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„… ein Moment von Umzentrierung“

17 Mai 2017

Ilse Bindseil hat uns einen Brief geschrieben

 

Nachdem mich schon das Themenheft „Nabelschau“ (Streifzüge 66/2016) so angesprochen hat, weil es auf die merkwürdige Resonanzlosigkeit eines engagierten Unternehmens wie Streifzüge und damit auf ein heikles Thema eingegangen ist, will ich versuchen, anlässlich des thematisch bedrückend ähnlichen Heftes „(no)future“ (68/2016) einen kritischen Gedanken vorzutragen. Und ich schöpfe meine Legitimation dazu aus dem unmittelbaren Anspruch der Streifzüge auf Veränderung, der so universal ist, dass die Kritik nur jedem offen stehen kann.

Mit der Resonanz ist es schon an sich so eine Sache, und nicht nur bei kleinen Zeitschriften von berüchtigtem intellektuellen Zuschnitt wie Streifzüge oder Ästhetik & Kommunikation. Ich könnte kaum ein erfolgreiches Beispiel anführen, es sei denn, ich verirre mich in Bereiche, wo die Resonanz ein Teil der Produktstrategie ist. Und trotzdem stellt sich mir die Frage, ob unsere Arbeit wirklich eine Lücke füllt, die ohne sie leer bliebe, oder ob sie die Lücke, indem sie sie füllt, allererst produziert. Kann eine Sache so widersprüchlich sein, dass sie allein aufgrund ihrer Defizite einen Haufen Lücken produziert, die unmöglich zu füllen sind? Vor diesem Hintergrund wäre die ausbleibende Resonanz nichts anderes als solch eine imaginäre Lücke.

Bei genauerer Betrachtung der Vorgänge, die an der Resonanz beteiligt sind, stellt sich mir die Sache weniger verhängnisvoll dar. „Brülle ich zum Fenster raus, klingt es stolz und herrlich. Laufen alle schnell davon, bin ich so gefährlich?“ Der Anfang des Kinderbuches von Friedrich Karl Waechter („Brülle ich zum Fenster raus“, Weinheim und Basel 1977) spiegelt zwar eins zu eins meine Erfahrung mit dem Schreiben wider; wenn mir etwas auf dem Papier geglückt ist und die Resonanz ausbleibt. Betrachte ich diese Erfahrung aber genauer, so ergibt sich, dass hier nicht Produktion und Resonanz auseinanderklaffen, sondern meine eigene Resonanz und die der anderen klaffen auseinander: „Laufen alle schnell davon.“ Schnöde Wunscherfüllung ist es, daraus die Vermutung abzuleiten: „Bin ich so gefährlich?“ Gelegentlich bin ich schon zu dem Schluss gekommen, dass Produktion und Resonanz, wenn sie sich nicht wie gesagt durch einen marktmäßigen Rahmen aufeinander beziehen, gar nichts miteinander zu tun haben und Resonanz zu erwarten einfach einem Missverständnis entspringt.

Wären Streifzüge oder Ä&K also ein Medium eher für die Macher als für die Leser? Und kann es nicht durchaus ehrenhaft sein, ein Medium für die Macher zu sein? Andere machen anderes, wir Texte oder eine Zeitschrift. Dabei halten wir, durchaus auch für andere, das Machen hoch. Wir halten die Idee der Reflexion und öffentlichen Verständigung, Streifzüge dazu prononciert die (Idee der) Notwendigkeit der Veränderung, hoch. An dieser Stelle trennen sich für mich die Wege von Streifzüge und Ä&K, deren Zusammenhang durch meine Person ja auch ein wenig zufällig gegeben ist. Aus der je besonderen Widersprüchlichkeit der einzelnen Zeitschrift ergibt sich eine besondere Zuspitzung. Scheitert Ä&K eher an seiner mangelnden Bestimmtheit, so Streifzüge eher an seiner Entschlossenheit. Sind bei Ä&K alle gemeint, aber keiner fühlt sich angesprochen, so fühlen sich bei den Streifzügen nur die gemeint, die sich direkt angesprochen fühlen. Auf den polemischen Punkt gebracht: Hat Ä&K als Medium einer reflektierenden Öffentlichkeit eher kein Publikum, so Streifzüge ganz im Gegenteil das sprichwörtliche kleine, aber feine Publikum, das durch eine Strategie, die auf seine Erweiterung zielt, sogar gefährdet werden könnte.

Dieses Publikum ist Partisan einer umstürzenden gesellschaftlichen Veränderung, deren unmittelbare Notwendigkeit meiner Ansicht nach theoretisch nur um den Preis von Verkürzungen vertreten werden kann, die nur durch eine Entzerrung von Reflexion und Veränderungsabsicht, scheinbar also nur um den Preis ihrer konstitutiven Absicht aufgehoben werden könnten. Dabei kann, aber muss eine solche Entzerrung das Publikum, das an einer Verklammerung von Theorie und Praxis interessiert ist, nicht unbedingt vergrämen, würde doch genau diese Verklammerung thematisiert. Wieviel Reflexion hält eine unmittelbare Veränderungsabsicht aus, frage ich mich, und wo geraten beide in einen verstörenden Gegensatz zueinander? Wo wird der Reflekteur zum Gegenspieler der Praxis, der Anspruch auf Praxis zum Gegenspieler der Reflexion? Über die Krise einer Lockerung des ultimativen Bezugs zwischen theoretischer und praktischer Absicht hinweg könnte sich eine größere Resonanz, nach innen und außen, ergeben.

“der trigonometrische Punkt, von dem wir ausgehen…„

Um nicht in die Enge einer bloß noch appellativen Theorie – „Quia absurdum!“ – oder einer
lebensgeschichtlichen Besonderheit zu geraten, würde ich dafür plädieren, stärker als die Notwendigkeit einer objektiven Veränderung die eigenen Voraussetzungen zu thematisieren. Dabei nicht ängstlich die Legitimität der eigenen Absichten zu überprüfen, sondern für das Konstruierte der theoretischen Gegebenheiten einen Sinn zu entwickeln, das heißt sie in Frage zu stellen. Für mich bedeutet das altersgemäß die Frage: Halten die alten Ansprüche noch, die wir auf die Aufklärung, auf Marx und Hegel nicht nur zurückzubeziehen, sondern mit „Horkheimer und Adorno“ und nach Art der antiautoritären Bewegung als ein lückenloses Kontinuum darzustellen gewohnt sind? Hat die Realität sich so wenig verändert, dass wir die in jenem Kontext entwickelten Begriffe, den in ihm entwickelten Anspruch, die in ihm entwickelte Betrachtungsart so ohne weiteres übernehmen, ihre Anwendung, so als wären sie die Hardware unserer Existenz, beliebig verlängern können, und sie wären immer noch wahr und gebrauchstüchtig? Ist die Art unseres Rückbezugs überhaupt korrekt? Macht er aus mutigen Konstruktionen nicht halbherzige Herleitungen, aus kraftvoller Geschichtsphilosophie nicht einen von Mal zu Mal dünneren Aufguss? Versetzt er uns nicht in die kompromittierende Lage, dass wir stets eine doppelte Absicht verfolgen: die Realität zu erkennen und unsere Ableitung zu rechtfertigen, unseren Bezug zu retten? Müssten wir nicht genau umgekehrt der Kompromittierung unseres Anspruchs entgegen wirken? Sind wir nicht dafür kompetent?

Gegen meinen angeborenen Existentialismus würde ich gern einen einfachen quantitativen Gesichtspunkt in Stellung bringen. Sind die Begriffe und Urteile, die wir übernommen haben, vielleicht zu groß, sind sie außerhalb ihres historischen Umfelds zu groß bzw. wir, ohne hinreichenden Bezug zu unserem zeitgenössischen Umfeld, zu klein? Welches sind die klar erkannten Verhältnisse oder vielmehr, wo ist die kompakte Vorstellung vom Hier und Jetzt, die dafür sorgen würde, dass wir mit den übernommenen Begriffen richtig umgehen? Oder wo ist die permanente Kritik, nicht der Verhältnisse, sondern unserer Begriffe? Woran liegt es, dass „das Kapital“ wie ein Relikt wirkt, während die kapitalistischen Verhältnisse sich beständig transformieren, und dass uns das so wenig ausmacht? Ist vielleicht nicht der Begriff falsch, sondern wir sind die Falschen, ihn zu verhandeln? Dafür spräche zum Beispiel, dass wir dank der Sozialwissenschaften, dank Soziologie, Kulturanthropologie etc. immer weniger merken, dass wir nicht Politik oder Ökonomie, sondern Kultur betreiben, mit den automatischen Folgen einer Umzentrierung, durch die sich die Verhältnisse für uns auf den Kopf stellen. Diese Verlagerung liegt nicht an uns, die Entmündigung der Gesellschaftskritik haben nicht wir zu verantworten. Aber sie könnte uns auffallen, über diesen hochinteressanten Prozess, der auch uns selbst verortet, könnten wir nachdenken.

Einer solchen Revision der eigenen Position haftet ja der schlechte Ruf der Nabelschau an, die in die Marginalität führt. Wenn das Vertrauen in die verändernde Kraft der eigenen Erkenntnisse aber so groß ist, dass über das Ausbleiben jeglicher Veränderung nur gerätselt werden kann, dann ist umgekehrt nicht einsichtig, warum das Vertrauen in die eigenen Begriffe zugleich so klein ist, dass die kritische Beschäftigung mit ihnen als Rückzug gewertet werden muss. Dazu kommt, dass eine solche Revision das Feld öffnen würde für Diskussion. Es ist ja sehr schwierig, einer globalen Analyse vorzuwerfen, dass sie fehlerhaft ist, wenn man nicht selbst ein Spezialist fürs Ganze ist. Dagegen müsste der rechte Gegenstand oder die rechte Form des Nachdenkens erst herausgefunden werden. Die Leitfrage lautet: Worüber müssen wir nicht nur, sondern können wir auch nachdenken? An welchem Punkt kommen beide, das Müssen und das Können, zusammen? Dieser Punkt wäre der trigonometrische Punkt, von dem wir ausgehen. Begreifen heißt eingrenzen. Die Gehirnforschung sagt: Durch Ausschalten geht die Entwicklung voran, nicht durch maximale Beleuchtung!

“Entwürfe, die ihre Reflexion erkennbar mit sich führen…„

Unter diesem Gesichtspunkt will mir der Gebrauchswert, der als Schwerpunkt für das Sommerheft der Streifzüge angekündigt wird, aufgrund seiner Doppelnatur als kapitalistischer und kapitalkritischer‚ als theoretischer und „natürlicher“ Begriff wie ein exzellentes Beispiel für eine solche Gegenstrategie erscheinen. Mag sein, dass ich mir das Thema im Eifer des Gefechts unzulässig aneigne und auch hierin übergriffig verfahre. Aber exakt am Schnittpunkt zwischen abstrakter Theorie und konkreter Erfahrung gelegen, als eigentlich Doppelbegriff, öffnet der Begriff das Feld für Diskussion.

Dagegen gibt es Diskussionen genug, in denen wir, sobald wir uns darauf einlassen, Gejagte der Abspaltungen sind, die unserer Existenz zugrunde liegen, und nicht die Jäger: wenn wir zum Beispiel über die Doppelnatur von Arbeit und Ausbeutung, Wohlstand und Waffenexport, Frieden und Krisenexport, Freiheit und Abschottung reden, als wären sie alternativ, so als müssten – und könnten – wir uns zwischen ihnen entscheiden, wo sie doch ein Bedingungsgefüge sind; wohlgemerkt, nicht ein und dasselbe, sondern ein Gefüge. Wir haben diese Abspaltungen nicht vorgenommen, und wir brauchen sie unseren Verstand auch nicht ausbaden zu lassen, indem er sie wiederholt. Auch wenn es wahrhaftig so aussieht, als wären wir dazu verurteilt, bloß weil wir zur Nutznießerseite gehören, uns ihrer durch Scheinargumentationen zu erwehren. Sie gehören zu unseren Voraussetzungen, aber sie sind nicht unser Projekt. Sie sind meinetwegen etwas, was wir im automatischen Kampf ums Bestehende erhalten wollen, aber nichts, was wir explizit vorhaben.

Was mir anstelle solch blödsinniger Alternativen vor Augen steht, sind Entwürfe, die ihre Reflexion erkennbar mit sich führen, Entwürfe, also, von einer gewissen Vollständigkeit und Unabhängigkeit und, dadurch bedingt, von erkennbarer Begrenztheit. Gegen die kapitalistischen Verhältnisse als leitende Form und übergeordneten Auftrag eine zugegebenermaßen kleine eigene Form mit einem winzigen Auftrag zu setzen, das würde mir einleuchten. Wer sich mit ihr auseinandersetzte,der könnte gar nicht anders, als die Interaktion unserer kleinen Form mit der großen unbegriffenen in Beziehung zu setzen. Er wäre mit allen Sinnen dabei, und sein Gegenstand wäre beweglich!

Es fallen mir ja immer dieselben Beispiele ein, wahrscheinlich, weil sich bei ihnen die Dinge umgedreht haben und sie mich bewegen. Ich komme aus einer Zeit, in der der Umgang mit dem Holocaust die eigene Intellektualität geprägt hat. Raul Hilberg, zum Beispiel, hat sich dem Unvorstellbaren, um es vorstellbar zu machen, mit dem festen Willen der Begrenzung genähert. Er hat gegen die aufgeregte Scham das trockenste Aktenstudium gesetzt. Er hat die Judenvernichtung durch die Verschiebung von der unverständlichen Vernichtungsabsicht auf die verständliche Durchführung verstehbar gemacht. Seine Arbeit, die den notwendigen Bruch mit der Unmittelbarkeit so überaus deutlich macht, ist für mich das Paradigma einer unabhängigen Form. An ihm kann man sich orientieren. Eine solche unabhängige Form ist nicht notwendig eine sogenannt geistige: der Kostnixladen, zum Beispiel, vorgestellt im Heft „Nabelschau“, lebt von einer nicht bis ins Letzte geklärten, aber stets virulenten Beziehung zu allem, was kostet, er lebt davon, dass er trotzdem existiert. Der Blick auf die eigene Reflexion wiederum ist geradezu gleichbedeutend mit Grenzziehung. Ihm haftet ein Moment von Umzentrierung an, das sich auf die Analyse der Verhältnisse übertragen lässt. Wenn ich über die kapitalistische Gegenwart rede, dann müsste die begleitende und mit gleicher Gründlichkeit behandelte Frage lauten: „Worüber rede ich nicht?“ Mag meine Analyse noch so global, meine Kritik noch so total, mein Urteil noch so apodiktisch sein, ihr Nutzen besteht nicht in ihrer Globalität, ihrer Totalität oder Apodiktizität,

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