Was zu beweisen ist

Zum Verhältnis von Logischem und Historischem bei Marx.

Streifzüge 3/2000

von Gerhard Scheit

Das Resultat ohne sein Werden ist offenbar die Form, in der das Subjekt automatisch denkt. Das zu wissen, heißt noch nicht, außerhalb dieser Form denken zu können. Der reinste Ausdruck dieser Form ist die Zahl bzw. die Gleichung.

Die Formulierung stammt von Hegel: „Denn die Sache ist nicht in ihrem Zwecke erschöpft, sondern in ihrer Ausführung noch ist das Resultat das wirkliche Ganze, sondern es zusammen mit seinem Werden; der Zweck für sich ist das unlebendige Allgemeine (… ) und das nackte Resultat ist der Leichnam, der die Tendenz hinter sich gelassen. „1 Es handelt sich hier um ein methodologisches Postulat, dessen Anforderungen im Grunde nicht erfüllt werden können. Hegel gab vor, es doch zu können – darin liegt der ganze Idealismus seiner Dialektik (der schließlich von der Leninschen Widerspiegelungstheorie noch einmal wiederholt wurde). Das „absolute Verhältnis des Inhalts und der Form“ als „das Umschlagen derselben ineinander“ wird zum positiven Begriff von Wissenschaft, „so daß der Inhalt nichts ist als das Umschlagen der Form in Inhalt, und die Form nichts als Umschlagen des Inhalts in Form“. 2 (Kein Wunder, daß „Umschlagen“ zur Lieblingsvokabel von Engels Dialektik der Natur avancierte. ) Das Resultat mit seinem Werden als Einheit von Inhalt und Form vollkommen darstellen zu können – weil doch „die Form das einheimische Werden des konkreten Inhalts selbst ist“3 -, heißt geradezu beweisen, daß was wirklich ist, auch vernünftig ist und das Ganze das Wahre; heißt geradezu leugnen, daß das unlebendige Allgemeine, der Leichnam, der Zweck ist, in dem sich die Gesellschaft erschöpft. „Einheit der Form und des Inhalts“ gilt dem Hegelschen Wissenschaftsbegriff ganz buchstäblich als „Versöhnung mit der Wirklichkeit“. 4 

Kant – von dieser Vollendung des Idealismus noch weit entfernt –  stellt hingegen lediglich fest, daß das Resultat, zu dem das Subjekt kommt, immer schon in seinem transzendentalen Kopf vorgeformt sei, weshalb das Subjekt immer nur in dieser Form denken könne. Für ihn gibt es überhaupt kein Problem des Werdens, denn die Formen, in denen Erkenntnis möglich ist, gelten ihm nicht als ein historisch Gewordenes und Veränderbares, sondern eben als Transzendentes. Sein Begriff von Logik beruht – wie Hegel kritisiert – auf der ein für allemal vorausgesetzten Trennung des Inhalts der Erkenntnis von der Form derselben. 5

Wenn nun Marx den Wert-Begriff der klassischen Nationalökonomie aufnimmt und seine Kritik der politischen Ökonomie eröffnet, versucht er durchaus dem methodologischen Postulat Hegels gerecht zu werden, eben auf materialistische Weise. Er möchte, wie Engels sich ausdrückt, die dialektische Methode vom Kopf auf die Füße stellen – aber sie zerspringt dabei in zwei Teile, in Form und Inhalt, Logik und Geschichte. Marx versucht sie zwar immer wieder zusammenzufügen, es gelingt jedoch nicht. Dieses Scheitern ist gewissermaßen von der Sache her gefordert.

Schon in der frühen Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie hat Marx im „Umschlagen“ der Form in den Inhalt, z. B. der Souveränität des Staats in den geborenen Körper des Monarchen etc. , 6 den Ansatzpunkt der Hegelschen Mystifikation kritisiert. Später, als Kritiker der politischen Ökonomie, entdeckt er darin die reale Mystifikation des Werts: das Kapital schlägt wirklich um, 7 und wie der leibhaftige Hegelsche Weltgeist mystifiziert es damit alles. Indem aber Marx es zu entmystifizieren sucht, zerfällt ihm die Einheit von Inhalt und Form, durch die Vermittlung hindurch tritt sie als Differenz hervor. Die Dialektik, die Marx in seiner Geschichtsmetaphysik der Arbeit und des Fortschritts, im Umschlagen von Produktivkräften (Inhalt) in Produktionsverhältnisse (Form) als positive Dialektik beschwören und der negativen des Kapitals entgegensetzen möchte, steht in der Wertformanalyse still.

Diesen Stillstand hat der Marxismus kaum je zur Kenntnis genommen, obwohl Erkenntniskritik nach Marx genau hier einzusetzen hätte: Wenn das , Erkenntnisinteresse‘, das Kapitalverhältnis real abzuschaffen, die Bedingung dafür ist, dessen Fetischcharakter zu durchschauen, hat die Erkenntnis auch das ideelle Interesse an der Darstellung positiver Totalität – als Einheit von Logik und Geschichte – aufzugeben und deren Differenz festzuhalten.

Die Wertform als Logisches

Die Studien von Hans-Georg Backhaus können zeigen, daß Marx die Wertformanalyse, wie sie im ersten Band des Kapital vorliegt, eigentlich nicht – wie vielfach von Marxisten behauptet – als Einheit von Historischem und Logischem entwickelt hat, sondern gewissermaßen rein logisch, dann aber in den verschiedenen Versionen der Darstellung historische Hinweise und Illustrationen eingefügt hat, um den Eindruck einer logisch-historischen Entwicklung zu erzeugen, wodurch es für Engels zuletzt relativ leicht wurde, sie als Darstellung des historischen Stadiums der „einfachen Warenproduktion“ mißzuverstehen. 8 Es stellt sich die Frage, warum die Einheit von Historischem und Logischem nicht möglich ist – und warum Marx (und das schon in den Grundrissen) dennoch das Bedürfnis hat, sie herzustellen.

„Nimmt man die historische Entwicklung des Geldes ernst, dann verschwindet die , eigentümliche Logik‘ seiner begrifflichen , Entwicklung‘ – so, wenn letztere als , korrigiertes Spiegelbild‘ der historischen deklariert wird. Nimmt man aber die logische , Entwicklung‘ des Geldes ernst, den Versuch nämlich, eine Wesensdefinition des Geldes zu gewinnen, dann verschwindet die theoretische Relevanz der historischen , Entwicklung‘ – so, wenn letztere bloß noch der , Illustration‘ oder der , Probe‘ dienen soll. „9 Tatsächlich geht es der Wertformanalyse um eine Definition oder um einen Beweis. Das heißt: sie geht von Annahmen aus und setzt Bestimmungen voraus, die sie selbst nicht definiert oder beweist. Marx selbst sagt, das „entscheidend Wichtige“ dabei sei, „den inneren nothwendigen Zusammenhang zwischen Werthform, Werthsubstanz und Werthgröße zu entdecken, d. h. ideell ausgedrückt, zu beweisen, daß die Werthform aus dem Werthbegriff entspringt. „10 Hier wird – bei näherem Hinsehen – unterschieden zwischen dem, was sich entdecken, und dem, was sich beweisen läßt. Der „innere nothwendige Zusammenhang“ zwischen der „Form“ und der „Substanz“ des Werts kann entdeckt und herausgearbeitet werden mit Hilfe von Beweisen – er selber aber ist im strengen Sinn nicht beweisbar. Beweisen läßt sich nur, daß etwas aus einem Begriff entspringt, der Begriff keineswegs.

Beweisen kann Marx, daß wenn 20 Ellen Leinwand = 1 Rock, nicht nur gilt: 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder = 10 Pfd. Tee oder = 40 Pfd. Kaffee usw. , sondern auch 10 Pfd. Tee= 40 Pfd. Kaffee = 1 Qrtr. Weizen = 20 Ellen Leinwand = 2 Unzen Gold = 1/2 Tonne Eisen =

Damit kann Marx – den Gegensatz von Gebrauchswert und Tauschwert, Naturalform und Wertform vorausgesetzt – beweisen, daß die allgemeine Äquivalentform „immer nur einer Waare“ zukommt „im Gegensatz zu allen anderen Waaren; aber sie kommt jeder Waare im Gegensatz zu allen anderen zu. Stellt aber jede Waare ihre eigne Naturalform allen anderen Waaren gegenüber als allgemeine Äquivalentform, so schließen alle Waaren alle von der allgemeinen Aequivalentform aus und daher sich selbst von der gesellschaftlich gültigen Darstellung ihrer Wertgrößen. „11 Marx führt also den Nachweis, daß in dem Begriff der Ware – immer vorausgesetzt: soweit er den Gegensatz von Gebrauchswert und Tauschwert einschließt – „bereits das Geld als an sich existierend dargestellt wird“, 12 wie Engels sich völlig korrekt in seinen Arbeiten zur Erstausgabe des Kapital ausdrückt: eine bestimmte Ware muß die Rolle des allgemeinen Äquivalents übernehmen „und erst dadurch wird die Ware vollständig Ware. Diese besondre Ware (… ) ist Geld. 13

Backhaus hat in dieser Hinsicht überzeugend dargelegt, daß „der im Anschluß an eine solche bloß an sich seiende Ware konstruierte , Austauschprozeß‘ ebensowenig etwas Wirkliches vorstellt: er sollte daher keineswegs mit dem wirklichen Austauschprozeß verwechselt werden. „14 Er ist gewissermaßen so wirklich wie eine Zahl: ein Beweis, der auf Bestimmungen beruht, die im strengen Sinn unbeweisbar sind.

Was Marx bewiesen hat, ist also, es gibt keine prämonetären Waren, Ware heißt immer auch Geld, eine Warenproduktion ohne Geld ist keine. Das richtet sich natürlich direkt oder indirekt gegen alle sozialistischen Utopien einer Abschaffung des Geldes unter Beibehaltung von Warenproduktion (z. B. Proudhon oder später Gesell): Ware ist nicht ohne Geld (des weiteren: Geld nicht ohne Zins) zu haben. Marx kann also beweisen, daß – vorausgesetzt die Ware ist als „zwieschlächtig Ding“ gesetzt, d. h. bestehend aus Gebrauchswert und Tauschwert – die Waren als Werte sich aufeinander nur beziehen können, indem sie sich auf ein Drittes beziehen.

Was aber die Substanz des Werts sein soll, ist damit nicht gesagt. Sie könnte z. B. – angenommen, Marx wäre ein religiöser Denker – göttlichen Ursprungs sein (was etwas abstrus erscheint, aber in Hinblick auf seine Geschichtsmetaphysik der Arbeit vielleicht nicht gar so weit hergeholt ist), die Wertformanalyse würde genauso gut funktionieren.

Marx deckt mithilfe der Wertformanalyse den inneren notwendigen Zusammenhang zwischen Wertform und Wertsubstanz (und damit auch Wertgröße) auf, aber er kann mit der Wertformanalyse natürlich nicht beweisen, daß die Substanz des Werts die Arbeit ist. Diese Bestimmung ist ihr vorausgesetzt, sie ist bereits in der Setzung der Ware als zwieschlächtig Ding aus Gebrauchswert und Tauschwert vorhanden: „Die gemeinsame gesellschaftliche Substanz, die sich in verschiednen Gebrauchswerthen nur verschieden darstellt, ist – die Arbeit. „15

Die Wertsubstanz als Historisches

Die Wertformanalyse, die das allgemeine Äquivalent aus der Struktur der Ware ableitet, erfüllt die Hegelsche Forderung gewissermaßen nur zur Hälfte: sie ist das Resultat mit seinem Werden; sie ist es aber in der Form des Resultats ohne sein Werden, in der logischen Form, jener Form, die sich der Tauschabstraktion selber verdankt.

Denn die logische Form sieht von dem ab, was sie voraussetzt; ist Abstraktion von den Bedingungen der Abstraktion. So setzt Marx bereits in den ersten Kapiteln die Existenz der abstrakten Arbeit voraus – als Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse, die er an anderen Stellen (zum Beispiel im Kapitel über die sogenannte ursprüngliche Akkumulation) historisch behandelt. Er muß allerdings von ihrem Werden absehen, soweit er die Gleichungen der 1. bis 4. Form des Werts aufstellt (1 Rock = 20 Ellen Leinwand etc. ) – und muß zugleich auf sie als einem Resultat rekurrieren und hinzufügen, daß der Wert etwa der Leinwand der bloß gegenständliche Reflex der als abstrakter verausgabten Arbeit ist, der sich aber nicht im Körper der Leinwand reflektiert, sondern durch ihr Wertverhältnis zum Rock „offenbart“. 16 Der Begriff der abstrakten Arbeit ist im logischen Zusammenhang der Wertformanalyse der eigentliche Bezug zur Geschichte, und nicht jene Illustrationen und „Fabeleien“ aus der Frühzeit des (prämonentären) Tauschhandels, die Marx nachgeschoben hat. In ihrem Begriff ist gleichsam der geschichtliche Wandel aufgespeichert, den Marx an anderen Stellen des Kapitals entfaltet.

Aber Marx changiert bekanntlich zwischen dem historischen Begriff  abstrakter Arbeit – als Substanz des Werts, und dem überhistorischen Begriff von Arbeit an sich – als der wahren, lebendigen Allgemeinheit der Gattung und Transzendentalsubjekt. Und vielleicht wurde Marx, weil dieser ontologisierende Begriff das Geschichtliche ausschloß, dazu verführt, die Geschichte an den falschen Stellen einzubauen und die Wertform mit archaischen Formen des Tauschens zu illustrieren; vielleicht hat ihn dieser Begriff, sofern er das historische Werden der abstrakten Arbeit – statt aufzuspeichern – auslöscht, dazu verleitet, die logische Form selbst als historisches Werden mißzuverstehen. Insofern liegt dem Fortgang von der ersten zur vierten Wertform kein historischer Prozeß, aber die abstrakte Arbeit als Historisches zugrunde: nur auf ihrer Basis kann die Warenproduktion als totalisierende Entwicklung gedacht werden und eben diese Totalisierung rekonstruiert Marx in der logischen Form.

Da also einer genauen Lektüre des Kapitals (einschließlich seiner Vorstufen und verschiedenen Fassungen) die Einheit von Logischem und Historischem notwendig zerfällt, wird es auch problematisch, aus der Kritik der politischen Ökonomie des Kapitals eine allgemeine Methode (der Geschichtsforschung oder gar der Wissenschaft überhaupt) zu extrapolieren. Umgekehrt können aber auch die Fragestellungen, die diese Kritik für die Formationen aufwirft, die dem Kapital voraufgingen, nicht einfach abgetan werden. „Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen, “ heißt es in der Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie. Und Schlüssel heißt natürlich, daß die Anatomie des Menschen mit der des Affen nicht identisch ist, im Gegenteil: „Die bürgerliche Ökonomie liefert so den Schlüssel zur antiken etc. Keineswegs aber in der Art der Ökonomen, die alle historischen Unterschiede verwischen und in allen Gesellschaftsformen die bürgerlichen sehen. Man kann Tribut, Zehnten etc. verstehn, wenn man die Grundrente kennt. Man muß sie aber nicht identifizieren. „17

Ist die Wertformanalyse auch nur an der ausgebildeten Form der Warenproduktion möglich, wie sie die seit der ursprünglichen Akkumulation totalisierte abstrakte Arbeit hervorgebracht hat, so heißt das nicht, daß die Probleme, die diese Analyse aufwirft, für die Formen von Ware und Geld vor der ursprünglichen Akkumulation ohne Bedeutung wären. Stellt Marx also die Vorgeschichte des Kapitals dar, das was der kapitalisierten Gesellschaft voraufging, etwa vorkapitalistische Formationen oder ursprüngliche Akkumulation, dann kann das vorangestellte Resultat so etwas wie ein Negativ bilden, an dem sich das mit ihm Nichtidentische als historisches Werden abzeichnet, eine Art Scheidewasser gesellschaftlicher Reproduktionsformen. (Und diese Negativität ist wiederum nicht mit dem immer wieder erkennbaren Bemühen von Marx zu verwechseln, die ontologisierte Arbeit selbst als das wahre Allgemeine des Gattungssubjekts durch die Geschichte hindurch zu verfolgen. )

Für bestimmte Entwicklungen seit der griechischen und römischen Antike verliert dieses Negativ jedoch einiges an Trennschärfe. Im Vorwort zur Erstausgabe des Kapital datiert Marx nicht zufällig das Problem, das er mit der Wertformanalyse zu ergründen beansprucht, mit der griechischen Polis und Aristoteles. „Die Werthform, deren fertige Gestalt die Geldform, ist sehr inhaltslos und einfach. Dennoch hat der Menschengeist sie seit mehr als 2000 Jahren vergeblich zu ergründen gesucht, während andrerseits die Analyse viel inhaltsvollerer und komplicirterer Formen wenigstens annähernd gelang. Warum? Weil der ausgebildete Körper leichter zu studieren ist als die Körperzelle. „18 Es ist aber gerade hier, als ob der lange Schatten des Kapitals ganze Perioden von dessen Vorgeschichte verdunkeln würde, als müßte für diese Perioden, in denen Marx das Ursprungsproblem der Warenform verortet, die Analyse mit Notwendigkeit ein Äußerstes an Spekulation aufbieten, um die historischen Fakten zu interpretieren und Fragen wie diese zu beantworten: In welchem Sinn kann für die späte Zeit der griechischen Polis bereits von abstrakter Arbeit gesprochen werden (wie es etwa die große Studie von Ulrich Enderwitz tut19)? In welchem Maß war es bereits von Bedeutung, daß die Waren zu ihrem Wert verkauft wurden?

Das Kapitalverhältnis ist jedenfalls ein Resultat, das die Formen vorgibt, in denen es (und seine Vorgeschichte) Gegenstand der Erkenntnis werden kann. Das Dilemma, dem Marx gegenüberstand, soweit Logisches und Historisches sich nicht zusammenfügen wollten, die Form nicht im geschichtlichen Inhalt aufging und der Inhalt nicht in der logischen Form, ist in der Tat der methodologische Ausdruck des „zwieschlächtig Ding“, der von ihm selbst inhaltlich benannten, doppelseitigen Struktur der Ware. So wie der Gegenstand der Kritik der politischen Ökonomie auseinanderfällt in Tausch- und Gebrauchswert, so ihre Methode in Logik und Geschichte, ahistorische Analyse der Wertform und historische Darstellung der Akkumulation des Kaptals. 20

Dieses Inkommensurable sich klarzumachen, gehört zu einer kritischen Theorie, die ihre eigenen Voraussetzungen reflektiert. Das Bewußtsein des Erkennenden, in den Gegenstand der Erkenntnis involviert zu sein – durch deren eigenste Antinomien hindurch -, klärt Kritik über sich selbst auf; verhindert, daß sie als Positives und Ewig-Gültiges sich mißversteht, Anthropologie oder Ontologie lehrt, konstruktiv wird und Utopien predigt. Es ist das eine Selbstreflexion, die Marx und dem Marxismus immer nur soweit verstellt blieb, als sie in Arbeit und Arbeiterbewegung eine Art Transzendentalsubjekt oder Weltgeist zu haben glaubten, worin alle Aporien aufgehoben werden konnten. (So erklärt sich, daß Marx die Trennung des Logischen und Historischen, die er als Kritiker der politischen Ökonomie betrieb, als Theoretiker der Arbeiterbewegung nicht akzeptieren, ja nicht einmal verstehen konnte – ehe sie dann vom Marxismus für lange Zeit vollständig verdeckt wurde. )

Wer sich aber nun einfach auf eine der beiden Seiten schlägt: an der reinen Wertformanalyse (gereinigt nicht nur von den falschen historisierenden Zutaten, sondern auch von der richtigen Frage nach der Wertsubstanz) sein Genügen findet und die Wertform selber also nicht mehr als Historisches und darum zu historisierendes, d. h. abzuschaffendes, begreifen kann; oder wer umgekehrt das Kapitalverhältnis restlos in Geschichte auflöst (als wäre die Identität nur ein Element des Nichtidentischen) und nichts davon wissen will, daß die Erzählung des Werdens stets durch dessen Resultat zu brechen ist (und darum immer nur Vorgeschichte sein kann) – der wird sich immer außerhalb davon wähnen, was er untersucht und zu kritisieren glaubt (im einen Fall ein göttlicher Logiker, im anderen ein allwissender Erzähler); der wird eben jene Subjektposition im Denken immer nur bestätigen, die der Geldbesitzer auf dem Markt behauptet – so er wirklich Geld in der Tasche hat: die ihm also das angenehme Gefühl verschafft, Herr im eigenen Haus zu sein – und sei dieses Haus auch nur das eigene Hirnkastl.

Auschwitz

Beweisen läßt sich nur etwas in der Form des Resultats ohne sein Werden. Beweisen läßt sich streng genommen nur, daß 1 + 1 = 2. Wer daraus aber – dem „Zwangsfolgern“ (Hannah Arendt) gehorchend – den Schluß zieht, daß sich dann etwa auch die Shoa nicht beweisen lasse und darum diese Tatsache in Frage gestellt wäre, der verkennt, um welche Frage es hier geht.

Der Beweis sieht von den Bedingungen ab und setzt sie doch voraus. Beweisen heißt, über die Voraussetzungen des zu Beweisenden schweigen: weil sie entweder ganz klar oder gar nicht bedacht sind. Klar oder unbedacht ist, daß Dinge oder Menschen sich überhaupt zusammenzählen lassen, als wären sie identisch. Die gesamte Mathematik ist auf dieser Voraussetzung oder Annahme aufgebaut, die sich selbst natürlich nicht beweisen läßt. Sie beruht auf der Abstraktion von allem Nichtidentischen – und als ideelle Abstraktion ist sie Teil jener „Abstraktion, die in dem gesellschaftlichen Produktionsprozeß täglich vollzogen wird. „21

Der Beweis ist, wie gesagt, eine Operation in der Form des Resultats ohne dessen Werden. Er beruht auf festgelegten, vereinbarten Maßstäben; auf geistigen Versuchsanordnungen. Die Zahl ist deren Inbegriff. 1 + 1 = 2 kann zwar selbst als Vorgang des Werdens begriffen werden (das Addieren als Prozeß), aber die Form dieses Vorgangs ist das Resultat ohne dessen Werden, die Identität ohne das Nichtidentische: 1 = 1.

Der „kategorischen Imperativ“ von Marx lautet, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. 22 Aber diese Verhältnisse sind, wie niemand anderer als Marx erkannt hat, real abstrakt geworden, über reale Abstraktionen vermittelt. Sich einzubilden, sie seien allesamt konkret geblieben; so zu tun, als gäbe es darin keine Logik, als müßte nur die Abstraktion widerlegt und weggedacht werden und das Konkrete wäre befreit, bedeutet, zum absoluten Irrationalismus überzulaufen (wie er sich heute am zeitgemäßesten in der Esoterik verkörpert).   Als falsche Alternative bietet sich dagegen der Rationalismus an, der die abstrakt gewordenen Verhältnisse anerkennt und dafür den kategorischen Imperativ preisgibt.

Der nationalsozialistische Massenmord wird in der Form des Resultats ausgedrückt: in Zahlen. Das Unbehagen daran, das unerträglich wird, wenn über die Zahlen gestritten werden muß, verweist auf das Unvermögen, die reale Tat zu fassen. Über die Voraussetzungen dieses Resultats herrscht entweder Klarheit oder Unwissen. Wenn als bewiesen gilt, daß 6 Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden, wird stillschweigend vorausgesetzt, wer sie ermordet hat. Jeder, der als politisch korrekt gelten will, hütet sich, den Massenmord in Frage zu stellen. Sobald jedoch die Frage aufgeworfen wird, wer denn nun eigentlich den Mord begangen hat, zerfällt die political correctness und die Auseinandersetzungen beginnen: die Deutschen, die Nazis, das Monopolkapital, die SS, die KZ-Kommandanten, Hitler, das Abendland, „der Mensch“? Darum auch sind Untersuchungen wie die von Goldhagen so wichtig: sie machen deutlich, daß jeder Beweis eine ganze Kette von Fragen nach sich zieht, die wiederum Beweise erfordern, deren Voraussetzungen neue Fragestellungen aufwerfen. Die Fragen nach den Voraussetzungen des Beweisbaren zielen ebenso auf die Schuld jedes einzelnen Täters, seinen individuellen Handlungsradius, wie auf die Totalität, auf das Ganze als das Unwahre.

Allein der Beweis, daß es sich bei einer bestimmten Anzahl von Ermordeten um Juden handelt, und nicht um Russen, Polen etc. oder Deutsche, setzt zunächst voraus, die Kriterien, nach denen die Nazis und die Deutschen selektierten, die Kriterien also von Antisemitismus und Nationalsozialismus als formale übernehmen zu müssen: also daß ein Deutscher nicht als Jude gelte und ein Jude nicht als Deutscher; daß ein Jude deshalb, weil er , jüdische‘ Eltern hat, als Jude definiert werde usw. Diese formalen Kriterien einerseits zur Kenntnis zu nehmen, um die Tatsache des Massenmords und die Identität der Täter nachzuweisen, heißt andererseits nicht, ihre inhaltlichen Voraussetzungen auch nur im Ansatz zu akzeptieren – ein Ansatz, der etwa in der Behauptung bestehen könnte, es gebe, wie auch immer bewertet, eine jüdische Rasse; der Begriff Rasse bezeichne, jenseits der Projektion und des Vernichtungswahns, sinnvoll eine existierende „lebendige“ Allgemeinheit etc.

Die Selektion, die der Nationalsozialismus betrieben hat, ist der extremste Fall von Identität: totale Einheit von Inhalt und Form, Irrationalem und Rationalem in der Vernichtung. Materialistische Kritik der Identität, die den irrationalen Inhalt jederzeit negieren muß, kann die formalen Gesetze nicht im selben Atemzug für inexistent erklären, da sie doch jene von Menschen geschaffenen Verhältnisse kennzeichnen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Sie hält jedoch das Logische nur fest, um an ihm die Ausbeutung und Unterdrückung, Verfolgung und Vernichtung der Individuen sichtbar zu machen und dem unwahren Ganzen, das davon und darin existiert, zu widersprechen.


1          Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes. Werke (Redaktion Eva Moldenhauer u. Karl Markus Michel). Frankfurt am Main 1970. Bd. 3. S. 13

2 1         G. W. F. Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften. 1. Teil. Werke Bd. 8, S. 265. Im Ästhetischen mündet dieser Idealismus in eine klassizistische Norm: „Wahrhafte Kunstwerke sind eben nur solche, deren Inhalt und Form sich als durchaus identisch erweisen.“ (Ebd. S. 266) Adornos Ästhetische Theorie hat dem erwidert: „Die Artikulation, durch die das Kunstwerk seine Form erlangt, konzediert in gewissem Sinn stets auch deren Niederlage. Wäre bruchlose und gewaltlose Einheit der Form und des Geformten gelungen, wie sie in der Idee der Form liegt, so wäre jene Identität des Identischen und Nichtidentischen verwirklicht, vor deren Unrealisiertheit doch das Kunstwerk ins Imaginäre der bloß fürsichseienden Identität sich vermauert. (… ) Gegen die banausische Teilung der Kunst in Form und Inhalt ist auf deren Einheit zu bestehen, gegen die sentimentale Ansicht von ihrer Indifferenz im Kunstwerk darauf, daß ihre Differenz in der Vermittlung zugleich überdauert. Ist die vollkommene Identität von beidem schimärisch, so geriete sie wiederum auch den Werken nicht zum Segen; sie würden, nach Analogie zum Kantischen Wort, leer oder blind (… ).“ (Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main 1977. S. 219 u. 221f. ) Solcherart Reflexion auf Inhalt und Form hat in der politischen Ökonomie im Hinblick auf die eigene Methode und speziell in der Rezeption des Marxschen Werks kaum je stattgefunden.

3          Hegel, Phänomenologie, S. 55

4          G. W. F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts. Werke Bd. 7,   S. 27

5          Vgl. G. W. F. Hegel: Wissenschaft der Logik. Werke Bd. 5, S. 36

6          Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Marx/Engels Werke. Berlin/DDR 1956ff. (MEW) Bd. 1, S. 235

7          Z. B. : „Endlich die Fähigkeit von Gold und Silber, aus der Form der Münze in die Barrenform, aus der Barrenform in die Form von Luxusartikeln und umgekehrt verwandelt zu werden, ihr Vorzug als vor andern Waren, nicht in einmal gegebene, bestimmte Gebrauchsformen gebannt zu sein, macht sie zum natürlichen Material des Geldes, das beständig aus einer Formbestimmtheit in die andre umschlagen muß.“ (Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. MEW Bd. 13, S. 130) „Das Äquivalent ihres Werts, das die Arbeitskraft während ihrer Funktion dem Produkt zusetzt und das mit der Zirkulation des Produkts in Geld verwandelt wird, muß aus Geld beständig in Arbeitskraft rückverwandelt werden oder beständig den vollständigen Kreislauf seiner Formen beschreiben, d. h. umschlagen (… ).“ (Karl Marx: Das Kapital. Bd. 2. MEW Bd. 24, S. 165)

8          Vgl. Hans-Georg Backhaus: Dialektik der Wertform. Freiburg 1997. S. 67-298

9          Ebd. S. 260

10        Karl Marx: Das Kapital. Bd. 1. [1. Auflage 1867] Marx/Engels Gesamtausgabe Berlin/DDR 1975ff. (MEGA2) II. Abt. Bd. 5, S. 43

11        Ebd. S. 43

12        Friedrich Engels: [Rezension des Ersten Bandes , Das Kapital‘ für die , Zukunft‘. ] MEW Bd. 16, S. 208

13        Friedrich Engels: [Konspekt über] , Das Kapital‘ von Karl Marx. Erster Band. MEW Bd. 16, S. 246

14        Backhaus, Dialektik der Wertform, S. 291

15        Marx, Das Kapital Bd. 1 [1867], S. 19

16        Ebd. S. 30

17        Karl Marx: Einleitung [zur Kritik der politischen Ökonomie]. MEW Bd. 13. Berlin/DDR 1981. S. 636

18        Marx, Das Kapital Bd. 1 [1867] S. 12

19        Enderwitz spricht sogar von der antiken Polis als einem „vexierbildlich aufschlußreichen Vorgriff auf die kapitalistischen Gesellschaften der Gegenwart.“ Ulrich Enderwitz: Reichtum und Religion. 3. Buch. Die Herrschaft des Wesens. Bd. 2. Die Polis. Freiburg 1998. S. 185-292

20        Dieser methodische Zwiespalt betrifft schließlich auch den Begriff einer Sache, die so kompakt und schlüssig erscheint wie der Gebrauchswert. Wer den Verfall oder das Verschwinden des Gebauchswerts in der Moderne als historische Tendenz konstatiert, kommt andererseits nicht darum herum, soweit er von Wertform spricht (und nicht mit Wolfgang Pohrt die „Ablösung des Wertgesetzes durch das Gesetz des Stärkeren“ behauptet; Theorie des Gebrauchswerts, Berlin 1995, S. 251) auch weiterhin logisch von Gebrauchswert zu sprechen, denn ohne Gebauchswert, keine Ware und kein Wert. So wäre denn auch hier zu unterscheiden: zwischen einem historischen und einem logischen Gebrauchswertbegriff.

21        Marx, Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie, S. 18

22        Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. MEW Bd. 1, S. 385

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