Das Verwesen der Arbeit

von Franz Schandl

Auch wenn sich alle streiten, sind sich alle einig. Arbeit muß geschaffen werden. Alle sind dafür, und niemand fragt, warum. Nicht so der folgende Beitrag.

Eines der gängigsten Vorurteile ist: Arbeit hat es immer gegeben, Arbeit wird es immer geben, Arbeit zeichnet den Menschen aus. Diese Liebe zur Arbeit nannte schon Paul Lafargue eine "seltsame Sucht". Heute nun gibt es nicht mehr genügend Drogen, um diese Sucht zu stillen. In Zeiten der Ernüchterung verhalten sich die Süchtigen aber wie Abhängige auf Entzug. Überall trachten sie daher, Arbeit aufzustellen. Schließlich will man die "Schlacht für die Arbeit" (Lionel Jospin) gewinnen.

Die Slogans weisen alle in dieselbe Richtung: "Arbeit durch Umwelt" (Grüne), "Arbeit durch Wirtschaft" (ÖVP) "Arbeit für alle" (eigentlich alle). "Arbeit, Arbeit, Arbeit" plakatieren die Parteien und schreien die Arbeitslosen. Trotz aller politischen Differenzen gab und gibt es einen starken und breiten Konsens, ein unhinterfragtes Bekenntnis zur Arbeit. Arbeitsplatzmangel wird meist auf irgendeine falsche Politik zurückgeführt oder gar auf böswilliges neoliberales Agieren: Die Politik könnte es schon richten, wäre sie nur die richtige.

Alles Arbeit?

Alle reden von Arbeit. Aber reden alle, wovon sie wissen? Grundgelegt ist diesem Gerede ein ontologischer Arbeitsbegriff, der versucht, alles, was nur irgendwie in den Bereich einer Tätigkeit fällt, für sich zu vereinnahmen. Für den Systemtheoretiker Niklas Luhmann etwa ist die Arbeit nichts anderes als eine Operation, die unmittelbar zur Beseitigung von Knappheit dient. 1 So als würden unschuldige Stoffe und materielle Bedürfnisse ein fröhliches Stelldichein veranstalten. Die Behauptung: "Arbeit ist ein Zentralbegriff des Menschseins, so wie Freiheit oder Tod oder Liebe" (Gerhard Schwarz)2 ist naheliegend, aber falsch.

Der Terminus Arbeit versucht sich nun, nach seiner Etablierung, immer stärker räumlich, aber auch zeitlich auszudehnen. Die ausufernde Begrifflichkeit ist allerdings zum Irrläufer geworden. Einmal in die Welt gesetzt, soll die Welt mit ihr identisch werden. Der kolonialistische Überfall der Gegenwart auf die Vergangenheit und die Zukunft erscheinen als natürliche Betrachtungsweise. Was dem vormodernen Menschen Gott, ist für das moderne Individuum die Arbeit. Ihm gilt es, sich zu opfern und zu überantworten.

Selbst in durchaus interessanten Publikationen, wie im von Ina Paul-Horn herausgegebenen Sammelband "Transformation der Arbeit" schreibt dieselbe: "Arbeit heißt eine Tätigkeit, in der sich gegenwärtiges Handeln planvoll auf einen zukünftigen Zweck ausrichtet. "3 Wenn das Arbeit heißt, was kann ein erweiterter Tätigkeits- oder Werkbegriff dann noch außerhalb dieser umfassen? Wohl nichts mehr, würden wir meinen. Die Assoziation von Arbeit ist also völlig differenzlos in den Tätigkeitsbegriff gefallen. Da ist auch Radfahren Arbeit, denn das Treten der Pedale (=gegenwärtiges planvolles Handeln) erfüllt eine gewünschte Ortsveränderung (=zukünftiger Zweck). Man nennt das wohl jetzt Bewegungsarbeit. Wenn ich angeregt diskutiere (=gegenwärtiges planvolles Handeln, um einen Streit aus der Welt zu schaffen (=zukünftiger Zweck), dann ist das Arbeit, Beziehungsarbeit nennt sich das heute.

Außerdem, was sind Tätigkeiten, die Handeln nicht auf einen zukünftigen Zweck ausrichten? Heißt das dann, daß der Rest der Tätigkeit, der Nichtarbeit ist, auf zwecklose Tätigkeiten aus ist? Ferner: Was ist der Inhalt des angeführten Zweckes? Das bürgerliche Individuum sieht vor lauter Arbeit keine Differenz mehr. Ihm ist wahrlich alles gleich. Arbeit ist Arbeit ist Arbeit. Was Arbeit ist, ist damit aber keineswegs gesagt. Je mehr man überall Arbeit sieht, desto weniger kennt man sich aus.

Kabarettistisches Stelldichein

Von der Trauerarbeit bis zur Beziehungsarbeit, von der Pflegearbeit bis zur Erziehungsarbeit, alles hat Arbeit zu sein und sein zu wollen. Daß die Trauer vielleicht Trauer, die Erziehung Erziehung ist, scheint vergessen zu sein. Je prekärer es für die Arbeit wird, desto mehr treibt sie ideologische Spielchen, ja sie nistet sich in der gesamten Sprache ein und brütet einen Schwachsinn nach dem anderen aus. Wie ein Virus bewegt sie sich durch die geläufige Terminologie, und alle scheinen befallen, quargeln das Unverdauliche nach als sei es selbstverständlich. Die aggressive Ausbreitung und die Vehemenz ihrer unterschiedlichsten Propagandisten läßt aufhorchen. Je weniger die Arbeit reell trägt, desto mehr blüht sie ideell auf.

Der Kabarettist Werner Schneyder brachte das erst unlängst auf den Punkt. Die Persiflage wider Willen liest sich so: "Der Mensch hat nicht ein , Recht auf Arbeit‘, er hat ein , Recht auf Geld‘, also auf Gewinnbeteiligung, Bruttosozialproduktanteil. Das Wort , Arbeitslosenunterstützung‘ ist eine ideologische Frechheit. Es müßte heißen: , Freizeitgestaltungshonorar‘. (… ) Es gibt unzählige Möglichkeiten, durchaus auch gesellschaftlich wichtige, Freizeit als Arbeitszeit zu begreifen. Beginnen wir beim menschlichen Körper. Dessen Pflege — Frisur, Rasur, Kosmetik — ist Arbeit, Dienst an der Mitmenschheit, weil deren Ausblicke durch Anblicke verschönert werden. Gleiches gilt für Hosen bügeln, Schuhe putzen, Flecken entfernen. Pflege der Blumenbeete, des Rasens, der Hausfassade erfordert Arbeit, ist Arbeit. Lesen mit dem Ziel der Information oder Erkenntnis ist Arbeit. Das Erlernen von Musikinstrumenten, um nicht nur sich, sondern auch der Mitmenschheit Freude zu machen, ist Arbeit. Das nach Ende der Ausbildung mögliche Freudemachen mit Musik ist Arbeit. Das Gespräch, die Diskussion zur Meinungsfindung ist Arbeit. "4

Wir vervollständigen: Zähneputzen ist Arbeit. Und Socken wechseln. Und Schlauchboot fahren. Warum sollte es nicht bezahlt werden? Und auch Besuche machen? Fragt sich jetzt nur: Zahlt der Besuchte oder der Besucher, der Nationalstaat oder die Europäische Union? Und was, wenn jene sich in einem Lokal treffen, dann teilen sie sich wohl die Bewegungsarbeit, die sie selbstverständlich austauschen müssen. Und warum nicht auch küssen und streicheln und bumsen? Denn das ist Vergnügungsarbeit. Oder hat da irgendwo die Arbeit aufgehört? Etwa beim Schlafen? Nein, das ist jetzt Schlafarbeit. Alles was ist, ist Arbeit. Dasein soll Arbeit sein, so lautet das erste Universalgebot im überkonfessionellen okzidentalen Gebetbuch.

Ein Grundirrtum der Jetztzeit ist, daß wir unser Tun nur als Arbeit begreifen können. Diese Maßlosigkeit subsumiert alle Tätigkeiten unter dem Dach der Arbeit. Die Kategorie ist irre geworden, sie überfällt unschuldige Hauptwörter. Wie ein Krebsgeschwür wuchert sie vor sich hin. Vom Kanzler bis zum Künstler: alle blöken von Arbeit. Selbst viele Kritiker figurieren als die willfährigen Überträger all dieser Unsinnigkeiten.

Arbeit als Abstraktion

Was haben Brötchen backen, Straßen kehren, Gefangene beaufsichtigen, Kranke pflegen, Obst verkaufen, Kühe melken, Artikel schreiben, Geld transportieren und Bomben werfen gemeinsam? Daß sie eben als entlohnte Arbeit anerkannt sind, daß es Geld für sie gibt. Alle können in Euro ausgedrückt werden. Können sie es nicht, dann sind sie trotz aller Mühe und Anstrengung keine Arbeit gewesen, weil sie eben vom Wesen der Verwertung nicht erfaßt worden sind. Vom Wert her betrachtet kann die gleiche Tätigkeit Arbeit sein oder eben auch nicht. Das ist abhängig davon, in welcher Konstellation sich diese gesellschaftlich entfaltet. Der spezifische Charakter der Tätigkeit ist von einer außermonetarischen Sinnlichkeit jedenfalls nicht zu erfassen.

Gegen den gesunden Menschenverstand gilt es festzuhalten: Arbeit ist eine wertbildende und somit auf den Markt bezogene Tätigkeit zum Zwecke der Verwertung. Arbeit muß sich für den Markt qualifizieren und quantifizieren. Stets ist sie auf der Suche nach Möglichkeiten zur Äquivalierung. "In ihrer spezifisch historischen Gestalt ist sie nichts weiter als die abstrakte betriebswirtschaftliche Vernutzung von menschlicher Arbeitskraft und Naturstoffen, "5 schreibt Robert Kurz. Arbeit läßt sich nur als abstrakte Arbeit denken: "Das Allgemeine und Objektive in der Arbeit liegt aber in der Abstraktion, welche die Spezifizierung der Mittel und Bedürfnisse bewirkt, damit ebenso die Produktion spezifiziert und die Teilung der Arbeiten hervorbringt. "6

Die so dechiffrierte Arbeit ist somit keine ontologische Größe, sondern eine historisch begrenzte Notwendigkeit. Wenn hier also von Arbeit gesprochen wird, dann ist darunter Erwerbsarbeit zu verstehen. Im Deutschen ist die äußerst sinnvolle Differenzierung zwischen Arbeit(en) und Werk(en) im Laufe der letzten Jahrhunderte weitgehend verloren gegangen. Der Umgang mit der Kategorie "Arbeit" ist daher äußerst problematisch, da es anders als zum Beispiel im Englischen keine Unterscheidung zwischen "work" und "labour" gibt.

Zu tun gibt es wahrlich genug. Was ausgeht, ist die Lohnarbeit. Warum glauben wir nun akkurat, daß sie uns erhalten bleiben soll? Die einfache Antwort darauf ist, daß unser Auskommen am Einkommen hängt. Daß somit Arbeit als existentielle Notwendigkeit auftritt. Wir uns ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen können, nein: dürfen. Alles, was heute über die Marktwirtschaft hinausdenkt, wird als Halluzination diskreditiert, da mag es den bürgerlichen Individuen noch so dreckig gehen. Ein positiv gewendeter Abschied von Arbeit, Geld und Wert erscheint als ein völlig utopisches Hirngespinst. Doch in negativer Form veranstaltet er sich mit all seinen zerstörerischen Auswirkungen gerade eben jetzt an den Betroffenen.

Der Arbeitskritiker André Gorz schreibt in seinem allerneuesten Buch: "Das unbedingte Bedürfnis eines ausreichenden Einkommens dient als Vehikel, um im Gegenzug das , unbedingte Bedürfnis nach Arbeit‘ einzuschmuggeln. "7 Aber auch dieses "unbedingte Bedürfnis nach Einkommen" ist zu hinterfragen, es ist selbst bloß ein durch die Warengesellschaft bedingtes. Gorz bleibt in seiner Kritik auf halbem Wege stehen. Auch er versteht Einkommen primär als monetäre Größe. Nicht Arbeit und Einkommen wären zu entkoppeln, sondern das individuelle Auskommen ist vom Zwang zum individuellen Einkommen — sei es direkt oder indirekt — zu befreien.

Zu essen ist ein unbedingtes Bedürfnis, Geld zu haben lediglich ein sozial bestimmtes. Nichtsdestoweniger ist für die modernen Subjekte Arbeit oder Geld das, was für den mittelalterlichen Menschen Gott gewesen ist: der Überfetisch. "Arbeit existiert notwendig" könnte man gegenwärtig frei nach Spinoza sagen. Detto Geld. Doch dieses abendländische Prinzip von ora et labora ist schwer erschüttert, und zwar in all seinen Varianten, vom Protestantismus bis zum Sozialismus. Da nützen Kreuzzüge ebensowenig wie Beschäftigungsoffensiven.

Kapital liebt Arbeit

Arbeit als zentrales Formprinzip ist ein spezifisches Produkt der kapitalistischen Modernisierung, der Durchsetzung von Wert und Ware. Vorher hat es Arbeit als verbindliches Prinzip schlichtweg nicht gegeben, bzw. spielte sie als solche nur eine äußerst marginale Rolle. "Als ich dem arbeitswütigen G. gegenüber beiläufig erwähnte, daß es Arbeit, gemessen am Alter der Menschheit, erst seit einer relativ kurzen Zeit gebe, da schnappte er nach Luft, "8 schreibt Günther Anders.

Arbeit ist kein physiologischer Terminus, sondern eine gesellschaftliche Realkategorie. Ihr Aufstieg verläuft parallel zu Aufklärung und Kapitalismus. Alles, was uns heute so vertraut ist — Demokratie, Recht, Sozialstaat, Politik, Nation, Vertrag, Ware, Markt etc. gehört demselben historischen Kontinuum an, kann von diesem nicht abgelöst werden, obwohl gerade das immer wieder geschieht. Deren Durchsetzungs- wie Verfallsgeschichte ist ein und dieselbe, auch wenn es Ungleichzeitigkeiten in ihren Ausformungen und Entwicklungen geben mag und spezifische Überlappungen einmal ausgeblendet werden.

Warum sowohl Bourgeois als auch Proletarier sich mit der Arbeit identifizieren, ist vorgegeben, weil sie als die jeweiligen konstanten und variablen "Kapitalteile"9 (Marx) nichts anderes sind als dynamische Daseinsweisen der Arbeit. Sie identifizieren sich richtigerweise mit sich selbst, ihrer objektiven Bestimmung. Die Arbeit, das bin ich, bekennen die stets falsch bezeichneten, weil umgekehrt zu bezeichnenden, Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Kapital liebt Arbeit, weil es Arbeit ist. Tote Arbeit, die sich lebendige aneignet und sich somit verwertet. Ohne Arbeit kein Kapital. Das Kapitalverhältnis ist nichts anderes als die Akkumulationsmaschine der Arbeit. Kapital und Arbeit bilden also keinen antagonistischen Gegensatz, sondern sind vielmehr der Verwertungsblock der Kapitalakkumulation. Wer gegen das Kapital ist, muß gegen die Arbeit sein.

Abrichtung zur Arbeit war eines der erklärten Ziele der abendländischen Modernisierung. Selbstbestimmung und Arbeitszwang können durchaus als komplementäre Größen betrachtet werden. Auch wenn etwa bei Kant die Kategorie der Arbeit noch keineswegs zu den zentralen gehörte, sondern bloß in ihrer embryonalen Begriffsform erscheint, so war das ganze Programm der Arbeit angelegter Bestandteil seines Denkens. Bezeichnenderweise im Kapitel "Vom Gefühl der Lust und Unlust" seiner Anthropologie10 doziert er in belehrendem, ja abgefeimtem Ton: "Junger Mensch! (ich wiederhole es) gewinne die Arbeit lieb; versage dir Vergnügen, nicht um ihnen zu entsagen, sondern so viel als möglich, immer nur im Prospekt zu behalten. "11 Arbeit ist säkularisierte Religion: die Verheißung auf ein Jenseits der Arbeit sollte sich im wahrsten Sinn erst dort, im Jenseits erfüllen. Hier und heute jedoch, im Diesseits hatte gearbeitet zu werden.

Arbeit ist demnach die nicht verwirklichte, aber stets in Aussicht gestellte Verwirklichung der Lust durch Liebe der Unlust. Disziplinierung meint, das leiden zu wollen, was einen leiden läßt. Und das ist auch, was die lebensverschwendende Arbeit versprechen sollte: Wer viel leistet, kann sich viel leisten! Es ist ein Imperativ, der den Mitgliedern der modernen Gesellschaft abverlangt wird. "Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen, " so übersetzte der Volksmund den Kantschen Leitspruch in die Alltagssprache. Aus dem kategorischen Imperativ ist ein obligatorischer Indikativ geworden, der als apriorische Selbstverständlichkeit gar nicht mehr als Befehl auftreten muß.

Erwerb. Beschäftigung. Job. Stelle. Dienst. Arbeit ist die freie Knechtschaft. Daß wir etwas verdienen müssen, bedeutet, daß wir zu dienen haben. In der Erwerbsarbeit sind wir die Diener der Verwertung. Ob jemand dies oder jenes verdient, und vor allem wieviel er verdient, ist einerseits zu einer vorrangigen Frage der Alltagsgespräche geworden, andererseits aber auch zu einem gut gehüteten privaten Geschäftsgeheimnis. Das auf Gerechtigkeit getrimmte bürgerliche Subjekt fragt daher geradezu pflichtgemäß wie penetrant, ob eins auch wirklich verdient, was es bekommt, auch wenn es selbst immer mehr bekommen will, als ihm laut ihm zustünde. Niemanden geht etwas an, wovon alle wissen möchten. In dieser kollektiven Schizophrenie wächst und gedeiht die allseitige Verdächtigung.

Entäußerung als Entwesung

Arbeiten zu müssen ist das Kennzeichen von Knechtung, sagt Hegel ganz unzweideutig seinen Nürnberger Gymnasiasten: "Der Knecht hat ein fremdes Selbst in ihm und ist dessen äußerlicher Wille; der Herr vermittelt sich durch diesen seinen äußerlichen Willen mit den Dingen. Als der fürsichseiende Wille verhält er sich gegen diese als verzehrende Begierde; der Knecht aber als nicht fürsichseiender Wille verhält sich dagegen als arbeitend und formierend. "12 Arbeit bedeutet einem Ding gleichwerden, sich zu verdingen. 13

Arbeiter sein meint Enteignung seiner selbst: "Durch die Veräußerung meiner ganzen durch die Arbeit konkreten Zeit und der Totalität meiner Produktion würde ich das Substantielle derselben, meine allgemeine Tätigkeit und Wirklichkeit, meine Persönlichkeit zum Eigentum eines anderen machen. "14 Die Phrase vom "eigenen Herr sein" ist so falsch nicht. Sein eigener Herr ist man demnach nur, wenn man nicht unter fremdem Kommando arbeitet. Aber auch wenn man nun eigener Herr ist, bedeutet das, daß man sich selbst kommandieren muß, um dem Markt zu entsprechen. In der Marktwirtschaft ist man sein eigener Herr nur, wenn man auch sein eigener Knecht ist. Herr und Knecht sind also nur bedingt brauchbare Figuren, weil sie allzu schnell die Selbstbestimmung der Bestimmer unterstellen, und dabei die Bestimmung der Bestimmer vergessen.

Des Arbeiters Entäußerung ist "aber nicht positive Arbeit — [sie ist] vielmehr seine negative. Sie erhält ihr Dasein durch die eigene Entäußerung und Entwesung des Selbstbewußtseins, welche ihm in der Verwüstung, die in der Welt des Rechts herrscht, die äußerliche Gewalt der losgebundenen Elemente anzutun scheint. Diese für sich sind nur das reine Verwüsten und die Auflösung ihrer selbst; diese Auflösung aber, dies ihr negatives Wesen, ist eben das Selbst; sie ist ihr Subjekt, ihr Tun und Werden. "15 "Diese ihre Entfremdung ist das reine Bewußtsein oder das Wesen. "16

Entäußerung der Arbeit bedeutet Entwesung des Menschen. Selbstbestimmung bedeutet Fremdbestimmung, und zwar nicht erkannte, aber anerkannte. Das Wesen des Kapitals hat die permanente Entwesung der Menschen zur Bedingung. Deren Wohlergehen, deren Gesundheit, deren freundschaftliches Miteinander sind ihr nicht primäres Mittel oder Ziel, sondern bestenfalls erkämpfbarer Zusatz. Das bürgerliche Individuum, das ist wahrlich "ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen". 17

Marxsche Ambivalenzen

Marxens Haltung zur Arbeit war durchaus ambivalent, wenngleich zugegeben werden muß, daß Marx (vor allem im "Kapital") selbst zur Ontologisierung neigte, indem er jene als überhistorische Bedingung charakterisierte. "Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. "18 Der Arbeitsprozeß gilt demnach als "allgemeine Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher unabhängig von jeder Form dieses Lebens, vielmehr allen seinen Gesellschaftsformen gleich gemeinsam". 19

Es finden sich aber auch bemerkenswerte Ausnahmen. "Es ist eins der größten Mißverständnisse, von freier, gesellschaftlicher menschlicher Arbeit, von Arbeit ohne Privateigentum zu sprechen. Die , Arbeit‘ ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, ungesellschaftliche, von Privateigentum bedingte und das Privateigentum schaffende Tätigkeit. Die Aufhebung des Privateigentums wird also erst zu einer Wirklichkeit, wenn sie als Aufhebung der Arbeit gefaßt wird. "20 Und auch in der vielzitierten "Deutschen Ideologie" schreiben Marx und Engels, daß die Proletarier, "um persönlich zur Geltung zu kommen, ihre eigne bisherige Existenzbedingung, die zugleich die der ganzen bisherigen Gesellschaft ist, die Arbeit, aufheben", 21 daß die "kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Art der Tätigkeit richtet, die Arbeit beseitigt und die Herrschaft aller Klassen mit den Klassen selbst aufhebt (… )". 22 Hier wird also ausdrücklich festgehalten: Jede Arbeit ist Tätigkeit, aber nicht jede Tätigkeit ist Arbeit!

Marx ist in unserem Fall aber doch mehr ein Problem als eine Lösung, obwohl er auch in dieser Frage um vieles höher einzuschätzen ist, als der Epigonenauflauf der Marxisten, die nicht einmal das Niveau Marxens halten konnten, ja alles, was ihnen nicht in den Kram paßte, ganz einfach vergessen machen wollten. Nichtsdestotrotz hat er in seinen Hauptwerken weitgehend dem allgemeinen Sprachgebrauch hinsichtlich Arbeit nachgegeben. Noch deutlicher war das bei Engels, bei dem die Ambivalenzen der Marxschen Theorie fast gänzlich verschwinden.

Arbeiterbewegung als Arbeitsbewegung

Der Arbeiterbewegungsmarxismus ist in seiner Vorstellung von Arbeit eigentlich nie über das Engelssche Manuskript "Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen"23 hinausgekommen. Der Aufstieg der Arbeiterbewegung war so gekennzeichnet von einer beständigen Verdrängung prinzipieller Kritik der Arbeit, eben weil die Arbeiterbewegung nichts anderes als den Aufstieg der Arbeit symbolisierte. Die Arbeiterbewegung ist der personifizierte und politisierte Ausdruck der Lohnarbeit, ihre Daseinsweise ist die des variablen Kapitals. Erst ihr Abstieg, der ja ebenfalls nichts anderes ist als Ausdruck der Krise der Arbeit, erlaubt wieder das Aufkeimen und die Entfaltung der Arbeitskritik.

Wilhelm Liebknecht schrieb: "Die Arbeit ist die Grundlage allen menschlichen Fortschritts, durch die Arbeit allein (Hvhb. F. S. ) ist es der Menschheit gelungen, sich über das Tier zu erheben, sich von der Sklaverei der Natur zu befreien. Aber das Mittel der Befreiung ist zum Mittel der Unterdrückung geworden.

Statt frei zu sein durch die Arbeit, ist der Arbeiter Sklave der Arbeit. Von dieser Sklaverei der Arbeit muß der Arbeiter befreit werden. "24 Daß die Sklaverei die Arbeit ist, wollte in den sozialdemokratischen Dickschädel nicht hinein. Die Arbeit wurde dieser Logik zufolge mißbraucht, weil von den Kapitalisten gegen die Arbeiter instrumentalisiert. Das Lohnsystem selbst wurde keiner Fundamentalkritik unterzogen. Man hatte sich darin eingerichtet, und alle Forderungen letztendlich darauf ausgerichtet. Auch der Klassenkampf hat sich davon nie emanzipiert, reell sowieso nicht, aber auch ideell nie. Dort ging es immer um die Verteilung des Geschaffenen, nicht um den Inhalt des Geschaffenen und um die Form des Schaffungsprozesses selbst. Das waren stets Nebensächlichkeiten.

Die Arbeit ist zur Religion der Arbeiterbewegung geworden. Die Arbeit, sie ist die Angebetete. "Hauptsache, Du hast eine Arbeit", ist heute noch ein geflügeltes Wort. In Zeiten wie diesen verstärkt sich das noch, für die allermeisten gilt es, irgendwo unterzukommen. Für einen sicheren Job, ja für eine Stelle überhaupt, ja selbst schon für die Taglöhnerei ist man bereit, unzählige Demütigungen hinzunehmen. Hauptsache Arbeit. Die Arbeiterbewegung wurde so zur Bewegung zum Kampf für die Arbeit. Das ist sie heute noch — zumindest was von ihr übrig geblieben ist.

Kommunismus als Arbeitsgesellschaft

"Der Kommunismus beginnt dort, wo einfache Arbeiter in selbstloser Weise, harte Arbeit bewältigend, sich Sorgen machen um die Erhöhung der Arbeitsproduktivität, um den Schutz eines jeden Puds Getreide, Kohle, Eisen und anderer Produkte, die nicht den Arbeitenden persönlich und nicht den ihnen , Nahestehenden‘ zugute kommen, sondern , Fernstehenden‘, d. h. der ganzen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, den Dutzenden und Hunderten Millionen von Menschen, die zunächst in einem sozialistischen Staat vereinigt sind und später in einem Bund von Sowjetrepubliken vereinigt sein werden. "25

Lenin hat das geschrieben. Natürlich, wir sollten schon die Jahreszahl dieser Schriften genau anschauen, und uns die frühsowjetischen Zustände und Bedrohungen vergegenwärtigen. Kritisiert wird nicht Lenins unmittelbare Haltung — die war durchaus adäquat und nur sie konnte die Sowjetmacht über den desaströsen Bürgerkrieg und die Intervention retten —, kritisiert wird, daß der Begriff der befreiten Gesellschaft an die unmittelbaren Aufgaben der revolutionären Modernisierungsmacht gekoppelt wird.

Es war gerade die Doktrin des Marxismus-Leninismus, die in berüchtigter Manier diese Notzustände ideologisierte, ja zum Inbegriff des Sozialismus stilisierte. Der Kommunismus erscheint bei Lenin und im Leninismus nicht als die von der Arbeit befreite Gesellschaft, sondern als die allseitige Arbeitsgesellschaft. "Der Kommunismus ist die höchste Entwicklungsstufe des Sozialismus, wo die Menschen arbeiten, weil sie die Notwendigkeit erkannt haben, zum Nutzen der Allgemeinheit zu arbeiten. "26 "Als Kommunismus bezeichnen wir eine Gesellschaftsordnung, in der die Menschen sich daran gewöhnen, ihren gesellschaftlichen Pflichten ohne besonderen Zwangsapparat nachzukommen, in der unentgeltliche Arbeit zum Nutzen der Gemeinschaft zur allgemeinen Erscheinung wird. "27

Organischer Verfall

Daß die Arbeit ausgeht, liegt darin, daß sich die organische Zusammensetzung des Kapitals seit jeher zugunsten des konstanten Kapitals entwickelt. Die lebendige Arbeit, das variable Kapital, nimmt in jeder einzelnen Ware im Durchschnitt tendenziell ab. Heute kommt diese Entwicklung durch die mikroelektronische Revolution in aller Kenntlichkeit zu sich. Das Neuartige ist, daß die freigesetzten Arbeiter nicht mehr ausreichend anderweitig kompensiert werden können, wie das in der fordistischen Ära in den zentralen kapitalistischen Ländern noch funktionierte. Konventionelle Lösungen dieses Problems sind nicht in Sicht. Im Gegenteil: das Tempo der Arbeitsvernichtung nimmt zu.

"Wachstum in der Anzahl der Fabrikarbeiter ist also bedingt durch proportionell viel rascheres Wachstum des in den Fabriken angelegten Gesamtkapitals. Dieser Prozeß vollzieht sich aber nur innerhalb der Ebb- und Flutperioden des industriellen Zyklus. Er wird zudem stets unterbrochen durch den technischen Fortschritt, der Arbeiter bald virtuell ersetzt, bald faktisch verdrängt. Dieser qualitative Wechsel im Maschinenbetrieb entfernt beständig Arbeiter aus der Fabrik oder verschließt ihr Tor dem neuen Rekrutenstrom, während die bloß quantitative Ausdehnung der Fabriken neben den Herausgeworfnen frische Kontingente verschlingt. Die Arbeiter werden so fortwährend repelliert und attrahiert, hin- und hergeschleudert, und dies bei beständigem Wechsel in Geschlecht, Alter und Geschick der Angeworbnen. "28 Bezüglich des fortschreitenden Maschinenbetriebs notiert Marx: "Er verwandelt einen Teil des Kapitals, der früher variabel war, d. h. sich in lebendige Arbeitskraft umsetzte, in Maschinerie, also in konstantes Kapital. "29 Kurzum: "Das Arbeitsmittel erschlägt den Arbeiter. "30

Aber es reicht bei weitem nicht aus, gegen das Arbeitsmittel zu protestieren. Das wäre Maschinenstürmerei. Auf verdeckter Ebene wird dies übrigens durch die Vertreter der sogenannten Maschinensteuer betrieben, die ja selbstredend nichts anderes bedeuten kann, als daß Arbeiten, die Geräte ausführen, durch Verteuerung zu den menschlichen Arbeitskräften zurückverlagert werden. Die organische Zusammensetzung des Kapitals soll wieder zugunsten des variablen Kapitalteils verändert werden. Teilweise geschieht dies auch "freiwillig", also abseits fiskalischer Anreize und Zwänge. Um auf dem Weltmarkt bestehen zu können, verkaufen Menschen ihre Arbeitskraft so billig, daß sie wiederum mit den Maschinen in Konkurrenz treten können. Den Käufer interessieren Resultat und Preis. Unter welchen Bedingungen die Ware entstanden ist, wie hoch der Ausbeutungsgrad gewesen ist, oder gar die Wertzusammensetzung der Kapitalteile, das alles ist ihm herzlich egal.

Schilda läßt grüßen: Was eine Maschine in einer Stunde kann, das können fünf Menschen in fünf Stunden schon lange. Logisch ist das nur, wenn Arbeitsplatzfetischisten in Arbeitsplätzen rechnen. Das Arbeitsmittel ist freilich nur der Feind des Arbeiters, solange beide als Waren am Markt konkurrieren. Tun sie das nicht, ist ihr Verhältnis ein völlig anderes, dann ist das Arbeitsmittel wirklich Werkzeug geworden, der Arbeiter Werktätiger, die Ware zum Gegenstand und der Markt zu einem Distributionsort, zu einer profanen Abgabe- und Entnahmestelle.

Die Minimierung der Arbeit in einem Produkt respektive auch in einer Dienstleistung ist an sich positiv. Negativ wird sie erst, so schreibt Marx im ersten Band des "Kapitals" durch ihre typisch kapitalistischen Folgewirkungen. Es ist demnach so, daß "die Maschinerie an sich betrachtet die Arbeitszeit verkürzt, während sie kapitalistisch angewandt den Arbeitstag verlängert, an sich die Arbeit erleichtert, kapitalistisch angewandt ihre Intensität steigert, an sich ein Sieg der Menschen über die Naturkraft ist, kapitalistisch angewandt den Menschen durch die Naturkraft unterjocht, an sich den Reichtum des Produzenten vermehrt, kapitalistisch angewandt, ihn verpaupert usw". 31

Marasmus der Arbeit

"Das Postulat der Vollbeschäftigung wird also umso weniger erfüllbar sein, je höher der technologische Status einer Gesellschaft ist. Wenn gewisse mitteleuropäische Politiker vorgeben, den technologischen Stand ihrer Länder deshalb steigern zu wollen, weil sie dadurch Vollbeschäftigung gewährleisten können, dann sind sie entweder denkunfähig oder Volksbetrüger. "32 Man kann es sich aussuchen, wenngleich das auch beides nicht unbedingt ein Widerspruch sein muß.

"Tatsächlich sind die , Arbeitsplätze‘ heißenden Produkte so wichtig, daß Politiker, die nie welche erfinden oder organisieren, ebensogut gleich ihren Hut nehmen können. Die keine versprochen haben, gibt es keine. Freilich auch keine, die auf die Dialektik von heute, die Geläufigkeit von steigender Technik und sinkendem Bedarf an Arbeitern bzw. Arbeitsplätzen eine Antwort wüßten. "33 Konträr zur mehrheitlichen Stimmungslage gilt es festzuhalten: Arbeiterfeindlich ist der, der die Arbeiter als Arbeiter erhalten will, nicht der, der sie aus der Knechtung der Arbeit befreien will.

Die Arbeit leidet an Marasmus. Sie frißt ihre Arbeitskräfte auf, und hat die Fähigkeit der generellen Regeneration verloren. Daß nicht einmal mehr in den führenden kapitalistischen Ländern die Arbeit vor dem sozialen Absturz bewahrt, davon zeugen auch tieffliegende Löhne. Working poor ist mehr als ein Schlagwort, es ist bittere Realität für viele Arbeitsplatzbesitzer. Das Arbeitslager gleicht einem globalen Lazarett und Leichenschauhaus. Entwesung geht in die Verwesung über. Ein Viktor Klima ist somit nichts anderes mehr als — frei nach Hegel oder Nestroy — der örtliche Verweser der Arbeit.

Arbeitsbefreiung als Arbeitslosigkeit

Wir haben uns auf den Märkten in Konkurrenz aufeinander zu beziehen, nicht in Unterstützung und Solidarität unsere Bedürfnisse zu regeln. Wir sind nicht füreinander da, sondern haben einander zu bekriegen. War Konkurrenz einst ein notwendiges Mittel, die Menschen ideell und materiell der Beschränktheit der Scholle zu entreißen, ein dynamisches Prinzip sondergleichen, so ist sie heute zu einem Selbstleger geworden. "Die Leitnorm des herrschenden Wirtschaftssystems heißt expansive Verdrängungskonkurrenz. Sie ermöglicht es, Sinnfragen und Abwägungen einem äußerst simplen Vorteilskalkül unterzuordnen: Was sich durchsetzen läßt, ist richtig; was in der Konkurrenz den Kürzeren zieht, hat damit sich als falsch erwiesen", schreibt Erich Kitzmüller in seinem ganz ausgezeichneten Aufsatz "Von der Arbeitsgesellschaft zur Tätigkeitsgesellschaft". 34 Mangels Ausweitungsmöglichkeiten vernichtet die Konkurrenz sich selbst. Das bedeutet aber auch: je besser es in Teilbereichen (Branchen, Regionen etc. ) gelingt, wirklich in der Konkurrenz zu bestehen, und somit auch Arbeitsplätze zu schaffen, desto mehr werden sie woanders abgeschafft. Standortsicherung ist eine eliminatorische Größe.

Arbeitslos sein bedeutet als Arbeitskraft konkurrenzunfähig zu sein. Und das ist mit sozialer Degradierung verbunden. Zweifellos, die Arbeitslosigkeit ist ein Schrecken. Aber diesen Schrecken richtet die Arbeit an, nicht die Untätigkeit. Wenn Arbeitslosigkeit Elend schafft, dann ist sofort einzuwenden, daß die Arbeitslosigkeit eine subordinierte Komponente der Arbeit selbst ist, nicht deren Gegenteil, als die sie so oberflächlich erscheint. Arbeitslosigkeit meint Entwertung, und dies in einer Gesellschaft, in der der Wert das vorherrschende Gesetz ist. Psychisch erleben die ausgestoßenen Personen einen wahren Entwertungsschock. Nicht zufällig stammen Wert und Würde, wie Marx schon betonte, 35 vom gleichen gotischen Begriff (vairths) ab.

Arbeitslosigkeit tritt auf als Schande, als Schwäche, als Unfähigkeit, als Wertlosigkeit. Und genau so muß sie auch in dieser Gesellschaft gedacht werden. Die Betroffenen sind getroffen und gezeichnet. Sozialfälle nennt man sie. Ohne gesellschaftliche Alternativen geraten sie leicht in die unselige Versuchung, Sündenböcke zu suchen, die sie direkt für ihre Situation verantwortlich machen. Denn in diesen Bahnen haben sie fühlen gelernt. Die soziale Perspektivlosigkeit der sozial Deklassierten birgt rassistischen Sprengstoff der übelsten Sorten.

Arbeit meint nicht Erfüllung des Lebens, sondern Mühsal der Existenz. Arbeitszeit ist gestohlene Lebenszeit. Daß Arbeitsplätze in einer Situation, wo sie sich als überflüssig erweisen, geradezu angebetet und erfleht werden, daß man sich nicht freuen kann, wo Freude angesagt wäre, ist eine perverse Groteske sondergleichen. Eine marktwirtschaftliche, wohlgemerkt. Da gilt es eisern zu Nestroy zu halten und dagegen zu sein: "Nein, Arbeit verlang’ ich keine mehr, denn das wär’ überflüssig, und ich darf nur das Notwendige verlangen. "36

Nicht Fatalismus ist angesagt. Es geht nicht darum, die kapitalistischen Verwüstungen hinzunehmen oder gar als Naturnotwendigkeit zu bejahen und zu propagieren. Die Arbeitslosen haben recht, wenn sie gegen ihre Arbeitslosigkeit protestieren. Aber sie dürfen nicht stehen bleiben. Wer gegen die Arbeitslosigkeit kämpft, darf nicht für die Arbeit kämpfen, also für die Verursacherin derselben. Das ist natürlich nicht einfach zu vermitteln, wo doch der einzelne auf die Arbeit angewiesen ist, will er gesellschaftlich bestehen. Naheliegender ist so der dem gesunden Menschenverstand entspringende Gedanke, aus der Notwendigkeit des Individuums auf die Notwendigkeit der Allgemeinheit zu schließen. Dies freilich ist ein Kurzschluß, ganz ähnlich übrigens dem, daß der vernünftige Gesamtwille sich aus den Einzelinteressen ableite. Gerade in der Überwindung solcher Kurzschlüsse besteht eine immense strategische Herausforderung.

Selbstentwirklichung

Arbeit ist Übel. Arbeit ist Leid. Arbeit richtet die Menschen psychisch und physisch zugrunde. Einst unabdingbar für das Fortkommen, wird sie heute immer unnotwendiger und unmöglicher. Arbeit ist Selbstentwirklichung. Sie wird getan, weil sie Lohn bringt. Nach dem Sinn der Beschäftigung soll erst gar nicht mehr gefragt werden. Wichtig ist, ob sie sich rentiert, ob sie Profite, Löhne, Arbeitsplätze abwirft. Die Leute haben gefälligst zu arbeiten. Arbeit ist der Aggressor der Moderne. Und er sitzt auch in den Individuen selbst. Arbeit macht nicht frei, sie ist die Unfreiheit par excellence, der aufgeherrschte Zwang zur Entmenschlichung, was heißt, sich zu verdingen, zu verkaufen, zu verwerten.

Arbeit zeichnet den Menschen nicht aus, sie zeichnet ihn vielmehr. Die Fabriken, die Büros, die Verkaufshallen, die Baustellen, sie sind legale Institutionen zur Vernichtung menschlicher Substanz. Die Spuren der Arbeit, wir sehen sie täglich an den Gesichtern und an den Körpern. An nichts laborieren die Menschen mehr als an der ihnen zugemuteten und angetanen Arbeit.

Auch die verblödende Massenkulturindustrie hat ihre Bedingung nicht in ihr selbst, sondern in den demotivierenden Alltagsprozessen der Menschen, vor allem in der Lohnarbeit. In deren Wesen haben geistige Beschränktheit und praktische Angepaßtheit ihre Wurzeln. Sie ist der Grund von Abgestumpftheit und Abgeklärtheit der bürgerlichen Individuen. "Der Betrieb ist der Ort, an dem der Typ des medial gewissenlosen Menschen hergestellt wird, der Geburtsort des Konformisten", 37 sagt Günther Anders. Arbeit stumpft ab. Arbeit macht dumm.

Arbeit ist Demütigung. Etwas, das über uns hereinbricht, eine Heimsuchung, derer wir uns erwehren müssen, so gut wir können. Die Alternative dazu ist ja nicht die Untätigkeit, sondern das individuelle und kollektive Bereiten eines sinnvollen Werkens und Wirkens in den unterschiedlichsten Bereichen. Aus der Nichtarbeit folgt keine Untätigkeit oder gar Nichtsnützigkeit. Im Gegenteil: die Überwindung der Arbeit ist die Voraussetzung der Verallgemeinerung der Kreativität. Sie wird aus ihrem Dasein als Randexistenz befreit. Kommunismus kann ja überhaupt nichts anderes sein, als sich in aller Kreativität einander zu schenken.

Es war nicht schlichtweg die Arbeit, die die Menschen voranbrachte, sondern das mit Geist erfüllte Tätigwerden. Es war und ist die Kreativität, die sich in den verschiedensten Formen gesellschaftlich akzentuierte, die jeweils die obligaten Kreisläufe zu durchbrechen bewerkstelligte und so etwas wie (Vor)Geschichte, Aufstieg und Fortschritt — auch wenn man stets nach deren Qualität fragen muß — ermöglichte.

Entwertung der Werte

Während man gemeinhin davon ausgeht, daß jede Arbeit (wieder) etwas Wert werden soll, gehen wir davon aus, daß Arbeit sich fortwährend entwertet, und daß das eigentlich positiv ist. Negativ wird es nur dadurch, weil die konstruktive Entwicklung an einen destruktiven Gesamtzusammenhang gebunden ist und an ihm verunglückt. So wird eben aus der Arbeitsbefreiung eine Arbeitslosigkeit. Es geht nicht um die Umwertung der Werte (womit der ganze Rattenschwanz von der Arbeit über die Demokratie bis zur Freiheit gemeint ist), sondern darum, daß die negative Entwertung positiv gewendet werden kann. Die Aufhebungsbewegung hat eine Entwertungsbewegung zu sein.

Der Kampf gegen die Realabstraktion Arbeit kann durchaus als Auftakt einer noch weitergehenden Kampagne der Entwertung der Werte interpretiert werden. Genau das steht an: das definitive "Würdelos-Machen" heiliger Begriffe und Prinzipien im öffentlichen Diskurs. Das reell Prekäre muß auch im Kopf prekär werden. Das Marode muß als marod benannt werden. Anstatt den Irrglauben zu stärken — so etwa die Propagandaagenturen, allen voran die Sozialdemokratie —, gilt es diesen stets zu hinterfragen, zu unterlaufen, und schlußendlich zu überwinden.

Transvolutionäre Blasphemie ist angesagt. Sie bedeutet, die Achtung der Arbeit in die Ächtung überzuführen. Verächtlichmachen durch beharrliche Ideologiekritik ist ihr Mittel, Ächtung von Arbeit, Wert und Geld ihr Ziel. Nicht Transformation der Arbeit steht an, sondern ihre Entformierung als gesellschaftliches Formprinzip. Sie geht nicht über, sie geht unter. Aufzupassen gilt es also, daß die Leute nicht mit ihr untergehen, sondern sich gegen sie emanzipieren können, sich aus ihrem Joch zu befreien verstehen.

Kampagne gegen die Arbeit

Das Heldenlied der Arbeit steht vor seinem Abgesang. Ungeachtet dessen intoniert sich jenes noch einmal als politischer Leitkanon aller Gläubigen. Ob Katholiken oder Sozialisten, Protestanten oder Faschisten, Grüne oder Liberale, Wirtschaftstreibende oder Gewerkschafter, die Arbeit eint ihre Heere zu einer einzigartigen abendländischen Prozession. Die rituellen Sprechchöre, die da nach Arbeit schreien, sind ja nicht zu überhören. Auch wenn ihnen zusehends etwas Gespenstisches anhaftet.

Was ansteht, ist das Gegenteil des Aufgeführten: Nicht ein Bündnis für die Arbeit, sondern eine Kampagne gegen die Arbeit. Eine, die die geistigen Beschränkungen der alten Arbeiterbewegung, aber auch der neuen Arbeitsloseninitiativen zu überwinden versteht. Soziale Perspektive und sozialer Kampf sind nicht mehr prinzipiell an einer affirmativen Bezugnahme auf Arbeit und Geld auszurichten. Auch wenn es das unmittelbar nicht spielen sollte, muß dieser Tabubruch passieren, um den Paradigmenwechsel zu ermöglichen.

Der Feierabend der Arbeit ist potentiell vielversprechend, in seinen konkreten Verwirklichungen aber barbarischer Natur, weil die Fortschritte als Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit oder Perspektivlosigkeit über die Leute hereinbrechen. Neue Formen der Solidarität, und zwar abseits der obligaten Forderungen nach (mehr) Arbeit und Geld, sind deswegen hier vonnöten. Nicht das einmal Erreichte ist zu sichern oder gar zurückzuholen, sondern es geht darum, Zukunft zu entwerfen. Notwendig ist die direkte Anerkennung des Gegenüber in der Kommunikation. Das Wer bist du? hat über die Frage des Was bist du? zu obsiegen, sodaß die Menschen sich als sie selbst, nicht als und über ihre bürgerliche Rolle definieren müssen. Somit sich der Charaktermaske entledigen. Arbeit ist bloß Anerkennung der Menschen auf einem Umweg gewesen.

Der rechts-linke Konsens von "Arbeit schaffen" muß negiert werden. Ganz ketzerisch ist zu fragen: Wer soll eigentlich wozu vollbeschäftigt werden? — Nicht um das "Recht auf Arbeit" ist zu kämpfen, sondern um einen selbstverständlichen "Anspruch auf Leben". Und das meint nicht die bloße Existenz, sondern ganz profan die Teilhabe an der erzeugten Güter- und Leistungsfülle, die heute global hervorgebracht werden kann. Der Vorsatz "Wir wollen fleißig arbeiten" ist durch den Ansatz "Wir wollen gut leben" zu ersetzen. Selbstbewußtsein ist angesagt, nicht Bittstellerei. Mut statt Demut.

Dem Recht auf Arbeit ist aber kein Recht auf Faulheit entgegenzusetzen. Es gilt, einen kreativen Müßiggang ins Auge zu fassen, ein produktives Tätigsein, das frei ist vom Zwang zur Verwertung. Langsamkeit und Effektivität schließen sich da nicht aus. Muße ist anstatt von Müssen zu etablieren. Das Bewußte hat das Bewußtlose abzulösen. Kreativität und Produktivität, Aktivität und Solidarität stehen im Mittelpunkt zukünftiger Praxis, ja selbst das scheinbar abgeschmackte Wort der Werktätigkeit könnte unversehens wieder zu Ehren kommen. Zweifellos: Getan werden wird. Gearbeitet werden muß deswegen noch lange nicht.

Ziel ist die Abnahme der gesellschaftlich gebundenen Zeit. Emanzipation heißt Kampf gegen den existentiellen Kampf und schließlich dessen Überwindung, zumindest was die materielle Seite anbetrifft. Es geht um den Schritt vom Überleben zum Leben. Um nichts weniger als um den Austritt aus der menschlichen Vorgeschichte: "Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. "38 Auf der Tagesordnung steht eine emanzipatorische Aneignung der Zeit. Damit die Zeitgenossen auch Zeitgenießer werden.

    Franz Schandl ist Historiker und Publizist.

    Anmerkungen

    1 Niklas Luhmann, Die Wirtschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1994, S. 210.

    2 Gerhard Schwarz, Utopien der Arbeit; in: Ina Paul-Horn (Hg. ), Transformation der Arbeit. Prozeßwissenschaftliche Erforschung einer Grundkategorie, Wien 1997, S. 19.

    3 Wilhelm Berger/Ina Paul-Horn, Arbeit und Bedürfnisse. Thesen zu einem Interpretationsmodell, In: Ina Paul-Horn (Hg. ), Transformation der Arbeit, S. 133.

    4 Werner Schneyder, Anmerkungen eines Solisten; in: Josef Cap/Heinz Fischer (Hg. ), Rote Markierungen für das 21. Jahrhundert, Wien 1998, S. 306.

    5 Robert Kurz, Der Kollaps der Modernisierung. Vom Zusammenbruch des Kasernensozialismus zur Krise der Weltökonomie, Frankfurt am Main 1991, S. 11.

    6 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts (1821), Werke 7, S. 352.

    7 Hier zit. nach dem Vorabdruck: André Gorz, Die Überwindung der Lohngesellschaft. Mehrfachtätigkeit als gesellschaftliche Alternative, „Widerspruch“ 34, Zürich, Dezember 1997, S. 5.

    8 Günther Anders, Ketzereien, München 1892, S. 230.

    9 Karl Marx, Das Kapital. Erster Band (1867), MEW, Bd. 23, S. 223-224. Die Bezeichnung Kapitalteil ist deswegen deutlicher als Kapital, weil sie besser die konstitutive Immanenz des Kapitalteils zum Kapitalverhältnis zu Tage fördert, es also weniger leicht ist, zu behaupten, dem Arbeiter sei seine Kapitalfunktion von außen aufgedrängt, anstatt, daß sie ihn ausmacht.

    10 Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Absicht (1798), Werkausgabe Band XII, Frankfurt am Main 1977, S. 549-579.

    11 Ebenda, S. 559.

    12 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Bewußtseinslehre für die Mittelklasse (1808/09); Werke 4, Frankfurt am Main 1986, S. 81.

    13 Ebenda, S. 82.

    14 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts (1821), Werke 7, Frankfurt am Main 1986, S. 144-145.

    15 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes (1807), Werke 3, Frankfurt am Main 1986, S. 360.

    16 Ebenda, S. 361.

    17 Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (1844), MEW, Bd. 1, S. 385

    18 Karl Marx, Das Kapital. Erster Band, S. 192.

    19 Ebenda, S. 198. Vgl. auch S. 57.

    20 Karl Marx, Über Friedrich List (1845), Berlin 1972, S. 24.

    21 Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie (1845/56), MEW, Bd. 3, S. 77.

    22 Ebenda, S. 69-70.

    23 Friedrich Engels, Dialektik der Natur (1873/83), MEW, Bd. 20, S. 444-455.

    24 Wilhelm Liebknecht, Zu Trutz und Schutz. Festrede, gehalten zum Stiftungsfest des Crimmitschauer Volksvereins am 22. Oktober 1871; Kleine politische Schriften, Leipzig 1976, S. 125.

    25 Wladimir I. Lenin, Die große Initiative (1919); LW, Bd. 29, S. 417.

    26 Wladimir I. Lenin, Rede auf dem I. Kongreß der landwirtschaftlichen Kommunen und Artels, 4. Dezember 1919, LW, Bd. 30, S. 189.

    27 Wladimir I. Lenin, Referat über die Subotniks auf der Moskauer Stadtkonferenz der KPR(B) am 20. Dezember 1919, LW, Bd. 30, S. 273.

    28 Karl Marx, Das Kapital. Erster Band, S. 477.

    29 Ebenda, S. 429.

    30 Ebenda, S. 455.

    31 Ebenda, S. 465.

    32 Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II, München 1980, S. 99.

    33 Günther Anders, Sprache und Endzeit, §14.

    34 Erich Kitzmüller, Von der Arbeitsgesellschaft zur Tätigkeitsgesellschaft; in: Ina Paul-Horn (Hg. ), Transformation der Arbeit, S. 174.

    35 Karl Marx, [Randglossen zu Adolph Wagners "Lehrbuch der politischen Ökonomie"] (1879/80), MEW, Bd. 19, S. 372.

36 Johann Nestroy, Das Notwendige und das Überflüssige. Posse mit Gesang in zwei Akten. Bearbeitet von Karl Kraus, II. Akt, 3. Szene, in: Karl Kraus, Nestroy und die Nachwelt, Frankfurt am Main 1975, S. 189.

    37 Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band I, München 1956, S. 289-290.

    38 Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band (1894), MEW, Bd. 25, S. 828.

image_print