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Von der Angst zur Transformation

08 Sep 2016

von Tomasz Konicz

Nach der desaströsen Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern setzt nun die große Suche nach den Ursachen des Erdrutschsiegs der AfD ein. Was also treibt dem deutschen Präfaschismus die Wählermassen zu? Die zentrale irrationale Triebkraft der neusten deutschen Rechten, die zumeist in demagogischer Absicht benannt wird, ist die Angst. Der Populist, der Ressentiments bedienen möchte, legitimiert dies zumeist mit den »Ängsten« der Menschen, die man doch endlich ernst nehmen müsse. In einer ersten Wahlanalyse meldete die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« am Montag folglich, dass die AfD in Mecklenburg-Vorpommern vor allem »verängstigte Nichtwähler« mobilisieren konnte, die sich »vor Flüchtlingen« fürchteten.

Die Rechte praktiziert damit genau das, was sie schon immer in Krisenzeiten gemacht hat: Sie transformiert die in der Bevölkerung krisenbedingt aufkommende Angst in Hass – gegen Gruppen, die zu Personifikationen der unverstandenen Krisendynamik gerinnen. Gestern waren es Griechen und Südeuropäer, heute sind es Flüchtlinge, morgen ist es eventuell wieder der Jude. Deutschlands Halb- und Vollnazis laden die Ängste mit Hass und Irrationalität auf, doch sind diese Ängste selbst keineswegs reine Chimären.

Die irreversible systemische Krise des Spätkapitalismus hat einen Reifepunkt erreicht, der sie selbst in den erodierenden Zentren kaum noch übersehbar macht. Die reihenweise in der Peripherie scheiternden Staaten, die um sich greifenden Bürgerkriege vor Europas Haustür, die eskalierenden geopolitischen Spannungen, die mühsam mit widerlichen geopolitischen Deals eingedämmte Flüchtlingskrise – sie sedimentieren im kollektiven Unbewussten der spätkapitalistischen Metropolengesellschaften zu der Angst, die in rechtsextremer Ideologie und Praxis ein irrationales Ventil findet. Und der nächste Krisenschub auf den mittels Liquiditätsschwemme überhitzten Finanzmärkten kommt bestimmt.

Der Erfolg des europäischen wie deutschen Präfaschismus beruht gerade darauf, dass diese Krisenverwerfungen zumindest dumpf wahrgenommen und in entsprechende Krisenideologien eingebaut werden – während der neoliberale Medienmainstream aller Evidenz zum Trotz so tut, als ob es ewig so weitergehen könnte wie bisher. Der berüchtigte »Angstmob« von Clausnitz hat die dumpfe Ahnung der kommenden Verwerfungen dem neoliberalen Mainstream voraus. Mit den debilen rechtsextremen Rufen nach einer Abriegelung der Grenzen soll ja letztlich die Krise »draußen« gehalten werden.

Die Ängste dieser Menschen ernst nehmen, hieße für die Linke somit, ihnen zu sagen, was Sache ist: dass sie angesichts der eskalierenden Krisendynamik wohlbegründet sind. Die Angst muss daher klar benannt und der theoretischen Reflexion zugeführt werden. Es hieße für die Linke zu einer radikalen Kritik am Kapitalismus überzugehen. Nicht, weil es aus wahltaktischen oder gar »revolutionären« Erwägungen geboten ist, sondern weil die Kategorien und Vermittlungsebenen des Kapitals in Auflösung übergehen, wie selbst ein flüchtiger Blick in die Peripherie des Weltsystems offenbart.

Es geht darum, zumindest zu versuchen, einen öffentlichen Diskurs über Alternativen zum drohenden kapitalistischen Kollaps zu initiieren. Auf die letale Krise des Kapitals müsste die Linke mit einer radikalen Suche nach grundlegenden gesellschaftlichen Alternativen antworten. Die unbewussten, ins Irrationale abdriftenden Ängste – die Triebfeder des Faschismus – könnten so der bewussten Reflexion zugeführt werden, indem die Systemkrise als deren Ursache benannt wird. Die Suche nach, der Kampf um eine Alternative zur kapitalistischen Dauerkrise würde zu einer neuen Perspektive, zu einer blanken Überlebensnotwendigkeit menschlicher Zivilisation.

In der Krise steht auch die Linke am Scheideweg: Wird der Ausbruch aus dem kapitalistischen Gedankengefängnis gewagt oder verfestigt sich das Abdriften in Ressentiments? Es gibt kein Zurück zur »sozialen Marktwirtschaft« oder zur Wirtschaftswunderzeit. Stattdessen müsste endlich wieder nach vorn geblickt und der kategorische Bruch gewagt werden. Denn es macht einen bedeutenden Unterschied, ob der Kapitalismus an seinen inneren Widersprüchen in Barbarei kollabiert oder von einer emanzipatorischen Bewegung überwunden wird. Das hieße, die weit verbreiteten Ängste ernst zu nehmen – und an deren Überwindung in einer transformatorischen Bewegung zu arbeiten.

aus: Neues Deutschland, 7. September 2016

1 Kommentar

 Kommentare

  1. 1 lebowski meinte am 14. Oktober 2016, 19:25 Uhr

    „Wird der Ausbruch aus dem kapitalistischen Gedankengefängnis gewagt…“

    Jo, ich bin schon vor einigen Jahren ausgebrochen, hat mir aber nichts genutzt, ich muss trotzdem meinen Lebensunterhalt als Leiharbeiter fristen. Was mir persönlich erheblich mehr geholfen hat als aus irgendwelchen Gedankengefängnissen auszubrechen, war die Erkenntnis, dass der Kapitalismus mir eigentlich gar nichts anbieten kann als überflüssigen Müll und Plunder. Fällt man aus diesem System raus, muss man ohnehin nur auf Dinge verzichten, die man nicht braucht. Das Einzige, was man tun muss, ist, den Verzicht zu trainieren. Gandhi hatte wohl einen ähnlichen Ansatz als er sich und anderen das Fasten beigebracht hat.

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