Positive Postpolitik

Kurze Replik zu Schandls „Bewegungsversuche auf Glatteis“ (Streifzüge 3/00)

Streifzüge 3/2000

von Stephan Grigat

I.

Franz Schandl meint, das Kritierium der Praxis habe die Wirkung zu sein, nicht die Wahrheit. Theorie soll sagen, „was warum ist“. Praxis hingegen solle versuchen, „was geht“. Nun, ohne den Anspruch auf Wahrheit geht gar nichts. Weder in der Theorie, noch – so man die von Schandl vorgenommene Trennung mitmachen will – in der Praxis. Wenn man bei dem, was Schandl Praxis nennt, nicht mehr sagt, was warum ist, kann man sie bleiben lassen. Man ist dann beim taktierenden Praktizismus angelangt, mithin beim Politikmachen.

Als wichtigster Begriff für auf allgemeine Emanzipation gerichtetes Handeln wäre ohnehin weder Theorie noch Praxis, sondern Kritik zu benennen. Und die kann sowohl als geschriebenes Wort als auch – um es deutlich zu machen – bewaffnet auftreten. In jedem Fall geht es ihr nicht darum, wie Schandl es sich für die Praxis wünscht, Fronten „aufzubrechen und aufzulösen“,   sondern – um bei Schandls Begriff zu bleiben – Fronten sichtbar zu machen und gegebenenfalls auch klarer zu ziehen. Sollte dann jemand von der anderen Seite desertieren, von der Seite des Nationalismus, von der Seite Deutschlands oder Österreichs hin zur rücksichtslosen Kritik alles Bestehenden, so wurde das Ziel erreicht. Das wird aber gerade nicht durch ein Aufweichen der Trennungslinie zwischen den Gesellschaftskritikern einerseits und den wert- und staatsfetischistischen, nationalistischen, mehr oder weniger rassistischen, sexistischen und antisemitischen Warenmonaden andererseits erreicht werden, sondern, wenn überhaupt, nur durch Kritik, die in ihrer Unversöhnlichkeit gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen gar nicht konsequent und radikal genug sein kann. In der Regel schließt die Unversöhnlichkeit gegenüber den Zuständen die Unversöhnlichkeit mit den diese Zustände – wie bewußtlos auch immer – konstituierenden Subjekten mit ein. Als Kritiker des Geldes können wir niemanden vorwerfen, daß er oder sie mit Geld hantiert. Als Kritiker Deutschlands oder Österreichs können wir allen sich deutsch oder österreichisch Fühlenden aber jede Menge vorwerfen. Da können die Fronten gar nicht klar genug sein.

II.

Schandls Aversion gegen das „Sektierertum“, also gegen kleine linksradikale Zirkel, die heute die adäquate Daseinsform organisierter Kritik sind, zeugt von einer Unzufriedenheit mit der eigenen Position. Dazu paßt auch seine Forderung, die „kaum nachvollziehbare Geschichte der Spaltungen“ in der Linken endlich hinter sich zu lassen. Dabei hat es sich bei diesen Spaltungen nicht selten um sehr folgerichtige Entscheidungen gehandelt, die eher zu spät als zu früh gefällt wurden. Spaltungen in der Linken sind nicht zuletzt das Ergebnis ernsthafter theoretischer Anstrengungen, die Unvereinbarkeiten von Positionen zu Tage fördern. Konsequenterweise arbeitet man dann nicht mehr direkt zusammen, was nicht heißt, daß man sich nicht mehr miteinander auseinandersetzen sollte. Ausnahmen, wie eben der „Kritische Kreis“, bestätigen hier tatsächlich nur die Regel.

III.

Die Rede von einer „postpolitischen“ Praxis, zu der auch die völlige Ausblendung des Staates in Schandls Text paßt, weist auf einen der umstrittenen Punkte im „Kritischen Kreis“ hin. Während es bei der Rede von „postpolitischer“ Praxis stets so klingt, als wäre der einzige Grund, warum linksradikale Gesellschaftskritik nicht politisch werden soll, darin zu suchen, daß die Politik heute ausgebrannt sei, oder wie es bei Robert Kurz heißt, das „Ende der Politik“ gekommen sei. Politik wäre demnach zu kritisieren, weil sie nichts mehr kann. Antipolitik oder Kritik der Politik hingegen richtet sich gegen sie, weil das, was sie sehr wohl noch kann, hundsmiserabel ist (und auch immer schon war).

IV.

Wenn Schandl anfängt, konkrete Vorschläge zu neuen Formen von Praxis zu machen, da ihm Streiks, Demonstrationen und Kundgebungen zu altbacken sind, wird es merkwürdig harmlos. Man soll Meinungsforschern die Angaben verweigern oder doch wenigstens Geld für seine Auskunftswilligkeit verlangen. Dann doch lieber eine fade Demo, bei der man mit seiner Kritik versucht, sowohl PassantInnen als auch DemonstrantInnen zu provozieren.

V.

Am Ende seines Textes wird Schandl positiv, was ihm bei einer seinen Vorstellungen entsprechenden Praxis sicherlich entgegenkommt, aber hinter zentrale Einsichten Kritischer Theorie über das Verhältnis von Utopie und Kritik zurückfällt. Zwei Dinge gehen hier in Schandls Text durcheinander: „Die Welt ohne Geld sich vorzustellen (… ) sollte doch geboten sein, nicht verboten.“ Bitte schön. Ein Geld- und Wertkritiker, der sich das noch nie vorgestellt hat, wäre eine merkwürdige Figur. Was man sich vorstellen kann ist die eine Sache, die andere ist jedoch, was man anderen anbietet. Schandls Schlußaufruf, mit dem wohl nun zur Praxis geschritten werden soll, handelt nicht davon, sich etwas vorzustellen, sondern davon, mit alternativen Gesellschaftsentwürfen bei Leuten hausieren zu gehen, die sich entweder überhaupt nicht für Gesellschaftskritik interessieren oder eben nur dann, wenn man ihnen eine konkrete Utopie vorsetzt: „Ohne Telos keine Mobilisierung! “ Auf derartige Mobilisierung kann man getrost verzichten.

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