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Jörg Haider und der Kleine Mann

21 Feb 2017

Zur Quintessenz eines dummen Begriffs

Streifzüge 1/1999

VORLAUF POPULISMUS

von Franz Schandl

Ein von Jörg Haider (aber nicht nur von ihm) beliebtes und oft verwendetes Feindbild richtet sich gegen die vermeintlich Mächtigen in diesem Land, gegen die es aufzubegehren gilt. Es geht davon aus, daß es sich „Die-da-oben“ stets richten können und die sogenannten keinen Leute – die im Singular nicht zufällig geschlechtsspezifisch als der kleine Mann auftreten – die einzig Drangsalierten sind. Oben und Unten werden nicht als Ganzes, sondern als relativ abgeschlossene Bereiche codiert.

Derweil: Das Oben ist das Oben des Unten. Der Dualismus ist nur ein scheinbarer, so kräftig er auch erscheint. Niemand kann sich von dieser Allgemeinheit ausnehmen, das Verhalten als Warensubjekt ist allen gesellschaftlichen Positionen eigen – ohne Ausnahme. Die Positionierung ist freilich für das jeweilige Individuum von großer Bedeutung. Das Erleben dieser Konkurrenz ist oben und unten von anderen Folgen und Aussichten begleitet. Die Unteren duellieren sich primär am Arbeitsmarkt, seltener schon am Warenmarkt und fast kaum am Kapitalmarkt (auch wenn Spar- und Kreditformen oder auch Pensionsfonds und Versicherungen dies relativieren). Diese Differenz wird von den Trägern als durchaus gravierend empfunden, sie ist dennoch keine substantielle.

Darstellung und Selbstdarstellung der gesellschaftlich ungünstiger Positionierten als „kleine Leute“ ist jedenfalls demütigend und demotivierend. Darin liegt – auch wenn man sich positiv auf diese Menschen beziehen möchte – eine Entwürdigung konkreter Individuen mittels der Sprache, eine Akzeptanz der gesellschaftlichen Be- und Entwertung, der nun bestenfalls mit einer moralisch-mitleidigen Tour begegnet werden soll. Die Klein- und Niedergemachten sollen nicht gegen die Zustände revoltieren, sondern geben beliebige Mißstände. Vor allem sollen sie eines nicht: sich selbst reflektieren und kritisieren. Nur zu kurz gekommen seien sie, grundsätzlich sei alles in Ordnung. Und auch sie seien schwer in Ordnung, wird ihnen allseits zugeredet. In selbstdegradierender Positivsetzung ihrer Existenz haben sie sodann um Erträglichkeit bitten. Dazu bieten sich unterschiedlichste Führer, sogenannte Rächer der Enterbten, an. Nicht nur rechte übrigens.

Es ist gerade der kleine Mann, dem sich der große Führer andient und vorsetzt. Er versteht es dessen Ängste und Wünsche zu bündeln. Er fungiert aber nicht als Erzeuger, sondern bloß als Erreger und Verstärker ebendieser. Er realisiert ihre spezifische Lage, nimmt die Leute, wie sie sind. Er verzichtet geradezu darauf, sie zu verändern (so wollte es zumindest bisher der christlich-sozialistische Anspruch), er will sie nur zum Ausdruck bringen. Insofern ist er authentischer. Er fährt mit ihnen Ringelspiel, er holt die Leute dort ab, wo sie sind, um sie anschließend wieder dorthin zu bringen, wo sie gewesen sind. Repulsion und Attraktion sind zu einem Vorgang verschmolzen, kaum noch unterscheidbar. In all seinen Bedeutungen kann behauptet werden: Die von Haider entfaltete Bewegung ist rasend. Es wird immer schneller, doch es geht nirgendwo mehr hin.

Wollten die herkömmlichen Parteien die Menschen noch in ihrem Sinne modeln, wollen die Freiheitlichen nur den Bodensatz pur zur Tat bringen. So betrachtet ist Haider durchaus ein Demokrat. So gesehen kann zwischen Demokratismus und Populismus auch gar kein Unterschied sein. Das ist auch mit ein Grund, warum die obligate Demokratiekritik am Gegenstand Haider laufend verunglückt, kann er sich doch zurecht auf mehrheitliche Stimmungen im Wahlvolk berufen.

Der zugespitzte Populismus eines Jörg Haider meint doch nichts anderes als die ungebrochene Verallgemeinerung des gesunden Menschenverstands in der Politik. Sie soll gesäubert sein von jeder zusätzlichen reflexiven Überlegung, sie soll sich einrichten auf Unmittelbarkeit und Direktheit. Die Grautöne müssen eliminiert, Komplexitäten liquidiert, Differenzierungen ausgemerzt werden. Tonagebend ist eine mataphysische Dualität, deren Grundmuster gut und böse ist. Man unterscheidet dann zwischen leistungswillig und arbeitsscheu, tüchtig und faul, inländisch und ausländisch, raffend und schaffend u.v.m. Die Beeindruckten mögen sich der einen richtigen Seite zuschlagen. Und natürlich soll immer gleich zur Tat geschritten werden. Daß die dann angesetzten Maßnahmen (etwa gegen sogenannten Sozialschmarotzer und Krankfeierer) wohl auch vorrangig jene drangsalieren würden, die sie fordern, verweist nur auf die bittere Ironie des Zu-kurz-Gedachten. Haider verspricht das, was andere nicht halten, eben weil konkrete Rücksichtnahmen, so bedingt sie auch sein mögen, diese vom zugespitzten Populismus trennt. Immer weniger zwar, aber doch noch.

Der kleine Mann ist der gemeinsame Nenner des Populismus. Konstruiert wird nicht Kritik an den Verhältnissen in ihrer Totalität, sondern es reproduziert sich eine partikulare Feindschaft gegen Andere. Auch wenn es nicht gerne gehört wird: Der Haß auf das Obere unterscheidet sich, von seiner Herkunft aus betrachtet, nicht wesentlich vom Haß auf das Fremde. Jener mag vordergründig sympathischer sein, aber letztlich ist das ressentimentgeladene Geraunze gegen die Obrigkeit nicht emanzipatorisch. Die kleinen Leute sind nicht die Ehrlicheren, Anständigeren und Fleißigeren als die Oberen, ihre psychische und soziale Lage ist ebenso durch ihr Dasein als Objekt und Subjekt der Konkurrenz bestimmt. Ihre Tätigkeiten haben im Einzelfall nur weniger Tragweite, in Summe aber durchaus einen Stellenwert, der gegen jenen von oben nicht zurücksteht. Wie die Oberen nicht die Schuldigen sind, so sind die Unteren nicht die Unschuldigen.

Die am meisten unter dem System zu leiden haben, sind auch die von ihm am ärgsten Zugerichteten. Ihr Denken und Handeln erfährt geradezu ein Höchstmaß an obligater Zwangsbestimmung. Auf den kleinen Mann kann man sich nur negativ beziehen, nicht positiv: „Die Glorifizierung der prächtigen underdogs läuft auf die des prächtigen Systems hinaus, das sie dazu macht,“ wußte schon Adorno.

15. März 1999

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