Unentwegte Beschäftigung

Aktuelle Notizen zum Arbeitswahn

Streifzüge 32/2004

von Franz Schandl

„Die Eigentümlichkeit der , Arbeitsgesellschaften‘ besteht darin, dass in ihnen die Arbeit gleichzeitig als moralische Pflicht, als gesellschaftliche Verpflichtung und als der Weg zum persönlichen Erfolg gilt. Die Arbeitsideologie hält es also für erwiesen,

– dass es allen um so besser geht, je mehr jede(r) Einzelne arbeitet;

– dass diejenigen, die wenig oder nicht arbeiten, der Gemeinschaft schaden und somit nicht würdig sind ihr anzugehören;

– dass in der Gesellschaft derjenige Erfolg hat, der tüchtig arbeitet, und dass somit der Erfolglose an seinem Scheitern selbst schuld ist.“ (André Gorz, Kritik der ökonomischen Vernunft, Berlin 1990, S. 307. )

Freitag, 10. September 2004: Ich steige in die Wiener U-Bahn und lese im Gratis-Blatt Heute folgendes: „40 Prozent der Arbeitszeit gehen für Sinnloses drauf“ steht da. Und weiter: „Fast die Hälfte unserer Arbeitszeit verschwenden wir mit sinnlosen Tätigkeiten, hat eine Studie jetzt ergeben. Demnach verschwenden österreichische Arbeitskräfte im Schnitt rund 40 Prozent oder 87 Tage Arbeit im Jahr. Dabei entstehen jährliche Kosten von 19 Millionen Euro. “

Diebstahl an der eigenen Arbeitskraft sollte wohl bestraft werden. Arbeit wird hier jedenfalls nicht nur aufgefasst als etwas, das zu leisten ist, sondern als unentwegte Beschäftigung und Betätigung des eigenen Arbeitsvermögens. Abgesehen davon, dass das physisch und psychisch unmöglich ist, will diese Vorgabe eines erreichen: ein schlechtes Gewissen, sich zuwenig angestrengt zu haben. Wenn schon Moral, dann Arbeitsmoral. Der Mensch soll werden das an die Arbeit angepasste Ungeheuer. Die Arbeitsdichte ist zu steigern, denn sie erhöht die Produktivität. Stachanow lässt grüßen.

Conclusio Eins: Nicht nur arbeiten zu müssen, ist Pflicht, sondern in der Arbeit ständig zu arbeiten, sich ihrer würdig zu erweisen, sie nicht zu unterlaufen. Reale Arbeitszeit und wirkliche Betätigungsdauer sollen sich annähern. Es geht um die Auslöschung der unverwerteten Reste in der Beschäftigung. Pausen, Unterlassungen, Unterbrechungen, Reflexionen, alles, was nicht unmittelbar der Verwertung dienlich ist, hat zu verschwinden.

Bereits Karl Marx beschrieb dieses kapitalimmanente Phänomen: „Welches immer der Grund des Überschusses der Produktionszeit über die Arbeitszeit – sei es, dass Produktionsmittel nur latentes produktives Kapital bilden, also sich noch in einer Vorstufe zum wirklichen Produktionsprozess befinden, oder dass innerhalb des Produktionsprozesses durch dessen Pausen ihre eigne Funktion unterbrochen wird, oder dass endlich der Produktionsprozess selbst Unterbrechungen des Arbeitsprozesses bedingt -, in keinem dieser Fälle fungieren die Produktionsmittel als Arbeitseinsauger. Saugen sie keine Arbeit ein, so auch keine Mehrarbeit. Es findet daher keine Verwertung des produktiven Kapitals statt, solange es sich in dem Teil seiner Produktionszeit befindet, der überschüssig über die Arbeitszeit ist, so unzertrennlich auch die Vollführung des Verwertungsprozesses von diesen seinen Pausen sein mag. Es ist klar, dass je mehr Produktionszeit und Arbeitszeit sich decken, um so größer die Produktivität und Verwertung eines gegebnen produktiven Kapitals in gegebnem Zeitraum. Daher die Tendenz der kapitalistischen Produktion, den Überschuss der Produktionszeit über die Arbeitszeit möglichst zu verkürzen.“ (Das Kapital, Zweiter Band (1885), MEW, Bd. 24, S. 126-127. )

Selbstautomatisation ist das Ziel. Das Ideal des arbeitenden Menschen ist die Maschine. Unablässiges Laufen, ein eherner Rhythmus zeichnet diese aus. Produktions- und Arbeitszeit sollen eins werden. Die Maschine manifestiert sich als ein Wesen, an dessen Perfektion der Arbeiter sich ein Beispiel nehmen kann. Vor der Funktionalität ihrer Maschinen haben die Menschen zu erbleichen, da können sie sich was abschauen. „Work to the rhythm/Live to the rhythm/Love to the rhythm/Slave to the rhythm“, singt Grace Jones in einem ihrer bekanntesten Songs. (Slave to the rhythm, 1985)

Der Schritt, den die aktuelle Arbeitsideologie von ihren Unterworfenen verlangt, bedeutet fortan nicht nur: „Ich gebe etwas von mir her“, sondern „Ich gebe mich hin.“ Nicht nur über die Arbeitskraft soll verfügt werden, die ganze Person hat fügsam zu sein. Zerstört werden soll die relative Distanz des Arbeiters zur Arbeit. Diese ist nicht bloß zu verrichten, nein, man hat in dieser aufzugehen, der Identitätsgrad soll gleich dem Intensitätsgrad gesteigert werden. Dankbar hat man zu sein und Demut zu erweisen, schließlich hat man doch Arbeit.

Flexibilität als Unterwerfung

Unsere tägliche Botschaft gib uns heute. Was das gleichnamige Boulevardblatt kann, kann die Qualitätszeitung schon lange. „Flexibilität total ist angesagt“, schlagzeilt die Karrieren-Seite des „Standard“ tags darauf, am Samstag, den 11. September 2004. „Vom Arbeitnehmer wird totale Flexibilität erwartet, von der Arbeitszeit über den Arbeitsort bis hin zur Beschäftigungsform“. „Der traditionelle Arbeitsvertrag der Industriegesellschaft war dadurch gekennzeichnet, dass der Arbeitnehmer dem Unternehmen den Einsatz seiner Arbeitskraft zur Verfügung stellt und das Unternehmen ihm ein sicheres Arbeitseinkommen zahlt und ihm dadurch das Risiko der Vermarktung des Produktionsergebnisses abnimmt.“ Damit ist nun Schluss, der gesellschaftliche Bruch mit dem Kollektivvertrag liest sich so: „Arbeitsverträge werden zunehmend in Form von Werkverträgen oder freien Dienstverträgen individualisiert, stellen verstärkt auf das vom Einzelnen erzielte Ergebnis ab. Zudem ist Arbeit nicht mehr eine räumlich oder zeitlich vordefinierte Erwerbstätigkeit. “

Wir erleben den Versuch einer noch weitergehenden Entmündigung der Menschen durch die Ökonomie. Weder Ort, Zeit noch Verwendung ihrer Lebensmöglichkeiten sollen ihnen überlassen bleiben. Selbstbestimmung meint Marktbestimmung. Das, was man einst Fremdbestimmung nannte oder noch besser Verdinglichung, soll als das Ureigene erscheinen. Dem Markt zu entsprechen soll sein unser elementares Bedürfnis. Natürlich, wenn die Leute genug verdienen, können sie sich partiell freikaufen, außerdem dürfen sie am Markt verschiedene Produkte aussuchen und in der Politik Parteien mit unterschiedlichen Namen wählen. Was, wann, wo, wie produziert wird, hat die Leute nichts anzugehen. Demokratie pointiert sich als absolute Unterwerfung unter die Gesetze der Verwertung.

Flexibilität hat nichts mit individueller Souveränität zu tun, sie meint vielmehr, sich den äußeren Anforderungen völlig auszuliefern. Die Flexibilität der Menschen ist nichts anderes als das Diktat der Märkte. Was sich anbietet, hat angenommen zu werden. Wer nicht will, fliegt raus. Wohlgemerkt, nicht nur aus der Arbeit, sondern auch aus den traditionellen Netzen des Sozialstaats. Renitenz ist zu sanktionieren. Es sich bequem machen gilt nicht, man hat mobilisierbar zu sein.

Erzielte der typisch Beschäftigte durch den Verkauf seiner Arbeitskraft Garantien, so ist das dem atypisch Beschäftigten im Zeitalter der Entsicherung nicht vergönnt. Die Abschaffung der starren Form erhöht nicht die Souveränität der Einzelnen, sondern definiert deren Abhängigkeit neu. Sie ist keine Gebundenheit mehr, sondern eine Losigkeit, die keine Sicherheit mehr versprechen kann, sondern lediglich das, was der Markt unmittelbar hergibt. Die Flexibilität, der Unternehmen ausgesetzt sind, schreit geradezu nach der Flexibilität der für sie Tätigen. Was auch bedeutet, dass der atypisch Beschäftigte zum typischen wird und der typische zum atypischen. Vorherrschend für viele wird ein beängstigendes Gefühl der allseitigen Verunsicherung. Sich auf nichts mehr verlassen zu können, heißt verlassen zu sein.

Conclusio Zwei: Nicht nur arbeiten zu müssen, ist Pflicht, man hat seine Wünsche kategorisch den ökonomischen Erfordernissen unterzuordnen. Das Angebot bestimmt die Nachfrage. Nicht nur eine prinzipielle Bereitschaft zur Arbeit wird eingefordert (das sowieso), nein auch eine umfassende zur Verfügung Stellung für alles und jedes. Hartz IV setzt das soeben in Praxis um. Am Ende der Arbeitsgesellschaft etabliert sich die Arbeit als das sich totalisierende Prinzip. Jede Art von Arbeitsverachtung und Arbeitsverweigerung soll disqualifiziert und in weiterer Folge eliminiert werden. Selbst Kranke sollen arbeiten, und sie tun es auch: „Weil die Bürger um Jobs fürchten: Krankenstände sinken auf Rekord-Tief“ schlagzeilt das Gratisblatt „Heute“ am 30. September. Ökonomisch gesprochen ist Krankheit ja nichts anderes als Sabotage, weil eine unvorhergesehene und unwillkommene außer Kraft Setzung der Arbeitskraft.

Recht auf Dasein wird übersetzt als Wille zur Arbeit. Und nicht nur die Leute, die sowieso wollen, wollen, sondern auch diejenigen, die nicht wollen. Es ist das nichtwollende Wollen, das sich, um wollen zu können, als Natur vergewissern muss. Wer dauernd muss, wird wollen. Und so beteuern die personifizierten Exponate der Arbeit in Momenten, in denen sie sich überführt glauben, gleich Gregor Samsa in Kafkas „Verwandlung“: „Ich bin nicht starrköpfig und arbeite gern“, sagt dieser zu seinem Prokuristen. (Franz Kafka, Die Verwandlung (1915); in: Erzählungen, Leipzig 1990, S. 75. ) Der Prokurist selbst hatte ihm vorgehalten, dem Geschäft ferngeblieben zu sein, denn „eine Jahreszeit, um kein Geschäft zu machen, gibt es überhaupt nicht, Herr Samsa, darf es nicht geben“. (S. 71) Es ist dieser Nachsatz, der den Arbeitstieren permanent im Nacken sitzt, sie vor sich hertreibt, sie verfolgt, nicht nur Gregor Samsa. („Die Verwandlung“ ist übrigens nicht das einzige Schriftstück Kafkas, das dechiffriert werden kann als Prosa gewordene Angst vor der Arbeit. )

Risiko und Wagnis

Nur nicht jammern! Leben ist eben lebensgefährlich, nichts für Weichlinge und Drückeberger. Wer nichts riskiert, hat nichts zu gewinnen. Schließlich leben wir in einer „Risikogesellschaft“ (Ulrich Beck). Das Gebot zum Risiko hat zur Folge, dass die meisten an ihm scheitern, aber die wenigen Gewinner als strahlende Sieger einer medialen Öffentlichkeit präsentiert werden. Das Dargestellte ist bloß ein besonderer Ausschnitt, aber dieser Schnitt schneidet alles andere weg. Ungesehen meint ungeschehen.

Wenn wir uns alle geschickt genug anstellen würden, könnten wir alle von unseren Aktien leben, erzählt die Sendung über den neuen Trend zur Börse, die sich nicht als Werbesendung ausweist. Ein euphorischer Konjunktiv verleitet zu einem Indikativ, auch wenn der dann zumeist kollabiert. Die haben es geschafft, wir könnten das auch, wird suggeriert. So lautet die Botschaft, die einen überwältigt und die Normalität durch Absenz eskamotiert. Das Risiko ist freilich ein Glücksversprechen, das sich bei den wenigsten einlöst; aber als Misslingen wird es nicht engagiert, nur als Erfüllung feiert es eine pompöse Inszenierung. Die „Straße der Sieger“ ist gepflastert mit Leichen.

„Nur wer wagt, gewinnt“ ist eine Wahrheit die eine und doch keine ist. Denn sie ist die Ausnahme, nicht die Regel. Für mehr als neunzig Prozent der Fälle gilt: „Wer wagt, verliert“. Aber nur wer wagt, kann gewinnen. Wer nicht wagt, kommt nicht um das Scheitern herum, im Gegenteil, eins erhöht sogar dessen Wahrscheinlichkeit, sodass das Wagnis tatsächlich als Chance erscheint und als Herausforderung angenommen werden muss. Es ist der Stachel des marktbestimmten Daseins. Das bürgerliche Leben ist eines der unzähligen Niederlagen, das jedoch seine Siege feiert, als gäbe es nur diese. Damit das Wagnis Einzelner sich auszahlt, muss das Wagnis vieler verunglücken. Damit erstere sich erfüllen, müssen letztere sich opfern. Es wäre also an der Zeit, Wagnis und Risiko ganz prinzipiell zu debattieren, vor allem auch unter dem Vorzeichen der damit verbundenen Bereitschaft zur Opferung.

Wohlfahrt auf Talfahrt

Metaphysik der Arbeit geht so: Arbeit ist gesellschaftlich bedingtes Wollen, eines, das gleichwohl als unbedingt erscheint. Arbeit ist somit gesellschaftlich bedingtes unbedingtes Wollen. Ein Um und Auf, dem man nicht entgehen kann. Schon alleine deswegen, weil wir an unser primäres Lebensmittel, an Geld, bloß durch Arbeit kommen können. Das gilt für das direkt bezogene ebenso wie für das umverteilte. Dass Umverteilung überhaupt notwendig ist, zeigt ja den ganzen unsozialen Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse auf. Würde allein der Markt entscheiden, also die Fähigkeit sich in Wert zu setzen, zu kaufen und zu verkaufen, würden die meisten Menschen nicht nur Nachteile erleiden, sondern zugrunde gehen. Es ist der im Gegensatz zum Markt verteufelte Staat, der diese Elendsverwaltung wahrnimmt oder eigentlich besser: wahrgenommen hat.

Die Krise des Staates ist eine des Marktes, und zwar, weil ihm dieser nicht mehr genügend Mittel zur Verfügung stellen kann, seinen sozialstaatlichen Vorgaben nachzukommen. Sein Steuerungsvermögen nimmt potenziell ab, weil seine Steuereinnahmen bezogen auf seine gesetzlich verankerten Aufgabestellungen abnehmen. Daher müssen letztere geändert, das heißt zurückgefahren werden. Die Zwecke, die er bisher bedienen konnte und auch wollte, die kann er fortan einfach nicht mehr bedienen. So verwandelt er sich in eine stets restriktivere Maschine, in der Sozialreform als Sozialabbau stattfindet. Freilich ist damit die Totalität des Kapitalverhältnisses empfindlich gestört. Denn wenn es die Geldmonaden in Leute ohne (oder mit wenig) Geld verwandelt, schafft es damit auch die Käufer seiner Produkte und Leistungen sukzessive ab. Verarmung und Verelendung sind die Folge.

Es ist nicht so, dass sich der Staat aus der Verantwortung stiehlt, wie alle Keynesianer meinen, sondern dass diesem einfach der Etat zur umverteilenden Fürsorge fehlt. Die Wohlfahrt befindet sich auf Talfahrt, da helfen auch sämtliche Ratschläge an die Politik wenig. Soziale Befriedigung ist zusehends weniger als Sozialstaat denkbar. Wenn man sich von diesen Gedanken nicht löst, steht man auf einem Posten, auf dem man nie wieder Boden unter die Füße bekommen wird.

Das Gleichgewicht von Staat und Markt war das Kennzeichen eines Kapitalismus am Höhepunkt seiner Entwicklung. Heute gibt es jenes nicht mehr, und niemand weiß, wie es wieder hergestellt werden kann. Interessant ist aber, dass nur dem Staat die negative Rolle zugesprochen wird, während der Markt geradezu als Problemlöser par excellence erscheint. Indes, nicht spezifisches Staatsversagen führt in die Krise, sondern die vom Wert geprägte Konstellation in ihrer Gesamtheit ist prekär geworden. Das Universum des Kapitals steht zur Disposition. Aber es wird nicht zur Disposition gestellt, sondern behauptet seine Position mit Nachdruck, auch wenn die mehr eine ideologische Bastion darstellt als eine reale.

Inklusion und Exklusion

Der sich ausbreitende Antagonismus der Arbeit lässt sich so bestimmen: Was von den Leuten gefordert wird, nämlich zu arbeiten, wird ihnen verwehrt. Nicht Inklusion in die Arbeit ist die vorherrschende Entwicklungstendenz, sondern Exklusion aus ihrem Reich der Notwendigkeit. Menschen werden im wahrsten Sinne des Wortes entsorgt. Niemand braucht sich mehr um sie sorgen, gilt für die auf sich selbst Zurückgeworfenen. Man will ihrer nicht habhaft werden, man will sie loswerden. Nicht ausgebeutet sollen sie werden, sondern ausgeschieden. Im „Biotop“ der Arbeit ist das immens bedrohlich. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes die Beschissenen. Wenn sie leben wollen, dann haben sie sich mit den Krumen der Mac Jobs zu begnügen. Mehr ist nicht mehr. Der Arbeitszwang hingegen bleibt bestehen, ohne ihn erfüllen zu können. Es gleicht dem Schreien nach der Peitsche, obwohl es immer weniger Peitschen gibt. Die masochistischen „Slave to the rhythm“-Refrains des „chain gang song“ werden ganz sadistisch ignoriert, indem man den Willigen sogar den obligaten Sklavenstatus verweigert.

Nie war die Ideologie der Arbeit so aggressiv wie jetzt. Und warum auch nicht? Letztlich entscheidet noch immer die Arbeit (und all ihre Verwandlungen in Wert und Geld) über den Status in der Gesellschaft. Arbeit zu haben ist ein Privileg, ihr Nichtbesitz Behinderung. Wobei die schrumpfende Masse der konservativen Arbeitsplatzbesitzer immer reaktionärer zu werden droht. Mit Zähnen und Klauen verteidigen sie ihren nunmehr privilegierten Platz gegen ihresgleichen. Da mögen viele der Ihren umtypisiert, prekär beschäftigt oder arbeitslos werden, ja notfalls nehmen sie sogar Lohnkürzungen hin, alles in der egoistischen Absicht: „Hauptsache, ich habe Arbeit! “ Die großen Entsolidarisierungsschübe der traditionellen Arbeiterklasse stehen uns noch bevor.

Selbst wenn Leute sich individuell dem Arbeitszwang entziehen wollen, heißt das keineswegs, dass sie sich gegen das kollektive Gebot zur Arbeit auflehnen. Was allgemein gefordert wird und sich als gegenseitiger Druck der Subjekte gestaltet, dem wollen sie als Einzelne entkommen. Diese singuläre Flucht ist nicht Teil eines pluralen Widerstands. Den eigenen Willen wider die Arbeit kann das bürgerliche Wesen nur als Konkurrenzsubjekt wahrnehmen, nicht als Individuum, das nach ähnlich denkenden Individuen sucht. Anstatt sich gemeinsam von der Arbeit zu verabschieden, unterstellt man anderen, die Arbeit zu sabotieren. Anstatt sich der eigenen Klammheimlichkeit zu stellen und ihr offensiv Ausdruck zu verleihen, wird der Konkurrent dergleichen verdächtigt. Und wehe, der andere will nicht arbeiten. Es ist eine irre Psyche, die sich hier zusammenflickt. Nicht das Bluten soll aufhören, lediglich die andern sollen für einen bluten. „Hinter uns die Sintflut“, sagen jene, denen das Wasser erst bis zur Brust reicht.

Nicht sich des Zwangs zu entledigen, ist hier die Aufgabe; nein: das Bekenntnis zur allgemeinen Durchsetzung des Prinzips leitet dieses zutiefst inhumane Denken. Und als Verblendungszusammenhang erster Klasse muss gelten, dass das, was einem zugefügt wird, als freier Wille erscheint. Ständig wird dieses „Selbst“ eingefordert, schreibt André Gorz in seinem aktuellen Buch „Wissen, Wert und Kapital“ (Zürich 2004, S. 27): Selbststeuerung, Selbstorganisation, Selbstverantwortung, Selbstvermarktung. Was dem Subjekt angetan wird, soll es alles selbst anstellen. Ein solches Innen braucht keinen äußeren Befehl mehr. Wenn die Menschen in die richtige Stimmung versetzt werden können, ist Selbstbestimmung kein Problem mehr, sondern Gleitmittel affirmativen Soseins.

Totales Bekenntnis

Je genauer man sie anschaut, desto irrer blickt sie zurück. Alle wissen anscheinend, was Arbeit ist, aber so genau will es denn doch niemand wissen. Sie ist schlichtweg eine Selbstverständlichkeit, etwas, das man haben, aber deswegen noch lange nicht begreifen muss. Arbeit ist ein Bekenntnis, das sich gegen erkenntnistheoretische Anwandlungen sperrt.

Gefordert wird ja auch nicht, die Arbeit zu verstehen, sondern von der Arbeit etwas zu verstehen.

Wenn Leute an Arbeit denken, dann denken sie diese, unabhängig davon, was sie im konkreten Fall von ihr denken, als Naturnotwendigkeit, vor der es kein Entfliehen gibt, allerhöchstens es gelingt, andere für einen arbeiten zu lassen. Sie verwechseln dabei das inhaltliche Tätigsein mit seiner spezifischen Zurichtung. Darin genau liegt der ganze Arbeitswahn in den Köpfen auch begründet. Dass es diesen unmöglich ist, das konkrete Tun und die abstrakte Form, in der es sich darstellt, als nicht unbedingt identisch zu betrachten. Eben auseinander halten, was nur gesellschaftlich zusammengefügt ist. Die bürgerlichen Subjekte kennen Inhalte bloß in dieser Form, egal ob als bezahlte zugeordnet oder als unbezahlte beigegeben. Alles ist hier eins und somit einerlei.

Dass dieselbe Tätigkeit etwas anderes sein könnte, wenn sie nicht für den Markt geschieht, sondern als unmittelbarer Einsatz (Geschenk, Gabe, Schöpfung) zur individuellen und kollektiven Reproduktion frei assoziierter Menschen, will nicht so recht kommen. Freilich wäre dieselbe Tätigkeit dann nicht mehr dieselbe, eben weil die Verwertbarkeit als zentrales Kriterium ausgespielt hätte. Mit dem Wegfall dieser Bestimmung würde auch die Arbeit schlechthin der Vergangenheit angehören.

Heute dimensioniert das Formprinzip Arbeit den Inhalt, verleiht ihm sozusagen einen Körper, der als dessen unabänderliche Gestalt erscheint. Was hingegen kreatives Schöpfen sein könnte oder emanzipatorisches Werken, lässt sich nur erahnen, bestenfalls negativ bestimmen, also sagen, was es nicht sein soll. Menschliche Tätigkeit kennt im kapitalistischen System und insbesondere in der deutschen Sprache bloß einen Namen: Arbeit. Das totalisierende Prinzip wird als totale Natur hingenommen.

Arbeit ist der Menschen täglich Brot. Nichts ist so tief verwurzelt wie das Bekenntnis zu ihr. Mensch sein heißt demnach Arbeiten müssen, dürfen, sollen, vor allem aber wollen. Wir wollen. Und wie wir wollen. Selbst wenn wir nicht wollen, wollen wir, ob wir wollen oder nicht. Dass dieses Wollen eigentlich ein Müssen ist, ein gesellschaftlich konstituiertes noch dazu, ist offensichtlich, wird aber permanent ignoriert. Der Arbeits-Freiwillige ist der mit freiem Wille ausgestattete Soldat der Arbeit. Er ist Teil eines Arbeitsheers, das in Schlachten und Feldzügen um Standorte und Absatzgebiete seine Werber und Waren ausschickt. Es geht um Okkupation. Arbeitsnegationisten, d. h. Arbeitsunwillige und Arbeitsverächter, Arbeitslose und Arbeitskritiker gleichen in diesem militärischen Realszenario Deserteuren. Nicht nur in der österreich-ungarischen Monarchie hat man mit solchen Leuten kurzen Prozess gemacht.

Alles hat der Wertverwertungmaschine zu dienen, sei es direkt durch Lohnarbeit, sei es indirekt durch alles andere, was sich zwar nicht unmittelbar rechnet, was aber trotzdem unabdingbar ist, damit der Kapitalismus funktioniert, neuerdings auch terminologisch geadelt, indem der Begriff alles andere überfällt, als könnte dieses nicht auch ohne ihn bestehen; nein, nein, alles hört auf ihr Kommando: Hausarbeit, Erziehungsarbeit, Beziehungsarbeit, Trauerarbeit. Die verwesende Arbeit ist über uns gekommen. Sie vergiftet alles…

Aber zweifellos, Arbeit adelt. „Hast Du eh Arbeit? „, ist eine geflügelte Frage, deren Bejahung einen aufatmen und deren Verneinung auf soziale Degradierung schließen lässt. Und immanent betrachtet, ist es das. Keine Arbeit zu haben, da weiß nicht nur jeder Arbeitslose, was das bedeutet. Es heißt ein entwertetes Es, ein gesellschaftliches Nichts zu sein.

Vom Wahn zur Abschaffung

Die Arbeit ist zur Zeit nirgendwo so stark verankert wie in den Köpfen. Es ist der Wille zu ihr, der sie hält. Ein Klammern, ein Nicht-wahrhaben-Wollen. Gerade in Zeiten, wo die Arbeit reell verfällt, steigt sie noch einmal ideell auf. Die Diskrepanz von Wahrnehmung und Entwicklung könnte krasser nicht sein. Es reüssiert ein kontrafaktisches Verhalten, eines, das die traditionellen Vorstellungen ernster nimmt als die aktuellen Wirkungen. Während das Formprinzip Arbeit als gesellschaftsverbindender Zusammenhang zerbricht, plustert es sich als weltanschaulicher Popanz geradezu auf. Die selige Himmelfahrt verkauft sich als irdische Hochzeit.

Die Arbeitsbirne ist eine Leuchte sondergleichen: Weil es zu wenig Jobs für Jugendliche gibt, müssen die Alten später in Rente. Weil die verbeamteten Lehrer zu viel kosten, müssen diese allerdings in Frühpension geschickt werden. Weil die Kaufkraft zu niedrig ist, müssen die Sozialleistungen und Löhne gedrückt werden. Und damit Arbeit geschaffen werden kann, müssen die, die Arbeit haben, länger arbeiten und nicht kürzer. Man könnte diese Liste geistiger Höhenflüge ins Unendliche fortsetzen. Aber das alles folgt wohl einem göttlichen Plan, dessen Komplexität wir einfach nicht kapieren.

Seien wir sicher: Je mehr die Leute arbeiten, desto mehr Arbeit schaffen sie nicht neu, sondern desto mehr schaffen sie ab. Je mehr sie ihre Produktivität erhöhen, desto mehr setzen sie andere außer Wert. Die steigenden Hektarerträge schufen nicht reiche Bauern, sondern führten zur Eliminierung eines ganzen Standes. Ähnliches gilt auch für Metall- und Textilarbeiter und viele andere Branchen bis hin zu Versicherungen und Banken. Einst fest Zugeordnete werden in dieser Anzahl nicht gebraucht. Unter kapitalistischen Vorzeichen bringt die Produktivkraftentwicklung die Produzenten reihenweise um ihren Produzentenstatus. Neuerdings gilt das auch für die so genannten Dienstleistungsberufe.

Geradezu irre ist der Widerspruch, dass, obwohl die Arbeit abnimmt, sie für die einzelnen stets zunehmen soll, sei es durch Arbeitsdichte, Arbeitszeitverlängerung oder die Hinaufsetzung des Pensionseintrittsalters. Der Wiener Nationalökonom Erich Streissler, ein würdiger Nachfolger des Apostel Paulus („Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen“), bringt die ganze Aggressivität der Arbeitsideologie auf den Punkt: „Solange man arbeiten kann, muss man auch arbeiten“, sagt er ganz unverhohlen. (Die Presse, 26. November 1999) Und wer dazu nicht mehr imstande ist, darf dann wohl sterben. Die Befreiung von der Arbeit kann hier nur noch im Jenseits stattfinden, im Diesseits hat sie keinen Platz. Arbeit und Leben sind in solchen Vorstellungen eins.

Keine andere Sinnstiftung wird zugelassen. Die so befangenen Menschen scheinen geradezu überfordert zu sein und geraten daher ins Beten. Sie stellen sich nicht den Fragen der Zeit, sondern geben ihre alten Stehsätzchen zum Besten, Marke: „Gearbeitet wurde immer“, oder „Arbeit zeichnet den Menschen aus.“ Mangels an gesellschaftlichen Alternativen sind solche Schlüsse naheliegend wie fatal. Arbeit meint Andacht, zweifelsfrei. Während das Gefängnis der Arbeit zusammenstürzt, will die Befangenheit partout nicht abnehmen, sondern spitzt sich zum Fanatismus zu. Die Insassen wollen nicht raus. Unter „draußen“ können sie sich gar nichts vorstellen. Der Gefangenenchor intoniert unverdrossen das Lied der Arbeit.

Es ist die Arbeit, die die Leute dumm macht. Wer sein Leben damit verbringt, täglich acht bis zehn Stunden Lebensmittelregale mit Preisschildern zu bekleben oder stumpfsinnige Werbesprüche für diverse Produkte zu erfinden oder routinierte Artikel zur österreichischen Innenpolitik abzusondern oder oder oder… , dessen oder deren kreatives Potenzial ist extrem beschnitten. Es verkümmert aufgrund seiner Beschlagnahme. Arbeit verstellt den Menschen ihre Möglichkeiten. Sich ihr auszuliefern und zu überantworten, wird zusehends gemeingefährlich. Natürlich wird auch in Zukunft nicht alles Lust sein können, aber die Herstellung kontrollierter Unlust, und nichts anderes ist die Arbeit, wird nicht mehr die Sozietät beherrschen.

Das Problem ist nun nicht, dass die Gedanken der Realität enteilen, sondern dass sie ihr hinterherhinken. Das System bettelt förmlich um Ablöse. Befreiung wird nur möglich sein, wenn dieser fetischistische Schleier, der die Arbeit Naturnotwendigkeit heißt, in den Köpfen zerschlagen wird. Die zentrale Aufgabe besteht darin, Befangenheit als solche wahrzunehmen, zu begreifen und aufzulösen. Das ist die Grundbedingung, Arbeit angreifen zu können. Der Weg zur individuellen Verwirklichung führt nicht über die Arbeit, sondern über deren Abschaffung. Die ist Voraussetzung, um ein Leben jenseits der Existenz bewerkstelligen und genießen zu können. Emanzipation ist, wenn die zentrale Frage der Kommunikation nicht mehr „Was machst du? „, lautet, sondern schlicht „Wer bist du? “ Nicht welcher Charaktermaske man dient, ist doch von persönlichem Interesse, sondern welcher Mensch man ist.

Zuviel, was wir da wollen? – Weniger ist nicht mehr drinnen!

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