Lohnabhängig

Der entlarvendste aller Begriffe

von Franz Schandl

Manche Wörter werden schnell Unwörter, manche Wörter werden nie Unwörter, zu tief sind sie in unseren Sprachgebrauch eingedrungen, als dass die Implikationen noch auffallen. Indes, was selbstverständlich ist, muss noch lange nicht verständlich sein. Nehmen wir etwa den Begriff des Lohnabhängigen. Was sagt er aus? Er sagt aus, dass so definierte Subjekte abhängig sind vom Lohn und sich verdingen müssen um leben zu können. Der alles verratende Terminus wird verwendet jenseits jeder kritischen Wahrnehmung.

Die Ablösung der Leibeigenschaft durch die Lohnabhängigkeit war kein Aufstieg, sondern ein Umstieg. Man sollte nicht vergessen, dass die Menschen in die Lohnarbeit „hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert wurden“ (Marx). Nicht Unterwerfung und Unterdrückung wurden beseitigt, wie das der Liberalismus unterstellt, sondern lediglich auf eine andere Ebene gehoben. Nicht die personelle Abhängigkeit steht mehr im Zentrum, dafür ist die strukturelle umso stärker. Eine sachliche und anonyme Macht regiert seitdem die Welt.

Lohn ist das, was man für die Verausgabung der Ware Arbeitskraft erhält, sofern nach ihr Nachfrage besteht. Doch die besteht immer weniger. Dort, wo deren Einschluss nicht mehr gelingt, ist der Ausschluss angesagt. Harz IV ist dementsprechend ein Musterprogramm sozialer Ausgrenzung. Die Einzelnen sollen auf sich selbst zurückgeworfen werden, kapieren, dass sie nichts anderes sind als Körper, deren Aufgabe darin besteht, Ware zu transportieren, Ware zu kommunizieren und nicht zuletzt, sondern zuerst: selbst Ware zu sein. Wenn sie das nicht können, gelten sie als bedrohte Spezies.

Gewaltmonopol und Steuermonopol, Rechtsstaat und Sozialstaat, sie alle verband das Ziel der gesellschaftlichen Integration. Doch beide Pole, der soziale wie der repressive sind brüchig geworden, der erste mehr als der letzte. Heute steht vielmehr die Desintegration auf der Tagesordnung. Der maßgeblich von der Arbeiterbewegung erkämpfte Wohlfahrtsstaat war ein weitgehend gesamtgesellschaftlich getragenes Projekt, auch jene, die rauszufallen drohen, nicht rausfallen zu lassen. Das war einmal. Mangels monetärer Masse versuchen öffentliche Institutionen diese Aufgaben abzuschütteln. Der Sozialstaat ist ein sterbender Staat.

Das Soziale war der Marktwirtschaft nur abgerungen und angeklebt. An sich ist die Marktwirtschaft asozial, da sie Menschen nicht nach Bedürfnissen und Wünschen behandelt, sondern nach ihrem gesellschaftlichen Wert, also ihrer Verwertbarkeit, bedient. Nicht Menschsein, sondern Käufer und Verkäufer zu sein charakterisiert das bürgerliche Subjekt. Da gibt es kein Entfliehen, auch wenn im Sozialstaat durch umverteilende Maßnahmen die Herrschaft des Geldes indirekt und nicht nur direkt zur Anwendung kommt.

Was also tun? Das Gesagte vermag jene ja kaum zu trösten, denen vorerst der Lohn abgeschafft wird. Und doch: Die bloße Einforderung von Arbeitsplätzen ist nicht nur illusionär, sie ist das demütige Begehren, doch bitte in der Unselbständigkeit bleiben zu dürfen. Knechtet uns! Abhängigkeit wird abgefeiert, als sei sie die größte Errungenschaft, die menschenmöglich ist. Der Kampf um Arbeit ist ein Kampf um Lohnabhängigkeit. Er hat einen einst hergestellten, aber aktuell nicht mehr aufrechterhaltbaren Zustand nicht nur akzeptiert, sondern verinnerlicht und will ihn perpetuieren. Entweder man lechzt und schreit nach Arbeit, oder man will die Arbeitssklaverei überwinden. Es geht um die „endgültige Abschaffung des Lohnsystems“ (Marx).

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