeitnehmer zu Hause sind, im Stich lässt. Das ist nicht bei allen Unternehmen so, die Arbeitsplätze verlagern – das habe ich bei all meiner Kritik immer deutlich gemacht. Aber es gibt genug, die einfach des Profits wegen gehen, ohne Rücksicht auf die Arbeitnehmer, die bei ihnen beschäftigt sind.“ („Die Zeit“, Nr. 18, 2005) Was soll daran unanständig sein? Hat sich denn die Moral der kapitalistischen Gesellschaft verändert? Wohl kaum! Denn kapitalistische Produktion vollzog sich bereits vor hundert Jahren, um Profit zu maximieren. Was sich geändert hat ist lediglich die Form der bürgerlichen Moral.

„Das ist wahr, “ stellt Müntefering fest, ohne die Veränderung der Verwertungsbedingungen des Kapitals, als Grundlage der moralischen Formveränderung zu erkennen. Er registriert nur die Erscheinungsform, eben den Formwechsel der Moral, nicht aber ihre materielle Triebkraft auf der sie gedeiht. „Das Geld hat sich anonymisiert, “ stellt er fest, „man kann den Kapitalisten im traditionellen Sinne gar nicht mehr erkennen. Das ist nicht mehr der kleine Dicke mit der Zigarre und dem schwarzen Gehrock.“ So ist es! Der Kapitalismus hat sein Gesicht verändert, nicht aber seine Substanz und Basis, die freie Lohnarbeit. Da Müntefering nur die Gesichtsveränderung des Kapitalismus registriert – sein Motiv ist dabei völlig nebensächlich-, ärgert ihn besonders der „unanständige“ Charakter der Banker, deren Dominanz unter den Gildenbrüdern des Kapitals immer mehr zu wachsen scheint, was unweigerlich den Protest des deutschen Häuptlings dieser Gilde des Kapitals auf den Plan rief. Josef Ackermann, Vorstandssprecher der Deutschen Bank protestierte gegen Münteferings Kritik: „Niemand – zumindest niemand, den ich kenne – will einen , Kapitalismus pur‘ und schon gar keinen , Raubtier-Kapitalismus‘.“ International orientierte Unternehmen wie die Deutsche Bank müssten vorausschauend handeln. Dass damit eben trotz hoher Gewinne auch Stellenstreichungen verbunden sind, müsse hingenommen werden. Genau das aber ist moderner „Kapitalismus pur“.

Doch Münteferings Kampf gegen das anonyme Geld und deren Verleiher, denen es offensichtlich völlig gleichgültig ist, wo und in welchem Land sie ihren Zins einstreichen können, ist ein Kampf gegen Windmühlen, der am Kern der Sache vorbei geht. Diese Fehler ist in der Arbeiterbewegung aber nicht neu. Der Sozialist Proudhon wollte bereits die „unmoralischen“ Geldverleiher seiner Zeit in die Schranken weisen, was Marx heftig kritisierte: „Hörte diese Form des Leihens auf, statt des Kaufens und Verkaufens, so meint der französische Sozialist Proudhon, der Mehrwert fiele weg. Nur die Teilung dieses Mehrwerts zwischen zwei Sorten von Kapitalisten fiele weg. Aber diese Teilung kann und muss sich stets von neuem erzeugen, sobald Ware oder Geld sich in Kapital verwandeln kann, und das kann es stets auf Basis der Lohnarbeit. Aber die Lohnarbeit und damit die Basis des Kapitals wollen, wie Proudhon, und zugleich die , Übelstände‘ aufheben durch Negation einer abgeleiteten Form des Kapitals, ist schülerhaft.“ (Marx, Theorien über den Mehrwert III, MEW 26.3, 513f. )

Das Kreditsystem ist nichts anderes als die Schöpfung des industriellen Kapitals. Das Geldkapital und das Industriekapital (Handel eingeschlossen) sind nur deshalb zwei Klassen, weil der Mehrwert, der nicht vom Geldkapital, sondern durch produktive Arbeit des fungierenden Kapitals geschöpft wird, sich in zwei Teile von Einkommen teilen lässt, in den Profit und in den Zins. Das Geldkapital mit seinem Kreditsystem entstand im Mittelalter, um den hohen Zinsfuß des Wucherkapitals, gegen den sich das entstehende Industriekapital zunächst nicht behaupten konnte, zu liquidieren. Heute hat dieses Wucherkapital keine prägende gesellschaftliche Bedeutung mehr für die produktive Arbeit und somit für die Industrie, die sich diese Arbeit aneignet. Heute existiert eine Arbeitsteilung zwischen Bankiers/Fondsbesitzern einerseits und industriellen Kapitalisten/Warenhändlern andererseits. Sie bilden objektiv eine Einheit, die subjektiv durchaus in Ärger der einen über die anderen in Erscheinung treten kann. Wenn die Banken einem Industriebetrieb den Geldhahn zu drehen, ist der Ärger des in die Insolvenz getriebenen groß. Doch diese Kraft des Bankkapitals führt immer nur zu weiterer Konzentration des fungierenden Kapitals. Insolvenzen säubern den Markt. Die kleinen und mittleren Kapitale werden von den großen geschluckt. Diese Konzentration des Gesamtkapitals macht auch vor dem Bankkapital selbst nicht halt. Großbanken wie die Commerzbank und die Deutsche Bank fürchten von noch größeren Banken geschluckt zu werden. Diese scheinbare Dominanz des Bankkapitals über das Industriekapital erscheint, wie Marx schrieb, „als mysteriöse und selbstschöpfende Quelle des Zinses, seiner eigenen Vermehrung“ (Marx, Kapital III, MEW 25, 405f. ). Das zinstragende Kapital vertuscht in seiner „inhaltslosen Form“ total den Gegensatz zur Lohnarbeit, mit dem es scheinbar keinerlei Berührung mehr zu haben scheint. Deshalb ist in den modernen Bankhäusern auch alles so clean und transparent. Viel Glas, viel Chrom, viel freundlich lächelnde, in feinen Anzügen und Kostümen klemmende, große und kleine Funktionäre des Gesamtkapitals. Das gesellschaftliche Verhältnis der menschlichen Beziehungen erscheint durch diese Bankhäuser als Verhältnis eines Dings, des Geldes, vollendet zu sein. Geld regiert die Welt! Heißt es. Als ob Geld mehr Geld gebären könnte ohne sich zuvor in Ware verwandelt zu haben, die durch die Ware Arbeitskraft in Verbindung mit hoher Technik entstand. Das Banksystem zeigt durch „die Ersetzung verschiedener Formen von zirkulierendem Kredit (Banknoten, Papiergeld) an Stelle des Geldes, dass das Geld in der Tat nichts anderes ist als ein besonderer Ausdruck des gesellschaftlichen Charakters der Arbeit und ihrer Produkte, der aber als im Gegensatz zu der Basis der Privatproduktion stets in letzter Instanz als ein Ding, als besondere Ware neben anderen Waren sich darstellen muss.“ (Marx, Kapital III, MEW 25, 620f. )

Diese scheinbare Dominanz des Bankkapitals und des Geldes ist die Basis des modernen Irrationalismus, der den Blick auf das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft völlig verschleiert. Im Glanz der Bankhäuser scheint es in den Städten keinerlei Lohnarbeit mehr zu geben. Alles erscheint nur noch wie ein gigantischer Kampf um den dicken Berg gefüllter Geldsäcke. Das Geld sei ungerecht verteilt, schimpfen die einen. Die anderen behaupten, nur wenn sie mit wissenschaftlicher Präzision das Geld richtig investieren, könnten wieder neue Arbeitsplätze entstehen, wodurch Menschen wieder Geld in ihre Hände bekämen. Menschen, in diesem Banne des modernen Irrationalismus, werden zu Glückspielern, Geldfetischisten, Bankräubern, Erpresser, Abfindungsexperten, Geizhälsen und Sicherheitsfanatikern erniedrigt. Auf diesem Nährboden des Irrationalismus gedeiht nicht nur der „American way of life“, auf dem viele vereinzelte Menschen ihr, auf den Augenblick fixiertes, Glück suchen, sondern es entstehen berufliche und schulische Orientierungen, die sich auf irrationale Marketingstudien und Philosophien stützen, in denen versprochen wird, man müsse sich nur auf seinen Willen und Intuition verlassen, schon winke das große Geld mit seinen Glücksverheißungen. Die kapitalistische Ökonomie erscheint dem Alltagsmenschen wie eine Megamaschine aus dem Weltall, die seine Existenz bedroht. Er hört vor der „Tagesschau“ von DAX Punkten, Börsencrashs und Inflation munter schwätzen und versteht nicht, dass sich hinter diesen, scheinbar lustigen Regeln des Spiels um Geld, Verkäufen und Umsatz der knallharte Kampf um frische Lohnarbeit versteckt, die das produziert woran allein das Kapital Interesse hat, den Mehrwert. Der moderne Irrationalismus hat hier seinen Ursprung. Die Menschen begreifen sich nicht als Schöpfer ihrer eigenen Geschichte, sondern als Opfer ihnen äußerer Mächte, mögen diese DAX, Globalisierung, Wettbewerb, Schicksal, Intuition, Arbeitslosigkeit oder Gott heißen.

Doch das Kapital bleibt, bei aller Formveränderung, eine Einheit von Produkt und Geld, von Produktion und Zirkulation. Die Bankiers sind lediglich die allgemeinen Verwalter des Geldkapitals. Der „unmittelbare Produktionsprozess des Kapitals ist sein Arbeits- und Verwertungsprozess, dessen Resultat das Warenprodukt ist und dessen bestimmendes Motiv die Produktion von Mehrwert ist.“ (Marx, Kapital II, MEW 24, 351) Das Bankkapital könnte ohne das Industriekapital nicht existieren. Im Mittelalter dominierte das Wucherkapital über das Kaufmannskapital, heute ist das anders, heute dominiert in allen kapitalistischen Ländern das Industriekapital über das Bankkapital, auch wenn die Erscheinung etwas anderes signalisiert. Das Banksystem ist das „künstlichste und ausgebildetste Produkt“ (Marx, Kapital II, MEW 25, 620 f. ) der kapitalistischen Produktionsweise. Die Bank stellt dem industriellen und kommerziellen Kapital das „nicht bereits aktive Kapital der Gesellschaft zur Verfügung, so dass weder der Verleiher noch der Anwender dieses Kapitals dessen Eigentümer oder Produzenten sind.“ (Marx, Kapital III, MEW 25, 620f. ) In den Banken, in deren Aufsichtsräte Manager der größten Industriekonzerne sitzen, bildet sich vor diesem Hintergrund eine besondere Parasitenklasse, die über eine fabelhafte Macht verfügt, nicht nur die industriellen und kommerziellen Kapitalisten periodisch zu dezimieren, sondern auch auf die gefährlichste Weise in die wirkliche Produktion und Handel einzugreifen. Allein die höheren Mehrwert versprechende Investition des in den Banken angehäuften gesellschaftlichen Mehrwerts ist entscheidet für die Planung der Banker, die sich dabei in Kooperation mit ihren DAX-Mitgliedern an den Börsenwerten orientieren.

Über die Aufsichtsräte der Banken, in denen die industriellen Kapitalisten, vermittelt durch den DAX, die Richtung bestimmen, wurde die Kapitalisierung aller gesellschaftlichen Bereiche forciert, woran zu Marx Zeiten noch nicht zu denken war. Heute können die „privaten“ Krankenhausketten, die ja eigentlich keine „privaten“ sind, sondern Teil des Gesamtkapitals, verwaltet im Bankenkapital, nur deshalb kommunale Krankenhäuser unter ihre Regie stellen, weil sie mittels Krediten der Großbanken, als Verwalter des Gesamtkapitals, zu unmittelbaren Akteuren der Industrialisierung und Kommerzialisierung ehemals unproduktiver Bereiche menschlicher Reproduktion werden können. Die Enteignung ist daher das Ziel dieser kapitalistischen Produktionsweise. Die Kommunen oder auch kleine und mittlere Kapitalisten werden durch diese Kraft des Gesamtkapitals enteignet.

Wenn wir von „Privatisierung“ bislang öffentlicher, also vom Citoyen, vom Staat, verwalteter Dienste sprechen, so ist dies daher falsch. Denn es wird nicht privatisiert, also vom öffentlichen Eigentum abgesondert, um in die Regie eines Einzelunternehmers und dessen Privatkapital zu kommen, sondern mit Hilfe von Krediten wird auf hohem Niveau kapitalisiert, was gleichzeitig einen Ausdruck hoher Vergesellschaftung von Produktion und Reproduktion darstellt. So wird die Mehrheit des Stammkapitals der Rhön AG (über dreißig Krankenhäuser in Deutschland) von der Deutschen Bank und der bayrischen Hypo- Vereinsbank gehalten. Mit Hilfe der Banken agieren industrielle Großkonzerne, die zur Steuerung gekauften Krankenhäuser Aktiengesellschaften gründen, um dadurch den Prozess der Kapitalkonzentration weiter zu forcieren. Hinter dem Rücken dieser aggressiven Kaufaktionen, die man Globalisierung nennen kann, wenn man den Charakter des mehrwerthungrigen Kapitals verschleiern möchte, entsteht aber gleichzeitig immer deutlicher die Aufhebung der kapitalistischen Privatindustrie auf Grundlage des Kapitalismus. Die Lohnarbeit wird nicht mehr privat angeeignet, sondern durch Funktionäre des Gesamtkapitals, die keinerlei praktische Verbindung mehr zu den Gebrauchswerten der Produktionen haben. Deshalb sieht Müntefering auch so wenig von denen, die er „traditionelle Kapitalisten“ nennt. Denn auch die äußere Form der heutigen Kapitalisten hat sich geändert.

Sie unterscheiden sich vom „traditionellen Kapitalisten“, weil „sie sich selbst als einfacher Träger des Arbeitsprozesses, als Arbeiter, und zwar als Lohnarbeiter“ (Marx, Kapital III, MEW 25, 395) begreifen. Sie sind ja nicht Eigentümer des fungierenden Kapitals, sondern dessen Funktionäre, die eine möglichst hohe Mehrwertrate aus den Beschäftigten herausholen sollen. Sie sind Repräsentanten des fungierenden Kapitals. Im „Hirnkasten“ des modernen Managers, der ja, je nach Angebot und Nachfrage seiner Kaste, mit vielen Millionen Jahresgage belohnt wird, entwickelt sich daher die Vorstellung, dass seine Gage, selbst Arbeitslohn sei. Natürlich sei dieser höher als bei den gewöhnlichen Lohnarbeitern, sagt er, schließlich sei seine Arbeit komplizierter und abhängig vom Erfolg seiner Funktionärstätigkeit. Je höher die erwirtschaftete Mehrwertrate, desto höher seine Jahresgage, was sich an elf Millionen Jahreseinkommen des Josef Ackermann verdeutlichen lässt, das mit dem Volumen der Zinseinnahmen wächst, die ja neben dem Profit des fungierenden Kapitals, nichts anderes sind als ein anderer Teil des, aus der Lohnarbeit gepressten, Mehrwerts. Die wachsenden Kreditvolumina der immer weniger werdenden Banken sind Zeugnis hoher industrieller Produktivität, Folge eines wachsenden Mehrwerts, dessen Quelle allein die menschliche Arbeitskraft ist. In diesen Kreditvolumina bündelt sich die Menge von Gesamtmehrarbeit, die das Gesamtkapital sich angeeignet hat. Das DAX-Kredit- Fondswesen beschleunigt die materielle Entwicklung der Produktivkräfte noch mehr, so dass ein Weltmarkt entstanden ist, dessen Geld-Waren-Geld-Zirkulationen sich immer dynamischer entwickelt, wobei im Mittelpunkt auch hier die Ware der menschlichen Arbeitskraft steht, die in der Ukraine bereits für einen Euro zu kaufen ist.

Der Mehrwert, der diesen Arbeitskräften entspringt und der durch Warenkauf auf den Märkten Europas und Amerikas realisiert wird, ist gigantisch. Mit dem Kreditwesen wurden weltweite und schnelle Transaktionen möglich, durch die Fabriken in allen Ecken der Erde gebaut werden können, was gleichzeitig auf eine latente Aufhebung des industriellen Kapitaleigentums hinweist. Die Kredite der Banken, in denen natürlich die Funktionäre des fungierenden Kapitals bestimmen, steuern diese Transaktionen. Unter direkter demokratischer Kontrolle der Produzenten des Mehrwerts und der lohnabhängig in den Fabriken, Banken und Maklerbüros arbeitenden Menschen, ist diese Konzentration der Kreditvergabe keine schlechte Basis, um die angehäufte Gesamtmehrarbeit, die sich ja hinter den Geldvergaben der Banken versteckt, sinnvoll zum Nutzen der menschlichen Gattung einzusetzen.

Die Polemik gegen das zinstragende Kapital vom Standpunkt der kapitalistischen Produktion aus, die heutzutage als sozialdemokratisch oder sozialstaatlich sich aufbläht, „findet sich übrigens als Entwicklungsmoment des Kapitals selbst z. B. im 17. Jahrhundert, wo der industrielle Kapitalist sich erst gegen den altmodischen Wucherer, der ihm damals noch übermächtig war, durchzusetzen hatte.“ (Marx, Theorien über den Mehrwert III, MEW 26.3, 448. )

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